header


  

STUDIUM

STUDIUM Druckversion  |  Schrift: vergrößern verkleinern 

Was bringen, was verändern Bachelor und Master?

Was bringen, was verändern

Bachelor und Master?

Stellungnahmen von Georg W. Bertram, Geert Keil und Patrick Spät

 


Was sind Ihre Erfahrungen mit den neuen Studiengängen?

 

Georg W. Bertram: Meine Erfahrungen mit den neuen Studiengängen sind gemischt. Die Einführung der neuen Studiengänge hat aus meiner Sicht grundsätzlich dazu geführt, dass Teile des Angebots philosophischer Lehrveranstaltungen für Studierende in ihrer Struktur verbessert worden sind. Die Verbesserung betrifft besonders die Eingangssemester des Studiums. Studierende werden in den neuen Studiengängen nach meiner Erfahrung besser an die Philosophie herangeführt, als dies in den alten Studiengängen der Fall war (dies gilt sicher nicht für alle Universitäten in gleichem Maße). Das hat nach meiner Erfahrung zwei positive Folgen: Erstens gewinnen Studierende früher grundlegendes Wissen in Bezug auf die Philosophie und sind so in späteren Veranstaltungen auf einem einheitlicheren Leistungsstand. Zweitens werden aufgrund der klareren Vorgaben in der neuen Struktur Studierende mitgenommen, die in den alten Studiengängen nicht mitgenommen worden sind.

 

Diesen beiden positiven Entwicklungen in den neuen Studiengängen stehen aber nach meinen Erfahrungen hohe Kosten gegenüber: So sind die Anforderungen, denen Studierende ausgesetzt sind, in vielfach unsinniger Weise gestiegen. Studierenden wird in den neuen Studiengängen nicht mehr ausreichend Zeit eingeräumt, das zu tun, was für ein Studium wesentlich ist: in ihrem Studium Initiative für die eigene  philosophische Entwicklung zu entfalten. Dies liegt unter anderem in der Belastung durch abschlussrelevante Arbeiten und weiterhin darin begründet, dass das Studium durch und durch von modularisierten Angeboten durchzogen ist. In den neuen Studiengängen bietet die vorlesungsfreie Zeit keinen Raum für eigene Orientierung. Vielfach sind Studierende aufgrund   einer großen Zahl zu absolvierender Hausarbeiten gezwungen, diese sehr ökonomisch zu verfassen. Sie können sich nicht mehr die Zeit nehmen, diese Hausarbeiten in einen Zustand zu bringen, der sie zufrieden stellt. Dazu kommt, dass grundsätzlich immer die Auswirkung auf die Abschlussnote bedacht werden muss. So haben Studierende Grund, Veranstaltungen und Themen zu vermeiden, bei denen sie eine schlechte Bewertung befürchten müssen.

 

All dies führt dazu, dass eine eigenständige Entwicklung nicht mehr in gleicher Weise möglich ist, wie dies früher der Fall war. Dazu kommt, dass in den Studiengängen oftmals nur eine Auswahl zwischen eng umrissenen Modulen besteht. Die daraus resultierende Einschränkung der freien Kombination von Lehrveranstaltungen vermindert auch den Spielraum eigenständiger Entwicklung.

 

Geert Keil: In Aachen standen wir vor ähn­lichen organisatorischen Problemen, wie sie von anderen Standorten berichtet werden. Die Lehrplanung ist aufwendiger als früher. Es war schwierig und manchmal auch un­mög­lich, die Überschneidungsfreiheit meh­rerer Studienfächer sicherzustellen. Studien­ord­nungen mussten im laufenden Betrieb nach­gebessert werden. Das Prüfungsamt war mit der Verwaltung der Modulprüfungen und Noten überfordert. Die Arbeit der Stu­dieren­den hat sich durch den engen Stundenplan verdichtet, und es gelingt nur einer Minder­heit, das Studium binnen drei Jahren abzu­schließen. Der Druck, dies zu versuchen, geht aber mehr von den Stu­diengebühren als von den Studienordnungen aus. Wer es sich leisten kann und will, stu­diert länger.

 

 

Außerdem beobachten wir, dass der Noten­durchschnitt sich gegenüber früher nach unten bewegt, und zwar an der gesamten Philosophischen Fakultät. Wir erklären uns das dadurch, dass wir früher von weit weni­ger als der Hälfte der Magisterstudierenden über­haupt schriftliche Leistungen gesehen haben. Nun müssen alle vom ersten Semester an Leistungsnachweise erbringen, und wir sehen das Leistungsspektrum erstmals in ganzer Breite. Es ist frappierend, mit welch unterschiedlichen Voraussetzungen die Abi­tu­rienten von der Schule kommen.

 

Da in Nordrhein-Westfalen die Mittelzuweisungen des Lan­des künftig nicht mehr von der Zahl der Immatrikulierten, sondern allein von der absoluten Zahl der Absolventen abhängen, erhöht sich der ökonomische Anreiz für die Universitäten, möglichst viele Absolventen zu produzieren. Dies kann und wird an vielen Universitäten zu Fehlsteue­rungen führen. Für die Einhaltung von fach­lichen Mindeststan­dards werden die Hoch­schul­leh­rer selbst Sorge tragen müssen. Wir bauen in Aachen ein Mentorensystem auf, das fak­tisch auf eine Triage hinausläuft: Mit denje­nigen Stu­dierenden, denen es sowohl an Begabung als auch an Ehrgeiz mangelt, wer­den ergebnis­offen die Möglichkeiten eines Studienfach­wechsels oder eines Studienab­bruchs erör­tert. Das breite Mittelfeld der Studierenden wird von intensiverer Beratung und Betreu­ung profitieren. Die besonders Begabten und Motivierten müssen darin bestärkt werden, ihr Interesse an selbständiger philo­sophischer Arbeit auch unter dafür ungünstigen Bedingungen zu verfolgen.

 

Allgemein bringen die neuen Studiengänge einen höheren Grad an Verbindlichkeit mit sich. Beispielsweise verringert es die Fehl­zeiten in Vorlesungen dramatisch, wenn am Ende des Semesters eine Klausur zu schrei­ben ist. Ich kann in dieser Zusatzmoti­vation keinen Nachteil erkennen. Auch den Ein­wand, es sei der Philosophie wesens­fremd, abprüfbaren Stoff zu lehren, sollte man nicht gelten lassen. Sich geeignete Klausurfragen auszudenken ist eine Heraus­forderung, aber keine unbewältigbare. Und die gerühmte Liberalität des Magisterstudiums war oft genug ein Euphemismus dafür, sich mög­lichst wenig um die Studierenden und ihren Studienerfolg kümmern zu müssen. Man sollte diesen Zustand schon deshalb nicht verklären, weil er mit exorbitanten Ab­brecherquoten erkauft wurde.

 

Patrick Spät: Meine Erfahrungen mit den reformierten Studiengängen sind weitgehend schlecht. Ein kurzer Blick in ein gutes Feuilleton zeigt all die hinlänglich bekannten Miseren der Reform auf, die einem tagtäglich begegnen: Unzählige Studenten wurden und werden in ihrer Freizügigkeit beschnitten, wenn sie einen Hochschulwechsel anstreben: Aufgrund der allzu eng ausgelegten Module ist ein solcher Wechsel meist ein Kampf gegen die Windmühlen der Bürokratie. Weit schlimmer wiegt allerdings die Verschulung der Universität:  Die Alma Mater soll ihrem Namen nach die Studenten mit Bildung und Wissen nähren. Durch die Modulisierungen werden die Studenten allerdings zwangsernährt. Statt von einem Buffet ausgewählter Kurse wählen zu können, wird jedem Studenten schablonenhaft vorgeschrieben, was er wann und wie zu konsumieren hat. Und nachdem er das erste Semester zum Studium der Studienordnung aufgebracht hat, erwartet ihn anschließend eine Fülle von Mini-Semi­naren: Von morgens bis abends muss er Pflichtkurse belegen und sich seine zumindest physische Anwesenheit quittieren lassen. Für Studenten aus einkommensschwachen Familien ist dies eine noch weit unzumutbarere Situation, müssen sie doch neben ihrer 40-Stunden-Uni-Woche noch spätabends jobben gehen.

 

Eine kreative und zeitintensive (!) Entfaltung der eigenen Möglichkeiten kann kaum noch stattfinden. Denn statt in der Bibliothek über einem Problem zu brüten und dabei auch mit sich selbst zu ringen, muss der Student ein zweites Mal die Schulbank drücken.

Beim ehemaligen Magister machten die mündlichen Abschlussprüfungen (120 Minuten) ganze zwei Drittel der Note aus. Der Bachelor behebt dieses Extrem und schafft ein anderes: Jede noch so kleine Klausur zählt nun in die Abschlussnote. Resultat: Die meisten Studenten lernen kaum noch, Zusammenhänge zu erkennen und selbstständig zu denken, sie frönen vielmehr einem „Bulimie-Lernen“, wie es der Bologna-Kritiker und Soziologe Prof. Wolfgang Eßbach treffend betitelt: Beim kurzfristigen Lernen landen alle Fakten im Kurzzeitgedächtnis, in der jeweiligen Klausur werden sie unreflektiert zu Papier gebracht und anschließend fallen sie – weil für die ECTS-Jagd nun nutzlos geworden – dem Vergessen anheim.

 

Unter der Bildung des Menschen versteht man etwas anderes – und da wundert es nicht, dass die gegenwärtige Abbrecherquote bei 30 % liegt. Selbst der Deutsche Hochschulverband hält die Reform für „weitgehend misslungen“. Das Studium verkommt mehr und mehr zu einer anonymen Hetzjagd nach den obligatorischen ECTS-Punkten. Das mag vielleicht hilfreich sein für arbeitsresistente Studenten. Doch die gegenwärtige Bevormundung vonseiten der Universitäten gestaltet sich vielerorts so, als wolle man 14-Jährige erziehen. Tatsächlich aber sollte man über 20-Jährigen die Möglichkeit geben, ihre Neigungen und Fähigkeiten zu entfalten. 

 

Welche Auswirkungen werden die Einrichtung von Bachelor und Master auf das Fach Philosophie haben?

 

Geert Keil: Geringere als allgemein ange­nommen. Die Kassandra-Fraktion sollte bedenken, dass nicht nur der Fortschritt, son­dern auch der Rückschritt meist größer aus­sieht, als er ist. So hängt die Qualität einer philosophi­schen Lehrveranstaltung vor allem anderen von den Fähigkeiten und Tugenden der Beteiligten ab, und die lassen sich durch Studienordnungen nur begrenzt beeinflussen.

 

Allerdings lassen die neuen Studiengänge die Unterschiede zwischen großen und kleinen Instituten schärfer hervortreten. Nur Institute mit einer großen Lehrkapazität können es sich leisten, innerhalb der Module in nen­nenswertem Umfang Wahlmöglichkeiten anzubieten. Bei den kleinen Instituten, die ja in Deutschland in der Mehrzahl sind, kommt es zwangsläufig zu einer Aufwertung des Kanons. Auch in Aachen mussten wir uns überlegen, welche Kenntnisse und Kompe­tenzen ein Bachelor der Philosophie bis zum Examen unbedingt erwerben muss. Die Hochschuldidaktik fordert das exemplarische Lernen, berauscht sich am Zauberwort „Kom­petenzen“ und vergisst über dem Kön­nen leicht das Kennen. Wohlan, welche Lehrinhalte gehören unbedingt zu einem Studium der Philosophie? Wie die meisten Institute haben wir vornehmlich philosophi­sche Disziplinen festgelegt. Freilich sollte es auch für die Kenntnis von Epochen, Philoso­phen und klassi­schen Texten Minimalanfor­derungen geben. Der Zwang, über diese nach­­zudenken, ist für uns vorwiegend in der Gegenwartsphiloso­phie Arbeitende heilsam, weil er zu dem Eingeständnis nötigt, dass Robert Brandom und Martha Nussbaum eben doch nicht den gleichen Stellenwert besitzen wie Aristoteles und Kant.

 

Georg W. Bertram: Besonders problematisch sind die Auswirkungen der Modularisierung des Fachs Philosophie hinsichtlich der Freiheit in Lehre und Forschung. Das kann man sich aus meiner Sicht an Angeboten im fortgeschrittenen Bachelorstudium und auch im Masterstudium verständlich machen. Aufgrund der Vorgaben aus dem Bolognaprozess sind die Module in diesen Studienabschnitten vielfach inhaltlich defi-


 

 

niert. Gehen wir zum Beispiel davon aus, dass ein Bachelorprogramm die Möglichkeit vorsieht, im dritten Studienjahr ein Aufbau- oder Vertiefungsmodul zur Sprachphilosophie zu belegen. Das heißt an den meisten Universitäten, dass in dem besagten Modul mindestens zwei Veranstaltungen zu absolvieren sind. Nun ist allerdings nicht einzusehen, warum jemand, der zum Beispiel ein Seminar zu Wittgensteins Philosophischen Untersuchungen belegt, auch ein anderes Seminar aus einem Angebot von zum Beispiel „Semantischer Holismus“ oder „Pro­bleme der Referenz“ zu belegen hat.

 

Noch schlimmer liegt der Fall aus meiner Sicht, wenn im Rahmen eines Moduls eine Vorlesung vorgeschrieben ist. Mir ist kein Grund bekannt, warum es nicht in bestimmten Fällen sinnvoll sein kann, nur das Seminar zu Wittgensteins Philosophischen Untersuchungen studieren zu wollen. Und mir ist nicht klar, warum Studiengangskonzeptionen dies verhindern sollten. Es zeigt sich damit, dass zumindest in allen fortgeschrittenen Studienabschnitten das Seminar die kleinste sinnvolle Studieneinheit im Fach Philosophie ist. (Es gilt überhaupt, dass das Hauptseminar alter Magisterstudiengänge die beste – wie man heute so sagt – Lehr/Lern-Form ist, die an deutschen Universitäten in den Geisteswissenschaften entwickelt wurde.)

 

Das Modul ist als kleinste Studieneinheit für die Philosophie falsch. Es beschneidet die Freiheit des Studierens und die Freiheit der Lehre. Damit habe ich noch nichts zur Freiheit der Forschung gesagt. Auch diese wird durch die Modularisierung eingeschränkt, da wir Lehrenden vielfach in den Modulen regelmäßig wiederkehrende Angebote bereitstellen müssen. Damit wird die Möglichkeit eingeschränkt, Lehrangebote auf Forschungsaktivitäten abzustimmen. Die Freiheit der Forschung wird auch dadurch beschränkt, dass wir uns in den Lehrveranstaltungen immer wieder mit Studierenden konfrontiert sehen, die unsere Veranstaltungen hauptsächlich aus Modulzwängen heraus belegen (und weniger aus eigenem Interesse). Dies mindert die Qualität des philosophischen Gesprächs im Seminar, so dass auch in dieser Weise die Möglichkeiten eingeengt werden, Lehrveranstaltungen mit der Forschung zu verbinden.

 

Patrick Spät:_ Die Studenten werden gegenwärtig durch die starren Schablonen der Module gepresst, die kaum eine eigenständige Studiengestaltung erlauben. Gerade in der Philosophie sollte zwar zweifelsohne eine Grundlagenbasis bestehen – von Platons Höhlengleichnis, Leibnizens Monadologie und Kants Kategorischem Imperativ sollte jeder einmal gehört haben –, doch eine gesunde Gewichtung der Schwerpunkte stellt spätestens für die Abschlussarbeit eine Notwendigkeit dar. Daher sollten in den letzten Semestern vor dem Abschluss mehr Freiräume geschaffen werden.

 

Solche Freiräume sind wichtig; Philosophen wollen sich selbst und die Welt verstehen. Und die Suche nach Antworten verlangt nach zeitintensiven Denkprozessen, inhaltlich fun­dierten Seminaren und motivierten Dozenten. Das Philosophie-Studium weist eine Abbrecherquote von über 90 % auf, ein Indiz dafür, dass es im Getriebe zwischen universitärer Praxis und studentischer Erwartungshaltung gehörig knirscht.

 

Die Philosophie lebt vom logischen Denken und guten Argumentieren, aber auch vom Blick über den Tellerrand. Die Gedanken-Häppchen der unzähligen Mini-Seminare versperren den Blick fürs Ganze: Statt in einem Semester die ganze Palette der Philoso-


 

 

phiegeschichte anzuschneiden ist es viel sinnvoller, sich (wie früher in ausgewählten Hauptseminaren) auf wenige Themen zu konzentrieren. Mit anderen Worten: Eine gute Hauptseminar- oder Magisterarbeit fördert ein konzentriertes Argumentieren und vernetztes Denken mitsamt den ebenso notwendigen Irrwegen und Fehlern, die man beim Schreiben durchläuft. Diese philosophischen Fertigkeiten, die sowohl für den akademischen als auch für den freien Arbeitsmarkt von großem Interesse sind, drohen wegzubrechen: Wie sollen Philosophie-Studenten ihr Handwerk erlernen, wenn Dozenten lediglich 5-seitige Essays, 5-minütige Impulsreferate und 40-seitige Bachelor-Arbeiten verlangen (müssen)? Die „Mentalität des Schnellen, Kleinen und leicht Verwertbaren“ mag in der Welt von SMS, Fast-Food und Schlagzeilen-Journalismus funktionieren, an den Hochschulen ist sie jedoch fehl am Platz.  

Ein positiver Aspekt soll nicht verschwiegen werden: Exzellente Studenten können nun – sofern die Studienordnungen dies erlauben – direkt im Anschluss an den Bachelor promovieren (und wenn sie scheitern, stehen sie nicht ganz ohne Abschluss da).

 

Denken Sie, dass sich durch die neuen Studiengänge auch das Profil der Professorinnen und Professoren verändert und inwiefern?

 

Georg W. Bertram: In Bezug auf das Profil von Professorinnen und Professoren sind Veränderungen vor allem in der modularisierten Studienstruktur begründet. In deren Natur liegt es, dass Professorinnen und Professoren mehr standardisierte Lehrangebote bereitzustellen haben. Dies bedeutet, dass größere Anteile der Lehre als bislang mit lehrbuchartigen Inhalten bestritten werden müssen. Das mag die Möglichkeit mindern, sich in der Lehre stets weiterzuentwickeln. Zugleich führt die Modularisierung zu Modulzuständigkeiten unter den Lehrenden und dadurch wiederum dazu, dass Lehrende sich in ihrem Angebot mehr als bislang spezialisieren. Letzteres ist wiederum an größeren Instituten leichter möglich als an kleinen. Insgesamt sehe ich mit der Standardisierung des Lehrangebots eine Tendenz des Ausein­andertretens von Lehre und Forschung verbunden, die auch durch neue Formate der Forschungsförderung (v. a. in der Exzellenzinitiative) unterstützt wird: Sofern Module standardisiert sind, ist es nahe liegend, sie Lehrprofessorinnen bzw. Lehrprofessoren – oder Lehrkräften für besondere Aufgaben – zu übergeben. So rechtfertigt die Modularisierung eine Beschneidung des Zusammenhangs von Lehre und Forschung, der für die Universität unverzichtbar ist.

 

Geert Keil: Wenn verstärkt kanonische Ver­anstaltungen angeboten und diese auch noch regelmäßig wiederholt werden, vergrö­ßert sich zwangsläufig die Spaltung zwi­schen Forschung und Lehre. Für die Studie­renden, die kein Masterstudium anschließen, ist das natürlich schade. Ob die Forschung selbst darunter leiden wird, ist schwer abzuschät­zen. Definitiv leidet sie unter den über­hand nehmenden Verwaltungsaufgaben, Evalua­tionen und Berichtspflichten der Hochschul­lehrer, die die wahre Geißel der gegenwärtigen Veränderungen an den Uni­versitäten sind. Die Zeit für die Forschung muss man sich heute durch eine aktive Ver­letzung der übrigen Dienstpflichten frei­schaufeln. Was die Korrektur der vermehrt an­fallenden Haus­arbeiten und Klausuren betrifft, so werden besonders beanspruchte Kollegen sich


der Praxis anderer Fächer annähern, Korrekturarbeiten Mitarbeitern zu übertragen.

 

Hinsichtlich des fachlichen Profils der Pro­fes­sorinnen und Professoren liegt es auf der Hand, dass gerade an kleineren Instituten zunehmend Generalisten gebraucht werden. Damit ver­stärkt sich ein Problem, über das selten gesprochen wird: In der Promotions- und Habilitationsphase muss ein Philosoph einen Beitrag zur Forschung leisten, mit dem er sich in der Fachwelt profilieren kann. Das geht am ehesten mit einer spezia­lis­tischen Arbeit. Auf den Berufungsmarkt zählen dann plötzlich andere Qualitäten. Gera­de an klei­neren In­stituten gibt in Berufungskommissio­nen nicht selten der Gesichtspunkt den Aus­schlag, was der Bewerber neben seinem Spe­zial­gebiet denn sonst noch kann. Diese Span­nung muss man sich in der Qualifikations­phase rechtzeitig klar machen. Beiseite be­merkt, dürfte dies ohne­hin das sein, was     einen guten Philosophen ausmacht: einen mög­lichst souveränen Über­blick über das weite Feld der Philosophie zu gewinnen und zugleich in mindestens einem Gebiet in die Nähe der Forschungsfront zu gelangen.

 

Patrick Spät:  Die Professorinnen und Professoren müssen sich notgedrungen an die starren Studienordnungen anpassen, indem sie adäquate Module konzipieren. Der Zeitaufwand für die Heerscharen an Korrekturarbeiten ist ebenfalls nicht zu verachten. Ansonsten sind die hiesigen Professoren ohnehin meist alles in einer Person: Forschender, Lehrender, Studienberater, Drittmitteleinwer­ber, Organisator und Sekretär. Momentan ist der reine „Lecturer“ im Gespräch, der sich ganz der Lehre verschreibt und seinen Forschungen mehr oder weniger freiwillig (d. h. am Wochenende) nachgeht. Nun ist die enge Verbindung von Lehre und Forschung eine fachliche Bereicherung sowohl für die Professoren als auch für die Studierenden. Besser angelegt wären die Gelder sicherlich, wenn ein Professor in einem festgelegten (zum Beispiel jährlichen) Turnus Lehraufgaben übernimmt und sich anschließend seinen Publikationen und Experimenten widmen kann. Eine positive Chance des Bachelors könnte in einer intensiveren Zusammenarbeit der Professoren verschiedener Fachrichtungen bestehen: Etwa dann, wenn ein Mediziner und ein Philosoph ein mehrstündiges Bioethik-Modul konzipieren, das fester Bestandteil der Studienordnung wird.      

 

Wie hoch sind die Kenntnisse bzw. das Niveau derjenigen Philosophiestudentinnen und -studenten, die nach dem Bachelor die Universität verlassen, und welche Möglichkeiten sehen Sie für sie auf dem Arbeitsmarkt?

 

Patrick Spät:  Die Kenntnisse und das Niveau zu beurteilen steht mir nicht zu. Doch ich denke, dass es ein frischgebackener Bachelor in der freien Wirtschaft schwer haben wird, solange sich noch Magister- und Diplom-Absolventen „auf dem Markt“ befinden. (Zumal sie vom Alter her betrachtet nur ein Jahr auseinander liegen.) Problematisch ist sicherlich eine allzu extreme Anpassung an den Arbeitsmarkt: 08/15-Absolventen, die allesamt die gleichen Module und Praktika gemacht haben, erlauben gerade in den Geisteswissenschaften weniger Seiten- und Quereinstiege. Denn selbstständig geplante Studienschwerpunkte, Praktika, Konferenzbesuche, Nebenjobs oder Auslandsaufenthalte bieten eine Fülle von Möglichkeiten. Und schließlich sind die Studierenden erwachsene mündige Bürger, die selbst über ihre berufliche Laufbahn (und die verschiedenen Wege dorthin) entscheiden können. Es sei kurz angemerkt, dass auf hunderte Studenten jeweils nur eine zukünftige Professur entfallen kann. Gerade Geisteswissenschaftler sollten es daher nicht versäumen, auch außerhalb der aka­demischen Mauern nach Berufsperspektiven Ausschau zu halten. Die Universitäten können die Chance nutzen, hier unterstützend zu wirken – unterstützend, nicht mit einem preußischen Regelkatalog maßregelnd.

 

Geert Keil: Auch das hängt nur zu einem kleinen Teil von den Rahmenvorgaben der neuen Studiengänge ab. Wichtiger sind deren konkrete Ausgestaltung, die tatsächlichen Stu­dieninhalte sowie die gewählten Neben­fächer.


Die Frage provoziert den Hinweis, dass es auch bisher für die im Magisterstudium am häufigsten gewählten Fächerkombinationen kein klares Berufsbild gab, so dass sich die Möglichkeiten der Bachelorabsolventen auf dem Arbeitsmarkt kaum verschlechtern soll­ten. Gut ausgebildete Philosophen besitzen die Fähigkeit, strukturiert zu denken, klar zu formulieren und schnell den Kern eines Pro­blems zu erkennen. Darum sind sie viel­fältig einsetzbar; leider wissen das nicht alle Personalchefs.

 

Den Studierenden ist wie bisher zu raten, sich während des Studiums möglichst viele Zusatzqualifikationen zu verschaffen, seien es ökonomische, juristische, informations­technische, journalistische oder Fremdspra­chenkenntnisse. Die Bachelor-Studienord­nungen sehen ja einen Ergänzungs- oder Zusatzbereich vor, in dem insbesondere Schlüsselqualifikationen erworben werden können. Im Zuge der BA/MA-Umstellung haben die Fakultäten in diesem Bereich das Lehrangebot verbessert und ausgeweitet. An gut geführten Philosophischen Fakultäten exi­s­tieren auch Praktikumsbörsen sowie Ringvorlesungen, in denen Berufsfelder für Geisteswissenschaftler vorgestellt werden.

 

Georg W. Bertram: Die Kenntnisse von Bachelorabsolventinnen und -absolventen sind unterschiedlich, wie dies schon im Magisterstudium war. Allerdings habe ich den Eindruck, dass die Vielzahl an Anforderungen, denen Bachelorstudierende ausgesetzt sind, zu einer gewissen Verflachung der durchschnittlichen Fähigkeiten führt. Dabei ist es selbstverständlich, dass am Ende eines Studiums, das auf drei Jahre angelegt ist, nicht so viele Kenntnisse und Fähigkeiten gewonnen sind wie am Ende eines Studiums, das fast doppelt so lange dauert. So zeigt sich, dass Bachelorarbeiten – wie nicht anders zu erwarten – in ihren Leistungen Zwischenprüfungsarbeiten ähnlich sind. Was dies für die Möglichkeit von Bachelorabsolventinnen und -absolventen für den Arbeitsmarkt bedeutet, vermag ich nicht zu sagen. Im Normalfall rate ich Studierenden, das Studium mit einem Master abzuschließen. Erst in Kombination mit den weiteren zwei Jahren eines Masterstudiums können Studierende Kenntnisse und Fähigkeiten erwerben, wie sie in vielen Berufsfeldern, in denen Absolventinnen und Absolventen unseres Faches Erfolg haben, erforderlich sind.

 

UNSERE AUTOREN:

 

Georg W. Bertram ist Professor für Philosophie an der Freien Universität Berlin, Geert Keil ist Professor für Philosophie an der Technischen Universität Aachen und Patrick Spät schreibt seine Doktorarbeit in Philosophie an der Universität Freiburg i.Br.

 




Bestellen Sie das Einzelheft oder abonnieren Sie die Zeitschrift.




© Information Philosophie     Impressum     Kontakt