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Gernot Kamecke :
Alain Badiou

aus Heft 5/2012, S. 44-52

Alain Badiou ist der einflussreichste lebende Philosoph Frankreichs. In Deutschland vor allem als politischer Denker bekannt und aufgrund seiner vermeintlich linksradikalen Position umstritten, ist Badiou international, in der französisch-, englisch- und spanischsprachigen Welt als einer der wichtigsten zeitgenössischen Philosophen überhaupt anerkannt.

Badiou, 1937 geboren, ist Absolvent der renommierten Ecole normale supérieure in Paris und lehrte ebendort bis zu seiner Emeritierung 2003 als Professor für Philosophie. Er ist Gründer der Organisation politique sowie des Collège International de Philosophie und ging zudem als Romancier und Theaterautor hervor. Die biographischen Elemente, deren Bedeutung der Autor als „kriminologische Einträge“ geringschätzt und für seine Person zum Großteil als private „Vignetten“ verborgen halten möchte (vgl. „Geständnis eines Philosophen“, in: Ethik, 2003, S. 121-145), lassen sich auf diese wenigen Punkte beschränken. Mehr gilt dem Philosophen der Stil des Denkens, den er geprägt hat. In einer besonderen Verknüpfung von Ontologie und mathematischer Logik – sowie auf der Grundlage nur sehr weniger moderner Autoren (Descartes, Leibniz, Kant, Hegel, Cavaillès, Althusser) – schreibt Badiou den alten, von Platon begründeten Diskurs einer Apologie der „Philosophie als solcher“ fort.

Badiou ist ein Philosoph, der die Philosophie mit allen Mitteln als ein Denken im Absoluten verteidigt. Seinen beiden Hauptwerken L’être et l’événement (1988) und L’être et l’événement II. Logiques des mondes (2006) lässt er jeweils ein ‚Manifest’ folgen – Manifeste pour la philosophie (1989) und Second manifeste pour la philosophie (2006) –, in denen er sich und seine Leser in der Rekapitulation der jeweils erfolgten Schritte noch einmal versichert, „dass die Philosophie existiert“. Damit bezieht Badiou Stellung gegen die Annahme vom ‚Ende der Philosophie’, die im zeitgenössischen, postmodernen Denken verschiedene Formen angenommen hat. Das philosophische Denken kann in den benachbarten Diskursen des politischen, poetischen oder psychoanalytischen Denkens nicht aufgehen, sondern besteht als eigenständiger, autonomer Diskurs. Dieser Diskurs ist weder formalisierbar noch institutionalisierbar und bleibt von äußeren nicht-philosophischen Ereignissen abhängig. Aber zugleich ist er grundlegend für jede Form des Denkens überhaupt. Das Denken ist, so behauptet Badiou mit dem Vorsokratiker Parmenides, das Sein als solches: „Das Selbe sind Denken und Sein“ (Parmenides: Über die Natur, 8. Fragment).

Die apologetische Existenzbehauptung der Philosophie geht mit der Begründung einer philosophischen Entscheidung für die Ontologie einher. Badious gesamtes Gedanken- und Konzeptgebäude beruht im Fundament auf einer „Idee des Seins als Sein“ (idée de l’être-en-tant-qu’être), die ganz explizit in einer altgriechischen Tradition verortet wird, nämlich der Konjunktion aus der ionischen Naturphilosophie sowie der eleatischen Symbol- und Harmonielehre in der platonischen Ontologie. Badiou verteidigt Platon als den eigentlichen, bis heute fortwirkenden Begründer des philosophischen Denkens. Platons Ideenlehre ist der Hauptgegenstand seiner Auseinandersetzung mit allen philosophischen Autoren und insbesondere mit seinen größten Gegnern im 20. Jahrhundert: Heidegger, „den letzten Philosophen, der universell erkennbar ist“ bzw. Wittgenstein, „den größten der sophistischen Anti-Philosophen“. Mit Platon wendet sich Badiou auch der grundlegenden Frage nach dem genuinen, welterschaffenden und vor jeder Sprache liegenden Verhältnis zwischen Konsistenz und Inkonsistenz zu. Ideenlehre heißt bei Badiou die Beschreibung der Möglichkeitsbedingungen, wie Inkonsistentes, das nicht ist, konsistent werden, also als Denkbares existieren kann. Die Idee selbst ist wie bei Platon „das Vorkommen des Denkbaren zum Sein“ (SE: Das Sein und das Ereignis, 2005, S. 53).


Nun erfordert die Beibehaltung der altgriechischen Ontologie unter den Bedingungen der modernen Philosophie eine metatheoretische Fundierung, die im Übergang von der Inkonsistenz zur Konsistenz in der Lage ist, neben dem konsistenten Seienden auch inkonsistentes Nichtseiendes auf je spezifische Weise so zu beschreiben, dass der genannte Übergang theoretisch denkbar wird. Hierfür ist es auch notwendig, Antworten auf die zwei Grundfragen der klassischen Ontologie zu geben, die bei Platon (Parmenides 160b-166c) als vermeintlich unlösbare Aporien der Philosophiegeschichte hinterlassen wurden:

1) „Warum ist eher Seiendes als Nichts?“ Badiou antwortet: Seiendes erzwingt der Mensch, indem er denkt. Und Nichtseiendes ‚inexistiert’ auf besondere Weise, nämlich im Modus der Subtraktion, wodurch es potentiell, durch eine Entscheidung, die mächtig genug ist, zum Sein kommen kann.

2) „Ist das Sein Eines oder Vieles?“ Darauf antwortet Badiou: Das Sein ist auf unvordenkliche Weise beides: die Präsentation des Seins als solchen ist unendliche Mannigfaltigkeit, die ihrerseits aus unendlichen Mannigfaltigkeiten besteht, innerhalb welcher ‚Teilmengen’ durch Rechenoperationen „als Eins gezählt“ werden können. Badiou schafft eine moderne Rückversicherung der antiken Gleichsetzung von Ontologie und Harmonielehre durch eine Theorie der Mengenlogik.

Badious Vorschlag zur Aufhebung der ontologischen Aporien, der zugleich antritt, das Konsistenzproblem der Selbstbegründung eines allgemeinen, die Spezialdisziplinen umfassenden philosophischen Diskurses zu lösen, beruht auf dem konzeptuellen Gerüst einer jungen wissenschaftlichen Disziplin, nämlich der im frühen 20. Jahrhundert entwickelten axiomatischen Mengenlehre. Die Entdeckung der Tragweite der mengentheoretischen Axiome für die Philosophie, die Badiou nach vielen tastenden Versuchen der Kritik an den verschiedenen Formen des historischen Materialismus und der epistemologischen Konfrontation von Theorie und Praxis in den 1980er Jahren gemacht hat, kann selbst als ein auslösendes ‚Ereignis’ für seine Philosophie gelten. Die im Prinzip sehr einfache, auf einer Prädikatenlogik erster Stufe beruhende Symbolsprache der zehn Sätze der Zermelo-Fraenkel-Axiomatik (ZFC) von 1930 ist für Badiou „die größte Denkanstrengung, die bis auf den heutigen Tag jemals von der Menschheit vollbracht worden ist“ (SE, 536). Sie erweist sich als eine adäquate Sprache für die ‚Abbildung‘ einer Grundlegung des philosophischen Denkens, insofern sie dem ontologischen Fundament – zur Beschreibung der Inkonsistenz, des Nichts und der Subtraktion – eine Theorie der Leere zur Verfügung stellt und innerhalb der Phänomenologie der Erscheinungen, die in Logiken der Welten systematisch aufgefaltet wird, zugleich eine logisch konstruierbare Differenzierung von Mengen- und Unendlichkeitsverhältnissen ermöglicht.

Die technische Bedeutung der zehn Axiome ist grob gefasst die folgende: Ausgehend von einem (nicht fundierbaren) Grundbegriff der „Menge“, in der absolut Beliebiges vorkommen bzw. „sich präsentieren“ kann, werden zwei grundlegende Behauptungen, die sich auf die Existenz der Leere und die Existenz von differenzierbaren Unendlichkeiten beziehen („Axiom der leeren Menge“ und „Unendlichkeitsaxiom“), mit einem ontologischen Theorem verbunden, welches dem Sein das Primat vor der Sprache zuweist („Trennungsaxiom“). Hieran anknüpfend, lassen sich durch die Axiome der „Ersetzung“, der „Extensionalität“, der „Vereinigung“, der „Paarmenge“ sowie der „Potenzmenge“ die Verhältnisse und internen Verflechtungen zwischen beliebigen Situationen, die Verzweigung von Elementen, die Differenzierung zwischen gleichen und ungleichen Teilen, interne Größenverhältnisse sowie die Struktur der „Repräsentation“ durch mächtigere Mengen bestimmen. Das „Fundierungsaxiom“ setzt sodann eine unvordenkliche Grenze der Situationsbestimmungen, indem es für jede Menge die Existenz eines ersten ungeteilten Elements behauptet und das Verbot der Zugehörigkeit einer Menge zu sich selbst ausspricht. Das „Auswahlaxiom“ schließlich bildet das formale Schema für die subjektkonstituierenden Konzepte der realen, außermathematischen (zu Beginn noch nicht logisch beschreibbaren) Eingriffe in eine Situation.

Badiou betont die Notwendigkeit der mathematischen Terminologie sowohl für die Ontologie als auch die Phänomenologie. Die mengentheoretische Axiomatik, in der sich alle (bis heute bekannten) Aussagen der Mathematik formulieren lassen, liefert keine „Metaphern“ für die Philosophie, sondern stellt die einzigartige, von den Ungenauigkeiten der Alltagssprachen unabhängige Metasprache dar, die in der Lage ist, unter Beibehaltung eines strengen Wahrheitsbegriffs sowohl die mannigfaltigen Beziehungen von Sein und Nichtsein als auch (potentiell) alle Mächtigkeitsrelationen unendlicher Mengen und Teilmengen in den phänomenalen Konstellationen existierender Welten zum Ausdruck zu bringen. Die Mengenlehre dient in ihrer metatheoretischen Bezüglichkeit zu den übrigen Bereichen der Logik nicht nur als ein besonderes Anschauungsobjekt für die Ereignishaftigkeit der Wissenschaftsgeschichte, die sich anhand von Namen wie Cantor, Zermelo, Russell, Cohen oder Woodin nachzeichnen lässt. Sie bildet auch ein Ordnungssystem für die Hierarchie der philosophischen Disziplinen, in der die technischen Sätze der Mathematik mit der Ontologie verschmelzen, und für das Verhältnis der Philosophie zu den außerphilosophischen Ebenen der „Welt“ bzw. des „Lebens“, in denen sich „subjektive Wahrheiten“ ereignen. Diese Ebenen lassen sich laut Badiou in genau vier Bereiche unterteilen: die Politik, die Kunst, die Wissenschaft und die Liebe.

Nun ist es für das Verständnis von Badious Philosophie unumgänglich, sich bis zu einem gewissen Grad mit mathematischen Problemen auseinanderzusetzen. Alle tragenden Begriffe des Badiouschen Konzeptgefüges sind zwar aufgrund ihrer allgemeinen Verwendung intuitiv verständlich, haben aber zugleich auch eine technische Bedeutung, die aus den Axiomen der Mengenlehre heraus entwickelt wird. Dies gilt für die ontologischen Grundbegriffe – das Sein (Präsentation), das Nichts (Leere), die Mannigfaltigkeit (Menge), die Größe (Mächtigkeit), das Zum-Sein-Kommen (Fundierung) – ebenso wie für die Begriffe der Phänomenologie (Objekt, Gattung, Welt, Zugehörigkeit, Geltung, Intensität, Operation, Organisation usw.) sowie der autokonstitutiven Beschreibung der philosophischen und außerphilosophischen Denkprozesse: Bedingung, Benennung, Auswahl, Erzwingung, Ermittlung, Entscheidung usf. Mit dem Versuch einer „großen Didaktik“ werden in den beiden Hauptwerken sowohl die mathematischen Zusammenhänge detailliert erklärt als auch die Bezüglichkeit zwischen den technischen und intuitiven Bedeutungen erläutert.

Letzteres ist insofern unausweichlich, als die „genuin philosophischen“ Konzepte Badious – das Ereignis, das Subjekt und die Wahrheit – an den inkonsistenten Grenzlinien des Denkens entwickelt werden, wo die Mathematik auf bestimmte logische Unmöglichkeiten trifft. Problematisch nicht nur für die deutsche Badiou-Rezeption ist, dass keines der Werke, die in die praktischen Anwendungsbereiche der verschiedenen „Wahrheitsereignisse“ und „subjektiven Prozeduren“ führen, wie die kleineren Schriften zur Ethik, zur Politik, zur Literatur und zur Kunst, ohne die systematischen Fundamente von Das Sein und das Ereignis wirklich verständlich ist.

Auf die Gefahr der Verkürzung und des Präzisionsverlusts – der Autor benötigt für die technische Darstellung der Durchgänge durch die Ontologie und die Phänomenologie jeweils annähernd 600 Seiten – lässt sich das Zusammenspiel der badiouschen Begriffe auf anschauliche Weise folgendermaßen darstellen: Beinahe alles, was existiert, entfaltet sich in einem Geflecht sogenannter „natürlicher Situationen“, deren Abfolge und strukturale Gesetzmäßigkeiten ontologisch, in Bezug auf ihr Sein, mittels der mathematischen Mengenlogik beschreibbar sind und metaontologisch als das „Denken“ der jeweiligen Situation selbst gefasst werden. Zu diesen natürlichen Situationen gehören die physikalischen und biologischen Bedingungen des menschlichen Lebens, deren (topologische) Koordinaten bestimmte Extensionen der Dauer oder der Bewegungsgeschwindigkeit im Raum darstellen, sowie alle strukturalen, in einer bestimmten historischen Epoche als gegeben und normal angesehenen Formen des sozialen, politischen oder gemeinschaftlichen Zusammenlebens der Menschen: das Recht, die Staatsformen, die sozialen Hierarchien, die religiösen und rituellen Institutionen, herrschende ästhetische Überzeugungen, Gesetze der Kommunikation und der (inter-)kulturellen Begegnung, Regeln des Fortpflanzungsverhaltens und des familiären Zusammenlebens etc.

Solange es sich um normale, abzählbare oder strukturierbare Situationen handelt, sind diese berechenbar und lassen sich auf natürliche Weise als „präsentierte Elemente einer Situation“, das heißt als Gegenstand des Wissens bzw. der „Enzyklopädie“ darstellen. Das unendliche Wissen, das sich in diesen Bereichen des Denkens und Handelns faktisch anhäufen lässt, unterliegt Korrektiven der „Gültigkeit“ oder „herrschenden Meinung“, ohne dass hier für Badiou die ereignisabhängige Wahrheit ins Spiel kommt. Sobald jedoch der normale Verlauf der mannigfaltigen Konstellationen in bestimmten historischen Sequenzen durch unnatürliche bzw. „ereignishafte“ Situationen unterbrochen und in Frage gestellt wird, bricht das Denken „aus sich selbst heraus“ in das bestehende Wissen ein und verändert dessen Parameter. Dies sind die Ereignisse, deren strukturell unbestimmbare „Stätten“ in der Situation liegen, aber aufgrund der „Ununterscheidbarkeit“ ihrer Elemente für die Situation selbst unerkannt bleiben und nicht „zur Präsentation kommen“. Konsistent (bzw. denkbar) werden diese Ereignisse erst, wenn ihre Präsentation – im Sinne eines mathematischen Forcings – „erzwungen“ wird. Dies sind in der Philosophie Badious die Aufgabe und das Ziel der sogenannten „Treueprozeduren“, durch die sich die Subjekte konstituieren, welche im Prozess ihrer Konstitution, sofern ihr Eingriff „mächtig“ genug ist, (gleich den Elementen einer zuvor undenkbaren Menge) die Komponenten einer lokal „sich Geltung verschaffenden“ Wahrheit ergeben.

Die gewöhnungsbedürftige Form der mengenlogischen Fundierung philosophischer Aussageabfolgen ist gerade an den Stellen besonders schwierig, wo die Begriffe des Subjekts und der „generischen“ (d. h. strukturell ununterscheidbaren) Treueprozeduren aus den ereignishaften Bereichen der Welt und des Lebens – also bestimmten krisenhaften Situationen der Politik, der Kunst, der Wissenschaft und der Liebe – auf den philosophischen (metaontologischen) Diskurs einwirken und diesen bestimmen. Das in der Badiou-Kritik häufig missverstandene Verhältnis zwischen der Phänomenologie realer Ereignisse und der strengen Konzeptsprache beruht jedoch auf einer notwendigen Relation von Theorie und Praxis (bzw. von theoretischem und praktischem „Denken“). Ereignisse, die in „historischen Situationen“ Größen- bzw. Mächtigkeitsverhältnisse verändern, haben bei Badiou insofern Auswirkungen auch auf die Metasprache, als die Rechenoperationen der mengentheoretischen Axiome durch Eingriffe in die realen Bedingungen des (mathematischen) Denkens korrigiert werden. Umgekehrt kann sich die in ihrer praktischen Verwendung stets präzisier werdende Metasprache – die Behauptung gilt bis zum Nachweis des Gegenteils – den Umgebungen der in allen strukturalen Mannigfaltigkeiten rar gesäten Ereignisstätten auf präzisere Weise „annähern“, als es überhaupt einer Sprache gegeben ist.

Anhand von konkreten Beispielen sucht Badiou in seinen kleineren, die Hauptwerke begleitenden Büchern, die „Angemessenheit“ seiner Sprache für die Beschreibung von ereignishaften Situationen und ihren entsprechenden, jenseits der Philosophie befindlichen Bedingungen praktisch nachzuweisen. Der Nachweis gilt der (allgemeinverständlichen) These, dass Ereignisse, die einer Wahrheit entsprechen, immer radikale Neuerungen sind, welche aus dem Nichts in messbare Strukturen einbrechen und die Veränderung bestehender Gewissheiten und somit neue Wege des Denkens erzwingen. Diese Ereignisse sind „selten“ und beruhen auf zuvor undenkbaren Erschütterungen des normalen Laufs der Dinge. In der Politik sind es die Revolutionen, deren Wahrheit dadurch zum Ausdruck kommt, dass sie die Gewalt staatlicher Herrschaft zu bannen vermögen. In der Wissenschaft sind es die Ideen der Theorie sowie die großen Entdeckungen, die das Bild von der Natur und der Geschichte der Menschen verändern. In der Kunst sind es die großen Schöpfungen epochemachender Werke, die unhintergehbaren Errungenschaften der Literatur, der Malerei und der Musik. In der Liebe ist das Ereignis eine „Begegnung“ von Individuen, die sich privativ für die gemeinsame Welt „einer Zwei“ entscheiden.

Die meisten Ereignisse sind dadurch erkennbar, dass sie mit Eigennamen verknüpft sind, welche die Urheber eines bestimmten Denkens oder Handelns oder eine Konfiguration von Werken bezeichnen, zu denen sich die Subjekte in der Folge (mehr oder weniger treu) verhalten. Die Namen sind bei Badiou – ähnlich wie in der analytischen Philosophie bei Frege, Russell und Quine – Gegenstand einer ontologischen Frage nach dem Verhältnis zwischen singulären Termini bzw. „einzigartigen Signifikanten“ und ihren Referenten, die ohne (schöpferische) Übereinkunft unbestimmbar sind bzw. auf deren Seinsweise die Namen nur appellativ hinweisen können. Zugleich bewahrheiten sich die Subjekte, die bei Badiou – ähnlich wie im Strukturalismus bei Saussure, Lévi-Strauss und Lacan – gemäß formaler Schemata als „endliche Menge von Ermittlungen“ bzw. als „endliche Teile einer Wahrheit“ beschreibbar sind, ihrerseits durch die Herstellung bzw. Verteidigung von Bedeutungen bestimmter Namen, die für sie „Namensereignisse“ sind.

Beispielhaft nennt Badiou im Bereich der Politik die Namen Platon, Spartakus, Rousseau und Marx, in deren Folge die Ideen der gerechten Polis, der organisierten Befreiung von der Leibeigenschaft, der Souveränität des Volkes per Gesellschaftsvertrag oder der kommunistischen Hypothese einer klassenlosen Weltgemeinschaft fortgeschrieben werden. In der Wissenschaft stehen – neben dem immer wieder angeführten Beispiel der Geschichte der Mengenlehre selbst – die Namen Aristoteles, Kopernikus, Leibniz oder Einstein für die „Revolutionen“ der Metaphysik, des Heliozentrismus, des Infinitesimalkalküls oder der Relativitätstheorie. In der Kunst denkt der Philosoph an Namen, die ihre jeweiligen Gattungen so nachhaltig verändert haben, dass man sich nach ihnen nicht mehr auf die gleiche Weise künstlerisch betätigen kann. Gemäß dem etwas eingeschränkten Kanon Badious sind dies für das Theater etwa Aristophanes, Molière oder Brecht, für die Malerei Raphael, Picasso oder Nicolas de Staël, für die Dichtung Mallarmé, Pessoa, Beckett oder Wallace Stevens, für die Musik Bach, Haydn, Schönberg oder Webern. In der Liebe, der einzigen nicht öffentlichen Treueprozedur, ist es dem einzelnen Subjekt überlassen zu entscheiden, ob die Begegnung mit einer Person X ein Ereignis ausgelöst hat, dessen Wahrheit unter dem Signum einer „Paarmenge“ von nachhaltiger Dauer ist.

Für alle Ereignisse, deren Namen an einem bestimmten Punkt plötzlich auftauchen und Bedeutung annehmen, gilt, dass es sich immer erst nachträglich durch ihre Fortschreibung erweist, ob sie (im Futur II) einen Moment der Wahrheit ausgelöst haben werden. Ohne die Verfolgung der „Effekte“ des Namens bzw. der Punkte innerhalb einer immanenten „Treueprozedur“ würde sich ein solcher Moment wieder im Nichts auflösen. Nun ist die Beschreibung der „Geschichten“ (récits) von den Ereignissen, Subjekten sowie deren Schicksalen und Werdegängen, die Badiou in seinen Büchern Paulus, Ethik, Über Metapolitik, Bedingungen, Handbuch zur Inästhetik, Beckett, Gott ist tot, Das Jahrhundert, Idee des Kommunismus, Wofür steht der Name Sarkozy? und vielen anderen, kleineren Texten über die Liebe, die Politik und die Kunst vornimmt, von einem großen Bemühen um Detailreichtum und Anschaulichkeit geprägt. Es ist das didaktische Anliegen Badious, die Praktikabilität seiner Theorie zu zeigen und den Nachweis zu führen, dass die (potentielle) Wahrheit des subjektiven Denkens und Handelns unabhängig von den elitären Institutionen der Schulphilosophie in den „generischen“ Prozeduren selbst vonstattengeht. Badious Philosophie präsentiert ein Denken, das kein Element aufgrund einer bestimmten „Zugehörigkeit“ ausschließt und mit einer gewissen Vorliebe Mächtigkeiten angreift, die mit der (repräsentativen oder polizeilichen) Gewalt einer Gesellschaft oder eines Staats zusammenhängen.

Ungeachtet der konkreten Ergebnisse zielt die „eigentliche“, hinter diesen Beispielen stets mitgeführte Frage der Philosophie auf das Verhältnis zwischen den subjektiven Wahrheiten der generischen Prozeduren – Politik, Wissenschaft, Kunst, Liebe – und der zeitlosen Wahrheit als solcher (la Vérité elle-même), die Gegenstand des metaontologischen Diskurses ist. Das „Denken als solches“ beruht auf der Aporie einer Inkonsistenz, die nicht unmittelbar aus dem faktischem Wissen der realen Bedingungen zur Konsistenz gezwungen wird und insofern auch keine (moralischen) Vorschriften für praktische Ermittlungen oder Einschätzungen in Bezug auf die konkreten Situationen in der Welt geben kann. Im Gegensatz zur Kraft des konkreten Handelns gibt es bei Badiou keine absolute Idee, kein transzendentales Subjekt und keine Wahrheit aller Wahrheiten (ebenso wenig, wie es die Menge aller Mengen geben kann). Das „gekrümmte“, unmögliche Subjekt der Philosophie selbst erweist sich nur indirekt über die Wirkung, die aus dem Vergleich zwischen den ereignishaften Bedingungen erzielt wird. Die generischen Prozeduren unterscheiden sich durch die Mächtigkeit der Mengen, die zueinander in Bezug stehen, wenn durch die Zählung ununterscheidbarer Elemente eine zuvor unmögliche Entscheidung getroffen wird. Während in der Liebe gewöhnlich nur zwei individuelle Elemente benötigt werden, um die Wahrheit eines Ereignisses für sich zu entscheiden, und in den Bereichen der Wissenschaft sowie der Kunst eine abzählbare Menge einander ablösender Werke und Erfindungen den Prozess der Herausbildung entsprechender Wahrheiten formalisieren kann, erweist sich die Politik als der schwierigste Bereich aller Wahrheitsfindungen.

Die Politik zeichnet sich bei Badiou dadurch aus, dass sich in ihrem Bereich die Wahrheitsfrage aus der Konfrontation von „Grundsituationen“ heraus entscheidet, die absolut (überabzählbar) unendlich sind. Die Politik ist „die einzige Wahrheitsprozedur, die nicht nur in ihrem Ergebnis“, also den zur Sprache gekommenen Elementen ihrer Ereignisstätten, „sondern auch in den lokalen Zusammensetzungen der Subjekte generisch ist“ (Über Metapolitik, 2003, S. 152). In eine anschauliche Sprache übersetzt bedeutet dies, dass die Wahrheit der politischen Entscheidungen, also der subjektiven Eingriffe in das (öffentliche) Sein der Politik, universelle Gültigkeit haben muss. Ein politisches Denken ist nur dann wahr, wenn seine Wahrheit immer für alle auf die gleiche Weise gültig ist. Der „Radikalismus“ des politischen Denkens Badious, der die Namen Rousseau, Marx und Lenin in die historische Sequenz der politischen Wahrheitsfindung einschreibt, findet sich also aus logisch zwingenden Gründen eher in der „Idee des Kommunismus“ wieder als im kapitalistischen Interessensausgleich der parlamentarischen Demokratien.

Zugleich erweist sich aus der Konfrontation der Philosophie mit den Bedingungen historischer Wahrheitsprozesse, dass die Kraft des Denkens sich allein aus den wesentlichen Bedingungen speist, in denen Menschen bestimmte Punkte der Welt verkörpern und sich selbst in bestimmten Situationen entscheidend aufs Spiel setzen. Die Behauptung, dass es sich bei den Bedingungen allein um die vier genannten handelt, legt die mit Platon einsetzende europäische Tradition nahe, ist aber keine absolute Forderung. Sie zeigt allerdings, dass die Philosophie ihren prekären Status verliert, sobald sie sich, wie laut Badiou die zeitgenössischen „nouveaux philosophes“, auf das Feld der Nichtigkeiten begibt oder als Gehilfin der Missionierung und der Verbreitung von Ideologien instrumentalisieren lässt. Die Verteidigung der Philosophie ist bei Badiou ein schwieriger, angreifbarer und in der Tat vehement angegriffener Vorgang, dessen konzeptuelle Reichweite seit Heidegger allerdings seinesgleichen sucht.


UNSER AUTOR:

Gernot Kamecke ist provomierter Romanist und Übersetzer für Philosophie. Er ist Lehrbeauftragter an der Humboldt-Universität zu Berlin und arbeitet als wissenschaftlicher Koordinator am integrierten Graduiertenkolleg des Sonderforschungsbereichs 804 Transzendenz und Gemeinsinn der TU Dresden. 2003 erhielt er den Raymond-Aron-Preis der DVA-Stiftung für die Übersetzung von Badious Hauptwerk Das Sein und das Ereignis.

Bibliographie

1) Die wichtigsten Werke von Alain Badiou in deutscher Sprache:

Manifest für die Philosophie. Wien 1998

Paulus. Die Begründung des Universalismus. München 2002

Ethik. Wien 2003

Über Metapolitik. Zürich/Berlin 2003

Das Sein und das Ereignis. Zürich-Berlin 2005

Das Jahrhundert. Zürich-Berlin 2006

Logiken der Welten. Das Sein und das Ereignis 2. Zürich/Berlin 2010
Bedingungen. Zürich/Berlin 2011

2) Sekundärliteratur

Kamecke, Gernot/Teschke, Henning (Hg.): Ereignis und Institution. Anknüpfungen an Alain Badiou. Tübingen 2008.

Knipp/Jens, Meier/Frank (Hg.): Treue zur Wahrheit. Die Begründung der Philosophie durch Alain Badiou. Münster 2010.





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