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Bioethik: Genethik und Weltanschauungen


BIOETHIK

Die Diskussion um die Genethik ist geprägt von sechs verschiedenen Weltanschauungen

Die Diskussion über die Genethik ist geprägt von Weltanschauungen, die ihr zwar zugrunde liegen, die aber durch die benutzten Argumente verdeckt werden. Petra Gelhaus arbeitet in ihrer Untersuchung
Gelhaus, Petra: Gentherapie und Weltanschauung. Ein Überblick über die gen-ethische Diskussion. 235 S., Ln., € 59.90, 2006, Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt
sechs verschiedene solcher Weltanschauungen heraus und stellt deren Werte und Argumentationsmuster hinsichtlich der Gentherapie dar.

Die evolutionistische Sicht hat mit der Tradition gebrochen, die die biologische Umwelt als gegeben und im Prinzip unveränderlich betrachtet. Sie steht Eingriffen in die Selektion positiv gegenüber, sofern damit evolutionäre Werte befördert werden. Als solche werden Anpassungsfähigkeit, Stabilität und Gesundheit genannt. Besonders letztere bietet Anhaltspunkte für eine evolutionäre Interpretation und Konzeption der Medizin. Daraus können sich Konsequenzen ergeben, die mit den überlieferten christlichen und humanistischen Vorstellungen in Konflikt geraten.

Als weiterer evolutionärer Wert wird die Vielfalt oder Diversität in der Natur gesehen. Sie bietet starke Argumente für den Artenschutz, und der Namengeber der Soziobiologie, E.O. Wilson, hat sich denn auch in den letzten Jahren hier besonders verdient gemacht. Bemerkenswerte Implikationen hat die Vielfalt als Wert aber auch für die Beurteilung der menschlichen Umwelt. So fordert sie eine ausgeprägte Toleranz gegenüber andersartigen Verhaltensweisen, insbesondere aber richtet sie sich gegen die starre Errichtung von Durchschnittsnormen. Denn erst die Variabilität, so das Argument, biete für günstige evolutionäre Entwicklungen eine erhöhte Wahrscheinlichkeit. Als Eigenschaft, die vor allem weiterzuentwickeln ist, wird von den Evolutionisten am häufigsten die menschliche Intelligenz genannt. Danach kommt die natürliche Gesundheit als Ausdruck der Stabilität und Durchsetzungsfähigkeit. Es besteht sogar im Hinblick auf die menschliche Reproduktion eine Tendenz, letztere zu einer Form der Verpflichtung zu machen, um vererbbare Krankheiten zu verhindern.

Was den Inhalt einer Ethik betrifft, so kann die Evolutionstheorie lediglich die biologischen Grenzen und Möglichkeiten aufzeigen, innerhalb derer sie sich bewegen sollte. Dennoch versuchen Evolutionisten wie E.O. Wilson daraus gültige moralische Ansprüche zu entwickeln (und setzen sich dabei dem Vorwurf des „naturalistischen Fehlschlusses“ aus).

Die Gentechnik nutzt die Mechanismen der Evolution und beschleunigt sie. Meistens wird von den Evolutionisten eine bewusste Lenkung der Evolution als evolutionärer Fortschritt gesehen; sie stehen deshalb den Möglichkeiten der Gentechnik nicht nur durchwegs positiv gegenüber, sondern sehen sie oft geradezu als eine Verpflichtung, wobei das Ziel häufig die Steigerung der menschlichen Intelligenz ist.

Der Szientismus beinhaltet den Glauben an die vollständige wissenschaftliche Erklärbarkeit der Natur. Bereiche, die den wissenschaftlichen Untersuchungs- und Erkenntnismethoden prinzipiell unzugänglich sind, existieren für ihn nicht. Das kann so weit gehen, dass die Kompetenz der Wissenschaft für die Erklärung der gesamten Lebenswelt des Menschen in Anspruch genommen wird und sogar „wissenschaftliche“ Gesellschaftsordnungen entworfen werden. Entsprechend hat die Forschungsfreiheit für den Szientismus einen eminent wichtigen Stellenwert und ein Eingriff wird höchstens durch eine Selbstreglementierung der „Scientific Community“ akzeptiert. Deshalb wird eine ethische Diskussion der Gentechnik durch die Gesellschaft als verfehlt und überflüssig abgelehnt.

Um eine außerwissenschaftliche Lenkung der Wissenschaft auszuschließen, wendet Gehlhaus kritisch ein, müsste aber eine thematisch gebundene Forschung etwa durch die Industrie unterbunden werden – nur ist gerade die Gentechnik mit erheblichen Mitteln von industrieller Seite gefördert worden, ohne dass dies von wissenschaftlicher Seite groß bemängelt worden wäre. Umgekehrt werfen die Szientisten den Gentechnikgegnern vor, sie behinderten die Innovation und nur Uninformiertheit führe zur Ablehnung der Gentechnik.

Die marktwirtschaftlich-liberalistische Sicht kennt drei Kriterien für das marktwirtschaftliche Handeln: 1. Rationalität 2. Vertragsfreiheit 3. Wettbewerb. Wenn diese Bedingungen in idealer Weise realisiert sind, stellt sich ein Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage her. Bei einer solchen Situation könnte kein Individuum besser gestellt sein, ohne dass der Gesamtnutzen sinken würde.

Die Gentechnik wird in dieser Sichtweise zunächst als wertneutrales Werkzeug aufgefasst, deren Brisanz allenfalls in der beabsichtigten Anwendung liegen kann. Daher wird der beabsichtigte Zweck zum allein entscheidenden Kriterium für die moralische Zulässigkeit. Unstrittig ist die Erforschung von Krankheiten, Krankheitsursachen und die Entwicklung von Medikamenten, weil dafür die höchste Akzeptanz in der Gesellschaft erwartet


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