header


  

BERICHT

BERICHT Druckversion  |  Schrift: vergrößern verkleinern 

Marcel Weber:
Der Intentionalismus in der Biologie


Drei Traditionen in der Geschichte des Denkens über das Lebendige

In der Geschichte des Denkens über das Lebendige lassen sich drei große Traditionen ausmachen: die mechanistische, die vitalistische und die eine dritte, die ich als die intentionalistische Tradition bezeichnen möchte:

- Die mechanistische Tradition hat ihren Ursprung in der mechanischen Naturphilosophie der Neuzeit, die alle Naturphänomene auf die Primäreigenschaften materieller Teilchen, die ausschließlich durch Druck und Stoß wechselwirken, zurückzuführen versuchte.

- Die vitalistische Tradition sieht Lebewesen dagegen als das Produkt immaterieller, irreduzibler Lebenskräfte an. Zu nennen sind etwa Johann Friedrich Blumenbachs "Bildungstrieb", Henri Bergsons "Élan vital" oder Hans Drieschs "Entelechie". Diese Tradition sollte in ihrem Einfluss nicht unterschätzt werden, gehört ihr doch etwa ein Louis Pasteur an.

- Die von mir als intentionalistische Tradition bezeichnete Tradition ist am wenigsten bekannt. Teilweise mag das daran liegen, dass sie von der vitalistischen Tradition manchmal schwer zu unterscheiden ist. Ausserdem ist sie nicht mit bekannten Schlagwörtern wie "Vitalismus" oder "Mechanismus" verknüpft, was ihre Sichtbarkeit schmälert. Sie kann grob dadurch charakterisiert werden, dass sie im Lebendigen die Züge des Geistigen zu sehen glaubt oder sogar davon ausgeht, dass das Geistige im Lebendigen angelegt ist. In neuerer Zeit finden wir eine solche Auffassung etwa bei Hans Jonas.

Eine enge Verknüpfung der Begriffe vom Leben und von der Psyche zeigt sich immer wieder in der philosophischen Tradition, angefangen bei Aristoteles, später bei Leibniz, Kant oder Hegel. Kant ist in dieser Hinsicht wie immer ein Spezialfall: Einerseits hält er es für eine Maxime der reinen Vernunft, dass diese stets nach mechanistischen Erklärungen suchen soll. Doch andererseits bleibt ihr gerade im Bereich des Organischen der Erfolg versagt, weshalb sie sich in solchen Fällen von der Urteilskraft den Begriff des Zwecks borgt, den Kant als eine "Kausalität durch Begriffe" bestimmt. Organismen sind also nach Kant nicht wirklich verkörperlichte Begriffe, doch wir müssen sie aufgrund der unserem Verstand gesetzten kognitiven Grenzen so betrachten, als ob sie dies wären. Auch eine solche Auffassung fällt unter das, was ich als "Intentionalismus“ bezeichne.

Es wird oft angenommen, dass mit dem Auftritt von Darwin einerseits und der modernen Molekularbiologie andererseits solche Auffassungen obsolet geworden seien. Ich möchte hier zeigen, dass dem aber keineswegs so ist: Auch in der modernen Biologie finden sich intentionalistische Momente.

Die intentionale Verwendung des Informationsbegriffs

Von Beginn an war die Rede von Information im Zusammenhang mit DNA und anderen Biomolekülen Teil des wissenschaftlichen Diskurses der Molekularbiologie. Francis Crick hat etwa sein berühmtes "Zentrales Dogma der Molekularbiologie" in solchen Begriffen ausgedrückt ("Information fliesst ausschließlich von DNA zu RNA zu Protein") Man kann sogar so weit gehen und sagen, dass dieser Informationsdiskurs die Molekularbiologie gegenüber der klassischen biochemischen Genetik, aus der sie zu grossen Teilen hervorgegangen ist, abgrenzt. Lily Kay hat in ihrem monumentalen Werk Who Wrote the Book of Life? sogar behauptet, dieser Diskurs sei tief in der kybernetischen und kryptographischen Technologie des militärisch-industriellen Komplexes der Zeit des Kalten Krieges verwurzelt. Kay hat dabei von Beginn an vorausgesetzt, dass Information in der Biologie eine Metapher ist. Dieser These steht die Behauptung vieler Biologen gegenüber, die Rede von Information sei wörtlich zu verstehen.

Die Auffassung, dass Information in der Biologie nur metaphorisch gemeint sein kann ruht im Grunde genommen auf zwei Thesen. Die erste besagt, dass "Information" in der Biologie normalerweise nicht in einem technisch-kybernetischen Sinn gemeint ist. Ich sage "normalerweise", weil es natürlich einen Zweig der Biologie gibt, die Information manchmal in diesem technischen Sinn verwendet, nämlich die Bioinformatik. Von dieser wird im Folgenden aber abgesehen. Die üblichen Verwendungsweisen des Informationsbegriffs in der Biologie sind aber ganz anderer Natur: sie sind intentional, d.h. sie schreiben gewissen biologischen Entitäten einen repräsentationalen Gehalt zu. (Ich möchte nicht ausschließen, dass es einen Sinn des Ausdrucks „Information“ gibt, der weder kybernetisch noch intentional ist, kann dies aber hier nicht vertiefen). Biologen sagen etwa manchmal über DNA, sie enthalte die Information zur Herstellung von Proteinen. Eine solche Verwendungsweise kann nicht durch den technisch-kybernetischen Informationsbegriff geleitet sein, und zwar aus folgendem Grund: Es gibt Veränderungen oder Mutationen von DNA-Molekülen, die ihre Information im biologischen Sinn völlig zerstören - etwa sogenannte "frameshift" Mutationen (auch "nonsense" Mutation genannt). Diese ändern das Leseraster einer Nukleotidsequenz. Gemäß dem kybernetischen Informationsbegriff bleibt der Informationsgehalt einer DNA-Sequenz durch eine solche Mutation aber unverändert. Allein schon die Rede von "Sinn" und "Unsinn" sowie von "Lesefehlern" und ähnliches deuten stark darauf hin, dass diese Rede intentional gemeint ist. Dies ist der erste Pfeiler von Kays Grundannahme.

Der zweite ist, dass biologische Systeme keine intentionalen Systeme sind. Wenn man biologischen Systemen Intentionalität im eigentlichen Sinn zuschreiben könnte, dann wäre die Rede von Information nicht metaphorisch, sondern wörtlich zu verstehen. Tatsächlich haben manche Autoren genau diese Auffassung vertreten, darunter der große Evolutionstheoretiker John Maynard Smith (der seine Karriere im Zweiten Weltkrieg als Aviatik-Ingenieur begann, was natürlich im Lichte von Lily Kays Thesen ein höchst interessantes Faktum ist).

Intentionalismus in der molekularen Entwicklungsbiologie

Ein weiteres Beispiel von Intentionalismus findet sich in der molekularen Entwicklungsbiologie. Einer der bevorzugten Modellorganismen dieser Disziplin ist die Fruchtfliege Drosophila. In einem im Journal of Theoretical Biology publizierten Artikel findet sich z.B. folgende Stelle:
"Gene switching logic in genetic networks is stored as chromatin states, and cells contain a memory which allows sequential genetic networks to be couple together into developmental programs. Experiments suggest that each cell "remembers" its state in the combination of equilibrium chromatin configurations and transactivator concentrations as it progresses through the cell cycle. All the rules for activation of any individual gene are contained in all cells but only recalled as the input gene products become available during a developmental program. Patterns take a fixed number of cell cycles to develop - fourteen from the egg to the Drosophila blastoderm and eleven from the egg to the mature C. elegans. Therefore experiments point towards models in which genes are switched between defined states at the cellular level - based on a memory stored in the nuclear structure."
"In the midst of writing the computer programs for a developmental program it became apparent that the double-entendre of "programming" reflects a fundamental characteristic of information systems. And that biological information systems are in essence biological computers."

Obwohl der Autor die eindeutig intentionalen Ausdrücke (etwa "remember") in Anführungszeichen setzt und damit eine metaphorische Rede kennzeichnet, ist es ihm sehr Ernst mit der These, dass ein sich entwickelnder Embryo ein Computer ist, der ein Programm ausführt. Die Idee eines genetischen Programms ist schon seit längerer Zeit in der Biologie populär; hier wird sie jedoch direkt in Form von kybernetisch-logischen Begriffen konkretisiert.

Hier liegt nun die Intentionalität in den kybernetischen Begriffen versteckt. Dies wird deutlich, wenn wir uns fragen, von welcher Art die Relation ist, die zwischen einem Programm und einer Maschine besteht, deren Programm es ist. Zweifellos besteht eine kausale Relation. Die Maschine würde sich anders verhalten, wenn das Programm anders wäre. Doch dies gilt für viele Teile einer Maschine. Allein mit kausalen Begriffen ist die spezielle Rolle des Programms nicht zu fassen. Man muss vielmehr eine dritte Entität herbeiziehen, nämlich den Konstrukteur der Maschine. Das Programm ist der Teil der Maschine, die es dem Konstrukteur erlaubt, das Verhalten der Maschine zu steuern, ohne andauernd eingreifen zu müssen. Ein Programm zu sein ist eine triadische Relation zwischen einem kausal relevanten Teil der Maschine, der Maschine selbst und dem Konstrukteur der Maschine besteht. Der letztere ist aber klar ein intentionales System. Also ist die Rede von Programmen nur intentionalistisch zu verstehen.

Der Begriff der biologischen Regulation

Ein interessanter Grenzfall ist der Begriff der biologischen Regulation. Wie Georges Canguilhem gezeigt hat, ist dieser aus einer langen Tradition teleologischen Denkens in der Naturphilosophie heraus entstanden, schon lange vor seiner kybernetischen Appropriation. Ende des 19. Jahrhunderts wird er von Hans Driesch aufgegriffen und wird zu einem zentralen Gegenstand von dessen vitalistischer Biologie. In der klassischen Genetik spielt er kaum eine Rolle, ebenso wie in der Biochemie der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Erst durch Jacob’s und Monod’s Theorie der allosterischen Interaktionen innerhalb von Proteinen gewinnt er wieder an Bedeutung.

Der Begriff der Regulation behält aber seinen teleologischen Charakter. Noch um 1959 definiert der Biochemiker Hans Krebs Regulation als "the adjustment of activities with reference to a purpose". Krebs meint allerdings mit "purpose" vermutlich biologische Funktion.

Einen teleologischen Funktionsbegriff braucht man auch, um Regulation von blosser Kausalität zu unterscheiden. Ein Regulationsmechanismus ist nicht irgendein Mechanismus, der einen Prozess kausal beeinflusst und damit stabilisiert. Bei einer Maschine, z.B. der Wattschen Dampfmaschine ist der Regulator (oder "governor" wie es dort heißt). durch die Absicht des Konstrukteurs bestimmt. Bei einem biologischen Organismus, wo es keinen Konstrukteur gibt, ist ein Regulationsmechanismus ein Mechanismus, der eine bestimmte biologische Funktion hat, z.B. die Funktion, die Rate eines metabolischen Prozesses so zu beeinflussen, dass gewisse Moleküle in der Zelle in einem gewissen Konzentrationsbereich liegen.

Um den ursprünglich intentionalen Regulationsbegriff auf natürliche Systeme anzuwenden, bedarf es also des Begriffs der biologischen Funktion. Ich werde auf die Frage, wie weit dieser in nicht-intentionalen Begriffen zu verstehen ist, noch zurückkommen.

Wir haben nun einige Beispiele kennengelernt, wo biologische Begriffe mehr oder wenig offen intentionalistische Bedeutungskomponenten haben. Damit können wir zur Frage übergehen, ob man Organismen eine solche Intentionalität auch tatsächlich zuschreiben kann.

Naturalistische Theorien der Intentionalität

Hinter einigen von Lily Kays Thesen, aber auch hinter der Kritik an der Informationsmetaphorik durch Philosophen wie Sahotra Sarkar oder Alan Holland steht die Ansicht, intentionale oder intentional gefärbte Begriffe in der Biologie könnten nur metaphorisch gemeint sein. Sie gehen davon aus, dass zwar manche biologische Systeme das Phänomen der Intentionalität zeigen, besonders natürlich Menschen, aber vielleicht auch andere Primaten und andere Wirbeltiere, dass aber einfachere Systeme wie niedere Tiere oder einzelne Zellen für Intentionalität nicht in Frage kommen. Dahinter steht ein Begriff von Intentionalität, nach dem Bewusstsein eine notwendige Bedingung für Intentionalität ist. Demnach können nur Systeme, die bewusst ihre Umwelt und sich selbst wahrnehmen, so etwas wie intentionale Zustände oder mentale Repräsentationen haben.

Jedoch glauben nicht wenige Philosophinnen und Philosophen, dass das Phänomen Intentionalität unabhängig vom Phänomen Bewusstsein ist; zumindest aber, dass auch ganz einfache Organismen, die kein bewusstes Erleben haben, intentionale Zustände oder Repräsentationen der Umwelt haben können. Dazu gehören Vertreter naturalistischer Theorien der Intentionalität.

Ein entsprechender Ansatz ist die von Ruth Garrett Millikan eingeführte und von anderen weiterentwickelte Teleosemantik. Millikan geht von einer formalen Ähnlichkeit aus, die zwischen intentionalen Zuständen und biologischen Funktionen besteht. Beide haben einen gewissen normativen Charakter. Organe oder andere Bestandteile eines Organismus können Fehlfunktionen zeigen, etwa wenn der Herzrhythmus instabil wird oder das Herz gar stehen bleibt. In einem gewissen Sinn sind das Abweichungen von etwas, was der Fall sein soll. Millikan hat eine etiologische Definition biologischer Funktionen verwendet, um diese Normativität einzufangen. Die Rede von einer Definition ist dabei wörtlich zu nehmen; es handelt sich nicht etwa um eine Analyse eines in der biologischen Praxis vorgefundenen Begriffs von Funktion. In einem ersten Schritt definiert Millikan die biologische Funktion eines Mechanismus, Organs oder einer Aktivität als die Wirkung, für die die natürliche Selektion diese ausgewählt hat. Ein Mechanismus oder Organ zeigt nun eine Fehlfunktion, wenn er oder es nicht das tut, was die natürliche Selektion ausgewählt hat.

In einem zweiten Schritt bindet Millikan den intentionalen Gehalt an die biologische Funktion bestimmter Mechanismen an. Dazu betrachtet sie beispielsweise das neuro-visuelle System eines Froschs, genauer gesagt: den inneren Zustand, in dem sich dieses System befindet, wenn sich eine Fliege im Gesichtsfeld des Froschs befindet. Nach Millikan bedeutet nun dieser innere Zustand "Fliege" genau dann, wenn es eine biologische Funktion des visuellen Systems ist, diesen Zustand genau dann zu produzieren, wenn eine Fliege anwesend ist.

In Beispielen dieser Art kommen Mechanismen vor, die die Funktion haben, andere Mechanismen zu kontrollieren, und zwar so, dass die Operation des ersten Mechanismus mit irgendwelchen Vorkommnissen in der Umwelt des Organismus koordiniert wird. Das visuelle System des Froschs hat unter anderem die biologische Funktion, den Fangreflex der Zunge mit der Anwesenheit von Beutetieren zu koordinieren. Für Millikan werden innere Zustände mit semantischem Gehalt (content-bearing states) auf diese Wiese individuiert.

Natürlich sind gegen diese Theorie der Intentionalität jede Menge philosophischer Einwände erhoben worden, die zu erörtern hier nicht der geeignete Ort ist. Doch unabhängig davon, wie stichhaltig diese sind und ob diese Theorie der Intentionalität adäquat ist: sie kann eine intentionalistische Interpretation von Ausdrücken wie z.B. "biologische Information" nicht stützen. Denn die Zuschreibung von biologischer Information auf der molekularen Ebene erfolgt unabhängig davon, ob es sich um Mechanismen handelt, die eine solche Kontrollfunktion haben (wie im Beispiel mit dem visuellen System des Froschs). Es mag zwar auf der molekularen Ebene Mechanismen geben, die eine solche Funktion haben, so werden doch viele biologische Strukturen als informationstragend angesehen, die keine solche Funktion haben (etwa sogenannte "Haushaltsgene", die immer exprimiert sind)- Entgegen dem Anschein kann deshalb die Millikansche Theorie der Intentionalität keine gute Freundin derer sein, die glauben, dass Ausdrücke wie "Information" erstens in einem intentionalen Sinn und zweitens wortwörtlich gemeint sind. Dies gilt selbst dann, wenn diese Theorie als adäquat angenommen wird.

Auch andere naturalistische Theorien der Intentionalität scheitern am selben Problem: sie unterstützen die Zuschreibung von intentionalem Gehalt nur an ganz spezielle biologische Mechanismen; in der Regel an solchen, die etwas mit Regulation und Verhalten zu tun haben. Exemplarisch dafür ist auch die Argumentation des Erkenntnistheoretikers Hilary Kornblith. Ihm geht es weniger darum, eine intentionalistische Philosophie der Biologie zu verteidigen als zu zeigen, dass Intentionalität ein Naturphänomen ist; genauer gesagt: eine natürliche Art wie etwa die chemische Art "Oxidationsreaktionen". Als Zeugen dafür ruft Kornblith gegenwärtige Verhaltensforscher auf. Er zeigt, dass von diesen intentionalistisches Vokabular nicht nur verwendet wird, um tierisches Verhalten zu erklären. Vielmehr sind schon die empirischen Beschreibungen dessen, was es zu erklären gilt, stark intentionalistisch eingefärbt. Wissenschaftstheoretisch gesprochen: Schon die Beschreibung der Explananda (d.h. des zu Erklärenden) macht von intentionalem Vokabular Gebrauch. Kornblith zitiert etwa:

"George Schaller told me of watching raven pairs in Mongolia cooperate in snatching rats from feeding raptors. Similarly, in Yellowstone Park, Ray Paunovitch reported seeing a re-tailed hawk with a ground squirrel. Two ravens approached. One distracted the hawk from the front while the other handily snachtched the squirrel from behind. Carsten Hinnerichs saw the same maneuver repreated three times in a row in a field near Brücke, Germany, where a fox was catching field mice. Terry McEneaney, Yellowstone Park ornithologist, observed two ravens circling an osprey nest where the female osprey was incubating. One raven landed on the nest rim and took a fish, then while the osprey was distracted by this thief, the other ravens swooped down and stole an osprey egg."

Für Kornblith wären diese Verhaltensweisen ohne Verwendung intentionalen Vokabulars völlig heterogen. Die Verhaltensforscher beschreiben nicht einfach verschiedene Bewegungen der Flügel, der Beine und Schnäbel der Vögel. Denn dann wäre es nicht nur nicht möglich, Territorialverhalten, Fluchtverhalten, Nahrungssuchverhalten und Sexualverhalten voneinander zu unterscheiden, es wären vielmehr überhaupt keine erkennbaren Muster vorhanden, weder innerhalb einer bestimmten Vogelart und schon gar nicht über die verschiedenen Vogelarten hinweg. Bestimmte allgemeine Muster werden quasi erst durch die intentionale Brille sichtbar gemacht.

Den Vorwurf des Anthropomorphismus weist Kornblith zurück, indem er auf die Nützlichkeit dieser Kategorien für die Forschung verweist. Anthropomorph oder nicht, Begriffe, die sich in der wissenschaftlichen Praxis bewähren, sind legitim. Das intentionalistische Vokabular der kognitiven Ethologie steht dem, welches etwa Physiker zur Beschreibung ihrer theoretischen Entitäten verwenden, in nichts nach.

Kornblith kann man vorwerfen, dass er die Möglichkeit zu wenig in Betracht zieht, dass das vermeintlich intentionalistische Vokabular (z.B. „distract“) in nicht-intentionale Be- griffe übersetzbar ist, vielleicht mittels solcher, die den Begriff der biologischen Funktion enthalten. Allerdings steht gerade dieser Begriff selbst in Verdacht, intentionalistisch aufgeladen zu sein.
Beispielsweise hat John Searle argumentiert, dass die Zuschreibung biologischer Funktionen an ein System von Werten gebunden ist, gemäß dem das Überleben (als Individuum oder als Art) und die Fortpflanzung von Organismen als etwas Wertvolles angesehen werden. Ich möchte zum Schluss diese Argumentation noch etwas genauer beleuchten.

Sind biologische Funktionen intentional?

Gegeben die vielen Wirkungen und Aktivitäten, die ein jedes Organ oder jede Struktur hat, warum sehen Biologen nur ganz bestimmte dieser Aktivitäten als seine Funktion an? Das Herz pumpt Blut, macht verschiedene Geräusche, produziert Wärme, Kohlen- dioxid und metabolische Abfallstoffe. Wir bezeichnen nur die Pumpaktivität als die Funktion des Herzens, doch weshalb? Wie wir gesehen haben, beantwortet Millikan diese Frage mittels der natürlichen Selektion. Doch Herz wurde wegen seiner Wirkung auf den Kreislauf durch die natürliche Selektion bevorzugt, nicht durch seine Klopfgeräusche. Ich möchte zunächst im Gegenzug zu Milli- kann dafür plädieren, dass ein adäquater Be- griff biologischer Funktionen, d.h. einer der auch der biologischen Forschungspraxis ge-mäß ist, unabhängig von natürlicher Selektion gefasst werden muss. Biologen, die irgendeiner Struktur eine Funktion zuschreiben machen keine Aussage über die Evolu-tionsgeschichte dieser Struktur, denn sie kennen diese oft gar nicht, wenn sie Organismen oder Zellen im Labor untersuchen.

Ich meine daher, dass die richtige Antwort auf die Frage, was eine biologische Funktion ausmacht, wie folgt lautet: Funktionen sind solche Aktivitäten, die etwas zu anderen Aktivitäten beitragen, die selbst biologische Funktionen sind. Das Pumpen ist die Funktion des Herzens, weil es den Transport von Sauerstoff, Metaboliten und Immunzellen ermöglicht. Diese wiederum ermöglichen Muskelbewegungen, Immunabwehr, Entsorgung metabolischer Abfälle und so weiter. Das ganze System zusammen leistet die Selbstreproduktion (d.h. die Aufrechterhaltung der Identität durch die eigenen Lebensleistungen, manchmal auch als „Autopoesie“ bezeichnet) des Individuums. Es entsteht zwar auf diese Weise ein offensichtlicher Regress, der funktionale Regress, der sich aber meines Erachtens nicht verhindert lässt. Es gibt keine ultimaten Funktionen, die den Regress beenden könnten. Manche Philosophen glauben, dass die Selbstreproduktion oder die evolutionäre Fitness, so etwas wie den ultimaten Zweck eines Organismus bilden, der den funktionalen Regress stoppt. Das Problem dabei ist aber, dass sich die biologischen Funktionen zur Selbstreproduktion des ganzen Organismus nicht so verhalten wie eine biologische Funktion zur anderen. Man kann z.B. sagen, dass die Muskelkontraktion einen direkten Beitrag zum Kreislauf leistet, während die Zellatmung allenfalls einen indirekten Beitrag dazu leistet, der durch die oxidative Energiegewinnung vermittelt ist. Dagegen ergibt es keinen Sinn, zu sagen, es gebe direkte und indirekte Beiträge zur Selbstreproduktion. Daher kann diese den funktionalen Regress nicht stoppen. Man kann höchstens sagen, dass der Regress durch das ganze System von Funktionen eines Organismus aufgehoben wird, insofern dieses die Selbstreproduktion erklärt. Vielleicht auf ähnliche Weise, wie sich gemäß neuerer Bedeutungstheorien die Bedeutung sprachlicher Ausdrücke aus ihrer Position in einem Netz inferentieller Beziehungen ergibt und es gleichzeitig keine Ausdrücke gibt, die ihre Bedeutung direkt durch eine bestimmte Beziehung zu nicht-intentionalen Zuständen erhalten, etwa von „Sinnesdaten“.

Doch folgt aus diesen Erwägungen Searles These, dass biologische Funktionen von unseren Werten durchdrungen und damit keine natürlichen Eigenschaften lebender Systeme sind? Dies scheint mir höchstens in einem schwachen Sinn der Fall zu sein. Das System biologischer Funktionen eines Organismus liegt nämlich fest, sobald die Selbstreproduktion des Individuums als Explanandum (d.h. das zu Erklärende) der Biologie gesetzt ist. (Tatsächlich ergeben sich z.T. andere Funktionen, wenn man als Explanandum etwas anderes setzt, z.B. das Überleben der Gene oder der ganzen Art). Doch die Auswahl bestimmter Explananda ist Naturwissenschaftlern stets frei gestellt; dies gilt nicht nur für die Biologie. Auch die Geltung gewisser Kausalaussagen kann davon abhängen, welche Faktoren man als Hintergrundbedingung und welche als relevante Ursachen ansieht.

Somit sind biologische Funktionszuschreibungen höchstens in dem Sinn wertebeladen, dass sie davon abhängen, welche Fragen die Wissenschaft an die Natur stellt. Searle geht davon aus, dass biologische Funktionen in einem Sinn beobachter- oder interesseabhängig sind, in dem es Kausalzuschreibungen nicht sind. Gleichzeitig gibt er zu, dass die biologischen Funktionen eines Organismus bestimmt sind, sobald z.B. Überleben als diejenige Eigenschaft gesetzt ist, die wir für wertvoll halten. Wir müssen Überleben aber nicht als Wert ansehen, um es als eines der zentralen Explananda der Biologie zu setzen. Außerdem kann man im Bereich der reinen Kausalität durchaus Ähnliches behaupten: Sobald ein bestimmtes Phänomen in Kontrast zu einem Hintergrund ausgewählt und genau bestimmt ist, steht fest, welche Ereignisse dazu kausal relevant sind. Gleichzeitig gibt es aber oft viele Möglichkeiten, diesen Kontrast zu ziehen. Damit sind biologische Funktionszuschreibungen nicht stärker interesseabhängig als typische Kausalaussagen.
Fazit: Die Betrachtung biologischer Systeme mittels intentionaler Begriffe mag in manchen Fällen für die Forschung nützlich sein. Philosophische Analysen wie die hier beschriebenen zeigen aber, dass wir Organismen höchstens so betrachten dürfen, als ob alle Lebewesen, auch die allereinfachsten, die Merkmale des Geistigen trügen.

Im Text genannte Literatur:

Bodnar, John W.: „Programming the Drosophila Embryo“, in: Journal of Theoretical Biology (1997), S. 391-445.
Holland, Alan: “Am Anfang war das Wort. Eine Kritik von Informationsmetaphern in der Genetik“, in Ethische Probleme in den Biowissenschaften, hg. von Marcel Weber/ Paul Hoyningen-Huene, Heidelberg 2001, S. 93-105.
Jonas, Hans: Organismus und Freiheit. Göttingen 1973.
Kay, Lily E.: Who Wrote the Book of Life? A History of the Genetic Code, Stanford 2000.
Maynard, Smith John, “The Concept of Information in Biology”, in: Philosophy of Science (2000), S. 177-194.
Millikan, Ruth Garret: Language, Thought, and Other Biologocal Categories: New Foundations for Realism, Cambridge, Mass. 1984
Sarkar, Sahotra: “Biological Information: A Skeptical Look at Some Central Dogmas of Molecular Biology”, in: The Philosophy and History of Molecular Biology, hg. von S. Sarkar, Dordrecht 1996, S. 187-231,
Searle, John: The Construction of Social Reality, New York 1995.

UNSER AUTOR:

Marcel Weber ist Schweizerischer Nationalfonds-Förderungsprofessor für Wissenschaftsphilosophie an der Universität Basel.



Bestellen Sie das Einzelheft oder abonnieren Sie die Zeitschrift.




© Information Philosophie     Impressum     Kontakt