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Johannes Rohbeck:
Zehn Jahre "Forum für Didaktik der Philosophie"

Zehn Jahre „Forum für Didaktik der Philosophie“

Fragen an Johannes Rohbeck

 

 


Zehn Jahre „Forum für Didaktik der Philosophie und Ethik“ – was war damals der Anlass für die Gründung?

 

Bei der Gründung im Jahr 1999 an der TU Dresden bestand das Ziel darin, die Fachdidaktik Philosophie zu institutionalisieren und zu professionalisieren. Das „Forum für Didaktik der Philosophie und Ethik“ stellt nun eine Art Deutsche Gesellschaft für Philosophiedidaktik dar. Seitdem gibt es eine Internetseite, auf der sich die fachdidaktischen Projekte präsentieren. Am wichtigsten sind die regelmäßig stattfindenden Tagungen, auf denen die Lehrenden und Forschenden ihre Ergebnisse vorstellen und diskutieren. Ich glaube, das hat unserer Disziplin gut getan und zu Innovationen geführt.

 

Was hat sich in der Fachdidaktik in diesen zehn Jahren verändert?

 

In dieser Zeit ist ein Konzept entstanden, in dem die didaktischen Möglichkeiten der spezifischen Methoden der Philosophie entdeckt wurden, wie der analytischen Philosophie, der Phänomenologie, Dialektik, Hermeneutik, Dekonstruktion und des Konstruktivismus. Die Grundidee bestand darin, diese Methoden den Schülerinnen und Schülern so zu vermitteln, dass sie diese selbstständig anwenden können. Es ging also darum, nicht nur entsprechende Texte, etwa von Husserl, zu lesen, sondern in diesem Fall nach dem Vorbild der phänomenologischen Methode eigene Essays über ganz alltägliche Erfahrungen zu schreiben.

 

Das hat sich in Aufsätzen in der „Zeitschrift für Didaktik der Philosophie und Ethik“ niedergeschlagen wie auch in dem von mir her­ausgegebenen „Jahrbuch für Didaktik der Philosophie und Ethik“ und in meinem eigenen Band zu diesem Thema. Außerdem liegt die „Methodik des Philosophie- und Ethikunterrichtes“ von Ekkehard Martens vor. Ferner sind mehrere Monographien entstanden, an denen eine Ausdifferenzierung der Ansätze erkennbar ist.

 

Die zweite Neuerung, die erst in jüngster Zeit erfolgte, bezieht sich auf die empirische Unterrichtsforschung. Das entspricht einem allgemeinen Trend, dass die Fachdidaktik ihre Ergebnisse evaluieren muss …

 

…müssen oder wollen?

 

Gute Frage. Es folgt einer Tendenz, der wir uns nicht entziehen können. Zugegeben, darin besteht das Müssen, doch vielleicht ist es sogar ganz sinnvoll, die Ergebnisse des Unterrichtens zu evaluieren. Denn das macht auch einen Teil der Legitimation aus, die in der öffentlichen Debatte eine immer größere Rolle spielt. Zum Beispiel kürzlich in der Debatte um „Pro Reli“ in Berlin. Dabei wurde auch darüber gestritten, ob die Ergebnisse des Ethikunterrichtes empirisch überprüfbar sind.

 

Eine dritte Neuerung ist die Hochschuldidaktik, die angesichts der Bachelor- und Master-Studiengänge immer wichtiger und geradezu unverzichtbar geworden ist. Vor allem mit Blick auf den Bachelor müssen wir darüber nachdenken, wie das Fach Philosophie an den Universitäten und Hochschulen besser unterrichtet werden kann.

 

Die Philosophiedidaktiken von Ekkehard Martens und Rohbeck sind sich ähnlich. Worin unterscheiden sie sich inhaltlich?

 

Martens, der zu den Begründern der Philosophiedidaktik in Deutschland gehört, ist ja ein Vertreter des sokratischen Dialogs und des Primats der Schülerorientierung. Demgegenüber suche ich in der akademischen Philosophie nach didaktischen Potenzialen, die sich im Unterricht realisieren lassen. Unter dem Stichwort didaktische Transformation beab-


sichtige ich, Deutungsmuster, Methoden und Darstellungsweisen der Philosophie in die Unterrichtspraxis zu übertragen.

 

Wenn man unsere Didaktiken miteinander vergleicht, könnte man sie so beschreiben (und es ist auch von außen so wahrgenommen und rezensiert worden):  Martens geht „induktiv“ vor, indem er sich primär an der Lebenswelt der Schüler orientiert. Meine  Herangehensweise ließe sich hingegen als „deduktiv“ bezeichnen, da ich in der philosophischen Literatur nach Leitbildern suche, die sich im Unterricht praktizieren lassen. Damit beanspruche ich, die vorhandenen Standards der Philosophie so weit wie möglich auszuschöpfen, was mir den Vorwurf eingebracht hat, an den üblichen Schulbetrieb zu hohe Ansprüche zu stellen, was ich natürlich bestreite.

 

Noch vor zehn Jahren wurde die Didaktik an den Universitäten wenig beachtet und hatte einen geringen Stellenwert. Hat sich das inzwischen geändert?

 

Nach meinem Eindruck ist die Philosophiedidaktik in den letzten zehn Jahren aufgewertet worden. Institutionell kommt dies darin zum Ausdruck, dass unser „Forum für Didaktik der Philosophie und Ethik“ eine anerkannte Arbeitsgemeinschaft der „Deutschen Gesellschaft für Philosophie“ ist. Das zeigte sich auch jüngst beim Kongress der DGPhil in Essen, wo ich ein Kolloquium zum Thema „Hochschuldidaktik Philosophie“ durchführen konnte. Auch an den Universitäten und Hochschulen hat sich unsere Fachdidaktik ansatzweise institutionalisiert, weil dort inzwischen mehr hauptamtlich Lehrende zur Verfügung stehen.

 

Gibt es denn an allen Universitäten Fachdidaktiker?

 

Davon sind wir weit entfernt. Die Regel ist immer noch der Lehrauftrag eines so genannten Praktikers für Didaktik der Philosophie. Aber es gibt zunehmend unbefristete Stellen für Dozentinnen und Dozenten, die nicht nur Fachdidaktik lehren, sondern auf diesem

 

 Feld auch forschen und publizieren, darunter seit fünf Jahren die Professur von Volker Steenblock in Bochum. Es ist mir besonders wichtig, dass die Lehre in der Fachdidaktik theoretisch fundiert ist und nicht auf Unterrichtsrezepte reduziert wird. Ohne systematische Forschungen kann die Didaktik der Philosophie den neuen Anforderungen nicht gerecht werden.

 

Was für eine Stellung hat die Didaktik in den neuen Studiengängen?

 

Die Didaktiker haben eine wichtige Aufgabe bei der Reformierung der Studiengänge, denn sie verstehen etwas von Kompetenzen. Der Bachelor fordert von den Studierenden ja nicht nur die Kenntnisnahme eines bestimmten Kanons, er verlangt darüber hinaus den Erwerb bestimmter Kompetenzen. In der Philosophie gehören dazu die Fähigkeiten, argumentativ komplexe Texte zu verstehen, sich damit kritisch auseinanderzusetzen und selbst Texte auf vergleichbarem Niveau schreiben zu können; oder die Fähigkeiten, ein moralisches Dilemma zu lösen, mit kulturellen Deutungsmustern reflektiert umzugehen und interdisziplinär zu denken. Dies sind Kompetenzen, die teilweise die Grenzen des Fachs Philosophie überschreiten und in anderen Berufsfeldern auf Interesse stoßen.

 

In den letzten zehn Jahren hat die analytische Philosophie an den Universitäten stark zugenommen. Was bedeutet dies für die Fachdidaktik?

 

Es gibt bereits zahlreiche Publikationen, in denen demonstriert wird, wie speziell Sprachanalyse, Argumentationstheorie und Logik im Philosophie- und Ethikunterricht produktiv gemacht werden können. Deren besonderer Beitrag wird darin gesehen zu klären, wie man die Fähigkeit vermitteln kann, Begriffe zu definieren und Argumentationen zu strukturieren. Eines der Ziele ist die ethische Urteilskompetenz.

 

Doch beschränken sich die Didaktiker nicht auf die analytische Philosophie, wie ja schon im erwähnten Methodenprojekt deutlich wurde. Sie sehen ihre Aufgabe darin, Schüler und Studierende mit der Vielfalt philosophischer Methoden vertraut zu machen. Darüber besteht bei uns Konsens, und darin sehen wir unseren Bildungsauftrag.

 

Johannes Rohbeck ist Professor für Praktische Philosophie und Didaktik an der Technischen Universität Dresden. Die Fragen stellte Peter Moser.                              




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