header


  

BIOGRAPHIE

BIOGRAPHIE Druckversion  |  Schrift: vergrößern verkleinern 

Cioran

Ein skeptischer Misanthrop

Bernd Mattheus Cioran-Biographie

 Ausgerechnet der spätere Misanthrop Cioran hat eine glückliche Kindheit erlebt. Sein Vater war Pope in einer abgelegenen Gegend Rumäniens, und Cioran konnte als Kind unbeaufsichtigt in der Natur umherstreunen und die Schäfer mit ihren Schafherden besuchen. „Im Grunde genommen ist die primitive Welt die einzige wahrhaftige Welt, eine Welt, in der alles möglich ist und nichts erneuert wird“, wird er später schreiben. Insbesondere prägte ihn die Bekanntschaft mit einem Totengräber. „Ich fragte mich, warum man das alles im Leben erfahren soll. Nur um als Leiche zu enden?“. Seither besuchte Cioran auf Reisen stets den jeweiligen Friedhof: eine Übung, sein eigenes Temperament abzukühlen und eigenen Problemen angesichts der Überzahl der Toten andere Proportionen zu geben.

 

Bernd Mattheus hat Texte von Cioran ins Deutsche übersetzt und hat ihn auch des öfteren in Paris besucht. Daraus ist eine Biographie entstanden:

 

Mattheus, Bernd: Cioran. Portrait eines radikalen Skeptikers. 367 S., kt., € 28.90, 2007, Matthes und Seitz, Berlin

 

Allerdings war Unzufriedenheit eine Familienkrankheit: „Es ist dies ein Übel, an dem wir in unserer gequälten, geängstigten Familie stets gelitten haben.“ Hinzu kamen bei Cioran Erlebnisse der Langeweile: „Meine Langeweile vermischt sich womöglich mit meiner Weltangst, mit meinem Zurückweichen vor allem, was mit der Welt zusammenhängt“. Als er sein Dorf verlassen muss, um ein Gymnasium in Hermannstadt zu besuchen, bricht für ihn eine Welt zusammen. Hinzu kommt, dass er hier als Angehöriger einer Minderheit schikaniert wird. Er beginnt Philosophen zu lesen und bewundert Nietzsche, „weil er bei allem, was er getan hat, bis zum Äußersten gegangen ist.“ Fasziniert ist er aber insbesondere von den Lastern und hat die Absicht, Säufer zu werden. Dabei denkt er oft an den Tod: „Es war eine Zwangsvorstellung, sogar wenn ich aß.“

1932 erwirbt er das Diplom als Gymnasiallehrer (Fächer: Philosophie und Literatur) und beginnt in Zeitschriften Essays und Rezensionen zu publizieren.

Plötzlich erleidet er einen Zusammenbruch, und die Folge ist Schlaflosigkeit. „Ich ging bei Nacht spazieren, ich wurde zu einem Gespenst, so dass die Leute in der Kleinstadt glaubten, ich sei geistesgestört.“ In dieser Zeit schreibt er sein erstes Buch mit dem pompösen Titel Auf den Höhen der Verzweiflung. „Während jener zwei oder drei furchtbaren Jahre der Schlaflosigkeit wurde ich von der Verneinung angesteckt.“ Das Buch vereint in 42 knappen Kapiteln Argumente wider das Leben. Da es im menschlichen Leben Elend, Einsamkeit, Unglück, Leiden, Krankheit, Verzweiflung und Tod gibt, finden sich „keinerlei Argumente für das Leben“. Auch denkt Cioran an Selbstmord: „Ich bewundere nur zwei Kategorien von Menschen: die jederzeit von Sinnen geraten und die jeden Augenblick Selbstmord begehen können.“ Er sagt denn auch später, er habe keines seiner Bücher geschrieben, um ein Buch zu schreiben, sondern stets mit einer therapeutischen Absicht. Er schreibt später in einem Brief: „Alles, was ich später geschmiert habe, steht drin im Kern.“ Es folgt Das Buch der Täuschungen, das viel weniger pessimistisch als Ciorans Erstling ausfällt. Er erklärt hier Mystik, Musik und Erotik zum Königsweg zum Absoluten. Cioran setzt zwar auf die Intensivierung des Daseins, aber im Kräftefeld zwischen Nietzsche und Klages einerseits, Pascal und den Mystikern andererseits manifestiert sich immer wieder die eigentliche Zerrissenheit des Autors. Cioran schwört hier der Philosophie als solcher ab, inbesondere deren Tendenz, das Leben zu desakralisieren. Später wird er über sein Lebens als Philosophielehrer sagen: „Es war unerträglich.“ Er sei, behauptet er, in dieser Zeit immer ins Bordell gegangen: „Das Bordell wurde zum Zentrum meines Lebens… Die Frauen im Bordell lebten, ähnlich wie ich, außerhalb der Gesellschaft. Was ich von Menschen gelernt habe, habe ich von Außenseitern gelernt.“

 Cioran wurde nun Mitglied einer faschistischen Organisation, der „Eisernen Garde“, die die liberale Gesellschaft bekämpfte. Diese, so klagte er in einem Brief aus der damaligen Zeit, eliminiert das „Mysterium, das Absolute, die Ordnung, sie besitzt ebenso wenig echte Metaphysik wie echte Polizei, darum wirft sie das Individuum auf sich selbst zurück und entfernt es von dem, was es ist, von seinen eigentlichen Tiefen“. Später wird er schreiben, er habe „unsinnigen Spekulationen“ nachgehangen, die „meinen Geist verheerten und umnebelten“.

 Unter dem Vorwand, eine Promotion vorzubereiten, hatte sich der stellungslose Cioran 1933 erfolgreich um ein Stipendium an die Humboldt-Universität beworben. Hier hörte er bei Nicolai Hartmann Vorlesungen zur Metaphysik – und wertet ihn als Musterbeispiel für akademisches Philosophieren gnadenlos ab. „Ich fühle mich in Berlin sehr wohl“, schreibt er nach Hause, „und bin sogar von der hier herrschenden politischen Ordnung begeistert… Nur eine Diktatur kann mich noch erwärmen, Menschen verdienen keine Freiheit.“ Cioran liebt die Nationalsozialisten „wegen ihres Kults des Irrationalen, ihres exaltierten Vitalismus an sich, einer Virilität ohne jeglichen kritischen Geist, ohne Rücksicht und ohne Kontrolle.“ Später wird er sich korrigieren: „Aus Neigung und Geschmack habe ich stets die Maßlosigkeit gesucht und geschätzt…. Meine krankhafte Bewunderung für Deutschland hat mir mein ganzes Leben vergiftet… Wie konnte ich einer im Grunde so wenig interessanten Nation einen Kult widmen?“

1935 kehrt er nach Rumänien zurück und muss erst seinen Militärdienst absolvieren. Die „Eiserne Garde“ schreitet inzwischen zur öffentlichen Bücherverbrennung und verbreitet Angst und Schrecken. Von Cioran sind aus dieser Zeit auch antisemitische Tiraden zu hören: „Wir können ihm nicht als Menschen begegnen, weil der Jude zuerst ein Jude ist und dann ein Mensch.“ 1954 hat Cioran eine öffentliche Abbitte an die Juden geschrieben, veröffentlicht in dem Band Dasein als Versuchung.

Zurück aus dem Militär bewirbt sich Cioran mit dem Vorwand, eine Dissertation über Bergson schreiben zu wollen, mit Erfolg um ein Stipendium nach Paris. Von Paris aus schreibt er nach Rumänien: „Mehr denn je bin ich davon überzeugt, dass Rumäniens letzte Chance die Eiserne Garde ist.“

Nach dem Krieg hat Cioran sein rumänisches Werk nach Möglichkeit verschwiegen. Seine intimen Notate, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren, zeugen aber von einer realen Wandlung und echtem Erschrecken über den damaligen Chauvinismus.

Paris versprach geistige und künstlerische Freiheit und Karriere und war damals ein wichtiges Emigrantenzentrum. Aber in rumänischen Zeitschriften schreibt er über Paris von der „traurigsten Stadt, die ich je gesehen habe“. Cioran gedenkt keinesfalls, seine Dissertation in Angriff zu nehmen, sondern bereist zunächst per Fahrrad ganz Frankreich.

Cioran brüstet sich, nie für seinen Lebensunterhalt gearbeitet zu haben. Er schätzt die Einsamkeit. „Ich begriff sehr früh, dass das Leben nur Sinn hat, wenn man machen kann, was man will. Das ganze Problem bestünde für mich darin, meine Freiheit zu bewahren,“ notiert er. Cioran lässt sich in einem Zwei-Sterne-Hotel nieder und schreibt in den nächsten vier Jahren an dem Leidenschaftlichen Leitfaden – einer leidenschaftlichen Abrechnung mit Rumänien, zum letzten Mal in seiner Muttersprache geschrieben. Sein Stipendium läuft aus, es wird nun materiell eng für ihn. Er entwickelt eine Art Überle-

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

bensstrategie und tauscht Gespräche gegen Mahlzeiten: „Das Elend ist nebensächlich. Ich habe jahrelang mit Kartoffeln gelebt, ich habe fast nur Kartoffeln gegessen. Ich habe das Elend gekannt, aber das ist unwichtig. Wichtig ist, was einer ist.“ Cioran fürchtet ständig die Ausweisung aus Frankreich und die zwangweise Deportation nach Rumänien, bemüht sich aber die um die französische Staatsbürgerschaft. Personen, die bei der „Eisernen Garde“ tätig waren, unterstützen ihn.

Er fasst nun den Wunsch, künftig Französisch zu schreiben. „Um französisch zu schreiben, war es notwendig für mich, meine Muttersprache vollständig zu beseitigen und gänzlich aufzuhören, sie zu gebrauchen. Sie zu vergessen.“

In den Exercices négatifs, einem Manuskript von 400 Seiten, findet sich eine Kritik an der professoralen Philosophie, repräsentiert durch Heidegger und Sartre. Dem Franzosen gebreche es an innerer Notwendigkeit, er sei ein Zeitgeist-Denker, dem gleichwohl etwas „Demiurgisches“ eigne. Was das Problem des Todes angeht, stellt er Tolstoj und Rilke über Heidegger.

Er veröffentlicht nun Lehre vom Zerfall in Frankreich, ein Buch, das quer zur zeitgenössischen Literatur existentialistischer Provenienz steht. Dennoch kann der Autor mit der Kritik zufrieden sein. André Maurois ruft aus: „Wir haben einen neuen Moralisten oder Immoralisten, der sehr gut schreibt.“ Claude Mauriac vergleicht Cioran gar mit Pascal und bescheinigt ihm „Ton und Sprache eines Monsters“. Cioran erhält 1950 den neugeschaffenen „Prix Rivarol“ – den Preis für den besten von ausländischen Autoren auf französisch geschriebenen Text mit einem Preisgeld von 5000 Francs. Es ist der einzige Preis, den Cioran je akzeptiert. Er öffnet ihm viele Türen: „Seit kurzem bin ich in den interessanten Pariser Kreisen, große Schriftsteller etc., zugelassen.“ Cioran ist in Hochstimmung: „Meine gescheiterte Existenz hatte plötzlich einen Sinn bekommen.“

Syllogismen der Bitterkeit (1952) ist das Resultat dieser geselligen Phase in Ciorans Leben. Aber er bleibt bei seinem negativen Credo: „Ich glaube an das Heil der Menschheit, an die Zukunft des Zyankali.“ Kommerziell wird das Buch allerdings ein Misserfolg, nicht einmal nach 25 Jahren ist die Erstauflage von 2000 Exemplaren vergriffen. Der Rowohlt-Verlag kaufte die Rechte und startete in dem Irrglauben, einen weiteren Existentialisten unter Vertrag zu haben, eine Auflage von 4000 Exemplaren. Der Dichter Celan übersetzte um des Überlebens willen unter Zeitdruck, er spricht im Brief an seine Frau von der „verfluchten Übersetzung von Cioran“ und hält Cioran für „verlogen, suspekt“. Nachdem er von dessen Mitwirkung in der „Eisernen Garde“ erfahren hat, meidet Celan jeden Kontakt mit Cioran.

In Ciorans drittem französischen Buch, La tentation d´exister, finden sich in Form einer vernichtenden Kritik Reaktionen auf die zeitgenössische französische Literatur. Antithetisch zu Blanchot oder Barthes erklärt er den Tod des Autors, das Ende der großen Erzählung als Verlust und folgt Oswald Spenglers Prophezeiung des Untergangs des        Abendlandes. Dem dekadenten Westen, so Cioran, stehe nach dem Modell Roms eine Barbareninvasion vor. Das Tun, der Utilitarismus, die Zeitverhaftung werden als die fundamentalen Gebrechen identifiziert. Dem vernunftgeleiteten Subjekt begegnet Cioran mit taoistischen und buddhistischen Konzepten der Leere und des Nichts. Cioran

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 traut der Demokratie, jener von Mittelmäßigen ermöglichten relativ großen Freiheit, keine Beständigkeit zu.

Im Sommer 1960 mietet er eine Mansardenwohnung mit zwei Zimmern und Außentoilette für eine geringe Monatsmiete an der Rue de l’Odéon, wo er nun sesshaft bleibt. „Auf diese Weise habe ich also dieses große Problem lösen können, ohne einer geregelten Tätigkeit nachgehen zu müssen.“ Auch im Alter von sechzig Jahren hatte sich für Cioran der wirtschaftliche Erfolg noch nicht eingestellt – obwohl er doch sein halbes Leben lang geschrieben hat. Diese möblierte Dachwohnung wird zur Begegnungsstätte all jener, die das Privileg haben, Cioran genießen zu dürfen.

Es erscheint nun Vom Nachteil geboren zu sein, eine Sammlung von höchst subjektiven Aphorismen und Argumenten aus den Religionen und der Philosophie, die die Stoßrichtung des Buches untermauern. Der Pariser Mai 1968, der nun folgt, ist für Cioran kein Thema. Auch will er nicht wahr haben, dass seine Aphoristik zusehends als „reaktionär“ abgetan wird. Cioran wird zunehmend zum Hypochonder, macht sich Sorgen um seine Gesundheit und ersetzt seinen Alkoholkonsum durch Kräutertee. In seinen Räumen duldet der Ex-Raucher keinen Nikotingenuss mehr. „Ich bin außerstande, nicht zu leiden. Wenn man mich zwingen würde, darauf zu verzichten, hieße das, mir ebenso das Atmen zu verbieten.“ Cioran schrieb später über sich: „Was habe ich getan? Ich habe meine Gefühle in Formeln verwandelt. Wenn ich sie in ein System verwandelt hätte, wäre ich Philosoph. So bin ich nur jemand, der umhertastet, zaudert.“

 Am 29. April 1977 attackiert Ivo Frenzel   Cioran in der Süddeutschen Zeitung. Dabei ist die Rede von „Masochismus“, „Selbstübersteigerung“, „Ichbezogenheit“, „Lebensverachtung“ und „selbstzerstörerischer Akribie“. Dennoch oder vielleicht gerade deswegen begann in Deutschland die Rezeption Ciorans, spätestens ab 1979, als der Suhrkamp-Verlag seine Bücher als Taschenbücher auflegte. Finanziell geht es Cioran besser: Er erhält vom französischen Staat eine Art Ehrensalär in Höhe des Mindestlohns, und die Taschenbuchausgabe von Syllogismes de l´amertume verkauft sich unerwartet gut.

1981 verliebt sich der alternde Cioran in eine Studienrätin aus Köln. Um den Argwohn seiner Lebensgefährtin nicht zu wecken, gibt er sie als seine Biografin aus, telefoniert mit ihr aus einer Telefonzelle und richtet schließlich gar ein Postfach ein. Allerdings zeigte sich zu Ciorans Leidwesen bald, dass der Sinn der Studienrätin nicht nach einer sexuellen Liaison stand.

 Nun folgt ein kommerzieller Durchbruch. Cioran wird berühmt Gleichzeitig stellt er seine literarische Tätigkeit ein: „Ich mache keine Pläne mehr und schreibe überhaupt nicht. Fünfzehn Bücher fünfzehn Kadaver, das genügt.“ Die nicht mehr produktiven Jahre verbringt Cioran mit Gesprächen und Interviews, wenn er sich nicht um die französischen oder deutschen Übersetzungen seiner rumänischen Schriften kümmert. Fritz J. Raddatz schreibt über seine Begegnung mit dem Cioran dieser Zeit in Paris: „Er ist ein ziemlich heiterer Mensch, dessen eleganter Nihilismus ihn nicht hindert, bei einer Flasche Pouilly Fumé den Sinn des Lebens zu leugnen. Lachend. Der liebenswerteste menschgewordene Widerspruch, den ich kenne.“ Am 20. Juni 1995 stirbt Cioran.




Bestellen Sie das Einzelheft oder abonnieren Sie die Zeitschrift.




© Information Philosophie     Impressum     Kontakt