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Naturphilosophie: Esfelds Metaphysik der Natur

Esfelds „Metaphysik der Natur“

 

Eine „Metaphysik der Natur“ entwickelt der in Lausanne lehrende, aus Deutschland stammende Philosoph Michael Esfeld in seinem Buch

 

Esfeld, Michael: Naturphilosophie als Metaphysik der Natur. 218 S., kt., € 10.—, 2008, Suhrkamp, Frankfurt

 

In seiner Metaphysik geht es allerdings nicht um etwas, von dem angenommen wird, dass es jenseits der empirischen Welt existiert, etwa ein letztes Prinzip, sondern um eine „kohärente und vollständige Theorie der empirischen Welt selbst.“ „Vollständig“ heißt dabei, dass es nichts gibt, das nicht von den Begriffen dieser Theorie erfasst wird, „kohärent“ heißt, dass die Begriffe, mit denen diese Theorie arbeitet, miteinander zusammenhängen. Metaphysik ist damit der Versuch, die Erkenntnisse, die wir durch die verschiedenen Wissenschaften erlangen, zu einer kohärenten und vollständigen Sicht der Welt einschließlich unserer selbst zusammenzubringen. Metaphysik ist damit weder a priori noch führt sie zu unerschütterlichen Erkenntnissen. Sie ist vielmehr ebenso hypothetisch wie die Wissenschaften.

 

Esfelds Metaphysik beruht auf dem wissenschaftlichen Realismus, der durch die drei Behauptungen charakterisiert ist:

 

¢ Die Existenz und die Beschaffenheit der Welt sind unabhängig von den wissenschaftlichen Theorien.

 

¢ Die Beschaffenheit der Welt legt fest, welche wissenschaftlichen Theorien wahr sind.

¢ Die Wissenschaften sind im Prinzip in der Lage, uns einen kognitiven Zugang zur Beschaffenheit der Welt zu gewähren.

 

Für Esfeld gibt es keine prinzipielle Grenze für die Erkennbarkeit der Welt, und in der Geschichte der Wissenschaften sieht er eine Geschichte des Fortschritts in der Entdeckung der Beschaffenheit der Welt.

 

Esfelds Metaphysik ist des weiteren ein Holismus mit Kohärenz als starkem Pfeiler: Aufgrund von Beobachtungsaussagen, die durch Erfahrung verursacht werden, versuchen wir ein kohärentes System wissenschaftlicher Aussagen zu konstruieren. Kohärenz bedeutet dabei, dass die theoretischen Aussagen sich nicht nur nicht widersprechen, sondern dass ihr begrifflicher Inhalt so eng wie möglich zusammenhängt. Wenn zwei rivalisierende Theorien in ihren experimentellen Voraussagen übereinstimmen, stellt sich die Frage, welche der beiden Theorien sich besser in ein insgesamt kohärentes System unseres Wissens über die Welt einfügt.

 

Esfelds entwickelt mit diesem Instrumentarium eine differenzierte Auseinandersetzung mit den beiden großen physikalischen Theorien des 20. Jahrhunderts, der Relativitätstheorie und der Quantentheorie. Danach legen uns die spezielle und die allgemeine Relativitätstheorie auf die Metaphysik eines vierdimensionalen Blockuniversums fest, dessen Inhalt vierdimensionale Ereignisse und Prozesse bilden. Die These des Blockuniversums besagt, dass die vierdimensionale Raumzeit mit ihrem gesamten Inhalt schlechthin existiert. Existenz ist nicht relativ auf einen Modus der Zeit (Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft), weil es keine globale, objektive zeitliche Ordnung aller Ereignisse im Universum gibt; denn es gibt kein universell bevorzugtes Bezugs- oder Koordinatensystem. Esfeld plädiert dafür, aufgrund der Relativitätstheorie die These der Welt als Blockuniversum so auszuweiten, dass vierdimensionale Ereignisse und Prozesse dessen Inhalt bilden und es somit keine dreidimensionalen Substanzen gibt, die als Ganze eine Zeit lang verharren. Diese These ist mit der

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                                               Michael Esfeld

 

Annahme einer Zeitrichtung und mit zeitlich gerichteten, irreversiblen Prozesse vereinbar. Offen ist die Frage nach dem Verhältnis zwischen den metrischen Eigenschaften, welche die Raumzeit charakterisieren, und den Eigenschaften der nicht-gravitationellen Energie. In der gegenwärtigen Forschung besteht ein Dualismus zwischen der Raumzeit mit dem metrischen Feld einerseits und den Feldern der nicht-gravitationellen Energie-Materie andererseits. Dieser Dualismus spiegelt den Dualismus zwischen der allgemeinen Relativitätstheorie und der Quantenfeldtheorie wider. Eine Vereinigung – oder       Überwindung – beider Theorien durch eine einheitliche fundamentale physikalische Theorie ist bisher noch nicht gelungen. Der Fokus der Forschung geht in die Richtung einer Quantentheorie der Gravitation. Aber im Prinzip sind die beiden monistischen Positionen, entweder die Materie auf die Raumzeit oder die Raumzeit auf die Materie zurückzuführen, nach wie vor vertretbare naturphilosophische Positionen. Es gibt aber gegen beide Positionen zentrale Argumente: Alle bisher verfügbaren philosophischen Beschreibungen sind auf die Bezugnahme auf die Raumzeit angewiesen. Umgekehrt kann man zeigen, dass die Raumzeit nur zusammen mit dem metrischen Feld existiert. Folglich hat die Raumzeit selbst einen materiellen Charakter, indem sie die gravitationelle      Energie einschließt. Die Raumzeit selbst ist einerseits als Ganze genommen substanziell, andererseits ist sie auch aber relational, weil sie in metrischen Relationen zwischen den Raumzeitpunkten steht. Es ist aber noch zu früh, philosophische Spekulationen darüber anzustellen, wie sich die Metaphysik von Raumzeit und Materie im Anschluss an eine einheitliche fundamentale physikalische Theorie darstellen könnte. Dennoch stimmen beide Theorien in einer naturphilosophischen Position überein: der des Strukturenrealismus. Es ist der Strukturenrealismus als metaphysische These der Esfeld zufolge zeigt, dass wir die Natur im Prinzip vollumfänglich erkennen können.

 

Eine Struktur ist ein Netz konkreter physikalischer Relationen zwischen Objekten. Der Strukturenrealismus ist ein Realismus in be8izug auf konkrete physikalische Strukturen. Laut Esfelds Strukturenrealismus sind ontologisch gesehen Strukturen im Sinne konkreter physikalischer Relationen alles, was es im Bereich der fundamentalen Physik gibt. Strukturen (Relationen) und Objekte sind ontologisch auf der gleichen Stufe und sind wechselseitig voneinander abhängig. Strukturen existieren als je konkrete Relationen zwischen Objekten, und diese Relationen sind konstitutive Eigenschaften für die Objekte, die in den Relationen stehen. Nichts kann ein Raumzeitpunkt sein, ohne in metrischen Relationen zu stehen, und nichts kann ein Quantenobjekt sein, ohne zeitabhängige Eigenschaften zu besitzen, die den Zustandsverschränkungen unterworfen sind. Die zeitabhängigen Eigenschaften ebenso wie die metrischen Eigenschaften gehören zu den Eigenschaften, die konstitutiv für ein Quantenobjekt bzw. einen Raumzeitpunkt sind.

 

Die Punkte der Raumzeit bestehen ausschließlich in den metrischen Relationen, in denen sie stehen. Ebenso sind die Eigenschaften der nicht-gravitationellen Energie-Materie, die von der Quantenphysik behandelt werden, keine intrinsischen Eigenschaften, sondern bestehen ursprünglich in Relationen der Zustandsverschränkung.

 

 




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