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DDR: Philosophie in der DDR

DDR

In den Seminarräumen der ostdeutschen Universitäten ist das Thema „Philosophie in der DDR“ nicht sonderlich beliebt: Was dort noch vor achtzehn Jahren praktiziert wurde, davon wissen die wenigstens mehr etwas, und zum Thema werden auch keine Seminare angeboten.

Steffania Maffeis hat sich in ihrer Promo¬tionsarbeit

Maffeis, Steffania: Zwischen Wissenschaft und Politik. Transformationen der DDRPhilosophie 19451993. 305 S., kt., € 34.90, 2007, Campus, Frankfurt

des Themas angenommen und nach der Methode Bourdieus eine Feldanalyse vorgenommen. Zum einen hat sie DDRPhiloso¬phen interviewt, zum anderen einen Teil der betreffenden Literatur ausgewertet.

Allgemein wurde der Übergang von Ulbricht zu Honecker von den DDRPhilosophen als eine überfällige Sache gesehen. Ulbricht hatte sich verstiegen, von der Philosophie Unmögliches zu fordern: Sie sollte eine wissenschaftliche Methode zum Aufbau eines idealen Sozialismus entwickeln und dies, ohne kritisch vorgehen zu dürfen. Die dadurch entstandenen Arbeiten wurden immer hymnischer, optimistischer und pseudowissenschaftlicher. Die Doktrin der zwei Staaten wurde durch eine ZweiNationenTheorie ersetzt, in eine kapitalistische und eine sozialistische Nation, wobei sich die DDR als Erbin der deutschen Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts verstand. Diese These wurde durch eine Forschergruppe beim ZK der SED unter Leitung des Philosophen Alfred Kosing fundiert und institutionalisiert.

Am 3. April 1969 trat in der DDR die III. Hochschulreform in Kraft. Damit wurde die inhaltliche Autonomie der Philosophie gegenüber der Politik aufgehoben. Die Institute für Philosophie wurden nun in der Regel in Sektionen für marxistischleninistische Philosophie umbenannt. Das PhilosophieStu¬dium wurde Leitungswissenschaft und folgte dem Ziel, ideologische Kader auszubilden. Es wurden Räte gebildet, die die Aufgabe hatten, die Politik des ZK innerhalb der Wissenschaft durchzusetzen, also Forschung, Lehre und Publikationen einer strengen politischen Kontrolle zu unterziehen. An der Berliner HumboldtUniversität wurden die Studenten ab dem dritten Studienjahr in Forschungsprojekte eingebunden, sie bildeten kleine von Lehrern betreute Gruppen. Unterschieden wurde in der Philosophie zwischen ML (MarxismusLeninismus) und der eigentlichen PhilosophieSektion. Ein Wechsel von einer ML an eine PhilosophieSektion war ohne abgeschlossenes Philosophiestudium jedoch nur bei hervorragenden Leistungen möglich.

Theoretische Grundlage des MarxismusLeninismus waren der Dialektische und der Historische Materialismus. Als Theorie der SED verfügten die entsprechenden Fächer und das Werk von Marx, Engels und Lenin das höchste politische und philosophische Kapital. Die zweite Kategorie von Klassikern bildeten Werke der deutschen klassischen Philosophie, die im Fach Geschichte der Philosophie gelehrt und studiert wurden. Einen dritten Pol im philosophischen Kanon repräsentierten die Disziplinen Logik, Erkenntnistheorie und philosophische Fragen der Naturwissenschaften.

Die Kandidaten für das PhilosophieStudium wurden nach sozialer Herkunft eingeordnet (Kinder von Produktionsarbeitern, Arbeiter und Bauernkinder, Angehörige der Intelligenz) und ihre PraxisErfahrungen berücksichtigt. Weiter waren Schullaufbahn und die Motivation, Philosophie zu studieren, von Wichtigkeit. Eine entscheidende Rolle spielten dabei politische Gründe, erkenntnistheoretische weniger. Nach dem Studium bekam man als Philosoph ohne weiteres eine Arbeitsstelle zugewiesen. Die Philosophen, die sich auf den höheren Ebenen der philosophischen Hierarchien positionierten, übten eine Kontroll und Entscheidungsmacht aus, die sich jedoch auf das philosophische Feld beschränkte. Neben dem Zugang zu Westliteratur war die Reiseerlaubnis das höchste Privileg. Dies ging jedoch nicht immer mit einer Leitungsfunktion auf wissenschaftlicher Ebene einher. Entscheidend war vielmehr das politische Kriterium der Zuverlässigkeit.

Das „Zentralinstitut für Philosophie der Akademie der Wissenschaften“ wurde 1969 neu gegründet und zu einem von der Universitätslehre abgetrennten Forschungs und Publikationsinstitut mit Promotionsrecht sowie der Befugnis, wissenschaftliche Mitarbeiter zu Professoren zu benennen. Eingeführt wurden die Bereiche Dialektischer und Historischer Materialismus, Geschichte der Philosophie und Kritik der gegenwärtigen bürgerlichen Philosophie, Soziologische und Philosophische Probleme der Kybernetik und ab 1978 ein Bereich Editionen.

Unter den Philosophen war eine Anstellung beim Zentralinstitut begehrt. Damit konnte man der stark verschulten Lehre entgehen. Umgekehrt gab es keinen großen Druck, etwas zu publizieren. Man beschäftigte sich mit Themen, von denen man wusste, dass sie von den wissenschaftlichen Räten auch angenommen wurden. So kann man von einem System der Zensur und Selbstzensur durch Kontrolle, Verteidigung und Zentralisierung der Philosophie reden, obwohl Zensur in der DDR per Verfassung verboten war. Diese Praxis funktionierte so: Ein Text mit normalerweise kollektiver Autorschaft zirkulierte während des Schreibens unter den Autoren. Er wurde dann vom Projektleiter, Bereichsleiter und Institutsdirektor mehrmals lektoriert und begutachtet. Danach ging der Text an den Verlag, und dieser beschloss die Publikation in Absprache mit der Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel beim Ministerium für Kultur. Leiterin der dortigen Abteilung für Wissenschaftliche und Fachliteratur war Rosi Buhr, die Frau von Manfred Buhr, dem Direktor des Institus. Damit war die Zensur praktisch ein Familiengeschäft.

Die Verfahrensregeln wurden nirgends schriftlich fixiert, aber es gab, so Herzberg zu der Autorin, „bestimmte Spielregeln, die jeder kennen musste: Marx durfte nicht kritisiert, Lenin musste als dessen Fortsetzer fast wie eine ewige Wahrheit zitiert werden, bürgerliche Philosophen konnten nicht zustimmend kritisiert oder wegen ihren Gedanken gelobt, und auch die Marxisten, die in Schwierigkeiten gekommen waren wie Wolfgang Harich oder der Chemiker Robert Havemann oder Peter Ruben, sie durften nicht mehr erwähnt werden“.

Diese 1969 fixierten akademischen Strukturen blieben bis 1989 im wesentlichen unverändert. Erst nach dem Rücktritt des gesamten Politbüros der SED am 8. November 1989 entstand an der Akademie der Wissenschaften eine Reformbewegung. Früher ausgeschlossene Mitarbeiter wie Robert Havemann oder Ernst Bloch wurden rehabilitiert, und diejenigen Paragraphen der Statuten, die die führende Rolle des MarxismusLeninis¬mus festschrieben, wurden gestrichen. Im Februar 1990 konstituierte sich ein neuer Wissenschaftlicher Rat für Philosophie unter dem Vorstand von Hermann Klenner, wobei Manfred Buhr als Direktor bestätigt wurde (beide waren bereits unter Honecker maßgebende Philosophen der DDR). Als neue Projekte wurden „Reflexion über DDRPhilosophie als Instrument der Partei“, „Stalinismus“ sowie „Lösung sozialer Konflikte in OstEuropa und die Rolle sozialdemokratischen Denkens“ beschlossen. Maffeis zufolge mischte das neue Gesamtforschungskonzept altes und neues Philosophieverständnis und zeitigte weder eine relative Autonomie von der Politik noch eine vollständige Anpassung an den westlichen Kanon. So wurde die Aufgabe des Instituts als „Bewahrung des Erbes der deutschen und europäischen Philosophie“ definiert. Die Philosophie sollte nun eine wissenschaftliche Grundlagendisziplin im Sinne von Aristoteles, Leibniz, Kant und Hegel werden, und die Werke von Marx sollten in diese geisteswissenschaftliche Tradition eingeordnet werden. Dabei sollten die Prinzipien des „Anspruchs der Vernunft“ und der Internationalität verfolgt werden. Am 7. Mai 1990 wurde Peter Ruben durch Abstimmung des wissenschaftlichen Rates zum Institutsdirektor gewählt. Er koordinierte im Sommer 1990 die Abwicklung des Philosophieinstituts. Zu diesem Zeitpunkt hatten schon 42 der 155 angestellten Personen das Institut „freiwillig“ verlassen.

An den Universitäten verliefen die Reformbewegung und die Anpassung an das westliche universitäre Modell anders als an der Akademie. Noch auf der 10. Tagung des ZK der SED im November 1989 dachte man über die Erneuerung des Grundlagenstu¬diums für MarxismusLeninismus nach. Doch bereits wenige Tage später wurde dieses aufgrund von Protesten der Studenten abgeschafft und in ein „studium generale“ umgewandelt. Damals waren etwa noch 150 Professoren für Philosophie tätig. Doch von den DDRPhilosophen konnten nur vier akademisch „überleben“: HansChristoph Rauh in Greifswald und Berlin, HansMartin Gerlach in Mainz, Steffen Dietzsch in Berlin sowie Hans Peter Krüger in Potsdam. Man holte nun als Ersatz Professoren aus dem Westen, doch, so berichtet Herzberg der Autorin, „die Studenten wollten von den Neuen überhaupt nichts wissen. Ich bin auch vom Senat nach OstBerlin geschickt worden, um dort eine Vorlesungsreihe zu halten, keiner ist gekommen. Die Studenten sind weiter zu ihren alten Lehrern gegangen, deren marxistische Auffassung war ihnen vertrauter. Es hat an den Instituten einen langen Kampf gegeben, bis man die belasteten und unfähigen Leute wirklich rausgeworfen hat. Nicht wenige haben sich dann über die Arbeitsgerichte wieder eingeklagt, das hat die Erneuerung über weitere Jahre verzögert“.





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