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Orientierung: Werner Stegmaiers Philosophie der Orientierung

Werner Stegmaier entwickelt eine umfassende Philosophie der Orientierung

 

Orientierung wird in der Philosophie zumeist zur Definition anderer Begriffe gebraucht, ohne selbst definiert zu werden. Der in Greifswald lehrende Werner Stegmaier unternimmt es, nicht nur erstmals zu klären, was Orientierung bedeutet, er entwickelt auf 800 Seiten vielmehr eine Philosophie der   Orientierung, die alle Bereiche umfasst:

 

Stegmaier, Werner: Philosophie der Orientierung. 804 S., 2008, € 48.—, de Gruyter, Berlin.

 

In alltagssprachlicher Sicht ist Orientierung die Leistung, sich zurechtzufinden. Dazu werden in einem ersten Schritt die Umstände einer Situation ausgemacht und einander zugeordnet. Der nächste Schritt beinhaltet die Leistung, sich zurechtzufinden, um erfolgversprechende Handlungsmöglichkeiten auszumachen, durch die sich die Situation beherrschen lässt.

 

Jede Orientierung löst eine vorausgehende Orientierung ab und das heißt, dass eine     Orientierung in sich zeitlich ist. Sie hat es unablässig mit der Feststellung dessen zu tun, was nie feststeht. Grundbedingung jeder Orientierung ist es, unter Ungewissheit zu operieren; dabei verlässt sie sich auf das, was ihr plausibel oder selbstverständlich ist. Plausibilitäten brauchen keine Begründungen mehr, Begründungen können bei ihnen enden oder von ihnen ausgehen. Weil aber anderen anderes plausibel ist, kann man sich gegenüber anderen nicht ohne weiteres auf Plausibilitäten berufen, zumal Plausibilitäten auch immer fehlgehen können, wie die alltägliche und wissenschaftliche Erfahrung hinreichend zeigt. Plausibilitäten, auf die man sich berufen will, müssen ihrerseits begründet sein, sich auf Argumente stützen, die im Zweifelsfalle geltend gemacht werden können. So werden Plausibilitäten, wenn sie mitgeteilt werden, paradox: Sie beruhen auf Argumenten, die sie in Frage stellen können und die man darum (möglichst) auf sich beruhen lässt.

 

Dass Orientierung die Leistung ist, mit einer Situation zurechtzukommen, lässt sich in    einen Begriff fassen, der durch Luhmann gängig geworden ist: „Anschlussfähigkeit“.  Orientierungen lassen sich damit als Selbststrukturierungen der Orientierung verstehen.

 

Mit Kants Schrift Was heißt, sich im Denken orientieren? wurde das Wort „Orientieren“ im Deutschen gebräuchlich. Er ging von hier in die philosophische Lexikographie ein,     aber gleich mit der Konsequenz, die Philosophie überhaupt zur Orientierungs-Wissen­schaft zu erklären. Für Traugott Krug, einem Schüler Kants, bedeutet der Ausdruck, soviel als sich auf dem Gebiet der Erkenntnis dadurch zurechtfinden, „daß man die Gesetze der Erkenntniß aufsucht. Da nun dies bloß durch Philosophieren möglich ist, so ist die Philosophie gleichsam die Orientierungs-Wissenschaft in Bezug auf alle übrigen Wissenschaften“.

 

Als Jacobi Mendelssohn vor die Alternative Glaube oder Vernunft stellte, setzte dieser den Begriff des Sich-Orientierens als den Punkt der Entscheidung zwischen dem Hinnehmen von fraglos Selbstverständlichem und dem Nachfragen nach Gründen und Beweisen ein. Für Mendelssohn ist das Judentum das Beispiel einer gelingenden Orientierung ohne letztgültige Kriterien. Es ist keine Religion im Sinne eines Glaubens an ewige Wahrheiten, sondern eine „vernunftmäßige Überzeugung“ im Sinne eines „schlichten gesunden Menschenverstandes, der die Dinge gerade ins Auge fasst und ruhig überlegt“. Für das Problem der Orientierung, wie es sich Mendelssohn stellte, gab es keine äußerlich vorgegebenen Anhaltspunkte mehr: die Vernunft in seinem Sinne konnte sich nur an sich selbst ausrichten, sich selbst orientieren.

 

Kant, nach Mendelssohns Tod von vielen Seiten dazu gedrängt, nahm die Kontroverse auf, und seine Abhandlung Was heißt: Sich im Denken orientieren? wurde zum bedeutsamsten Dokument einer kritischen Philosophie der Orientierung. „Der erweiterte und genauer bestimmte Begriff  des Sichorientirens kann uns behülflich sein, die Maxime der gesunden Vernunft in ihren Bearbeitungen zur Erkenntniß übersinnlicher Gegenstände deutlich darzustellen“, schreibt Kant. Das Bedürfnis der Vernunft nach Orientierung rechtfertigt danach unausweisbare, jedoch nicht dogmatisch zu behauptende Annahmen.

 

Für Fichte, Schelling, Hegel, Schleiermacher und Schopenhauer war „sich orientieren“ nun gängige Redeweise für das Sich-Zu­rechtfinden in Umgebungen überhaupt geworden und so selbstverständlich, dass sie ihren Sinn nicht mehr eigens reflektierten. Je  mehr man sich im 19. Jahrhundert von der Bedingtheit und Bedürftigkeit der Vernunft überzeugte, desto mehr trat der Begriff der Orientierung in den Vordergrund. Er wurde zum Begriff einer „Totalität“ von Wissen nicht mehr in Gestalt eines Systems nach Prinzipien, sondern des Zusammentretens vielfältigen Wissens. Eine grundlegend neue philosophische Fassung erhielt der Begriff bei Dilthey, der sie vom Begriff des Lebens aus erschloss. Und schließlich nimmt der Begriff am „linguistic turn“ um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert teil. Wittgensteins ganze Philosophie ist als Antwort auf die Frage „Was heißt: sich in der Sprache orientieren?“ zu verstehen. Die nach Kant umfassendste und gründlichste Analyse des Sich-Orientierens stammt jedoch von Heidegger. Er fasst im Begriff der Orientierung die Grunddimension des Daseins. Ab 1980 wurde die Vernunft zunehmend als eine Orientierungsweise unter anderen verstanden. Vernunft wurde ohne großes Aufhebens dem Begriff der Orientierung untergeordnet.

 

Stegmaier unterscheidet in seinem großangelegten Werk vierzehn verschiedene Formen der Orientierung. Eine der wichtigsten ist dabei Orientierung als Sich-Zurechtfinden. Orientierung bewältigt dabei eine Situation, indem sie mit ihr zurechtkommt und damit weiterkommt. Orientierungssituationen sind neue Situationen: Wo bisher ein Haus stand, steht auf einmal keines mehr. Die Orientierung limitiert die Situation, um sie zu erschließen, und erweitert sie nach Bedarf. Auf Beunruhigungen ist die Antwort die Orientierung eine Erhöhung der Aufmerksamkeit. Insofern sich Orientierung immer unter Ungewissheit vollzieht, erfordert sie auch Mut.

 

Orientierung beginnt nicht mit den Zielen, die man erreichen möchte, sondern mit dem Sichten der Situation auf erfolgversprechende Handlungsmöglichkeiten hin, die dann auch Ziele ins Auge fassen lassen. Das übernimmt die Orientierung als Übersicht. Übersicht ist eine Sicht zweiter Ordnung, eine Sicht auf Sichten, die Richtungen zeigen, Wege öffnen, Handlungsmöglichkeiten bieten, um weiterzukommen, also eine selbstbezügliche Sicht, die unterschiedliche Sichten sichtbar werden und zwischen ihnen entscheiden lässt.

 

 

 

Orientierung als Ausrichtung in Spielräumen schafft Übersicht durch Ordnung. Ordnungen erleichtern und beschleunigen die Orientierung. In der alltäglichen Orientierung ist stets eine Vielzahl von Perspektiven aktuell, leiblichen und geistigen, die einander ergänzen, aber auch überlagern und stören können. Mit jeder Umorientierung verändert sich das Geflecht der Perspektiven, eine Umorientierung ist eine Umordnung von Perspektiven, eine Bewegung der Orientierung eine Bewegung ihrer Perspektiven. Horizonte, Standpunkte, Perspektiven können jedoch nicht einfach gewechselt, durch andere ersetzt werden, vielmehr gehen Perspektiven ineinander      über, die eine führt zu anderen und so stehen sie in Kontinuität zueinander. Für verschiebbare Grenzen wie die Horizonte und bewegliche Räume hat die Sprache der Orientierung ein schwer auf den Begriff zu bringendes Wort: „Handlungsspielraum“. Ein Handlungsspielraum ist eine geregelte Grenze ungeregelten Verhaltens.

  

Orientierung als Halt sucht sich in einer Situation zurechtzufinden, darin eine Übersicht zu gewinnen, um sich richtig auszurichten. Die Sprache des Halts verrät die beständige Not der Orientierung, in ihrer Bewegung zu entgleiten, zu Fall zu kommen und in Verfall zu geraten. Die Orientierung hält sich an Anhaltspunkte. In den Spielräumen von Standpunkt und Horizont der Orientierung schafft die Kette der Anhaltspunkte die Kontinuität, und Ketten von Anhaltspunkten schaffen Spuren von Sinn. Reflexe und einverleibte Affektreaktionen nehmen der Orientierung Selektionen unter Anhaltspunkten ab. Die Orientierung kann nur dadurch Halt über wechselnde Situationen hinweg gewinnen, dass sie im weitesten Sinne ökonomisch mit ihnen umgeht: umsichtig Zeit und Kräfte sparend, so dass sie rasch und leicht ihren Belangen nachkommen kann.

 

Zeichen sind als Anhaltspunkte für etwas gegeben, das sich nicht von selbst zeigt. In der Orientierung in Zeichen schließen Zeichen an Anhaltspunkte an. Anhaltspunkte können gleitend in Zeichen übergehen. An den Zeichen hat die Orientierung etwas, das stehen bleibt.

 

In der Not der Orientierung, immer anderen Situationen ausgesetzt zu sein, muss sich die Orientierung stabilisieren, um diese Not zu wenden. Dazu steht ihr nichts anderes zu Gebote als sie selbst, sie kann sich nur durch Strukturen stabilisieren, das leistet die Orientierung in Routinen. Routine der Orientierung im Wechsel und im Austausch von Routinen wird dadurch möglich, dass Routinen regelmäßig aneinander anschließen und so miteinander gekoppelt sind, im Familienleben etwa Tagesablaufs-, Erziehungs-, Freizeit- und Urlaubsroutinen. Dabei kann es sich um ganz unterschiedliche Orientierungsabläufe handeln, die in ihrer regelmäßigen Kopplung aber als zusammengehörige Orientierungsbereiche oder „eigene Welten“ wahrgenommen werden, in denen man sich auskennt und sicher bewegt. Muster von   Orientierungsroutinen fügen sich so zu Orientierungswelten, die häufig, wie im Fall des Familien- und Arbeitslebens, räumlich und zeitlich voneinander getrennt sind. Die alltägliche Orientierung differenziert Orientierungswelten aus, die zu wechselnden Zeiten wechselnd von Belang sind. Sie entlastet sich jederzeit von der Vielfalt der Orientierungswelten und hält sich jeweils möglichst nur in einer auf. Die Bindung der Orientierung und ihre Abläufe werd durch Arbeitsschwellen erleichtert, die Orientierungswelten unmerklich abgrenzen. Orientierung ist so lange möglich, wie sie noch irgendwo anschließen kann. Sie findet ihre Stabilität in versetzten Kontinuitäten von Routinen und der Anschlussfähigkeit von Routinen aneinander, die sich ihrerseits in wechselnden Situationen eingespielt haben.

 

Eine andere Orientierungsleistung ist das Denken: Denken gibt Orientierung durch Entwürfe von Orientierung, die in wechselnden Situationen wechselnd einsetzbar sind. Stegmaier sieht in der Fähigkeit zu bewusstem Denken die Fähigkeit unserer Orientierung zur Selbstirritation bzw. zu selbstbezüglicher Aufmerksamkeit. Es ist die logische Disziplin, die hier einen Halt schafft und zwar in Form von Begriffen. Andere Menschen schaffen in Form von anderen Orientierungen  eine neue Orientierungssituation und stehen vor neuen Orientierungsproblemen. Für Stegmaier sind andere Menschen das Zuverlässigste, aber auch das Überraschendste in der Orientierung. Durch die Kommunikation mit ihnen werden Orientierungsprobleme unter neuen, komplexeren Bedingungen neu und komplexer gestellt.

 

Die individuelle Orientierung an anderen (individuellen) Orientierungen stabilisiert die eigene Orientierung durch Vertrauen und durch Achtung. Regeln und Identitäten ermöglichen Ordnungen, mit denen man rechnen kann. Sie schaffen durch Übersicht und Dauer langfristigen Halt. Elementare Überlebensnotwendigkeiten wie Ernährung, Fortpflanzung und Sicherheit zwingen, sich in gemeinsame Orientierungen einzuordnen. Deren Ordnungen schaffen das, was man Gesellschaft nennt. Gesellschaftliche Ordnungen greifen tief in die Orientierungen der Einzelnen ein, bis hin zum Umgang mit dem eigenen Körper und den eigenen Erlebnissen. Sie halten sich aber am besten, wenn sie den unterschiedlichen Bedürfnissen, Interessen und Orientierungen der Einzelnen Spielräume lassen, individuelle Freiheiten in für alle geltenden Grenzen. Damit wird Orientierung möglich durch Planung

 

Orientierung ist des weiteren möglich durch kritische Distanzierung wie durch Selbstbindung. Moralische Nötigung schließt die Spielräume der Orientierung. Eine moralisch relevante Situation entsteht durch die Nöte anderer. Diese stellen außerordentliche Ansprüche an die Orientierung. Aber auch sie stabilisieren sich und finden zu Routinen, profilieren Identitäten und fügen sich in die allgemein herrschenden Moralen ein. Dabei wandelt sich der Sinn des Moralischen signifikant. Das Bedürfnis nach festem Halten führt schließlich zu einer Transzendierung der Orientierung durch Metaphysik.

 




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