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Darwinismus-Streit

19. JAHRHUNDERT

 

Der Darwinismus-Streit

 

Heute bedeuten die Begriffe „Darwinismus“ und „biologische Evolutionstheorie“ ein und dasselbe. Das war aber um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert nicht so. Damals schlug Ernst Haeckel vor, mit dem Wort „Darwinismus“ nicht die biologische Evolutionstheorie allgemein, sondern nur Darwins Selektionstheorie zu bezeichnen. Die Evolutionstheorie dagegen sei besser als „Lamarckismus“ zu bezeichnen. Es wurde nun zum Gemeinplatz, zwischen der Abstammungslehre und dem Erklärungsmechanismus zu unterscheiden, den Darwin vorgeschlagen hatte.

 

Die damalige Diskussion wird vorgestellt in dem von K. Bayertz, M. Gerhard und W. Jaeschke herausgegebenen Band

 

Darwinismus-Streit (275 S., kt., € 48.—, 2008, Weltanschauung, Philosophie und Naturwissenschaft im 19. Jahrhundert, Band 2, Meiner Hamburg).

 

Wolfgang Lefèvre zeigt, dass ab 1870 die meisten Biologen nicht nur von der Richtigkeit der Abstimmungslehre überzeugt waren, sondern auch darin übereinstimmten, dass Darwin der entscheidende Verdienst Darwin für ihren Durchbruch zukam. Mit Haeckel waren auch alle der Meinung, dass diese Theorie Darwins spezifischen Beitrag zur Evolutionstheorie darstelle.

 

Um 1900 hatte sich die Situation verändert: Die Anhänger der Selektionstheorie stellten nur noch eine kleine Minderheit unter den Befürwortern der Evolutionstheorie dar, deren baldiges Aussterben man erwartete. Was sie auch trennte: die Biologen (und nicht nur in Deutschland) waren sich darin einig: Evolutionstheorie – ja; Darwinismus – nein. Die Evolutionsauffassungen, die in diesem Streit aufeinander prallten, brachten zugleich allgemeine philosophisch-weltanschauliche Entwicklungsvorstellungen der Zeit zum Ausdruck. Es ging um die Frage, ob es in Natur und Geschichte Entwicklung gibt, vielleicht gar Höherentwicklung und Fortschritt, und wie eine solche Entwicklung gedacht werden kann.

 

Neo-Lamarckismus und Darwinismus

 

Lefèvre vermutet, dass allen Beteiligten lange Zeit nicht klar war, was eigentlich den Kern der Darwinschen Auffassung der biologischen Evolution ausmacht. Dieser Kern wurde erst in einem historischen Klärungsprozess in dem Maße erkennbar, wenn nicht gar formiert, in dem sich deutliche Alternativen zum Darwinismus herausbildeten. Eine dieser Alternativen, die besonders zur Klärung der Eigenart der Darwinschen Evolutionstheorie beitrug, war der Lamarckismus (oder Neo-Lamarckismus). Während die Annahme der Vererbung erworbener Eigenschaften zum Kern der lamarckischen Evolutionstheorie gehörte, stellte sich heraus, dass der Darwinismus ohne sie herauskommen konnte.

 

Neo-Lamarckismus und Darwinismus teilten die Voraussetzung, dass die Evolution der Lebensformen als Ergebnis von Anpassung an die sich im Laufe der Erdgeschichte verändernden Lebensbedingungen zu verstehen sei. Die Lamarckisten sprachen jedoch den veränderten Lebensbedingungen eine indirekte Rolle bei der Entstehung adaptiver organischer Strukturen zu. Sie nahmen an, dass Organismen auf veränderte Bedingungen durch verändertes Verhalten reagieren und dass Gebrauch oder Nichtgebrauch von Organen zu physischen Veränderungen dieser Organe führt wie auch, dass solche Veränderungen ererbt und Schritt für Schritt im Laufe der Generationen zu einer Struktur des betreffenden Lebens führen, die den neuen Lebensbedingungen besser angepasst ist als die alte.

 

Auch für den Darwinismus spielt die Umwelt eine Rolle bei der Herausbildung angepasster organischer Strukturen: Sie ist der Inbegriff der konkreten Bedingungen, unter denen im „Kampf ums Dasein“ Strukturen nach ihrem adaptiven Wert selegiert werden. Die Variationen, die der natürlichen Selektion dargeboten werden, sind aber prinzipiell zufällig. Der Darwinismus verneint, dass die (damals unbekannten) Ursachen der Variationen in irgendeiner Weise mit den Adaptionserfordernissen korreliert seien, die neue Umweltbedingungen beinhalten. Machen Organismen aufgrund veränderter Lebensbedingungen von ihren Organen einen neuartigen Gebrauch (Funktionswechsel), so erhält jede zufällige Variation dieser Organe, die diesen neuen Gebrauch erleichtert oder effektiver macht, einen adaptiven Wert und damit, wenn sie erblich ist, eine höhere Wahrscheinlichkeit der Propagierung in der Abfolge der Generationen. Akkumuliert werden diese Modifikationen allmählich zu einer im Erbgut verankerten Umbildung dieser Organe führen. Damit bedeutete der Darwinismus eine Evolution ohne Sicherheitsnetz und doppelten Boden. Für die meisten Biologen der damaligen Zeit war diese Vorstellung   eine Zumutung.

 

 

 

 

Haeckels „Natürliche Schöpfungsgeschichte“

 

Es gibt kein zweites Buch, welches das anfängliche Darwin-Verständnis so geprägt hat wie Haeckels Natürliche Schöpfungsgeschichte. Darin wird aber die individuelle Variation, die bei Darwin den Ausgangspunkt und das Fundament der ganzen Theorie bildet, marginalisiert – es handelt sich bei Haeckel um die lamarckistische Anpassung durch Gebrauch. Anpassungen, und nicht zufällige individuelle Variationen, stehen im Zentrum der Haeckelschen Evolutionstheorie. Als vergleichender zoologischer Anatom maß Haeckel dem aktiven Verhalten, mit dem Lebewesen auf veränderte Lebensbedingungen agieren, besondere Bedeutung bei. Haeckels „Biogenetisches Grundgesetz“ ist der Versuch, die Gesetzmäßigkeiten der organischen Formbildung mechanisch zu erklären.

 

Bei Darwin bestimmt eine wirre Verzweigung der Entwicklungslinien das Bild und diese verbietet es, eine erdgeschichtlich ältere Form – z.B. die Fische – nur als Vorfahren jüngerer Formen – der Reptilien – anzusehen. Bei Haeckel bestimmen Entwicklungslinien, die von einer linearen Entwicklungsauffassung her konzipiert sind, das Bild. Infolgedessen sprach Haeckel dem Fortschritt den Status eines Naturgesetzes zu und sah dieses durch Darwins Theorie bewiesen. Er bedauerte sogar, dass Darwin Entwicklung und Fortschritt nicht über die Welt der Lebewesen hinaus für die ganze Natur nachgewiesen habe. Diese politisch-weltanschau­liche Orientierung bildete auch das Fundament seiner kompromisslosen Ablehnung aller Formen von „Idealismus“ und „Dualismus“ – Fortschritt musste für ihn rein mechanisch verständlich gemacht werden.

Mit seiner aufsteigenden Entwicklungslinie in der Welt der Lebewesen bewegte sich Haeckel im Mainstream seiner Fachkollegen. Man war der Ansicht, dass Bildung und Bildungssequenzen der organischen Formen von gewissen Gesetzmäßigkeiten regiert werden. Allerdings erschien Haeckels Behauptung, dass man diese progressive Ent-

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 Ernst Haeckel

 

wicklungslinie mit Darwins Selektionstheorie erklären könne, vielen und zunehmend den meisten Biologen als unplausibel. Um 1900 war der Darwinismus in Deutschland gescheitert, aber nicht Darwins Dezendenztheorie (die Theorie, die annimmt, dass sich die Arten im Laufe der Erdgeschichte aus einer oder wenigen Ahnenarten entwickelt haben und dass ein genealogischer Zusammenhang unter ihnen besteht).

 

Michael Weingarten legt in seinem Beitrag dar, dass der entscheidende Ausdruck der natürlichen Auslese nichts anderes bedeutete als „das Überleben derjenigen, die überleben“ (St. J. Gould). Dieser anscheinend zirkuläre Charakter des Theorems vom Überleben des Tauglichsten, das als Kernstück der Theorie Darwins vorgestellt wird, ist ein Problem, von dem aus immer wieder Reformulierungen der Evolutionstheorie vorgenommen wurden. St. J. Gould hat gezeigt, dass dieses Theorem aber nicht so sehr ein Theorem Darwins ist, sondern durch den Darwinismus (im deutschen Raum federführend: Haeckel) eingeführt wurde.

 

Ein anderes von Weingarten angeführtes Problem: Wenn nur die Fittesten, die am besten an die Umwelt Angepassten, überleben, erklärt das noch nicht, warum sich überhaupt Menschen aus nicht-menschlichen Lebewesen entwickelt haben. Der Darwinismus, so lautet der Einwand, kann nicht erklären, warum die Entwicklung von Lebewesen nicht z. B. auf der Stufe von Bakterien stehen geblieben ist. Denn diese demonstrieren uns Menschen doch zu unserem Leidwesen dauernd, dass sie über genügend Variabilität besitzen, um auch den stärksten Einsatz von Gift zu überleben, ohne dass sie sich aber deswegen weiterentwickelt hätten.

 

Haeckels Fortschritts-Konzeption unterscheidet sich im Wesentlichen dadurch von derjenigen Darwins, dass sie eine absolute Wertigkeit impliziert: das „Überleben des Tauglichsten“ ist nicht auf bestimmte Umweltverhältnisse bezogen, sondern meint einen Überlebensvorteil in jedem Kontext.

 

Der Darwinismus und die Theologen

 

Für zahlreiche amerikanische, englische und schottische Theologen stand, wie Jan Rohls ausführt, fest, dass sich Darwins Evolutionstheorie durchaus mit einem christlichen Verständnis der Schöpfung verbinden lässt. Es entstand sowohl in England wie auch in     Amerika ein spezifisch christlicher Darwinismus, der von den beiden miteinander kooperierenden Calvinisten Asa Gray und George Frederick Wright propagiert wurde. Gray, Professor für Naturgeschichte in Harvard, veröffentlichte unter dem Titel Natural Science and Religion eine Synthese von Darwinismus und Calvinismus. Was er an Darwin schätzte, war das Fehlen metaphysischer Spekulation und die Beschränkung auf empirische Forschung. Diese positive Rezeption Darwins war durch dem Umstand begünstigt, dass sowohl Darwin als auch die Theologen einen gemeinsamen theologischen Hintergrund besaßen: Paleys natürliche Theologie mit ihrer Vorstellung, dass die Existenz Gottes als des persönlichen intelligenten Welturhebers aus der zweckmäßigen Struktur der natürlichen Welt bewiesen werden könne. Mit der traditionellen Unterscheidung von Erst- und Zweit- oder Mittelursache glaubten die calvinistischen Theologen, den Mechanismus der Zuchtwahl mit der zweckvollen göttlichen Vorsehung verbinden zu können. Für sie war die natürliche Selektion nur ein Werkzeug der Providenz Gottes.

 

Völlig anders sah die theologische Reaktion auf Darwin und seine Evolutionstheorie dagegen in Deutschland aus. Zwar war Deutschland neben Großbritannien und den USA das einzige Land, in dem Darwins Theorie unmittelbar nach Bekanntwerden eine heftige Reaktion auslöste, aber eine Vereinbarkeit von Darwinismus und Christentum wurde hier von allen Seiten bestritten. Haeckel seinerseits wiederum hielt die religiösen Schöpfungsmythen durch die monistische Weltanschauung, der Darwin den Weg bereitet habe, für überholt. Eine Schöpfung aus dem Nichts hielt er für unvereinbar mit dem obersten Naturgesetz, dass alle Materie ewig sei und aus der Körperwelt nicht ein einziges Atom verschwinden und kein neues hinzukommen könne. Die Vorstellung von Gott als zwecktätigem Weltbaumeister und von der Sonderstellung des Menschen als eines gottähnlichen Wesens sah er durch Darwins Selektionstheorie als überwunden an. Das bedeutet aber nicht, dass Haeckel auf den Gottesbegriff überhaupt verzichtet hätte. Vielmehr ist Gott für ihn das allgemeine Kausalgesetz, damit aber die Notwendigkeit, die Summe aller Kräfte, also auch aller Materie. An die Stelle einer theistischen Gottesvorstellung, die Gott als transzendente intelligente Person betrachtet, rückt Haeckels Monismus so den mit dem Kausalgesetz      identischen und daher der Welt vollkommen immanenten Gott.

 

Von den Theologen nahm der der protestantischen Orthodoxie entfremdete (einstige) Hegelianer David Friedrich Strauss in seinem letzten Werk Der alte und der neue Glaube (1871) zu Darwin und Haeckel positiv Stellung. Strauss verteidigte auch die von Darwin vertretene These von der Abstammung des Menschen. Den Entwicklungsschritt vom Affen zum Menschen bezeichnete Strauß als Menschwerdung des Tieres, und er fragte sich, warum selbst Naturforscher diese Menschwerdung für unglaublicher halten als die Menschwerdung Gottes. Erst Darwins Abstammungslehre habe der spiritualistischen Herausnahme des Menschen aus der Natur ein Ende bereitet, und damit sei die Kluft zwischen Mensch und Tier geschlossen worden, die das den Naturgottheiten feindliche Judentum und das dualistische Christentum aufgerissen hätten.

 

Es gab in der protestantischen Theologie     aber auch den Versuch, der Evolutionslehre Darwins ein begrenztes Recht zuzugestehen. Dazu gehörte der Zürcher Theologe Heinrich Lang, der ausführte, die Religion selbst weise auf die Einheit der beiden unterschiedlichen Sphären von Natur und Geist in Gott hin. Den umfassendsten Versuch, Schöpfungstheologie und Abstammungslehre miteinander zu verbinden, unternahm Rudolf Schmid in seinem Buch Die Darwin´schen Theorien und ihre Stellung zu Moral und Religion. Für Schmid muss eine religiöse Anschauung, wenn sie sich naturwissenschaftlich als Irrtum erweist, aus der Religion entfernt werden. Zwar lehnte er die Weltanschauung Haeckels ab, war aber davon überzeugt, Darwin in keiner Weise zu widersprechen, wenn er den natürlichen Kausalzusammenhang teleologisch und theistisch interpretierte.

 

Die Philosophen

 

Um 1900 war die Abwehr der durch Darwins Evolutionstheorie gestützten rein naturalistischen Weltsicht das Hauptanliegen der deutschen protestantischen Theologie. „Vielleicht“, so stellte Eduard von Hartmann fest, „hat nichts so sehr zum raschen Aufschwung des Darwinismus beigetragen, als der Eifer, mit welchem die Theologie aller Confessionen im Bunde mit der Professorenphilosophie denselben zu bekämpfen sich beeilte“. Wie Dirk Solies darstellt, stand in der Professorenphilosophie von Anfang an der Be­griff der Entwicklung im Zentrum der Debatte. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts wurde diese Auseinandersetzung angesichts der Diskreditierung der idealistischen „Naturphilosophie“ einerseits und der Erfolge der empirischen Lebenswissenschaften andererseits zu einer Existenzfrage der Philosophie selbst. Dabei ging es nicht um fachspezifische Einwände gegen Darwins Theorie, sondern um die weltanschaulichen Implikationen, die je nach Standpunkt emphatisch begrüßt oder mit Entschiedenheit abgelehnt wurden. Der Darwinismus selbst wurde in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle von atheistischen, materialistischen und sozialistischen Positionen vereinnahmt. Die Darwinismus-Debatte setzte den Materialismus-Streit der 50er Jahre fort, und es ist daher nicht verwunderlich, dass die angebliche Nähe zu mechanistischen und materialistischen Positionen einer der umstrittenen Punkte der darwinschen Evolutionstheorie blieb.

 

Die Philosophiehistoriker relativierten das Neue der Theorie Darwins, indem sie ihm philosophische Vorgänger an die Seite stellten. So vertrat Kuno Fischer in seiner Geschichte der neueren Philosophie die Auffassung, die „Idee der Weltentwicklung“ als Grundprinzip der Hegelschen Lehre sei eben jenes Prinzip, das durch Darwin auch in der Naturwissenschaft zum Sieg gelangt sei. Windelband glaubte, das Prinzip des „Überlebens des Zweckmäßigen“ bereits bei Empedokles feststellen zu können. Die größte Herausforderung der Philosophien stellte die Vorstellung dar, dass die nach Gottes Willen geformten Arten das Produkt eines „blinden“ Prozesses seien. Die philosophische Implikation dieser Erkenntnis wurde darin gesehen, dass nicht nur die Dinge in der Natur, sondern die Verstandeskategorien, mit denen wir diese betrachten, derselben Entwicklung unterliegen. In diesem Kontext müssen Solies zufolge auch die im 19. Jahrhundert entstandenen Versuche einer Psychologisierung des Kantischen Apriori gesehen werden. Ludwig Stein ging noch einen Schritt weiter und forderte, „der Evolutionismus“ müsse „ganz und ohne Rest in den Kriticismus hineingebildet werden“.

 

Noch ein anderes Moment wurde von den Philosophen intensiv diskutiert: die Frage, ob individuelle Entwicklung externen Notwendigkeiten folge oder auf eine interne Spontanleistung des Individuums zurückzuführen sei. Einer der populärsten Rezipienten Darwins, E. Dühring, bemerkte, der „tiefere Grund der Beschaffenheit der Gebilde“ sei „in den Lebensbedingungen und kosmischen Verhältnissen zu suchen, während die von Darwin betonte Naturzüchtung erst in zweiter Linie in Frage kommen kann“. Eduard von Hartmann sprach von einem „von innen heraus waltenden Gestaltungstrieb“ der Organismen. Dieser Impetus hielt sich bis zu Nietzsches Notiz: „… der Einfluss der äußeren Umstände ist bei Darwin bis ins Unsinnige überschätzt; das Wesentliche am Lebensprozeß ist gerade die ungeheure gestaltende, von Innen her formschaffende Gewalt, welche die äußeren Umstände ausnützt, ausbeutet…. „.

 

Karl Marx war der Meinung, Darwin habe der Teleologie den „Gnadenstoß“ versetzt. Darwins eigener Sohn Francis hingegen war davon überzeugt, einer der größten Verdien­ste seines Vaters bestehe darin, die Teleologie wieder entdeckt zu haben. Wie Francesca Michelini zeigt, hält diese Konfrontation bis heute an. Im Band Philosophie der Biologie (2005 herausgegeben von U. Krohs und G. Toepfer) liest man, die Evolutionstheorie habe der „Teleologie im Bereich des Lebendigen ein solides Fundament“ geliefert. Dagegen führen andere an, die vom Darwinismus gelieferte Naturerklärung benötige gerade keine Zweckkausalität. Für Michelini beziehen sich die beiden Positionen auf verschiedene Dinge. Diejenigen, die behaupten, sich mit Darwin von jeglicher teleologischer Betrachtung der Natur zu verabschieden, verstehen unter „Teleologie“ ein Konzept von Zweckmäßigkeit, das an einen „Plan“ oder einen „Entwurf“ eines der Natur äußeren Geistes gebunden ist. Wer hingegen in Darwins Werk eine Legitimation der teleologischen Betrachtung sieht, hat eine Zweckmäßigkeit anderer Art vor Augen, die man heute mit „Teleonomie“ bezeichnet: die Präsenz einer Zielgerichtetheit, die auf ein zuvor gesetztes Ziel verzichtet.

 

 




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