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Wagner, Hans/ Flach, Werner

Philosophie als System:

Hans Wagner und Werner Flach

Ein Bericht von Christian Krijnen

 

Systemphilosophie als Herausforderung

 

Wendet man sich mit Blick auf die Entwicklungen im 20. Jahrhundert dem altehrwürdigen Systemgedanken der Philoso­phie zu, dann fällt als erstes die vehemente Ablehnung auf, die diesem widerfährt. Diese Ablehnung ist nicht unwidersprochen geblie­ben: dies ist das zweite, was ins Auge sticht. Eine erneute Zuwendung zur Systemfrage ist überfällig.

 

Freilich, der Gedanke des philosophischen Systems ist ungeheuer komplex. Eine Systemphilosophie, die dieser Komplexität nicht einigermaßen gerecht wird, dürfte ungeachtet der Aktualität von Systemphilo­sophie Systemkritiker wie Systembefürwor­ter unbefriedigt zurücklassen. Ohne eine produktive Verarbeitung der großen System­philosophien der Neuzeit, namentlich jener der klassischen deutschen Philosophie, wie sie sich von Kant bis Hegel entwickelt und sodann über diese hinaus fortentwickelt hat, wird das Unterfangen einer zeitgemäßen Systemphilosophie allerdings scheitern. So wundert es nicht, dass es zwar eine durchaus beachtliche Zahl von Denkern gibt, die sich um ein systematisches Denken bemühen, das Kant, dem deutschen Idealismus und der nachfolgenden Transzendentalphilosophie verpflichtet ist – ein System der Philosophie haben die meisten dieser Denker jedoch (noch) nicht vorgelegt.

 

Unter den wenigen neueren systematischen Philosophen aber, die sowohl am Letztbe­gründungsgedanken der Philosophie festhal­ten (daran, dass die Philosophie schlechthin fundierende Wissenschaft ist) als auch einen Systementwurf präsentiert haben, treten pri­mär Hans Wagner (1917-2000) und Werner Flach (1930) hervor. Diese beiden Denker haben sich über ihre systematische Relevanz hinaus auch auf dem Gebiet der Philo­sophiegeschichte profiliert und sich dabei immer wieder mit Kant, dem deutschen Idealismus und dem Neukantianismus aus­einandergesetzt (Wagner hat sich zudem im Bereich der antiken Philosophie verdient gemacht).

 

Sie haben versucht – trotz aller Rede vom Vergangensein Kants, Hegels oder des Neu­kantianismus – deren Leistungen in eine Phi­losophie zu integrieren, die zugleich wesent­liche Motive der Phänomenologie und neue­ren Ontologie (speziell Wagner) oder etwa der Logik des 20. Jahrhunderts (speziell Flach) aufnimmt. Zugleich sind beide Den­ker bemüht, sich in ihren Konzeptionen der Geltung ebenso frei zu machen von allerlei bewusstseinsphilosophischen oder gar real­wissenschaftlichen Inklinationen wie von verständigungsorientierten Vernunftkonzep­tionen (jedenfalls sofern es sich dabei um Letztfundierendes handeln soll). Entgegen allem Rationalitätsdefätismus und aller ten­denziellen Auflösung von systematischer Philosophie in Philosophiehistoriographie bzw. Reduktion auf sprachphilosophische Klärung von Einzelproblemen oder auf Naturalisierung von Sinn, haben Wagner und Flach einen interessanten Beitrag dazu geliefert, wie man noch heute den strengen Begriff der Philosophie als Grundwissen­schaft sowohl propagieren als auch fort­bilden kann. Der Systemgedanke ist beiden dazu aus sachlichen Gründen unerlässlich.

 

Der Systemgedanke ist, komplex: er wird strukturiert durch die Probleme des Anfangs des Denkens, der Gliederung der Systemteile und des Abschlusses des Systems. Gerade vor dem Hintergrund der problemgeschichtlichen Entwicklung des Systemgedankens von Kant über Hegel bis zum Neukantianismus, ist es mit Blick auf Wagner und Flach vor allem interessant, das Augenmerk auf das Gliederungs- und Abschlussproblem zu richten.

 

Was das Anfangsproblem betrifft, bewegen beide Denker sich systematisch (sachlich) gesehen im Rahmen von Gedankengängen, wie sie vom Neukantianer Heinrich Rickert prägnant und für den südwestdeutschen Neukantianismus wirkungsmächtig herausgearbeitet und unter dem Titel ‚Heterologie‘ bekannt geworden sind. Dieser Heterologie gemäß zeichnet sich die Grundstruktur des Denkens wie bei Hegel nicht durch eine in sich undifferenzierte Einheit aus (dergleichen würde die Möglichkeit von Letztbegründung vernichten), sondern durch eine in sich differenzierte Einheit; diese Einheit ist allerdings anders als bei Hegel kein Quasi-Monismus der (selbstbezüglichen) Negation, sondern ein Quasi-Monismus der Korrelation gleichursprünglicher Momente.

 

Lässt man diese Problematik von ‚Negation und Andersheit‘ beiseite und beschränkt sich auf die beiden anderen Problemkomplexe, dann bietet es sich an, mit Wagners Systemkonzeption anzufangen. Diese ist gerade für das Verständnis von Flachs Systemkonzeption sehr wichtig: nicht nur aufgrund der Qualität von Wagners Überlegungen – auch hinsichtlich des Verbesserungswürdigen.

 

Eine solche Bedeutung Wagners für Flach wundert insofern nicht, als der letztere den ersteren zu seinem wichtigsten philosophischen Lehrer hatte. Wagner promovierte und habilitierte sich in Würzburg, wo er 1953 zum Professor ernannt wurde; er folgte 1961 einem Ruf nach Bonn und lehrte hier bis 1982. Wagner besitzt die hervorragende Eigenschaft, komplizierte Gedankengänge genau zu analysieren, auf ihren sachlichen Kerngehalt zu reduzieren und dadurch klar verständlich zu machen (seinen bisweilen oberlehrerhaften Sprachduktus sollte man ihm daher nachsehen). Wer in Sinn und Aktualität der Transzendentalphilosophie eingeführt werden will, dürfte kaum einen besseren Lehrer finden. In Würzburg und Bonn jedenfalls hat Wagner eine große Zahl von Schülern herangebildet, unter ihnen viele, die später selbst zum professionellen Philosophen wurden. Zu seinem 60., 70. und 80. Geburtstag wurden ihm nicht weniger als insgesamt fünf Festschriften gewidmet, die seine fachliche Bedeutung hervorheben.

 

Flach nun ist einer von diesen Herangebildeten; allerdings einer, der schon früh auf eine produktive Weiterführung und damit zugleich auf Distanzierung Wagnerscher Gedanken aus war. Flach studierte ab 1950 in Würzburg und fand in Wagner einen inspirierenden Förderer. Nach Bonn aber folgte er ihm nicht, sondern blieb in Würzburg, erhielt dort 1968 eine Professur und übte seine Lehrtätigkeit bis 1994 aus. Obwohl es eine Reihe von Forschern gibt, die sich mit Flachs Werk auseinandersetzen, wird man dessen Einfluss anders als bei Wagner nicht aus der Zugänglichkeit seiner Gedankengänge begreifen können. Gerade Flachs bedingungslose Orientierung an der Sache der Philoso-


phie, nämlich der Geltung, hat ihn zur Herausbildung einer eigenen philosophischen, eine schier unendliche Anzahl von Komposita mit Geltung enthaltenden Sprache getrieben. Sie ist für den Insider was Überzeugungskraft, Prägnanz und auch Rhythmik betrifft faszinierend, muss aber dem Außenstehenden als pure Hermetik anmuten (wohl auch deshalb, weil Flach ein gehöriges Maß an systematischer Vertrautheit mit der idealistischen Tradition der Philosophie von Kant bis Wagner voraussetzt): Flach verlangt ihm, wenn er sich denn auf das Werk einlässt, einen erheblichen Aneignungsaufwand ab. Gleichwohl hat sich Flach in seinem Hauptwerk Grundzüge der Erkenntnislehre in extensiv und intensiv kaum überbietbarer Weise auf konkurrierende philosophische Theorien eingelassen, um die Bestimmtheit und den Vorzug seiner eigenen Theorie problemgeschichtlich darzulegen. Obwohl ihm zu seinem 65. wie seinem 75. Geburtstag je eine Festschrift gewidmet wurde, die beide ebenfalls seine fachliche Bedeutung hervorheben und deren letzte sogar Flachs Philosophie eigens zum Thema hat, wird man feststellen müssen: in Anbetracht dominanter Gegenwartsphilosophien ist Flach bislang das Schicksal eines Außenseiters beschert.

 

Wagners Systemkonzeption

 

Damit zurück zur Sache! 1959 hat Wagner mit Philosophie und Reflexion einen geltungsreflexiven Entwurf philosophischer Themen und Disziplinen vorgelegt. Auch wenn Wagners Denken nicht Bestandteil des philosophischen Mainstreams ist, ist dessen Reflexionsbuch in Kreisen, die an systematische Philosophie kontinentaler Prägung interessiert sind, durchaus zu einem Standardwerk avanciert, das noch 1980 in einer dritten Auflage erschien (Philosophie und Reflexion ist allerdings nur eines seiner beiden systematischen Hauptwerke, das andere ist Die Würde des Menschen (1992)). Wie gewinnt Wagner im „spekulativen“, d. h. prinzipientheoretischen Reflexionsgang der Philosophie die unterschiedlichen Systemgebiete und wie hängen diese zusammen? Das Prinzip der Reflexion erweist sich in Wagners Philosophie und Reflexion als das Einheitsprinzip der Philosophie: Philosophie ist Reflexion.

 

Hinsichtlich des Systems der Philosophie führt dies bei Wagner dazu, dass der Reflexionsgang der Philosophie einem inneren Reflexionsgesetz unterworfen ist. Diesem Gesetz zufolge muss die Reflexion an „irgendeiner Stelle“ aus einem „notwendigen“ Reflexionsmotiv heraus den Reflexionsgang auf die das betreffende Gebiet auszeichnende Idee (‚Wert‘, ‚Interesse‘) führen. Dass eine jeweilige „Idee“ eine eigenständige ist, heißt: sie wird an irgendeiner Stelle notwendiges Thema des (linear fortschreitenden) reflektierenden Denkens: das Kriterium für die Eigenständigkeit der Idee und der Zugehörigkeit zum „System spekulativer Begriffe“ ist die Notwendigkeit ihrer Stelle im spekulativen Reflexionsgang, – und von solchen Stellen bzw. den Ideen zugeordneten philosophischen (Sub-)Disziplinen gibt es bei Wagner viele. Im Laufe des Reflexionsgangs entwirft Wagner grundrissartig etwa Logik und Erkenntnistheorie, Realphilosophie und Ontologie, Ethik, Ästhetik, Sozialphilosophie, Religionsphilosophie und noch einiges mehr.

 

Auch wenn es Wagners Reflexionsgang durchaus nicht an einer gewissen Plausibilität gebricht, bleibt seine Forderung der Notwendigkeit jeweiliger Systemstellen genau genommen jedoch ein uneingelöstes Versprechen: Wagner stößt gemessen an seiner eigenen Forderung vielmehr unmittelbar statt prinzipiengeregelt auf die jeweiligen Ideen. Von einer sachlichen Ordnung kann jedenfalls nicht gut die Rede sein; es gibt allenfalls eine methodische, aber gerade die macht was die jeweiligen Übergänge betrifft, einen eher künstlichen Eindruck.

 

Soweit das Gliederungsproblem, nun zum Abschlussproblem. Da bei Wagner die notwendige Stelle im System zugleich das Kriterium für die Eigenständigkeit und Zugehörigkeit der jeweiligen Idee zum System ist, gibt es bei ihm einen horizontalen Abschluss des philosophischen Reflexionsgangs: Während sich die theoretische Philosophie als philosophia prima erweist, bildet die Metaphysik, strikte genommen sogar die Religionsphilosophie die philosophia ultima. Der philosophische Reflexionsgang endet also nicht wie etwa in Hegels Konzeption bei der Philosophie selbst und damit beim Denken als Prinzip, sondern wie etwa im Neukantianismus bei einer spezifischen Sphäre des Seienden, nämlich des „Transzendenten“ als des „erfahrungsjenseitigen Seienden“.

 

Die Philosophie steht nicht am horizontalen Ende des philosophischen Reflexionsgangs (am Ende des Gangs der Reflexion durch die jeweiligen Ideen- oder Geltungssphären als solche hindurch). Sie bildet vielmehr jeweils einen vertikalen Abschluss; denn in bezug auf die jeweiligen Ideen- oder Geltungssphären stellt sich stets heraus, dass die ihr zugehörige Reflexion auf erhobene Geltungsansprüche in derjenigen Geltungsreflexion kulminiert, die Philosophie, letztlich theoretische Philosophie ist. Das Grundverhältnis im System erweist sich so als das der ideenbestimmten Selbstgestaltung des Subjekts: als Subjekt unterliegt es der Aufgabe der Selbstgestaltung. Dieser Aufgabe intrinsisch zugehörig ist die Suche nach Selbstvergewisserung, die letztlich in der (theoretischen) Philosophie befriedigt wird.

 

Flachs Systemkonzeption

 

Von hieraus lässt sich feststellen: Flachs Systemkonzeption ist zum einen derjenigen Wagners in hohem Maß verpflichtet, zum andern distanziert Flach sich in wichtigen Stücken von Wagners Konzeption. Wie bei Wagner bildet die Lehre von den Prinzipien der theoretischen Geltung des Denkens, oder wie es bei Flach heißt: die Erkenntnislehre, die philosophia prima. Zur Thematik der Erkenntnis und ihrer Grundlegung hat Flach 1994 eigens ein umfangreiches Werk vorgelegt: Grundzüge der Erkenntnislehre. Erkenntniskritik, Logik, Methodologie. In diesem seinem magnum opus bringt Flach in stringenter systematischer Analyse und umsichtiger (vor allem auf den philosophischen Diskurs der Moderne konzentrierter) problemhistorischer Kontrastierung den Begriff der Erkenntnis über weite Strecken auf eine höhere Ebene seiner Bestimmtheit. (Bezeichnenderweise für die heutige Diskussionslage wird das Werk nicht einmal erwähnt in Gerhard Ernsts Forschungsbericht über den Wissensbegriff (Information Philosophie 2007.3).)

 

Der Systemgedanke ist sodann das Thema seiner 1997 erschienen Monographie Grundzüge der Ideenlehre. Die Themen der Selbstgestaltung des Menschen und seiner Welt, der Kultur. Hier setzt Flach den im Erkenntnisbuch eingeschlagenen Kurs sowohl sachlich als auch darstellungstechnisch fort. Es geht ihm jetzt darum, das in der Erkenntnislehre Begonnene zu einem systematischen und systemischen Ende zu führen. Damit soll die durchgehende Tragfähigkeit der geltungstheoretischen Ausrichtung der Philosophie für das Ganze des menschlichen Selbst- und Weltverständnisses dargetan werden. Wie bei Wagner spiegelt das System der Philosophie die Interessen- oder Ideenspezifikation des Subjekts, – auch wenn diese Spezifikation im Vergleich zu Wagner eine wesentlich schlankere, auf das theoretische, sittliche, ästhetische und ökonomisch-soziale Interesse ausgerichtete Form annimmt. Wie bei Wagner endet der Prozess, in dem die Interessenbestimmtheit des Subjekts bestimmt wird, d.i. der geltungsreflexive Bildungsprozess, jeweils in der Philosophie (zuletzt in der theoretischen); denn nur hier ist es möglich, sich der Vernünftigkeit der jeweiligen Interessen zu vergewissern, sogar des unbedingten Geltungsgrundes der Geltungsreflexion selbst. Wie Wagner lehnt Flach eine sachliche Rang- und Zuordnung von System- (Ideen-)Sphären ab (aber anders als bei Wagner ist Flachs Ablehnung bestimmungslogischen und sich daraus ergebenden sub-

jekttheoretischen Gründen verdankt). Statt für eine objektive Vernunftsystematik plädiert Flach für eine subjektive, in der bloß die durchgängige Vernünftigkeit jeweiliger Interessen des Subjekts bestimmt wird – und damit zwar die Einheit der Vernunft, aber weder deren Ganzheit (Vollständigkeit, Geschlossenheit) noch deren Einteilung (Gliederung): auch der geltungsreflexive Bi

 

dungsgang ist mit dem Index der Endlichkeit versehen, ist ein je vereinzelter: das Unendliche bleibt Kantisch gesprochen ‚Idee‘.

 

Mit der Unmöglichkeit der Deduktion einer objektiven Vernunftsystematik fällt für Flach die Möglichkeit der Bestimmung von Rang- bzw. Zuordnungsverhältnissen zwischen den verschiedenen Interessensphären. Wie bei Wagner gibt es bei Flach nur eine methodische Ordnung; während bei Wagner diese methodische Ordnung jedoch eine durchgängige sein soll, lehnt Flach diese Durchgängigkeit der methodischen Problemabfolge aufgrund seiner Logik der Bestimmung samt deren subjekttheoretischen Folgen ab. In seiner Konzeption besitzt das theoretische Interesse bzw. die in diesem erfolgende prinzipientheoretische Reflexion aufgrund seiner/ ihrer Letztbegründungsfunktion zwar eine methodische Sonderstellung im System; ansonsten ist die Ordnung der Interessen jedoch beliebig. Flach lehnt die Idee eines linearen Systemaufbaus, gar den Gedanken  einer durchgehenden Abwandlung des einen Prinzipieninbegriffs zu einem und zu mehreren anderen ab; durchgehend ist nur, dass die     Ideenlehre die Geltungsqualifikation von Interessen des Subjekts betrifft. Damit lehnt Flach, anders als Wagner, ebenfalls einen horizontalen Abschluss des philosophischen Systems ab. Trotz ihres Letztbegründungsbezugs können die Ideen- oder Interessensphären Flach zufolge nur als Teile der Kultur erwiesen werden. Kulturelle Konstellationen, so ergibt – wie bei Wagner (und im Neukantianismus) – schon die Erkenntnislehre, zeichnen sich durch eine Proportion von Bedingtheit und Unbedingtheit aus, sind die bedingte Erfüllung einer unbedingten Aufgabe, also Weisen der Selbstgestaltung des Menschen qua Subjekt.

 

Ausblick

 

In bezug auf Flachs Systemkonzept hat sich ein bis heute andauerndes Streitgespräch zwischen Flach und dem Verf. ergeben, dessen letzter Stand in Göller/Krijnen (2007) dokumentiert ist. Im Kern geht es um das Problem, ob in Anbetracht der philosophischen Letztbegründungsaufgabe nicht doch eine objektive Vernunftsystematik und eine damit einhergehende sachliche Zu- und Rangordnung der Systemsphären vonnöten sind; ob also dem Ganzen als Idee der Einheit nicht eine bloß regulative, sondern auch eine konstitutive Funktion zukommt. Während Flach zufolge eine subjektive Einheit für den Zusammenhang der Systemsphären aufzukommen vermag, müsste im Zuge einer objektiven Vernunftsystematik das Verhältnis von wechselseitiger Abhängigkeit und einseitiger Begründung von Prinzip und Prinzipiat als systemkonstitutiv begriffen werden. Zur Diskussion steht daher die Frage, ob der von Flach konzipierte geltungsreflexive Bildungsgang, der ja darauf abzielt, die Welt in der wir leben, einsichtig zu machen, den letzten Grund des zu analysierenden Phänomens zu erfassen vermag und sich tatsächlich darin vollbringt, die Vernünftigkeit jeweiliger Interessen auszuweisen. Diese Frage ist, man denke nur an das Verhältnis ‚Kant – Hegel‘, systematisch wie historisch komplex und führt in die tiefsten Gründe philosophischen Denkens.

 

Insgesamt bleibt zu hoffen, dass den Philosophien Wagners und Flachs mehr Aufmerksamkeit zuteil wird, als es gegenwärtig der Fall ist. Über die sprachphilosophische, in empiristischen Kontexten wurzelnde analytische Philosophie hinaus, vermag deren Auffassung und Ausarbeitung der Philosophie als Geltungsreflexion den Blick für philosophische Totalitätsfragen ebenso zu schärfen, wie sie postmoderne, romantisch gespeiste Erkundungen des Partikularen vor die Herausforderung einer universalen Geltungsstruktur stellt: Wagner und Flach machen den Versuch, das Partikulare und das Universale in begründeter Weise in einem Begriff zusammenzudenken – genau darin liegt die Aufgabe eines Systems der Philosophie.

 

Literaturhinweise

 

Ausgewählte Bücher von Hans Wagner und Werner Flach

 

Wagner, H. (1980a), Philosophie und Reflexion, 3. unver. Aufl., München/Basel.

Wagner, H. (1980b), Kritische Philosophie. Systematische und historische Abhandlungen, hg. v. K. Bärthlein/W. Flach, Würzburg.

Wagner, H. (1992), Die Würde des Menschen. Wesen und Normfunktion, Würzburg.

Wagner, H. (2008), Zu Kants Kritischer Philosophie, hg. v. B. Grünewald/H. Oberer, Würzburg.

Flach, W. (1994), Grundzüge der Erkenntnislehre. Erkenntniskritik, Logik, Methodologie, Würzburg.

Flach, W. (1997), Grundzüge der Ideenlehre. Die Themen der Selbstgestaltung des Menschen und seiner Welt, der Kultur, Würzburg.

Flach, W. (2002), Die Idee der Transzendentalphilosophie. Immanuel Kant, Würzburg.

 

Bibliographien

 

Oberer, H. (1997), Bibliographie der Schriften von Hans Wagner, in: Kant-Studien 88, 238-241.

Krijnen, Ch./ Göller, Th. (2007), Verzeichnis der Schriften Werner Flachs, in: Th. Göller/Ch. Krijnen [Hrsg.], Geltung und Begründung. Perspektiven der Philosophie Werner Flachs, Würzburg, 151-156.

 

Sekundärliteratur

 

Aschenberg, R. (1998), Geltung der Subjektivität. Über zentrale Motive der Philosophie von Hans Wagner, in: Wiener Jahrbuch für Philosophie 30, 215-236.

Aschenberg, R. (2002), Letztbegründung? Beitrag zu einer typologischen Orientierung, in: R. Hiltscher/A. Georgi [Hrsg.], Perspektiven der Transzendentalphilosophie im Anschluss an Kant, Freiburg i. B./München, 11-42.

Göller, Th. (2000), Kulturverstehen. Grundprobleme einer epistemologischen Theorie der Kulturalität und kulturellen Erkenntnis, Würzburg.

Göller, Th./Krijnen, Ch. [Hrsg.] (2007), Geltung und Begründung. Perspektiven der Philosophie Werner Flachs, Würzburg.

Grünewald, B. (1999), Eine umfassende Konzeption theoretischer Geltung, in: Philosophische Rundschau 46, 205-223.

Krijnen, Ch. (2001): Nachmetaphysischer Sinn. Eine problemgeschichtliche und systematische Studie zu den Prinzipien der Wertphilosophie Heinrich Rickerts, Würzburg.

Krijnen, Ch. (2008), Philosophie als System. Prinzipientheoretische Untersuchungen zum Systemgedanken bei Hegel, im Neukantianismus und in der Gegenwartsphilosophie, Würzburg.

Lippitz, P. M. (2005), Letztbegründung. Werner Flachs Erkenntnislehre und die Fundierungsansätze von Hans Wagner und Kurt Walter Zeidler, Würzburg.

Zeidler, K.-W. (1995), Kritische Dialektik und Transzendentalontologie. Der Ausgang des Neukantianismus und die post-neukantianische Systematik R. Hönigswalds, W. Cramers, B. Bauchs, H. Wagners, R. Reiningers und E. Heintels, Bonn.

(Zu Wagner sei zudem auf die oben erwähnten Bücher von Werner Flach verwiesen.)

 

UNSER AUTOR:

 

Christian Krijnen ist Professor für Philoso­phie an der Vrije Universiteit Amsterdam.

Von ihm sind zum Thema erschienen die oben erwähnten Monographien Nachmetaphysischer Sinn (2001) und Philosophie als System (2008).

 

 




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