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Gesellschaftskritik: Genealogische Kritik als Gesellschaftskritik

 

GESELLSCHAFT

 

Genealogische Kritik als Form von Gesellschaftskritik

 

Genealogische Kritik steht für eine radikale Analyse, die die historischen Wurzeln eines Werts, einer Institution oder einer Praxis freilegt. Sie richtet das Wissen um die Gewordenheit eines Objekts gegen dieses, um es durch einen Hinweis auf seinen Ursprung zu kompromittieren. Im Kontext vieler philosophischer Debatten wird gegen eine solche Kritik der Vorwurf des „genetischen Fehlschlusses“, des ungültigen Schlusses von der Herkunft auf den Wert oder Unwert erhoben. Im Kontext sozialwissenschaftlicher und hi­storischer Diskussionen wird hingegen ohne weiteres unterstellt, dass eine Erforschung von Herkünften und Ursprüngen eine kritische Funktion habe. Aber auch Philosophen wie Raymund Geuss, Alasdair MacIntyre und Bernard Williams teilen die Überzeugung, die Historisierung moralischer Phäno-


mene sei nötig und die Genealogie als kritisches Instrument fruchtbar.

 

Die jüngste Generation der Frankfurter Kritischen Theorie wendet sich wieder vermehrt der Gesellschaftskritik zu und stützt sich dabei vor allem auf die französische Tradition philosophischen Denkens. Martin Saar, Assistent am Philosophischen Seminar der Universität Frankfurt, unternimmt es in seinem Buch

 

Saar, Martin: Genealogie als Kritik. Geschichte und Theorie des Subjekts nach Nietzsche und Foucault. 383 S., kt., € 37.90, 2007, Campus, Frankfurt,

 

die genealogische Kritik anhand ihrer Wurzeln bei Nietzsche und Foucault zu rekonstruieren, mit dem Ziel, diese systematisch zu verteidigen. Er will zeigen, dass diese Kritik auf anspruchsvollen methodologischen und systematischen Prämissen beruht und Funktionen übernimmt, die von anderen Theorien nicht erfüllt werden können.

 

Was ist Genealogie?

 

 An den Texten von Nietzsche und Foucault lässt sich ein Modell von Genealogie in Form kritischer Geschichtsschreibung ablesen. Den meisten Projekten, die sich Foucaultsche Inspirationen zu eigen gemacht haben, ist es selbstverständlich, damit einen kritischen Impuls zu verbinden, der sie mit diesem Modell verbindet. Für sie empfiehlt sich Genealogie als ein distinktes sozialphilosophisches Unternehmen, das ein Höchstmaß an historischem Bewusstsein mit einem hochdifferenzierten machttheoretischen Instrumentarium und einer relativ sparsamen Grundausstattung an Wertmaßstäben verbindet. Genealogie sei besser als andere Kritikformen in der Lage, Phänomene wie unvollkommene Freiheit oder Komplexität mit Herrschaft und unmerklicher Fremdbestimmung zu erfassen. Denn sie durchleuchtet die Bedingung der Möglichkeit von Lebensformen, in denen sich Hetereonomie stabilisiert und in denen sich Macht in Mentalitäten einschreibt. Genealogie ist aber keine Methode im Sinne einer klar definierten Methodologie, die sich beliebig anwenden und darstellen lässt. Die Wirksamkeit der genealogischen Texte liegt vielmehr in ihrer Textualität, ihrer Form. Genealogische Kritik ist eine kritische Praxis, die auf eine spezifische Form des Schreibens und auf lesende Subjekte angewiesen ist, denen sie Eindruck macht.

 

Anhand einer Interpretation einschlägiger Texte von Nietzsche zeigt Saar, worauf der Erfolg von Genealogien beruht. Nietzsches Machtkritik kulminiert in drastisch formulierten Denkbildern, deren existentielle Funktion sich mit der Hilfe eines „genealogischen Imperativs“ erläutern lässt. Durch diese Bilder und Gedankenexperimente werden Leser mit Hypothesen über die Machtgeneriertheit und -imprägniertheit konfrontiert. Es zeigt sich, dass Genealogien historische und genetische Szenarien auf eine besondere Weise mit komplexen subjekt- und machttheoretischen Implikationen präsentieren und sich an ein potentielles Publikum richten, das diese Thesen als mögliche Wahrheiten über sein eigenes Werden begreift und durch eine Kunst der Übertreibung zur existentiellen Stellungnahme herausgefordert werden soll.

 

Nietzsches genealogisches Verfahren

 

Genealogien sind Geschichten, die auf eine bestimmte Weise von der Geschichte erzählen, um bestimmte kritische Effekte zu erzielen. Dies können sie aber nur tun, weil sie eine Reihe von Ansichten darüber voraussetzen, was es heißt, ein Selbst oder ein Subjekt zu sein, wieso Macht und menschliches Handeln einander wechselseitig erläutern und wie sich menschliches Handeln wirkungsvoll so beschreiben lässt, dass es zum Skandal wird. Für Nietzsche ist der Ausgangspunkt des genealogischen Verfahrens die konsequente Historisierung der moralischen Tatsachen, d.h. die Frage nach „Ursprung“, „Herkunft“ und „Quelle der Moral“. Wenn sich plausibel machen lässt, dass weder Form noch Inhalt der Moral schlechthin gegeben sind, sondern sie vielmehr kontingente Endprodukte historischer Prozesse und

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Deutungskämpfe sind, bekommt die Frage nach dem Wert alter und neuer „Tafeln“ (wie im Zarathustra) erst einen Sinn. Philosophisch besteht dieser erste, historisierend- kontextualisierende Schritt in einer radikalen Pluralisierung. Es gibt nicht das eine Moralgesetz, nicht das eine Prinzip und nicht die eine Quelle der Moral. Nietzsche unternimmt vielfältige Anstrengungen, die mit dem Subjektbegriff verbundenen Einheitsvorstellungen zu unterminieren und damit den Weg für eine andere, nämlich differentielle, plurale und nicht-fundierende Beschreibung von Subjektivität zu eröffnen. Ein solches nicht-zentriertes und nicht-transzendentales Bild vom Subjekt bildet den Ausgangspunkt für eine komplexe Beschreibung menschlicher Interaktionen, in denen sich Subjektivität in wert- und sinnhaften Prädikaten allererst bildet, formiert und in denen sie verändert wird. Nietzsches Genealogie der Moral gibt eine solche komplexe Beschreibung, und ein pluralistisches und praxeologisches Subjektverständnis ist eine ihrer zentralen Dimensionen.

 

Eine Prämisse genealogischer Szenarien ist, dass die hypothetischen Urformen von Gesellschaft durch faktische soziale Machtungleichgewichte charakterisiert sind. Nietzsches Vorgehen ist dabei wegweisend: eine (mit einer basalen Machtvorstellung) operierende, funktionale Beschreibung der Genese von Verhaltensweisen unter Bezug auf asym­metrische Machtverhältnisse verbunden mit einer Beschreibung von Wertungsweisen als Effekten der Macht. Der Nachweis der Verflochtenheit von Moral und „realer“ Macht (oder faktischen Unterwerfung) desavouiert den Anspruch der Unparteilichkeit der Moral.

 

Wie Saar zeigt, könnte man einen „Bauplan“ für das Verfassen kritischer Genealogien so formulieren: „Erzähle mir die Geschichte der Genese meines Selbstverständnisses als eine Geschichte der Macht auf eine solche Weise, dass ich beim Zuhören so, wie ich glaubte, unwiderruflich sein zu müssen, nicht mehr sein will, und dass ich beim Zuhören auch begreife, dass ich so nicht sein muss.“ Und der darin enthaltene genealogische Test oder Imperativ lautet: „Mache Dir diese mögliche Wahrheit über Dich, dass Du nur auf der Grundlage der aufgewiesenen Machtstrukturen bist, was Du bist, zu eigen und frage Dich, ob du das erträgst oder ein anderer   (eine andere) werden musst.“ Das Herzstück der genealogischen Beschreibungen sind denn auch Machtgeschichten. Macht ist diejenige Kategorie Nietzsches, die erläutern soll, wie etwas geworden ist; und sie ist dasjenige, woraufhin die reale und fiktive Geschichte befragt wird. Neben dem Begriff Macht gehören die Topoi Subjekt und Geschichte zu den wichtigsten Begriffen der genealogischen Darstellungsweise.

 

Für Saar ist Nietzsche der Erfinder dieses genealogischen Modells von Textanalyse. Ihm folgten aber verschiedene andere Autoren, insbesondere Foucault. Für sie blieb Nietzsche Vorbild, und sie benutzten sein rhetorische Reservoir in mehrfacher Hinsicht. Denn das genealogische Argument verlangt nach einer besonderen Form und Darstellungsweise, ansonsten wirkt es nicht. Erst Geschichten, die auf diese spezifische Weise erzählt sind, machen die in ihnen enthaltenen Enthüllungen von Macht- und Konstruktionsprozessen effektiv. Genealogische Geschichten erzeugen schockhafte, negative Welterschließungen. Es sind Geschichten von aktuellen Werten, Normen-, Handlungs- und Wahrnehmungsmustern, deren Historisierung und Pluralisierung vordringlich ist. Solche erzählten Geschichten zählen aber nur, insoweit sie die unseren sind und uns ausmachen. Bei Nietzsches Genealogie liegt der kritische Kern in der Mobilisierung von Zweifeln und von zersetzender Reflexion auf das eigene Gewordene durch Texte, die vom Werden des Selbst durch Macht erzählen.

 

Foucaults Genealogie

 

Foucault verfeinert das methodische Arsenal der Genealogie Nietzsches. Auch wirft er den Ballast zweifelhafter anthropologischer und psychologischer Annahmen ab. Weiter überführt er die hyperbolisch-narrative Form von Nietzsches Genealogien in eine weit weniger angreifbare, kühlere Form der Darstellung, die ihren Dringlichkeits- und Appellcharakter weitaus versteckter in Szene setzt. Mit diesen methodischen und philosophischen Konkretisierungen ergibt sich eine aktualisierte Version nietzscheanischer Sozialkritik. Auch setzt sich bei Foucault der Begriff der Genealogie für Vorhaben dieser Art durch. Allerdings ist dies beim Foucault der siebziger Jahre keine ausgearbeitete Theorie, sondern Praxis.




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