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Peter Moser:
Philosophiezeitschriften: Eine Liste mit Bewertungen der Philosophiezeitschriften sorgt für Ärger

Eine Liste mit Bewertungen der

Philosophiezeitschriften sorgt für Ärger

 

Die Internationalisierung hat vor dem Fach Philosophie nicht halt gemacht, ganz im Gegenteil, nicht nur erscheinen immer mehr Beiträge aus in Deutschland erscheinenden Publikationen in englischer Sprache, auch deren Autorinnen und Autoren  kommen aus Universitäten aus der ganzen Welt. Gleichzeitig steigen die Ansprüche an Wissenschaftlichkeit. Und international gesehen steigt die Zahl dieser Zeitschriften immer noch.

 

Um einen Überblick zu schaffen, hat die „European Science Foundation“ die erscheinenden europäischen  Philosophiezeitschriften  evaluiert und nach Kategorien A, B und C eingeteilt. Die „European Science Foundation“ ist die seit 1974 bestehende Dachorganisation von nationalen Förderungsorganisationen und Forschungseinrichtungen der   Europäischen Union und hat das Ziel, die wissenschaftliche Zusammenarbeit in Europa zu stärken. Sie ist eine einflussreiche und finanzstarke Organisation mit großem Einfluss auf Forschungsvorhaben. Ihrer Stimme wird Gehör geschenkt.

 

Das Ergebnis der Evaluation, die „ERIH Initial List: Philosophy (2007)“ wurde im Internet veröffentlicht und findet sich unter

 www.calculemus.org/LGRstudies/philos.list-07pdf.

Die Liste wurde in Deutschland zunächst kaum beachtet. Dann hat man sich erst darüber gewundert und dann geärgert. Warum? Nicht nur die „Deutsche Zeitschrift für Philosophie“, die interessanteste unter den deutschen Philosophiezeitschriften, ist in der Kategorie C zu finden, auch die „Allgemeine Zeitschrift für Philosophie“, das „Argument“, die „Deutsche Zeitschrift für Philosophie“, „Dialektik“ (heißt heute „Zeitschrift für Kulturphilosophie“), „Die Philosophin“, die „Fichte-Studien“, die „Freiburger Zeitschrift für Philosophie und Theologie“, die „Phänomenologischen Forschungen“, die „Philosophische Rundschau“, das „Philosophische Jahrbuch“, die „Zeitschrift für      Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft“, „Zeitschrift für Didaktik der Philosophie“, „Zeitschrift für kritische Theorie“ und „Zeitschrift für philosophische Forschung“; alle diese Zeitschriften werden in der Kategorie C gelistet. Die dafür Verantwortlichen sagen zwar, das beinhalte keine Qualitätsaussage, aber A,B,C ist nun einmal nicht nur eine Buchstabenfolge, sondern auch ein Klassifizierungssystem, und man liest die Kategorisierung so, dass die unter C genannten Zeitschriften alle drittklassig sind.

 

Dabei kommt man aus dem Staunen nicht heraus: „Kriterion“, eine Salzburger analytische Studentenzeitschrift mit geringer Auflage und kleiner Leserschaft, erhält ein B. Ein B erhalten ebenfalls das „Archiv für Be­griffsgeschichte“, das „Archiv für Geschichte der Philosophie“,  das „Archiv für Rechts- und Sozialphilosophie“, die „Grazer Philosophischen Studien“ und „Facta Philosophia“. A, Exzellenz, haben lediglich „Erkenntnis“, die „Kant-Studien“ und die „Studia Leibnitiana“ erhalten.

 

„Polylog“, eine der interessantesten philosophischen Zeitschriften mit Autoren von     außerhalb des westlichen Kulturkreises, fehlt auf der Liste ganz. „Das Argument“ ist jedoch aufgeführt, obwohl es sich gar nicht um eine eigentliche philosophische Zeitschrift handelt (zwar steht seit Jahrzehnten das Wort „Philosophie“ im Untertitel, aber der dafür vorgesehene Redakteur war damals in die DDR ausgewandert und ist nicht ersetzt worden). Die „Philosophin“, ebenfalls aufgeführt, hat ihr Erscheinen bereits im Jahr 2005 eingestellt, desgleichen „prima philosophia“. Und das Hegel-Jahrbuch ist, wie der Name sagt, keine Zeitschrift, sondern ein Jahrbuch (wovon es etliche weitere gibt, die in der Li­ste nicht genannt sind). Besonders kundig in der bunten Landschaft zumindest der deutschsprachigen philosophischen Zeitschriften, so der erste Eindruck, scheint der Evaluator jedenfalls nicht zu sein. Offiziell sind nur Zeitschriften aufgenommen, die mit einem „peer-review“-System arbeiten, aber das ist keinesfalls bei allen aufgenommenen Zeitschriften der Fall (und ist auch gar nicht geprüft worden).

 

Die „European Science Foundation“ gibt die Kriterien, nach denen die Einordnung erfolgt, in einem komplizierten und nicht ganz durchsichtigen „Summary of Process and Methodology“ und in einem „View from the inside“ an. Danach ist es nicht die Forschungsqualität, nach der ausgewählt worden sei (diese könne sich sowohl in A, B und C finden), sondern die Internationalität und die entsprechenden Zitierungen (siehe dazu auch die Antworten des Koordinators auf den folgenden Seiten). Etwas davon abweichend sind die A-Zeitschriften „standard international publications with a good reputation     among researchers in different countries“ während umgekehrt Zeitschriften der Kategorie C regionale verankert, also provinziell seien. Um zu dem Ergebnis zu kommen, hat man eine komplizierte internationale Untersuchung durchgeführt, an der aber keine deutschsprachigen Experten beteiligt waren.

 

Was besagt das Ergebnis? Englischsprachige analytisch orientierte Zeitschriften werden weltweit in der Philosophie am häufigsten zitiert. Das ist aber beinahe ein analytischer Satz, denn in der westlichen Welt sind die  englischsprachigen und analytisch orientierten Philosophen einfach in der Mehrheit. Im Ergebnis werden merkwürdigerweise Zeitschriften mit kleiner Leserschaft eher hoch bewertet. Wenn nun daraus resultiert, dass, der Autor eines Aufsatzes umso renommierter wird, je weniger Leser er hat, dann sollte man sich das Konzept der Evaluation vielleicht noch einmal durch den Kopf gehen lassen.

 

Man könnte mit einem Achselzucken darüber hinweggehen, wenn diese Liste nicht gravierende Folgen haben könnte. Es sei zu erwarten, schreibt Julian Nida-Rümelin, der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Philosophie, in seinem Rundbrief an die Mit­glieder, dass solche Rankings „über kurz     oder lang für die Evaluation der wissenschaftlichen Leistungen im Fach Philosophie berücksichtigt werden“. Wenn sich ein deutscher Philosoph in den USA um eine Professur bewirbt, wird man dort vielleicht künftig einen Blick auf die Liste werfen: eine Veröffentlichung im „Kriterion“ wird dann für die Berufung mehr zählen als eine in der „Zeitschrift für philosophische Forschung“. Und weist der Bewerber nur Zeitschriftenpublikationen in der Kategorie C vor, wird er die Stelle gleich vergessen können. Dass das tatsächlich eintreten kann, zeigt eine aktuelle Ausschreibung aus einem skandinavischen Land: Dort steht ausdrücklich, dass Bewerber danach bewertet werden, welche „Exzellenz“ die Organe haben, in denen sie veröffentlich haben.

 

Aber noch weiteres Ungemach droht: Die deutschen Philosophiezeitschriften sind welt­weit in vielen Bibliotheken vertreten und haben einen guten Ruf. Viele Philosophen können deutsch und lesen über Husserl oder Heidegger gerne in deutscher Sprache. Bi­bliothekare hingegen lesen in der Regel keine Philosophiezeitschriften und werden sich an diese Liste halten. Damit drohen den deutschen Verlagen Abbestellungen ins Haus. Das würde aber auch bedeuten, dass deutsche Philosophen weltweit (noch) weniger gelesen werden. Der für die Philosophie verantwortliche Evaluator, François Recanati, hat denn auch eine entsprechende Nachfrage der Information Philosophie nicht beantwortet.

 

Die „Deutsche Gesellschaft für Philosophie“ hat reagiert und Verlage, die philosophische Zeitschriften herausgegeben, sowie die Herausgeber der Zeitschriften, zu Rundgesprächen über die Situation eingeladen, an dem vom Vorstand Julian Nida-Rümelin, Carl Friedrich Gethmann und Michael Quante teilnahmen. Vittorio Klostermann betonte dabei, die deutsche Sprache müsse als 


   

 

 

 

 

 

Wissenschaftssprache erhalten bleiben. Julian Nida-Rümelin argumentierte, die hier praktizierte Übertragung von naturwissenschaftlichen Kriterien auf die Geisteswissenschaften gelte selbst in den USA als überholt. Beim ersten Treffen zeigte man sich einig, dass die Liste und das Evaluationsverfahren nicht akzeptabel seien. Die DGPhil will an der Entwicklung angemessener Kriterien der Evaluation mitwirken. Dazu wurde von Seiten der anwesenden Verlags- und Redak­tionsvertreter eine Arbeitsgruppe gebildet. Ein weiteres Treffen soll 2010 stattfinden; dann soll auch eine Stellungnahme veröffentlicht werden.

 

Pirmin Stekeler-Weithofer, Mitherausgeber der Allgemeinen Zeitschrift für Philosophie, hat einen „streitbaren Zwischenruf“ in der Deutschen Zeitschrift für Philosophie (Heft 1, 2009) veröffentlicht. Er erinnert daran, dass „in vielen Bereichen der Geisteswissenschaften die deutschsprachige Debatte auf Grund ihrer historischen Tiefendimension durchaus weniger provinziell“ ist als die    „über die ganze Welt verteilte Diskussion bloß modischer Themen“. Die Unterstellung, dass eine deutschsprachige Publikation nur von regionalem Interesse sei, sei gerade für das Fach Philosophie nicht richtig: „Von Santiago de Chile bis Moskau, Peking oder Kyoto gibt es (noch und wieder) ansehnliche Gruppen von jungen Philosophen, die Deutsch (und Französisch) lesen, verstehen und auch sprechen können.“ Würde man dies berücksichtigen, so würde sich nach Stekeler-Weithofer die Bewertung der Zeitschriften „dramatisch ändern“.

 

Dass die Originalsprache klassischer Texte von großer Bedeutung ist, zeigt Stekeler-Weithofer anhand der Übersetzung von Be­griffen wie „Anschauung“ und „Geist“. Viele Diskussionen in der „philosophy of mind“ verlaufen ohne genaue Kenntnis der Bedeutung dieser Wörter in der Originalsprache und sind damit „schon im Ansatz provinziell“. Aber auch geisteswissenschaftliche Texte anhand des Maßstabes exakter Texte zu bewerten, ist „disziplinär provinziell“. Daraus ist zu schließen, doch soweit geht Stekeler-Weithofer expressis verbis nicht, dass die ganze Evaluierung provinziell sei. Auf jeden Fall können „die Kriterien der (zum Teil einfach willkürlichen) Evaluation der ESF kaum als fachnah gelten“.

 

Allerdings kritisiert er auch den gegenwärtigen Zustand der deutschen philosophischen Zeitschriften. Anstatt die wichtigsten Texte des Faches zu veröffentlichen (und sich damit von den Sammelbänden abzuheben), griffen diese „Themen von wichtigen Monografien und Konferenzen immer nur auf“; die wichtigen Publikation blieben deshalb die Monografien. Eine allzu hohe Einschätzung der Zeitschriftenartikel sei daher „durch nichts zu begründen“. Pirmin Stekeler-Weit­hofer plädiert für eine Katalogisierung nach a) national führenden Zeitschriften, b) international führenden Zeitschriften zu speziellen Themen, c) international bemerkenswerte nationale Zeitschriften.

 

Die Frage allerdings, worin sich gute Philosophie zeigt und ob man so etwas überhaupt in irgendeiner Form messen kann, wird gar nicht gestellt. Ich denke, dass sich gute Philosophie gerade dadurch auszeichnet, dass sie sich der Messbarkeit entzieht. Besser sollte man statt einer Evaluation die Besonderheit der jeweiligen Zeitschrift beschreiben. Dazu müsste man diese aber auch lesen. Und das scheint, so fürchte ich, der Evaluator bzw. die Evaluatorin nicht gemacht zu haben.




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