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Anthropologie: Thomas Fuch sieht das Gehirn als Beziehungsorgan

 

Thomas Fuchs sieht das Gehirn als Beziehungsorgan

 

Von seinen Fachgebieten her, der Psychiatrie und der psychologischen Medizin, erarbeitet Thomas Fuchs, Professor an der Psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg, in seinem Buch

 


Fuchs, Thomas: Das Gehirn – ein Beziehungsorgan. Eine phänomenologisch ökologische Konzeption. 324 S., Ln., € 28.—, 2008, Kohlhammer, Stuttgart

 

einen Gegenentwurf zu der für ihn reduktionistischen Sichtweise, die das Gehirn einseitig als Organ des Geistigen und nicht als Organ eines Lebewesens sieht.

 

Für Fuchs führt der in den Naturwissenschaften bislang so erfolgreiche Weg der schrittweisen Elimination des Subjektiven in eine methodologische Sackgasse: Die Abtrennung des jeweils Subjektiven von den Phänomenen ist dann nicht mehr anwendbar, wenn es um die Reduktion der Subjektivität selbst geht. Im Falle des Gehirns gerät der Reduktionismus in unlösbare Aporien. Die Rede über Gehirne setzt voraus, was angeblich von ihnen hervorgebracht werden soll: bewusste und sich miteinander verständigende Personen. Er sieht in der Neurobiologie eine spezialisierte Form menschlicher Praxis, die der Lebenswelt entstammt und die nicht einen Standpunkt außerhalb von ihr gewinnen kann. Die alltäglich erlebte und vertraute Welt, in der wir gemeinsam leben, bleibt unsere primäre und eigentliche Wirklichkeit. Sie ist nicht das bloße Produkt einer anderen, nur wissenschaftlich erkennbaren Realität, kein Scheinbild oder Konstrukt des Gehirns, sondern die Grundlage aller wissenschaftlichen Erkenntnis.

 

Das Gehirn ist das Organ, das unsere Beziehungen zur Welt, zu anderen Menschen und zu uns selbst vermittelt. Es ist der Mediator, der uns den Zugang zur Welt vermittelt, der Transformator, der Wahrnehmungen und Be­wegungen miteinander verknüpft. Das Gehirn an sich wäre nur ein totes Organ. Lebendig wird es erst in Verbindung mit unseren Muskeln, Eingeweiden, Nerven und Sinnen, mit unserer Haut, unserer Umwelt und mit anderen Menschen. Das Gehirn ist ein Beziehungsorgan. Es lässt sich nur als Organ eines Lebewesens in seiner Umwelt adäquat begreifen. Es ist zum einen in den Organismus selbst eingebunden, zum anderen über dessen vielfältige, inbesondere sensomotorische Interaktionen eingebettet in die natürliche und soziale Umwelt. Das bedeutet: Der Körper stellt immer das Bindeglied dieser Interaktionen dar, und diese fortwährende Ver­mittlung wird verfehlt, wenn man Gehirn und Umwelt einander gegenüberstellt und dann in einen direkten Bezug zueinander bringen will.

 

Alles bewusste Erleben ist nicht nur an den physiologischen Körper als seine biologische Basis gebunden, sondern auch an den subjektiven Leib. Selbst das vermeintlich „reine Denken“ vermag sich nicht vom leiblichen Bewusstsein abzulösen, denn wenn das Denken sich auch hinsichtlich seiner intentionalen Gehalte in allen Räumen und Zeiten frei bewegen kann, so stellt es als Vollzug doch eine Lebenstätigkeit dar, die an das leibliche Selbstempfinden und „Hiersein“ gebunden bleibt – an das „Befinden“. Der Leib ist das Ensemble aller Fähigkeiten und Vermögen, die uns zur Verfügung stehen. Leib ist der Mensch auch für die anderen, die ihn selbst in seinem Ausdruck, seiner Haltung und seinen Äußerungen unmittelbar „leibhaftig“ wahrnehmen – also nicht als eine Kombination von reinem Körper und verborgener Psyche, sondern als ein geeintes Ganzes.

 

Fuchs sieht damit Subjektivität wesentlich verkörpert: Der Körper ist nicht bloßer Inhalt oder Objekt, sondern als Leib selbst konstitutives Moment des Subjekts. Wir sind in all unseren Gefühlen, Gedanken, Wahrnehmungen und Handlungen leibliche und damit zugleich auch physische Wesen. In den menschlichen Lebensvollzügen und Lebensäußerungen zeigt sich diese Doppelnatur: diese zeigen einerseits bestimmte Konfigurationen physiologischer (inbesondere auch neuronaler) Prozesse, andererseits auch Äußerungen, Erlebnisse und Tätigkeiten des gesamten Individuums als eines lebendigen Ganzen: Der Organismus muss zugleich ein Subjekt sein.

 

Diese Auffassung des Lebendigen unter einem Doppelaspekt unterscheidet sich grundlegend vom geläufigen Dualismus von Körperlichem und Geistigem und den verschie-

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

                                        Thomas Fuchs

 

denen daraus folgenden Lösungsversuchen. Denn seelisch-geistige Lebensäußerungen werden nicht in eine eigene „mentale“ Sphäre verlegt, sondern bleiben immer auch physische Begebenheiten. Als solche stellen sie aber nun gerade nicht physikalisch beschreibbare Einzelprozesse in bestimmten Körperregionen dar, sondern Äußerungen und Erlebnisse des gesamten Lebewesens als eines einheitlichen physischen Organismus. Fuchs sieht das Lebewesen als die primäre Einheit, an der sich von einer Seite her inte­grale (leibliche, seelische, geistige) Lebensäußerungen, von der anderen Seite her physiologische Prozesse in beliebiger Detailliertheit feststellen lassen. Diese Komplementarität der Aspekte lässt sich mit den zwei Seiten einer Münze vergleichen, von denen immer nur eine ohne die andere sichtbar wird, die also weder miteinander identisch sind noch einander überlappen, sondern die allenfalls aufeinander verweisen können.

 

Als autopoietische Systeme setzen sich Lebewesen von ihrer Umgebung ebenso ab wie sie zu ihr in Wechselbeziehung stehen. Aufgrund ihrer inneren Struktur erzeugen Lebewesen selbst erst den Ausschnitt der Umgebung, der für sie als Umwelt bedeutsam und wirksam wird. An die Stelle linearer Kausalität tritt eine spezifische Verknüpfung von Reiz und Reaktion, von Wahrnehmung und Antwort. Lebewesen werden daher nicht von physikalischen Einwirkungen aus der Umgebung determiniert, sondern sie antworten auf wahrgenommene Reize aus ihrem Zentrum heraus, durch eine Reizkonfiguration ihres Gesamtsystems.

Dabei kann das Gehirn als ein Vermittlungsorgan oder „Transformator“ sowohl im Funktionskreis von Organismus und Umwelt als auch im Funktionskreis von Ganzem oder Teilen innerhalb des Organismus aufgefasst werden. Beide Funktionskreise sind in den Vermögen von Lebewesen ineinander verschränkt. Vermögen bedeutet dabei die strukturell gegebene Fähigkeit eines Lebewesens, bestimmte Leistungen zu vollziehen. Ein Vermögen wirkt für Fuchs wie ein Schlüssel zu passenden Schlössern in der Umwelt, denn es hat sich – phylo- oder ontogenetisch – in und an dieser Umwelt herausgeformt. Das Gehirn dient als zentrales Organ für diese Ausformung, insofern sich wiederholende Erfahrungen des Lebewesens im hochgradig plastischen neuronalen System niederschlagen. Tritt nun die geeignete Gelegenheit ein, so kann das Lebewesen sein Vermögen realisieren, wobei sich innerorganismische Teilprozesse (vertikal) ebenso wie Organismus und Umwelt (horizontal) zu einer kooperierenden Einheit zusammenschließen. Daher realisieren sich die entsprechenden Leistungen auch nicht starr und mechanisch, sondern immer flexibel angepasst an die Erfordernisse der konkreten Situation.

 

Auch die Affekte sind als Kern unseres subjektiven Erlebens an die ständige Interaktion von Gehirn und Körper gebunden. Stimmungen und Gefühle sind biologisch betrachtet prototypische gesamtorganische Zustände, die nahezu alle Subsysteme des Körpers einbeziehen. Die Beziehung von Organismus und Objekt bedeutet nun nicht das Einwirken von einem System auf das andere, sondern eine Rekonfiguration des Gesamtsystems von Organismus und Umwelt, in der sich   eine bereits vorbestehende komplementäre Beziehung neu aktualisiert. Der Leib ist, in den Worten des französischen Phänomenologen Merleau-Ponty, ein „System von Bewegungs- und Wahrnehmungsvermögen“, „ein sein Gleichgewicht suchendes Ganzes erlebt-gelebter Bedeutungen“, die sich mit der jeweiligen Situation zu einer funktionellen Einheit verknüpfen. Das Gehirn stellt durch seine Gedächtnisbildung ein zentrales Teilstück für diese Einheit zur Verfügung, freilich ohne dass sich die Funktion in ihm lokalisieren ließe.

 

Fuchs kritisiert den von den Philosophen in diesem Zusammenhang verwendeten Begriff der Repräsentation. Dieser beruht auf einer prinzipiellen Trennung von Organismus und Umwelt und damit auf einer Wahrnehmungstheorie, die uns nicht mit der Welt selbst in Verbindung bringt, sondern nur mit internen Abbildern oder Konstrukten. Doch Hirnzustände weisen als solche keine mentalen bzw. semantischen Gehalte aus; sie können die Welt nicht „beschreiben“, denn sie sind nur beteiligt an den Situationen, aus deren Kontext sich jene Gehalte ergeben. Der Hirnzustand für sich genommen ist nur ein Fragment des gesamten Funktionskreises, der bestimmten Umweltbestandteilen Bedeutungen zuweist bzw. die Leerstellen erzeugt, in die sie einrücken können.

 

Die Entwicklung des verkörperten menschlichen Geistes bedarf aber nicht nur der Interaktion von Gehirn, Körper und Umwelt, sondern vor allem der Interaktion mit anderen Menschen. Im Zuge dieser biographisch fortschreitenden Interaktionen wird das Gehirn zu einem sozialen, kulturellen und geschichtlichen Organ. Freilich handelt es dabei nicht um eine Vernetzung von „Gehirnen“, wie es Neurobiologen gerne formulieren, sondern um die Interaktion und gemeinsame Praxis von leiblichen Wesen, also um verkörperte Intersubjektivität.

 




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