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Ethik

METAETHIK

These vom normativen Vorrang der Moral

Die These vom normativen Vorrang der Moral besagt, dass im Falle eines Konflikts mit Handlungsgründen anderer Art moralischen Handlungsgründen stets der normative Vorrang zukommt. Das meint, dass wenn verschiedenartige Gründe für verschiedene Handlungsweisen sprechen, wir immer den moralischen Handlungsgründen den Vorzug geben sollen. Diejenigen die dies nicht tun, verhalten sich nach dieser These unvernünftig oder irrational. Héctor Wittwer (Berlin) hält dies für falsch: „Es gibt keine überzeugende Begründung des normativen Vorrangs der Moral“. Diese These stelle eine Variante des „starken ethischen Rationalismus“ dar, der besagt, dass es im Falle eines Konflikts zwischen moralischen und anderen Gründen vernünftigerweise geboten ist, moralisch zu handeln und dass es notwendigerweise irrational oder unvernünftig ist, unmoralisch zu handeln. Dies führt zu dem seltsamen Ergebnis, dass unmoralische Handlungen auf einen Mangel an praktischer Rationalität zurückgeführt werden kann. Auf jeden Fall ist ein kognitiver Fehler unterlaufen, über den man aufklären sollte. Empörung ist jedoch fehl am Platz - eine Implikation, die im Gegensatz zu unserer moralischen Praxis steht.
Hintergrund der Lehre vom normativen Vorrang der Moral ist ein von Wittwer als „Monismus der normativen Handlungsgründe“ vertretene Auffassung, die etwa von D. Gauthier, P. Stemmer, N. Hoerster und Ch. Fehige vertreten wird, hingegen etwa von J. Nida-Rümelin kritisiert wird. Dahinter steht die Auffassung, dass man stets so handeln sollte, dass - je nach Autor - Wünsche oder Präferenzen so weit wie möglich erfüllt werden. Nur Wünsche oder nur Präferenzen konstituieren normative Handlungsgründe.
So populär die Vorrangthese auch ist, so wenig werden Argumente für sie vorgebracht. Otfried Höffe und Wolfgang Kuhlmann argumentieren etwa, der Vorrang der Moral ergebe sich schon aus ihrem Begriff, der mit dem Anspruch der normativen Priorität verbunden sei.
Offensichtlich sind moralische Gründe „besser“ als andere Gründe – aber nur in moralischer Hinsicht. Die Vorrang-These geht Wittwer zufolge aber nur über diese tautologische Aussage hinaus, wenn sie auf der Annahme beruht, dass moralischen Gründen nicht nur in moralischer, sondern in einer anderen entscheidenden Hinsicht der normative Vorrang vor anderen Handlungsgründen zukommt. Daher kann sie nicht durch den Verweis darauf begründet werden, dass moralische Gründe aus moralischer Sicht besser als andere Gründe sind. Als Kandidaten kommen diejenigen Kriterien in Betracht, durch welche die anderen Arten normativer Handlungsgründe konstituiert werden, also etwa Klugheit, Legalität oder Religiosität. Aber keines dieser Kriterien ist dazu geeignet. Es müsste ein übergeordnetes und neutrales Metakriterium sein, aber ein solches steht uns nicht zur Verfügung.
Zeitschrift für philosophische Forschung 3/2011







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