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Rosenzweigs jüdischer Existentialismus

Franz Rosenzweigs jüdischer Existentialismus als Vorbild für den interreligiösen Dialog

 

Jüdische Identität

 

Franz Rosenzweig (1886-1929) entstammte einer liberalen, der Umwelt gegenüber aufgeschlossenen bürgerlich jüdischen Familie. Die öffentliche Konversion seines späteren Brieffreundes, des Rechtshistorikers Eugen Rosenstock-Huessy (1888-1973), zum protestantischen Christentum führte ihn zur intensiven Beschäftigung mit dem Glaubensfundament seiner eigenen jüdischen Reli­gion. Hierbei erkannte Rosenzweig, dass dem Judentum eine inspirierende Wirkung für eine geistige Bewältigung des Lebens in der modernen komplexen Welt erwachsen könne, sofern es in aufrechter Weise praktiziert werde und das Wort Gottes, die hebräische Thora, dabei die Richtschnur darstelle.

 

Er gab nicht nur anfängliche Pläne eines     eigenen Konfessionswechsels zum Christentum auf, sondern wandte sich in scharfer Form gegen die damals für liberal und zeitgemäß erachteten Tendenzen in der jüdischen Theologie, die er als Distanzierung vom Glauben an den Schöpfergott als       „eigentlichem Kern der monotheistischen Religionen“ interpretierte. Sein bewusstes Festhalten am Judentum, der Religion seiner Vorfahren, hinderte Rosenzweig nicht, den Dialog mit den Andersgläubigen bewusst anzustreben, sich ebenso intensiv mit anderen Konfessionen und Glaubens­richtungen auseinanderzusetzen und darin Spiritualität und Wertebewusstsein zu entdecken. Die Erfahrungen mit den anderen Religionen bestärkten ihn zugleich in seiner jüdischen Identität. Diese erwies sich als geistige Grundlage, um erhobenen Hauptes, jedoch ohne Überheblichkeit den Anderen im Dialog gegenüberzutreten.

 

Gemeinsame Leiderfahrung als verbindendes Element der Religionen

 

Das Interesse an den mannigfaltigen Varianten tiefer Religiosität verbunden mit der Hinwendung zum intensiven Dialog mit Gläubigen anderer Konfessionen wurde bei Rosenzweig in besonderer Weise durch seine Erlebnisse an der Front im Ersten Weltkrieg geweckt. Er hatte sich freiwillig für den Sanitätsdienst gemeldet. Er, der Krieg zwar nicht wünschenswert, aber doch gelegentlich für unvermeidlich hielt, fand im jüdischen Offenbarungsglauben die seelische Kraft, um die tagtägliche Anschauung des menschlichen Leidens und Sterbens zu verarbeiten. Zugleich erkannte er, dass im Krieg letztlich alle zum Opfer gezwungen sind und weder einem Volk noch einer bestimmte Konfes­sion ein privilegierter oder gar auserwählter Status hierbei zugewiesen sei.

 

Die Erfahrung des mit anderen, Juden wie Nichtjuden, geteilten Leidens erwies sich als Antrieb, sich noch intensiver dem interreli­giösen Dialog wie dem Studium der eigenen religiösen Quellen zu widmen. In dieser Phase entstand der regelmäßige Briefwechsel mit dem nun bekennenden Christen Rosenstock-Huessy. Darin gelangte immer wieder eine beiderseitige Hochachtung für den Glauben des Gegenübers zum Ausdruck, zugleich aber ermöglichte es erst der feste Bezugspunkt auf die jeweils eigene Religion den beiden, in einen argumentativen Dialog miteinander einzutreten. Zu Recht wird deshalb der im Ersten Weltkrieg entstandene Briefwechsel zwischen Rosenzweig und Rosenstock-Huessy als der ernsthafte Beginn des modernen jüdisch-christlichen Dialoges angesehen. Und ebenfalls zu Recht können sich im interreligiösen Dialog engagierte Juden wie Christen hierauf als Vorbild berufen.

Das Interesse und die Ehrerbietung Rosenzweigs für andere Glaubensrichtungen bezogen sich nicht nur auf das protestantische Christentum, sondern galten jeglichen Konfessionen innerhalb der drei monotheistischen Religionen. Zum einen konnte er die tiefe Gottesverbundenheit der anderen Richtungen innerhalb des Judentums erfahren. Er erkannte bei den sephardischen Juden, die er an der Balkanfront kennen lernte, eine über die Nöte des Alltags hinweg reichende Hoffnung, die sich in unentwegter Lebensbejahung und Aufgeschlossenheit gegenüber den Mitmenschen zeigte. Ebenso spürte er eine menschliche und geistige Hingezogenheit zu den aschkenasischen Juden Osteuropas, denen er gegen Ende des Krieges in Warschau begegnete. Zum anderen brachte ihn die Entsendung der kaiserlichen Armee in ein Gebiet des heutigen Mazedonien unmittelbar mit dem Islam in Kontakt, der seinerzeit von der Majorität der Mitteleuropäer – Juden wie Christen – als die Religion der „kolonisierten Völker“ wahrgenommen wurde und dem man weitgehend mit Argwohn und Geringschätzung begegnete. Rosenzweig anerkannte im Unterschied dazu die Muslime als ethische Gesinnungsgenossen und gemeinsame Nachfahren des Stammvaters Abraham.

 

Rosenzweig hob die Gemeinsamkeiten mit den anderen Religionen bei jeder sich bietenden Gelegenheit hervor. Der gemeinsamen Leidenserfahrung in einer Welt bestehend aus Krieg, Angst und Entbehrung sollte die Hoffnung auf eine gemeinsame Erlösung durch den Schöpfergott erwachsen und diese zum wertgebundenen Dialog miteinander    animieren

 

Moderner Werterelativismus oder Gemeinsamkeit durch Bewusstsein für Differenz

 

Die intensive Auseinandersetzung Rosenzweigs mit der Philosophie des 19. Jahrhunderts, insbesondere dem Denken Hegels, ließ ihn einerseits die Bedeutung von Existenz als elementar für den jüdischen Glauben erkennen. Die Ontologie Hegels wies er andererseits jedoch zurück und begründete einen   eigenständigen „jüdischen Existenzialismus“. Hierin fasste er die Geschichte als autonomes Handeln von Menschen auf, das notwendigerweise von der Sünde bestimmt sei, weshalb es des aufrechten Glaubens sowie letztlich der Gnade Gottes bedürfe, um zur Erlösung zu gelangen. Indem er den Erlösungsgedanken als genuin „jüdisch“, der Thora erwachsen, begriff, konnte er stets dem Anspruch des Christentums wie des Islam begegnen, erst durch die Botschaft Christi, bzw. die Verkündigung und Offenbarung des letzten Propheten Mohammed sei der wahrhaftige Weg zur Erlösung geebnet worden.

 

Eine Konversion aus dem Begehren einer Befreiung vom irdischen Leiden heraus, erschien für den vom jüdischen Offenbarungsglauben überzeugten Rosenzweig seine Notwendigkeit verloren zu haben. Zugleich deutete er an, worin die elementare Differenz seiner jüdischen Theologie zur christlichen wie der islamischen Lehre sich manifestiert. Dennoch sprach er den beiden anderen monotheistischen Religionen deren Wertegebundenheit in keiner Weise ab. Er war sich vielmehr der gemeinsamen ethischen Wurzeln aller drei abrahamitischen Religionen bewusst, die sich gemeinsam einer relativi­stischen Tendenz in der Moderne entgegenstellen sollten. Der Erhalt der vom Wort Gottes vorgegebenen Normmaßstäbe gelinge nur, wenn man seine religiösen Grundsätze im Alltagsleben zur Geltung bringe. In sofern erscheint Rosenzweigs Plädoyer für die Wiederentdeckung des spezifisch jüdischen Lebensstils – durchaus in Abgrenzung zur majoritär nichtjüdischen Umgebung – nur konsequent und erst recht identitätserhaltend.

Einer generellen Distanzierung von der nichtjüdisch dominierten europäischen Gesellschaft wie sie spätestens seit den staatlich organisierten Diskriminierungen gegen Juden im Dritten Reich innerhalb des europäischen Judentums an Popularität gewann, hätte sich Rosenzweig allerdings vehement entgegengestellt. So betrachtete er den zu seiner Zeit aufkommenden Zionismus, der den Exo­dus aus der weit verstreuten weltweiten Diaspora nach Palästina zur Wiederherstellung der ursprünglichen jüdisch-israelischen Identität propagierte, mit Skepsis.

 

Die Verbundenheit zum Land der Väter interpretierte er nicht in erster Linie als gegenwartsbezogenen Anspruch auf ein bestimmtes, entfernt liegendes geographisches Territorium, sondern als Geisteshaltung und Anerkennung der alttestamentlichen Gebote, die Gott „Jahwe“ dem Volk Israel durch Moses bereits vorm Eintritt ins Gelobte Land verkündet hatte, als gültig für jeden Juden an jedem Ort und bis in Ewigkeit. Durch ihre Einhaltung war, sei und bleibe man als Jude gegenüber der Umwelt erkennbar. Vielmehr zeigte sich das Bewusstsein für den eigenen religiös-kulturellen Ursprung als der Bezugspunkt, von dem aus Rosenzweig sich permanent in den Dialog mit dieser Umwelt begeben konnte.

 

Wenn diese Treue zu den eigenen Grundsätzen wie bei Rosenzweig mit intensiver Auseinandersetzung mit den fremden Religionen und Philosophien einhergeht, lässt sich ein Gespür dafür entwickeln, dass dort ebenfalls eine Grundlage für ein ethisch gebundenes Leben besteht. Die Voraussetzung für den interreligiösen Dialog auf der Basis von Gemeinsamkeiten ist gelegt, und es finden sich in jeder Gesellschaft Vorbilder, wie den Anforderungen der Moderne angemessen begegnet werden kann, ohne alt Bewährtes, als Gott befohlen und unabhängig vom zeitlichen Kontext als richtig erkannt, dafür preiszugeben.

Mohammed Khallouk (Marburg


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