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Schreiben lernen in Jena. Martha Boeglins 'Schreibwerkstatt'

Martha Boeglin betreibt in Berlin die Schreibwerkstatt “Scriptoria” und bietet in diesem Rahmen am Institut für Philosophie in Jena seit vier Jahren eine “Schreibwerkstatt” an. Der Kurs ist als Werkstatt gestaltet. Der Schwerpunk des Konzeptes von Martha Boeglin liegt in der praktischen Arbeit: Es geht um zentrale Einsichten über das Schreiben, die man durch Selbsterprobung und anschließendes Reflektieren erlangen kann. Dabei erklärt sie, wie mit Problemen wie Schreibblockaden, strukturellem Chaos oder widersprüchlichen Inhalten umgegangen werden kann. Drei Tage à jeweils vier Stunden wird intensiv mit 12 bis 15 Teilnehmern gearbeitet und geschrieben. Es werden weder Scheine noch Noten vergeben. Die Teilnahme ist freiwillig und kostenlos. Die Teilnehmerzahl ist auf maximal 15 Personen beschränkt.

Das Ziel? Die Vermittlung und Einübung von Techniken, um eine philosophische Arbeit eigenständig zu führen (methodisch verfahren, deutliche Ziele setzen, klare Fragen formulieren, Gedanken logisch strukturieren, den kritischen Geist schärfen). Und vor allem: die Freude am Schreiben (wieder) entdecken. Die Schreibwerkstatt als Schreibkurs zu verstehen, der lediglich Schreibtechniken und -verfahren vermittelt, greift aber zu kurz. Sie erzielt keineswegs Texte als fertige Produkte; die Schriftstücke bilden vielmehr den Rohstoff, an dem dann weitergearbeitet wird. Das Geschriebene wird mit besonderem Augenmerk auf die Textform besprochen: Das eigentliche Ziel jeder Übung ist zu verstehen, wie ein Text funktioniert, was in ihm “knirscht“ und was er benötigt, um geschliffen zu werden.

Schreibschmerzen – der erste Tag

Schreiben wird von Studierenden oft mit Angst, Schmerz, Langeweile verbunden. Eine Hausarbeit zu schreiben bedeutet für sie: Sekundärliteratur abschreiben, Abgeschriebenes montieren und Montiertes verbinden. Manche verschieben eine anstehende Hausarbeit seit einem Semester; andere verzweifeln an ihren eigenen Fähigkeiten und Kompetenzen: Sie denken, "Schreiben gelingt jedem, nur mir nicht". Andere kommen in die Schreibwerkstatt und sind davon überzeugt, Texte entstünden in einem einzigen Wurf und erwarten nun das Patentrezept dafür.

Für eine erfolgreiche Arbeit ist eine vertraute und entspannte Atmosphäre unabdingbar. Martha Boeglin gibt deshalb am ersten Tag ausreichend Zeit für ein gegenseitiges Kennenlernen. Damit wird gleich die erste Schreibübung verbunden. Erstes Ziel ist es, das Problem des Schreibens zu entdramatisieren und eine lebendige Gruppendynamik zu fördern. Zweites Ziel: Das Chaos der Gedanken in einem Text zu strukturieren und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Zu Beginn werden die Assoziationen der Studierenden zum Thema “Schreiben” an der Tafel notiert. Nun schreibt jede(r) einen Text zum Thema, in dem möglichst allen genannten Wörter vorkommen. Die Form ist frei. Anschließend wird das Wesentliche des geschriebenen Texts in einem "Elfchen" – Gedicht aus 11 Wörtern – wiedergegeben. Ausgehend vom Elfchen wird ein neuer Text geschrieben. Am Ende werden die Texte in kleinen Gruppen vorgestellt und kommentiert. Dafür relevant sind die Fragen: Wie wirken die Texte auf mich? Warum? Was sind die Unterschiede zwischen erstem und zweitem Text? Absolut verboten sind Interpretationen mit psychologischen Ambitionen.

Die entstandenen Texte sind, obwohl sie alle von den gleichen Wörtern ausgehen, in ihrer Form sehr unterschiedlich. Manche wählen das Märchen ("Es war einmal ein Stift, der sich langweilte… ") oder Erzählungen in der Ich-Form ("Gedanken wirren in meinem Kopf herum..."), andere wählen den Essay ("Was heißt Schreiben?"). Das Wesentliche des Texts in Gedichtform wird oft als Offenbarung erlebt: Einige sind überrascht, plötzlich Prägnanz unter ihrer Feder zu entdecken. "Ich hatte zunächst einen langen Text geschrieben. Ich war verblüfft, wie wenig ich eigentlich in ihm aussage". Der Text, der nach dem Elfchen verfasst wird, ist nüchterner als der Erste. Er konzentriert sich auf den Kerngedanken des Ersten; er ist problemorientiert und analytisch; seine Form ist präziser und strukturierter ("Die anderen fanden, dass ich im zweiten Text konkreter war, während ich im ersten sehr chaotisch war").

 

 


Über “Schreiben” zu schreiben führt zur Selbstbeobachtung und zu neuen Einsichten über das eigene Verhalten. Schon bei dieser kleinen Übung kommen manche Probleme zu Tage: fehlender Bezug zum Leser ("Beim Vorlesen habe ich gemerkt, dass ich viel zu viel beim Leser voraussetze; man konnte meinen Text nicht verstehen"), oder Stilbrüche oder lange, komplizierte Sätze. Der Austausch in kleinen Gruppen führt zu der Feststellung, dass Schreibschwierigkeiten das Los eines jeden Schreibenden sind.

In der Regel macht die Stimmung zwischen den Gruppenmitgliedern am Ende des ersten Arbeitstages deutlich, dass Blockaden gelöst worden sind. Man sieht rote Wangen, lächelnde Gesichter, entspannte Körperhaltung. Die Benennung der Probleme und der Erfahrungsaustausch machen den Kopf frei.

Brief an Oma – der zweite Tag

Am zweiten Tag verfassen die Teilnehmer Schritt für Schritt einen Brief an einen Adressaten, der über kein philosophisches Wissen verfügt. Der Brief beginnt z.B. mit "Liebe Oma, neulich hast du mich gefragt, was ist ... ". Die Briefform hilft, leserbewusst zu schreiben, d.h., sich verständlich auszudrücken, Implizites zu explizieren und die Gedanken logisch zu ordnen. Außerdem führt diese Form zu einem inneren Dialog: Mögliche Fragen und Einwände des Adressaten werden vorausgeahnt, dargelegt und diskutiert. Die Gruppe einigt sich auf ein Thema, worüber alle schreiben.

Zur Vorbereitung des Briefes wird zunächst ein Assoziogramm (eine von Gabriele Rico entwickelte Methode des assoziativen Denkens) gemacht, um Gedanken zu sammeln. Dann stellt Martha Boeglin sechs Fragen im Fünf-Minuten-Takt. Die Fragen sollen helfen, eine Fragestellung zu erarbeiten; eine Gliederung wird entworfen und eine Rohfassung geschrieben. Diese wird anschließend nach bestimmten Vorgaben überarbeitet – die Textüberarbeitung selbst wird in zwei aufeinanderfolgende Phasen geteilt: die inhaltliche und dann die sprachlich-stilistische. Schließlich lesen die Studenten ihre Texte in kleinen Gruppen vor; die Zuhörer geben Rückmeldung nach folgenden Punkten: Ist der Text verständlich? Was finde ich besonders interessant oder gelungen – und warum? Was scheint mir unklar, lückenhaft, überflüssig? Warum? Was bräuchte ich, um problematische Textpassagen besser zu verstehen?

Während sich die Studierenden am ersten Tag noch zieren, ihre Texte vorzulesen, können sie es am zweiten Tag kaum erwarten, Ihr Schreiben vorzustellen und das Verfahren ihrer Kommilitonen kennen zu lernen. Nach Martha Boeglins Erfahrung reagieren die Studierenden auf zwei Schreibmittel besonders gut: die Anwendung von Fragen ("das weckt Interesse", "es lädt zum Mitdenken ein", "es lockert den Text auf") und das Erklären dessen, was man tut. In diesen Momenten zeichnet sich besondere Klarheit und Stärke im Text aus; auch eine klare Struktur und eine deutliche Begriffsklärung werden immer anerkannt.

Auch für die Mängel der Texte zeigen sich alle empfindlich; die einzelnen Kommentare ergänzen sich oft – z.B. wenn das Untersuchungsfeld nicht explizit eingegrenzt wird oder Schlüsselbegriffe nicht definiert werden. "Ich finde deinen Text sehr kompliziert, du hast sehr viel da reingepackt. Ich hätte mir nach jedem Schritt ein Fazit gewünscht
und einen klaren Bezug zur Anfangsfrage", so der Kommentar eines Teilnehmers. Ein anderer Studierender meint bei der Tagesauswertung : "Die Kommentare der anderen haben mir geholfen, mich mit einem kritischen Blick zu lesen und mich angeregt, meinen Text neu zu überarbeiten". Oder: "Ich merke, dass mein Text immer noch überarbeitungsbedürftig ist", auch: "Jetzt sehe ich, wo meine Defizite sind". Oder auch: "Ich hätte nie gedacht, dass ich so viel zum Thema sagen kann!" Das freie Sammeln von Gedanken durch ein Assoziogramm, die kurzen Fragen zur Erarbeitung einer Fragestellung, das Ordnen und Gliedern der Gedanken nach einer konkreten Fragestellung begrüßen die Studenten als große Hilfestellung: Manche staunen darüber, wie leicht ihnen das Schreiben fällt, wenn sie sich zunächst Klarheit über ihren Gegenstand verschaffen. Auch die Aufteilung des Schreibens in verschiedene Phasen – Erstentwurf, inhaltliche und anschließende sprachlich-stilistische Textüberarbeitung – erleben sie als Erleichterung ("Ich hatte nicht den Druck, mein Text soll gleich perfekt sein").

Eine Forschungsgemeinschaft – der dritte Tag

Am dritten Tag wird eine Seminararbeit Schritt für Schritt vorbereitet. Jeder schreibt am eigenen, anstehenden Projekt. Ein Fragebogen wird schriftlich ausgefüllt; die gestellten Fragen helfen, die eigene Motivation zum Thema zu klären, der Arbeit ein Ziel zu setzen, das Forschungsfeld einzugrenzen, eine Fragestellung zu erarbeiten, und eine vorläufige Gliederung zu entwerfen. Nachher werden die Ergebnisse in einem Exposé zusammengefasst, welches in kleinen Gruppen vorgetragen wird. Die Rückmeldungen erfolgen wie am Vortag.

Besonders am dritten Tag herrscht eine kollegiale Arbeitsatmosphäre. Jeder zeigt Interesse für den anderen und seine Arbeit, Verständnis für seine Schwierigkeiten, denkt mit, schlägt Besserungen vor, fragt nach. Die Studenten helfen sich gegenseitig in einer konstruktiven Art und Weise, erfragen Hilfe, suchen gemeinsam Lösungen, ohne Scheu davor, sich zu blamieren, ohne Überheblichkeit; die Atmosphäre ist geprägt von gegenseitigem Respekt: "Ich verstehe nicht, warum in deiner Gliederung das Problem erst am Ende dargestellt wird, warum nicht gleich am Anfang?"; "dein Thema ist zu breit, du solltest dich auf einen Aspekt konzentrieren"; "was aber interessiert dich besonders am Thema?".

Viele können ihre Motivation nicht formulieren bzw. sehen keinen Grund dafür, diese im Rahmen einer Seminararbeit zu klären. Die Überzeugung, eine Hausarbeit müsse unpersönlich sein, das "Ich" habe dort nichts zu suchen, ist in vielen Köpfen tief verankert. Solange jedoch die eigene Motivation nicht deutlich formuliert wird, bleibt das Ziel für die Arbeit unklar, die Fragestellung konfus und die Gliederung dementsprechend unklar. Erst wenn der Studierende sich bewusst macht, was ihn an seinem Thema besonders interessiert, ändert sich das: Das Ziel der Arbeit wird konkret, die Fragestellung deutlich und eine logische, spannende Gliederung kann sich entwickeln. Insbesondere bei diesem Schritt ist der Austausch mit anderen wichtig. Denn das ist der Beginn einer Arbeit: Wissen, was einen am Thema besonders interessiert und warum.

"Ich hätte nie gedacht, dass ich ein Exposé ohne all meine Notizen vor Augen schreiben könnte!", hört man oft bei der Auswertung. Manche entdecken mit Erstaunen, wie sehr eine methodische Vorgehensweise die Arbeit erleichtert und hilft, in kurzer Zeit zu nützlichen Ergebnissen zu kommen.

Die gezielte und kleinschrittige Aufteilung einer Überlegung macht spürbar, wie sich ein Gedanke langsam bildet, Raum greift und sich entwickelt. In der Gruppe herrscht eine fröhliche Aufregung, auch wenn alle erschöpft sind und die Hände schmerzen. "So viel geschrieben hatte ich lange nicht mehr!"

Das Resultat

Am Ende der drei Tage haben alle Teilneh- mer erkannt, dass die Rohfassung eines Textes ein notwendiger Schritt ist, um Gedanken zu entwerfen, weiterzuverfolgen und zu strukturieren. Sie haben gelernt, mit der Rohfassung als Gedankensammlung zu arbeiten, d. h. Experimente und auch Umwege zuzulassen, um ans Ziel zu kommen.

Die Fehler der anderen haben auf die eigene Vorgehensweise aufmerksam gemacht, und die Kommentare und Fragen der Kommilitonen haben geholfen, sich selbst mit einem fremden Blick zu lesen und Abstand zum eigenen Denkprozess zu bekommen, kurz: über den eigenen Schreibprozess zu reflektieren. Darüber hinaus hat das Besprechen der Texte geholfen, Gedanken zu vertiefen und zu strukturieren, und Klarheit zu gewinnen.

Das Angebot von “Scriptoria”

Martha Boeglin betreibt die Schreibwerkstatt “Scriptoria”: www.scriptoria.org Neben dem Einführungskurs in Jena bietet sie auch Aufbaukurse an. Diese bauen auf dem Schema “Erarbeitung der Fragestellung. Textaufbau. Argumentationsmuster und Gliederungsketten. Techniken zur Herstellung von Zusammenhängen. Struktur von Einführung und Schluss. Kriterien der Textverständlichkeit” auf. Zudem bietet sie Einzelberatung auf.

Martha Boeglin hat auch ein Buch geschrieben, das ihre Arbeitsweise zusammenfasst:
Wissenschaftlich arbeiten Schritt für Schritt. Gelassen und effektiv studieren: Martha Boeglin: Wissenschaftlich arbeiten Schritt für Schritt, UTB, ca. € 20.—, 2007 W. Fink, München.

Weitere Literatur zum Schreiben (Hinweise von Martha Boeglin)
Esselborn-Krumbiegel, Helga: Von der Idee zum Text. Eine Anleitung zum wissenschaftlichen Schreiben, kt., € 11.90, 2004, Ferdinand Schöningh, Padeborn
Kruse, Otto: Keine Angst vorm leeren Blatt. Ohne Schreibblockaden durchs Studium. 269 S., kt., 1994, Campus, Frankfurt/Main.
Kruse, Otto, Jakobs, Eva-Maria, Ruhmann, Gabriela (Hrsg.): Schlüsselkompetenz Schreiben. Konzepte, Methoden, Projekte für Schreibberatung und Schreibdidaktik an der Hochschule. 333 S., Pbk., € 24.50, 1999, Luchterhand
Rico, Gabriele L.: Garantiert schreiben lernen. Sprachliche Kreativität methodisch entwickeln – ein Intensivkurs auf der Grundlage der modernen Gehirnforschung. 312 S., kt., € 10.—, 1984, rororo-Taschenbuch, Rowohlt, Reinbek.
Werder, Lutz v.(1992): Kreatives Schreiben von Diplom- und Doktorarbeiten. 116 S., kt., € 7.40, 1992, Schibri, Berlin.

Texte im Internet

Erste Hilfe bei Schreibproblemen: www.schreibschule-erfurt.de/probleme.htm
Tips zum wissenschafltichen Arbeiten. www.sz.ruhr-uni-bochum.de/imperia/md/ content/sz/tipps2004.doc


EINFÜHRUNGEN

Gloy, Karen: Grundlagen der Gegenwartsphilosophie. Eine Einführung. 288 S., kt., € 17.90, UTB 2758, 2006, W. Fink, München.
Eine einprägsame, gut lesbare Darstellung wichtiger Strömungen der Philosophie des letzten Jahrhunderts als Einführung in die Gegenwartsphilosophie. Die phänomenologische und die hermeneutische Richtung sind im Vergleich zu anderen Strömungen, insbesondere der analytischen Philosophie, mehr als überrepräsentiert: so kommt etwa die Diskursethik nicht einmal als eigenes Kapitel vor.

Walter, Sven: Mentale Verursachung. Eine Einführung. 275 S., kt., € 29.80, 2006, Mentis, Paderborn.
Das Thema der „mentalen Verursachung“, wie der Geist einen kausalen Einfluss auf unseren Körper haben kann, ist nicht nur eines der zentralen Themen der Philosophie des Geistes, es steht momentan auch im Zentrum der gegenwärtigen philosophischen Diskussion. Walter stellt die Probleme, die verschiedenen Lösungsansätze und die Schwierigkeiten, die diese wiederum mit sich bringen, lehrbuchartig vor und untersucht insbesondere auch die Argumente, mit denen die verschiedenen Autoren für oder gegen eine Position eintreten. Er konzentriert sich dabei auf die gegenwärtig aktuellen Ansätze. Das Buch kann nicht einfach gelesen werden; man muss sich vielmehr in die einzelnen Positionen gründlich (und zeitaufwendig) einarbeiten, hat dann aber einen sehr guten Überblick über das Thema. Das Buch ist didaktisch gut aufbereitet mit Kurzzusammenfassungen und weiterführenden Literaturangaben. Sehr zu empfehlen.

Kater, Regine: Person. Die Begründung menschlicher Identität. 240 S., Ln., € 59.90, 2006, Grundfragen der Philosophie, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt.-----
Das Buch besteht aus drei Teilen. Der erste enthält eine übersichtliche, interessant geschriebene Darstellung der Geschichte des Bildes, das man sich in der Philosophiegeschichte von der Person gemacht hat, immer auch mit Blick auf die zeitgenössische kulturelle Entwicklung. Diese Übersicht endet bei Kant. Es folgen dann exemplarisch zwei (für die Autorin zu Unrecht) in Vergessenheit geratene Positionen des letzten Jahrhunderts (Martin Buber und Max Scheler, von der Autorin merkwürdigerweise unter „Gegenwart“ abgehandelt) sowie eine Auseinandersetzung mit Peter Singer. Eine Darstellung der gegenwärtig intensiv geführten Diskussion darüber, was den Begriff der Person ausmacht, fehlt.
Der zweite Teil stellt den eigenen Ansatz der Autorin vor, es handelt sich dabei weniger um eine Untersuchung des Begriffs der Person als einen anthropologischen Ansatz, der den Begriff Person nicht in erster Linie wie heute üblich mit Rationalität, sondern mit dem Leib verbindet; zum Begriff der Person gehört für sie insbesondere Leibbewusstsein. Der dritte Teil behandelt den Personenbegriff in den Hauptreligionen.

Schnädelbach, Herbert: Vernunft. 155 S., kt., € 9.90, Reclam 20317, Grundwissen Philosophie, 2007, Reclam, Stuttgart
Dargestellt werden die verschiedenen Vernunftkonzeptionen, und da diese das Gerüst der Philosophiegeschichte bilden, beinhaltet das Buch nicht weniger als eine Darstellung des Wandels der Grundlagen innerhalb der Geschichte der Philosophie und damit auch in nuce einen systematischer Abriss der Philosophiegeschichte. Viel Raum gibt Schnädelbach der Philosophie des alten Griechenlands als Entstehungsort des modernen Rationalitätskonzepts und den Begriffen logos und nous als den griechischen Konzeptionen der Vernunft. Allerdings endet der Abriss in etwa bei Dilthey, die weitere Entwicklung und die gegenwärtige Situation sind mehr stichwortartig dargestellt, die vernunftkritischen Positionen etwa der französischen Philosophen fehlen. Das Buch ist nicht wie ein Lehrbuch geschrieben, Schnädelbach geht es um ein grundlegendes Verständnis. Dies auf einem hohen Niveau und dennoch gut verständlich zu vermitteln ist ihm gelungen.

Rohbeck, Johannes: Marx. 137 S., kt., € 9.90, Reclam 20308, 2007, Grundwissen Philosophie, Reclam, Stuttgart.
Stellt systematisch Schwerpunkte der Theorie von Marx vor, wobei Rohbeck dessen ganzes Werk als gleichwertig behandelt (also nicht das „philosophische“ des jungen Marx dem Ökonomen Marx vorzieht). Rohbeck behandelt die von ihm ausgewählten Schwerpunkte insbesondere auch in bezug auf die Gegenwart (er hält Marx für durchaus aktuell). Das Buch trifft genau die Konzeption der Reihe „Grundwissen“, sich auf Kernthesen und Schlüsselbegriffe zu beschränken und ist in einer gut verständlichen Sprache geschrieben (ohne jeden marxistischen Jargon). Er wendet sich an Personen, die sich zum ersten Mal mit Marx beschäftigen und einen ersten Einblick in sein Werk gewinnen wollen. Nicht behandelt werden philosophiegeschichtliche Hintergründe des Denkens von Marx, auch nicht die Geschichte des Marxismus.

READER

David Lewis

Der verstorbene amerikanische Philosoph David Lewis gilt unter Insidern der analytischen Philosophie wegen des Scharfsinns, der Klarheit seiner Analysen, aber auch wegen seines Stils als einer der wichtigsten der letzten Jahrzehnte. David Armstrong hat ihn sogar als „the greatest philosopher of our age“ bezeichnet. Und der Konstanzer Philosoph Wolfgang Spohn schreibt, durch das Lewis-Studium stoße man „in ein Kraftzentrum der analytischen Philosophie vor, vielleicht in das wichtigste, und ohne dieses Studium ist schwer zu verstehen, was analytische Philosophie bewegt“. In deutscher Sprache sind wenig Einzeltexte von Lewis erschienen. 1989 hat der Klostermann-Verlag in der Reihe „Seminar Kloster- mann“ den Text Die Identität von Körper und Geist vorgelegt, der drei frühe Aufsätze von Lewis enthielt. Uwe Meixner hat im Mentis-Verlag eine Einführung in dessen Werk publiziert. Und nun veröffentlicht der Klostermann-Verlag wiederum in seiner Reihe „Serie Klostermann“ den Text mit den drei wohl wichtigsten Aufsätzen von Lewis zur Philosophie des Geistes:

Lewis, David: Materialismus und Bewusst- sein. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Ulrike Haas-Spohn. Herausgegeben und mit einem Vorwort von Wolfgang Spohn. 103 S., kt. 2007, € 14.—, Klostermann, Frankfurt


SUHRKAMP STUDIENBIBLIOTHEK

Nun ist auch der Suhrkamp-Verlag in das Geschäft mit Einführungstexten eingestie- gen: In der neugegründeten „Suhrkamp Studienbibliothek“ werden nach einem in seiner Art neuen Konzept Klassikertexte für das Studium aufbereitet. Damit reagiert der Verlag nicht zuletzt auf die durch die neuen Studiengänge verstärkte Didaktisierung des Unterrichtes.

Neben den eigentlichen Texten bieten die jeweiligen Texte eine Vielzahl von Hilfen für das Verständnis des jeweiligen Textes. So gibt ein Stellenkommentar Sacherläuterun- gen zum Text, ein Glossar erläutert die wichtigsten Begriffe und ein ausführlicher Text informiert über die Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte des Textes.

Einige der Texte folgen klassischen Editionen, andere sollen eigens neu ediert werden, und einige sollen in zweisprachigen Ausgaben erscheinen. Jede Seite hat einen Zeilenzähler, und am Rand wird jeweils auf Anmerkungen im Stellenkommentar hingewiesen. Bei wichtigen Ausgaben findet sich in der Marginalspalte auch der Hinweis auf die Paginierung wichtiger Ausgaben. Hinzu kommen, beinahe überflüssig zu erwähnen, ein biographischer Abriss und eine kommentierte Auswahlbiographie.

Die Bücher haben ein handliches Format, man kann sie in eine Manteltasche stecken. Und auch die Preise können sich sehen lassen; die Preisspanne reicht von € 9.— bis € 14.—.

Bislang sind erschienen (in Klammern der Herausgeber und der Preis):

- Benjamin, Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit (Detlev Schöttker, € 9.—)
- Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (Christoph Horn; Corinna Mieth; Nico Scarano, € 11.—)
- Marx, Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte (Hauke Brunkhorst, € 11.—)
- Platon, Sophistes (Christian Iber, € 14.—)
- Hume, Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand (Lambert Wiesing, € 14.—)
- Hume, Über Moral (Herline Pauer-Studer, € 12.—)

Im Dezember folgen:
- Blumenberg, Paradigmen zu einer Meta- phorologie (Anselm Haverkamp, ca. € 13.—)
- Kant, Prolegomena (Georg Mohr, ca. € 13.—)
- Locke, Zweite Abhandlung über die Regierung (L. Siep, ca. € 12.—)

2008 sollen folgen:
- Barthes, Die Lust am Text (Ottmar Ette)
- Husserl, Cartesianische Meditationen (Barbara Merker und Manfred Sommer)
- Lavoisier: Traité élémentaire de chimie (Jan Frercks)

Wenn das Niveau gehalten werde, das der Kommentar zum Benjamin-Text vorgebe, so schreibt Christine Pries in der Frankfurter Rundschau, werde „Suhrkamps Studienbibliothek eine maßgebliche Größe werden, an der kein Seminar, aber auch kein anderer, an Theorie interessierter Leser vorbeikommt“.


DEUTSCHER STUDIENPREIS

Die Körber-Stiftung vergibt für junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die mit ihrer Dissertation einen „wertvollen Forschungsbeitrag zur Gestaltung einer lebenswerten und zukunftsfähigen Welt leisten“, mit ihrem „Deutschen Studienpreis“ Preise im Gesamtwert von über 100'000 Euro. Bewerben kann, wer seine Dissertation im Jahr 2007 mit magna oder summa cum laude abgeschlossen hat. www.studienpreis.de


KURSE

Vom 25.-27. Oktober 2007 findet der 1. Siegener Schwerpunktkurs Philosophie/ Geschlechtertheorie für Studierende im Hauptstudium statt. Thema ist "Hegels Theorie von Herrschaft und Knechtschaft und ihre Rezeption in der existentialistischen Philosophie (Kojève, Beauvoir)". Gastdozent ist Andreas Arndt (Berlin), er leitet den Kurs gemeinsam mit Marion Heinz, Friederike Kuster und Eva Bockenheimer.

Weitere Informationen: http://www.fb1.uni-siegen.de/philosophie/news/135921.html





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