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PORTRÄTS

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Kofler, Leo

Dem Sozialismus treu ergeben

Christoph Jünkes fulminantes Porträt

des marxistischen Philosophen Leo Kofler

(Sozialistisches Strandgut. Leo Kofler, Leben und Werk, 1907-1995,

702 S., Ln., € 39.80, 2008, VSA Verlag, Hamburg)

 

 

Leo Kofler hat zeitlebens erzählt, er sei in Polen geboren worden, und diese Angabe findet sich auch in den Lexika. Dennoch ist sie falsch, denn Kofler wurde am 26. April 1907 in dem heute zur Ukraine gehörenden Ostgalizien geboren. Dieses gehörte damals zu Österreich.

 

Im August 1914 marschierte die russische Armee in Ostgalizien ein. Ein großer Teil der galizischen Juden floh vor den russischen Pogromen. Kofler erinnerte sich, dass berittene Russen mit dem Ruf „Jude, gib das Geld her!“ auf dem Hof erschienen. Darauf floh die Familie nach Wien. Der Vater, der bald in einer Versicherung eine Stelle fand,  drang auf eine rasche Assimilation, seinem Sohn verbot er das Jiddische, förderte stattdessen seine Leselust. Im Alter von zwölf Jahren kam Kofler im Rahmen einer „Kinderverschickungsaktion“ für kranke Kinder (er litt an einer beginnenden Lungenkrankheit) in den Schweizer Ort Mellingen. „Eigentlich kommt von diesem Aufenthalt meine ganze Natur, meine ganze Anlage, die ich bis zum heutigen Tage behalten habe“, schrieb später der 70jährige Kofler.

 

Nach der Absolvierung der Handelsakademie trat er eine Stellung in der Sascha-Filmge­sellschaft an und wurde dabei wie selbstverständlich auch Mitglied der Angestelltengewerkschaft. „Hier habe ich zum ersten Mal etwas gehört, was mich wirklich interessiert hat“, berichtete Kofler 1992. Er traf auf Manfred Ackermann, eine der herausragenden Persönlichkeiten der österreichischen Arbeiterbewegung. Er begann sich intensiv mit dem Thema Gewerkschaft zu beschäftigen und wurde von dieser als Referent in der Jugendbewegung eingesetzt. 1929, bei Ausbruch der Weltwirtschaftskrise, wurde Kofler

als einer der ersten im Betrieb entlassen. Er wurde nun, 22jährig, Mitglied der Wiener Bildungszentrale und reiste von Vortrag zu Vortrag. Dabei lernte er den Austromarxisten Max Adler kennen und besuchte fortan die von diesem geleitete „Marxistische Studiengemeinschaft“. Adler stellte die Welt des marxistischen Denkens vor und mischte sich in die Diskussionen seiner Zeit ein. Koflers Gedanken lagen damals ganz im Rahmen der Jugendkultur, deren Credo lautete: „Der Jugendliche muss aufgehen in einer Welt, die viel größer ist als sein ärmliches Ich.“ Der Vater, sich um seinen Sohn sorgend, machte ihm des öfteren Stellenangebote, doch der lehnte ab, da er nicht mit Kapitalisten arbeiten wollte. Er schlug sich mit seiner Referententätigkeit, mit Gelegenheitsarbeiten und einer Arbeitslosenunterstützung auf niedrigem Niveau durch.

 

Ideologie und Mythos

 

Kofler gehörte damals zum linken Flügel der österreichischen Sozialdemokraten. Deren Führer, Otto Bauer, setzte auf eine Einheitsfront mit den Kommunisten. Doch Kofler spielte in den politischen Kämpfen dieser Zeit wie auch späterhin keine Rolle – er blieb stets ein Theoretiker. Er setzte sein Studium bei Max Adler fort und schrieb ein Manuskript „Ideologie und Mythos“, worin er die marxistischen Parteien kritisierte, sie verstünden die Politik allzu rationalistisch, quasi als Rechenexempel. Er setzte auf die Dialektik, die imstande sei, „die der Sinnlichkeit verborgene Einheit von Theorie und Praxis“ als „bewusste Triebkraft der Praxis“ bewusst zu machen. Kofler kritisierte zudem den      Ideologiebegriff, der Ideologie mit falschem Bewusstsein identifiziere. Hier setzt er sich auch von Bauer ab. Kofler unterscheidet zwischen einer rationalen, wissenschaftlichen Ideologie – der wissenschaftlichen Erkenntnis –, dem rein rationalen Mythos -, dem Irrationalismus – und einem rationalen Mythos, worunter er die Politik fasst. Irrationale Strömungen proklamieren die umfassende Herrschaft des Gefühls als dem unmittelbaren Bindeglied zwischen Realität und Handeln: „Hierher gehören alle echten religiösen Ideologien, ebenso die Vorstellungen vieler historischer Massenbewegungen.“ Hierher gehört aber auch die Kunst, „in der nicht gedacht, sondern nur gefühlt wird“.  Die rationale Ideologie, die auf objektive Realitätserkenntnis ausgerichtete Wissenschaft, strebt eine möglichst umfassende Tatsachenerkenntnis an und kennt nur die Unterscheidung von wahr und falsch. Der Politik dagegen geht es nicht um wahre und falsche Erkenntnis, sondern um den Willen zur Veränderung der Wirklichkeit. Damit sind Wissenschaft und Politik grundsätzlich unvereinbar.  Später wird Kofler die Idee, die Politik als Mythos zu fassen, aufgeben.

 

Kofler erlebte den Einmarsch der deutschen Truppen und war zufällig anwesend, als Hitler auf dem Wiener Heldenplatz seine Rede hielt. Er verbrannte nun sicherheitshalber alle seine marxistischen Bücher und ging mit Frau und Freunden einige Zeit in die Berge. Seine Frau nahm ein Angebot an, als        Au-Pair-Mädchen nach England zu gehen, während er seine Flucht in die Schweiz vorbereitete. Geplant war ein Übergang über   einen Alpenpass, doch Kofler fehlte die dafür notwendige Konstitution. Die Dreiergruppe musste im Juli 1938 umkehren und übernachtete in einem Naturfreundehaus. Dort wurden sie von Nazis aufgegriffen, misshandelt und in Innsbruck ins Gefängnis gesteckt. Zufällig kam in diesem Monat die Politik auf, Juden mittels illegalem Grenzübertritt gezielt ausreisen zu lassen, und Kofler wurde mit anderen an die Schweizer Grenze gestellt, wo er sich nach Chur durchschlagen konnte. Die Schweizer wollten ihn wieder abschieben, doch die Israelitische Fürsorge nahm sich seiner an und erwirkte eine beschränkte Aufenthaltserlaubnis.

 

 Kofler plante nun, zu seiner Frau nach England zu reisen, doch als im September 1939 der Krieg ausbrach und die Grenzen geschlossen wurden, zerschlug sich dieser Plan, und Kofler kam in verschiedene Schweizer Internierungslager. Längere Zeit verbrachte er im Sommercasino in Basel. Seine freie Zeit nutzte er, um in der Universitätsbibliothek historische und gesellschaftswissenschaftliche Bücher zu lesen. Hier entdeckte er auch das Werk von Lukács, was bei ihm zur Verschmelzung zweier Leidenschaften – der Kunst und des Marxismus – führte. Diese Verbindung wurde zum Schlüssel für Koflers weiteres Leben und Werk. Es entstand sein erstes Buch, Die Wissenschaft von der Gesellschaft. Er lernte den damaligen Lektor des Berner Francke-Verlages, Konrad Farner, kennen, und dieser war von dem Manuskript so beeindruckt, dass er es 1944 veröffentlichte. Allerdings unter dem Pseudonym Stanislaw Warynski, da es in der Schweiz Emigranten verboten war, Bücher zu veröffentlichen.

 

In dem Buch legte Kofler dar, dass uns die Geschichte als ein Produkt von Menschen „grundsätzlich verstehbar ist, während die Natur nur erkennbar ist“. Das methodische Mittel dieses Verstehens ist ihm die Dialektik, deren Grundproblem das Verhältnis des Besonderen zum Allgemeinen, des individuell Einzelnen zum kollektiv Ganzen ist und deren Gesetz die „notwendige Entfaltung der Momente im sich bewegenden Objekt, der Gesellschaft“ bezeichnet. Dialektik wird so zum „Wissen vom gesetzlichen Fortschreiten der Weltgeschichte als Verwirklichung der in der gesellschaftlichen Totalität innewohnenden Tendenzen“. Die erkenntnistheoretische Bemühung um die Klärung des Wesens des Gesellschaftlichen ergibt für Kofler die Grundeinsicht, dass es das Menschlich-Tätige, die Überwindung der Gegensätzlichkeit in der dialektischen Vermittlung von Denken und Sein ist, „die das Wesen des Begreifens der Gesellschaft im richtigen Bewusstsein ausmacht“ – während dies im „falschen“ Bewusstsein unerkannt bleibt.

 

 

Kofler wendet sich, darin Adler folgend, vor allem gegen das mechanische Ableiten der Ideologien von der ökonomischen Basis. An Lukács anknüpfend sieht er die einzige Lösung in der Erneuerung der Dialektik als    einer tätigen „Realdialektik“. Von Lukács übernimmt Kofler zwar die Dialektik, doch er sieht die marxistische Gesellschaftstheorie, darin Adler treu bleibend, rationalistisch und kausalgesetzlich. Auch ist bei Kofler     Ideologie nicht mehr einfach „falsches“ Bewusstsein, das durch das richtige zu ersetzen ist, Ideologie ist vielmehr eine Form des Bewusstseins, die in ihrer geschichtlichen Notwendigkeit zu begreifen ist.

 

Kofler hatte die Hoffnung auf eine Ausreise zu seiner Frau nach England aufgegeben und stellte den Antrag auf Ehescheidung – er hatte seine Frau seit acht Jahren nicht mehr gesehen, dafür in Basel eine neue Liebe gefunden. Die Schweizer forderten nun Kofler nachdrücklich auf, Arbeit zu suchen und hielten eine Stelle als Friseur für zumutbar. Das Intellektuellen-Komitee war dagegen: „Wir glauben in diesem Falle, dass Herr Kofler der Menschheit mehr dient, wenn er wissenschaftliche Werke schreibt, als wenn er ein schlechter Friseur würde.“ Kofler arbeitete in dieser Zeit an seiner Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft, einem historisch orientierten Werk, in dem er versucht, „die Gesamtheit der historischen Ideologien und Individualitäten als gesetzlich bestimmte Vielheit eines gesellschaftlichen Beziehungs­ganzen zu begreifen, ohne dass das Einzelne, Individuelle, Besondere im Allgemeinen ertrinkt oder umgekehrt die allgemeine gesetzliche Totalität am Individuellen zerschellt“.

 

Kofler hatte mit Richard Wolf in mehreren Lagern zusammengelebt. Nach dem Krieg kehrte Wolf nach Halle zurück und wurde dort Vorsitzender der SED-Betriebsgruppe Universität. Als solcher machte er die Universitätsleitung auf Kofler aufmerksam, und dieser erklärte sich bereit, „die ehrenvolle Berufung als Dozent an den Vorsemestern“ der Universität anzunehmen. Kofler glaubte an die Versprechen der SED und trat unmittelbar nach seinem Eintreffen in Halle in die Partei ein. Er fühlte sich im Sozialismus wohl, „viel besser als in der Schweiz, wo ich genügend zu essen hatte, während das Leben in Halle zunächst voller Entbehrungen war“. Nach einem Probevortrag und einem Kolloquium zu seiner Schrift Die Wissenschaft von der Gesellschaft erhielt Kofler im Oktober 1947 die Doktorwürde verliehen. Die SED sah in Kofler einen Kandidaten für einen Hochschulposten, den es gegen den Widerstand der konservativ-ständischen Universitätshierarchie durchzusetzen galt. Am 5. März 1948 wurde Kofler, noch bevor das Habilitationsverfahren abgeschlossen war, zum Professor für „Geschichtsphilosophie“ mit vollem Lehrauftrag ernannt. „Vom Auto­didakten bis zum Professor. Neuer Lehrstuhl an der Universität Halle“ betitelte die Hallenser SED-Tageszeitung Freiheit die Berufung.

 

Die Habilitationsgutachter kritisierten, Kof­ler habe nicht den Nachweis erbracht, dass er mit den „Methoden historischer Forschung vertraut ist“, aber sie attestierten ihm, eine neue marxistische Geschichtsphilosophie entwickelt zu haben. 1948 erschien Zur Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft in Buchform. Kofler begann nun mit einer weit verzweigten Vortragstätigkeit jenseits der Universität, bei Lehrerfortbildungen und Gewerkschafts- und Parteischulen. Wo immer es um die öffentliche Verbreitung marxistischer Positionen in Halle ging, war Kofler dabei. Innerhalb der Partei sprach Kofler „schroff und bitter über die Feindseligkeit, die man den radikalen Dozenten entgegenbringe, über die reactionäre Gesinnung der Studenten und Professorenschaft“ (so ein Augenzeuge). Kofler fühlte sich mit einer gewissen Berechtigung als marxistische Speerspitze Halles.

 

Ab 1948 breitete sich in der DDR ein Klima von Bürokratisierung und beginnender Repression aus. Kofler kritisierte, dass „unsere ‚Agitprop’-Redner zu schroff, zu schablonisiert sind“. Er stieß damit auf Ablehnung; man hatte von ihm eine Unterwerfung unter die SED-Linie erwartet. Auf der Parteihochschule kam es zu einem Eklat, als Kofler behauptete, zur Dialektik gehöre die Kategorie der Totalität. Kurt Hager, der damalige Leiter der Abteilung Parteischulung im SED-Zentralsekretariat,  warf ihm vor, damit setze er Kommunismus und Faschismus gleich. Die Folge war eine intime Feindschaft zwischen dem mächtigen Hager und Kofler. Rugard Otto Gropp bekam nun den Auftrag, in der SED-Theoriezeitschrift Einheit Kofler anzugreifen. Gropp unterstellte Kofler, er stelle das Totalitätsdenken gegen das rationalistische, statt das dialektischen gegen das metaphysische. Solcherart „Privatdialektik“ sei „überverstandesmäßig, eben Metaphysik“ und reproduziere „auf seine Art die bürgerliche methodische Gegenüberstellung der deutschen Philosophie gegen die bloße Empirie“. Der Marxismus sei „eine Anleitung zur exakten – verstandesmäßigen – Erforschung der Tatsächlichkeit, aber nicht eine verstehend deutende Weltanschauung“. Weil Koflers Buch „bei einem Teil seiner Leser Verwirrung anrichten kann und geeignet ist, unseren ideologischen und politischen Gegnern Vorschub zu leisten“, möge Kofler sich doch „erst einmal bescheiden um das Verständnis des Marxismus bemühen, ehe er sich zu weiteren Veröffentlichungen entschließt“. Kofler zeigte sich renitent und erklärte offen, „dass praktische und ideologische Tendenzen in der SBZ“ (d.h. der sowjetisch besetzten Zone) „dem originären Marxismus nicht entsprächen“.

 

Kofler wurde durch die Angriffe immer nervöser, verlangte von den verantwortlichen Stellen Aufklärung und die Möglichkeit, sich öffentlich zu verteidigen. Doch weder die Universitätsgremien noch andere Organisationen wollten sich für ihn verwenden, mit Ausnahme der Hallenser SED-Betriebsgrup­pe, die sich hinter Kofler stellte. Im Dezember 1949 stellten junge aufstrebende Parteiphilosophen ein Dossier über den „Koflerismus“ zusammen, indem sie mit ihm abrechneten und zum nationalen Feind und sowjetfeindlichen Verleumder erklärten. So wurde ihm etwa vorgeworfen, dass er den Unterschied zwischen kapitalistischer und sozialistischer Industrialisierung nicht zur Kenntnis nehme. Damit war das politische Todesurteil über Kofler gesprochen. Er wurde aus der SED ausgeschlossen, und die Universitätsverwaltung wurde aufgefordert, den Lehrauftrag an Kofler „sofort“ zurückzuziehen. Kof­lers Frau verließ die DDR, um in Argentinien eine Erbschaft anzutreten, ihre Versuche, ihn zum Mitkommen zu bewegen, waren allerdings vergebens.

 

Kofler war nun in Halle völlig auf sich selbst gestellt. Er arbeitete an einem neuen Buchmanuskript, in dem er sich gegen die Anschuldigungen wehrte – ihm war noch nicht klar, dass er ein politisch wie wissenschaftlich erledigt war. Er wollte sich vor allem gegen den Vorwurf des Idealismus verteidigen. Ohne die Ausrichtung des Denkens auf die Erfassung des Ganzen falle man in den Mechanismus zurück, trenne Ökonomie und Ideologie in unzulässiger Weise. Für Kofler kann es „keine einzige Seite des gesellschaftlichen Lebens geben, keine Beziehung und keine Tätigkeit, die nicht durch das Bewusstsein hindurch sich gestaltet“. Wo dies als Rückfall in den Idealismus betrachtet werde, „da feiert der vulgärmaterialistische Mechanismus seine leicht errungenen Triumphe“. Kofler sieht die Bedeutung des marxistischen Sozialismus im Festhalten an einem humanistischen Menschenbild, „wie es in großen Umrissen von den bürgerlichen Ideologen geprägt worden war“ und sah in der Elimination des humanistischen Ideals durch einen ökonomistischen Praktizismus einen

 

 „Wurstzipfelsozialismus“ am Werk. Er prangerte die „Verwandlung der jungen Menschen in subalterne und charakterlose Werkzeuge einer eng praktizistischen und unwissenden, daher in keiner Weise einer sozialistischen Erziehung fähigen Bürokratie“ an. 

 

Ulrich Brieler beschrieb später Kofler treffend als einen „der ganz wenigen Autoren des westlichen Marxismus, die an der Klam­mer von intellektueller Anstrengung und     ethischer Lebensführung festhalten. Sein gesamtes Werk ist getragen von der utopischen Idee eines gelungenen Lebens“.

Kofler wurde von einer drohenden Verhaftung gewarnt. Er ließ die Lichter seiner Wohnung brennen, kletterte mitsamt Koffer aus dem Fenster in den Garten und konnte unbemerkt in einen Zug nach Ostberlin einsteigen, von wo er mit dem Taxi in den Westen fuhr.

 

„Dass ich in den Kapitalismus zurück musste“, schrieb Kofler später, „war eine sehr enttäuschende Wende in meinem Leben.“ Er wusste nun nicht, wohin er gehen sollte. Er arbeitete nun zeitweise als Nachtwächter und lebte von öffentlicher Unterstützung. Auf jeden Fall wollte er sich in den neuen Verhältnissen treu bleiben und als marxistischer Sozialist bewähren. Ein ehemaliger Student Koflers aus Halle brachte ihn schließlich nach Köln und vermittelte ihn an die dortige Volkshochschule, wo Kofler Kurse anbieten konnte. Im sozialistischen Milieu von Köln avancierte Kofler bald zum gefragten Redner und publizierte in den einschlägigen Zeitschriften, wo er sich einen Namen als Theoretiker der marxistischen Linken erarbeitete. Insbesondere kritisierte er den Stalinismus, der in spezifisch historischen Umständen gesellschaftlicher Rückständigkeit wurzle. Zum einen eliminiere das stalinistische Denken die Dialektik aus dem Materialismus. Zum zweiten reduziere es den historischen Materialismus auf einen platten, mechanistischen Ökonomismus. Es werde sich „erweisen, dass jeder echte Sozialismus grundsätzlich demokratisch sein muss und wird, oder er wird überhaupt nicht sein“. Kofler sieht Geschichte als Selbstverwirklichung des Menschen auf dem Wege der Verwirklichung immer höherer Stufen der Freiheit.

 

 Kofler hatte seine Hoffnungen auf einen Lehrstuhl im Westen auf Sand gebaut. Wolfgang Abendroth u.a. setzten sich für ihn ein – vergebens. Mit ein Grund dafür: Kofler war im persönlichen Umgang schwierig. Zwar zählte man Kofler zu den Neu-Hegelianern wie Lukács und Bloch und auch Adorno, aber gerade dieser verhinderte offenbar eine Professur Koflers in Frankfurt. Adorno fürchte „jeden marxistischen Wissenschaftler an seiner Seite, der ihm hätte Konkurrenz machen können“, kommentierte Kofler den Vorgang. Einzig die Arbeit an Volkshochschulen sicherte Kofler den Lebensunterhalt. Hinzu kam ein festes Mitarbeitergehalt an der WISO, die Korrespondenz für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften.

 

Kofler avancierte in dieser Zeit zum Vordenker einer neuen historischen Bewegung, die später als „Neue Linke“ die Gemüter der 1960er und 1970er Jahre nachhaltig bewegen sollte – aber nur für eine kurze Zeit. Kofler war zwar ein Theoretiker der neuen Linken, fand aber keinen Zugang zu ihr und wurde Ende der 50er Jahre wieder weitgehend auf die  Position eines Einzelkämpfers zurückgeworfen. Er zog sich aus der linken Diskussion zurück und veröffentlichte seine bisherigen Studien in einem 400 Seiten starken Buch Staat, Gesellschaft und Elite zwischen Humanismus und Nihilismus. Staat und Ge


sellschaft sind für ihn weder völlig identisch noch vollkommen verschieden. Kofler fasst den modernen Staat weniger als technischen Apparat, sondern als ein im permanenten Fluss sich befindendes gesellschaftliches Verhältnis. Die ideologische Seinsweise des modernen Staates verkörpert sich für ihn in den soziologischen Schichten der Elite, der Intelligenz und Bürokratie. Sie sind es, die die Vergeistigung tragen. Die bürgerliche   Elite bildet das Bindeglied zwischen der sich ökonomisch begründenden herrschenden Klasse und der Gesamtgesellschaft. Deren Glieder brauchen nicht persönlich zu herrschen, da sie sich darauf verlassen können, dass „Tradition, Gewohnheit, Trägheit, Undurchschaubarkeit der komplizierten Verhältnisse und Verfallenheit an das ideologische Bewusstsein, wie auch die bürokratische, auf das Bestehende mechanisch geeichte Technik der Auswahl der Beamten und Funktionäre zuverlässig wirken“. Dem neuen Liberalismus stand der Marxist Kofler ablehnend gegenüber. Er verdränge alle humanistischen Ansprüche der frühbürgerlichen Zeit und werde gleichsam nihilistisch. Kofler bezeichnet diesen Zustand als einen Zustand der „Dekadenz“.

 

Frank Benseler, der Lektor des Luchterhand-Verlages, brachte nun eine Neuauflage der Koflerschen Hauptwerke heraus – Zur Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft sollte bis 1979 insgesamt fünf Auflagen erleben.  Für Kofler begann eine intensive Zeit des Bücherschreibens. Bei Luchterhand erschien als nächstes Zur Theorie der modernen Literatur. Kofler kritisiert darin die bürgerliche Flucht in den irrationalen Subjektivismus. Diese kann nicht gelingen, „weil auch die Subjektivität mit ihrer differenzierten Innerlichkeit sich bei genauerer Analyse als Abklatsch der verdinglichten Außenwelt erweist“. In der Literatur müsste die dialektische Totalität durch die Darstellung des individuellen Schicksals hindurch scheinen und den gleichsam fühlbaren Hintergrund der einzelnen Geschichten bilden. In Der proletarische Bürger (1964) wirft er den Frankfurtern eine positivistische Verengung des Denkens vor. Einerseits sei man links, andererseits versöhne man sich mit der entfremdeten Realität. Adorno reinige die Dialektik „von aller ihr wesenhaft zugehörenden Programmatik der ‚Verwirklichung der Philosophie’“. „Dass sie mit den Frankfurtern im Streit liegen“, schrieb ihm darauf Lukács, „ist nur eine Ehre für Sie.“ Weder Adorno noch Habermas haben jedoch Kofler öffentlich auch nur einmal erwähnt,  geschweige denn sich mit ihm auseinandergesetzt.

 

 Es erscheinen nun kurz hintereinander  Der asketische Eros. Industriekultur und Ideologie sowie Perspektiven des revolutionären Humanismus. Darin sieht Kofler als neu die mit der modernen Freiheit begründete freiwillige Identifikation mit der noch immer repressiv strukturierten bürgerlichen Klassengesellschaft. Diese Repression verberge sich „unter einem dichten Schleier scheinbar gewährter politischer und vor allem erotischer Freiheiten“. Die repressive Ideologie habe sich weitgehend ins Psychische verlagert und Bereiche besetzt, „die in früheren Epochen noch Kräfte des Widerstands aufgespeichert hatten“. Kofler beharrt darauf, dass dem modernen Lohnarbeiter ein latent fortwirkendes revolutionäres Bewusstsein eigen ist, das zu politisieren die Aufgabe einer politisch-intellektuellen Avantgarde sei.

 

In den Selbstverständigungsdebatten der jungen Generation der 68er Jahre waren Koflers Analysen nicht einmal ansatzweise präsent. Erst  1970 wurde sein Werk entdeckt, und es begann eine Phase der Anerkennung. Er bekam nun eine Lehrstuhlvertretung in Bochum und fand bei den Studierenden große Resonanz.  Das Land Wien verlieh ihm 1972 das „Goldene Ehrenzeichen“, und der Verlag Andreas Achenbach kündigte 1977 eine auf 18 Bände geplante Werkausgabe an (woraus aber nichts wurde). Zum 80. Geburtstag brachte die Frankfurter Rundschau einen umfangreichen Bericht und würdigte ihn als „einen der ältesten und profiliertesten marxistischen Theoretiker“. Leo Kofler, der am Schluss noch die blutige Niederschlagung des Pekinger Frühlings verteidigte, starb am 29. Juli 1995 in Köln.

 




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