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Differenz: Heinz Kleger plädiert für die Integration von Differenz


Heinz Kleger plädiert für die Integration von Differenz und sieht dabei die Stadt als Zentrum

Hinsichtlich des Umganges mit Differenz gibt es zwei unterschiedliche Strategien. Beide sind gescheitert:

 Das Konzept der Anerkennung von Differenz betont die Authentizität jedes Individuums in seiner kulturellen Charakteristik und seiner besonderen Identität. Es wird nicht erwartet, dass Individuen in multikulturellen Gesellschaften ihre Identität ändern, vielmehr hat der Staat die Aufgabe, diese Sonderidentität zu fördern. Das Anderssein wird zum ethischen Primat erhoben, womit die Überzeugung einhergeht, dass in einer multikulturellen Gesellschaft soziale Konflikte nicht der kulturellen Heterogenität entspringen, sondern dem Fehlen von Möglichkeiten, die individuelle Differenz oder die Gruppendifferenz auszuleben. Die Anerkennung der Differenz sollte den kulturellen Minderheiten den Respekt der Mehrheit sowie ein Sicherheitsgefühl verschaffen, auf dessen Basis sie zu Bürgern der multikulturellen Gesellschaft werden.

 Im Konzept der Assimilierung von Differenz wird die Differenz als Bedrohung für die Stabilität der Gesellschaft angesehen, weshalb ihre Nivellierung bewusst durch sprachliche und schulpolitische Vereinheitlichung betrieben wird. Die Assimilierung der Differenz wird konsequenterweise als einzige Lösung für Stabilität und sozialen Frieden gesehen.

Der aus Zürich stammende und in Potsdam lehrende Heinz Kleger plädiert demgegenüber in seinem Beitrag

Kleger, H.: Politik der Toleranz – Integration von Differenz, in: Zurbuchen, Simone (Hrsg.): Bürgerschaft und Migration. Einwanderung und Einbürgerung aus ethischpolitischer Perspektive. 313 S., kt., € 25.90, 2007, Region – Nation –Europa, Band 49, Lit, Münster

für einen Mittelweg, für die Integration von Differenz mittels der Strategie einer Politik der Toleranz. Was aber heißt Integration? Kleger versucht es mit einer negativen Bestimmung: Integration ist das Gegenteil von Verlassenheit von großen Gruppen oder großen Regionen. Hannah Arendt hat eine solche Verlassenheit als politisch gefährlich eingeschätzt: Solche Gruppen können ideologisch leicht verführt und mobilisiert werden. Auf jeden Fall ist Integration ein Prozess, der nicht einseitig verläuft und insofern als das Ergebnis der Interaktionen zwischen verschiedenen Gruppen zu verstehen ist.

Nun sind moderne Gesellschaften auch liberale Gesellschaften, bei denen die größtmögliche Freiheit im Zentrum steht. Deshalb gehört auch ein bestimmtes Maß an gesellschaftlicher Desintegration zu einer modernen Gesellschaft. Und gerade die moderne Stadt mit ihrem Versprechen der Urbanität ist der idealtypische Ort unvollständiger Integration. „Aufstände gegen den Liberalismus sind fast immer mit einem tiefen Hass auf die Stadt verbunden, mit einem Hass auf alles, was zur urbanen Zivilisation gehört“ (Buruma/Margalit, Merkur, 56/5), und deshalb sollen die Säulen der überheblichen Stadt zum Einsturz gebracht werden.

Die größtmögliche Freiheit des Liberalismus und die Disposition zur Toleranz gehören











Heinz Kleger


zusammen. Es gibt das eine nicht ohne das andere. Zur Entwicklung einer differenzierten Gesellschaft gehört deshalb, dass sie eine liberale Neutralität verkörpert, die Differenzen gegenüber blind ist. Differenzblindheit wirkt antidiskriminierend.

Man hat heute aber eingesehen, dass man den Integrationsaufgaben mit Hilfe von Differenzblindheit nicht gerecht wird. Man ist herausgefordert, sie in Richtung einer öffentlichen Integration von Differenzen zu erweitern. Deshalb steht man vor der unmöglichen Aufgabe, Differenzen zu integrieren, bevor man lernt, Differenzen zu übersehen. Hinzu kommt erschwerend, dass Toleranz kein Königsweg zur Harmonie ist. Im Gegenteil: Indem Gruppendifferenzen integriert werden, befähigt man sie zum Konflikt. Die eigentliche Bewährungsprobe der Integration von Differenz besteht für Kleger deshalb darin, wieviel das System der Toleranz aushält und gleichzeitig politischkonstruktiv zustande bringt. Dabei ist das einigende Band der Verträglichkeit nie exakt umschreibbar. Es bleibt ein Streitfeld: Toleranz ist keine harmonisierende Selbsttäuschung, sie ist vielmehr Anstrengung zum Aufbau und Erhalt von ziviler Komplexität. Für Kleger findet diese Inte¬gration auf drei verschiedenen Ebenen mit unterschiedlichen Instrumentarien statt:

Auf der Ebene des Nationalstaates wird den nichtassoziierten Bürgern ein berechtigter Platz in der demokratischen Gesellschaft eingeräumt. Der Staat wiederum ist zuständig für das Spannungsfeld zwischen der Freiheit der Individuen und ihrer Sicherheit: Er muss jedem Bewohner den elementaren Schutz von Leib und Leben gewährleisten und darf weder „national befreite Zonen“ noch Angsträume oder Schweigemauern akzeptieren. Die zweite Ebene der Integration ist die Urbanität. Sie ist grundlegend, da Bürgergesellschaft und Identifikation primär lokal verankert sind. Desintegration gehört zur urbanen Normalität der modernen grossen Stadt. Attraktive Städte öffnen per se partizipative Integrationschancen innerhalb einer noch nicht zusammengefügten Einheit. Sie haben Baustellencharakter: Man ist aufgefordert mitzuarbeiten, fühlt sich herausgefordert, gewinnt oder verliert. Das macht Städte, die auf Vielfalt setzen, vital, was allerdings eine Tugend der urbanen Toleranz voraussetzt, welche „die Individualität des anderen auch dann respektiert, wenn keine Hoffnung besteht, sie zu verstehen“ (Bahrdt). Die dritte Ebene ist die EU, genauer die Euroregionen und europäischen Städtenetzwerke. Hier wächst Europa zusammen.



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