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Kant: Geschlechterdifferenz bei Kant

KANT

Geschlechterdifferenz bei Kant

„Frauen sind ängstlich, Männer sollen mutig sein.“ Es handelt sich hier nicht um ein wörtliches Kant-Zitat, doch wie R. Löchel in seinem Aufsatz

Löchel, Rolf: Frauen sind ängstlich, Männer sollen mutig sein, in: Kant-Studien 1/2006

ausführt, gibt der Satz Kants Auffassung recht genau wieder. Kant hat sich zeitlebens mit den Geschlechtern und ihren Unterschieden befasst, sie waren auch Gegenstand seiner Anthropologie-Vorlesungen. Seine Ansichten dazu hatten weitreichende Folgen für spätere Geschlechtertheorien. „Bis zum heutigen Tag“, so urteilte Ursula Nolte, liegt „nahezu allen Erörterungen um Natur, Wesen und Psyche der Frau das Denkschema Kants zugrunde.“

Die feministischen Philosophinnen kritisierten, Kant verknüpfe negativ konnotierte Emotionalität mit Weiblichkeit. Weiblichkeit, so Heidemarie Bennet-Vahle, ist „von Kant deutlich negativ als unkontrollierte Emotionalität gefasst“. Löchel zeigt nun, dass Kant auch positiv konnotierte Emotionalität kennt und diese den Männern zuschreibt. Den Zweck der von Kant den Frauen zugesprochenen Emotionen schreibt dieser dem in der weiblichen Gebärfähigkeit begründeten Naturzweck zu oder aber lässt sie die spezifisch weibliche Unfähigkeit zu Grundsätzen kompensieren.

Kant verwendet den Begriff „Emotion“ nicht, sondern spricht von „Gefühl“. Er unterscheidet 1772/73 zwischen „Affekten“ und „Leidenschaften“. Leidenschaft ist „eine Begierde, die uns unfähig macht, auf die Summe aller Begierden zu sehen; der Affekt ist aber ein Gefühl, welcher uns unfähig macht – die Summe aller Gefühle zu Rathe zu ziehen“. Das Gefühl differenziert Kant von Begierden und Neigungen, wobei er die Affekte den Gefühlen zurechnet, die Leidenschaften hingegen den Neigungen. Leidenschaften und Affekte stehen in einem fast widersprüchlichen Verhältnis, denn „wo viel Affect ist, da ist gemeiniglich wenig Leidenschaft“. Kant beurteilt Leidenschaften fast uneingeschränkt negativ, er brandmarkt sie als unheilbare „Krebsschäden für die reine praktische Vernunft“: „Wer will sich in Ketten legen, wenn er frei sein kann“. Die Affekte sind hingegen nicht „unbesonnen“, sondern lassen sich „mit der ruhigsten Überlegung zusammenpaaren“ und können selbst „mit dem Vernünfteln zusammen bestehen“.

Menschen, die sich durch ihre Gefühle – gleichgültig ob Affekte oder Leidenschaften – bestimmen lassen, sind denjenigen unterlegen, die es verstehen, sich ihres Verstandes zu bedienen. Nach Kants Verständnis handelt es sich nun bei ersteren um Frauen, bei letzteren hingegen um Männer. Frauen haben Kant zufolge ein stärkeres Gefühl für alles, „was schön, zierlich und geschmückt“ ist. Sie besitzen hingegen keinen Verstand im eigentlichen Sinne, sondern nur einen „schönen“ oder „technischen“. Dieser überlässt abstrakte Spekulationen dem „emsigen, gründlichen und tiefen“, sprich männlichen Verstand. Der schöne Verstand hingegen scheint mehr Gefühl als Verstand zu sein. Das hat zur Folge, dass Frauen viel mehr Leidenschaften unterworfen sind als Männer. Und sollte der Fall eintreten, dass eine Frau tatsächlich mehr Verstand hat als der Mann, dann hat sie „einen männlichen Verstand“.

Die Emotionen, die Kant insbesondere den Frauen zuordnet, verfolgen einen Naturzweck. Scham, Verlegenheit und Angst vor körperlicher Unversehrtheit dienen der Absicht der Natur, den Erhalt der Gattung zu gewährleisten. Auf der männlichen Seite erfüllt der Mut als Pendant zur weiblichen Angst den Naturzweck. Die Eifersicht des Mannes hat die echte Abstammung der Kinder zu gewährleisten, von der er überzeugt sein muss, um für ihre Erhaltung zu sorgen. Die Eifersucht der Frau hingegen ist völlig funktionslos und lächerlich.




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