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Technik: Invasive Technisierung

Invasive Technisierung

 

Ändern Technisierungen nur ein an sich bestehendes menschliches Verhalten? Verbessern sie es, weiten sie es aus und machen es effektiver oder verändern sie dieses Verhalten grundsätzlich? In der Technikphilosophie hat man bisher keinen Anlass gesehen, diese Frage zu stellen. Vielmehr wird hier Technik allein unter dem Gesichtspunkt von Mittel und Zweck untersucht. Das hat zur Folge, dass die Technik-Ethik fast durchwegs utilitaristisch, d. h. nach Abwägung von Nutzen und Schaden, bzw. Hoffen und Risiko vorgeht.

 

Gernot Böhme hält in seinem Buch

 

Böhme, Gernot: Invasive Technisierung. Technikphilosophie und Technikkritik. 350 S., Ln., € 26.—, 2008, Graue Edition

 

dies jedoch für die entscheidende Frage. Die bisherige Art der Technikbewertung kann nach den Erfahrungen, die wir heute mit der Medizintechnologie machen, nicht mehr genügen. Denn die moderne medizinische Technik beinhaltet ein gewaltsames Eindringen in den menschlichen Leib. Dies wird von den betroffenen Patienten auch so gesehen bzw. empfindet der Organismus. Böhme spricht deshalb von einer „invasiven Technisierung“.  Invasive Technik wirkt strukturell, nicht kausal. Böhme erklärt dies durch den von Michel Foucault eingeführten Begriff des Dispositivs: Ein Dispositiv ist eine Bedingung, die etwas anderes ermöglicht, aber auch einschränkt und dem Ermöglichten dadurch Kontur verleiht.

 

Wir können heute von Technik in dreierlei Hinsicht als Dispositiv sprechen: als gesellschaftliches, als kommunikatives und als Wahrnehmungsdispositiv. Was an gesellschaftlichem Leben möglich ist, wird durch die vorliegende technische Infrastruktur der Gesellschaft bestimmt. Was als menschliche Kommunikation möglich ist, wird in seiner Struktur durch die Kommunikationstechnologien geformt. Und was als Wahrnehmung möglich ist, ist durch die Wahrnehmungstechnologie geprägt.

 

Lange wurde Technik als Verbesserung der menschlichen Lebensverhältnisse verstanden, nicht als ihre Veränderung. Unterstellt wurde, dass technischer Fortschritt eo ipso humaner Fortschritt sei. Man glaubte, Technik nicht anders verstehen zu können, als von dem bestimmten Zweck her, dem sie dient. Dieses Verständnis beruht nicht auf der realen Technikgeschichte, gab es doch bereits seit der Antike viele technische Einrichtungen und Erfindungen, die ausschließlich der Belehrung und Belustigung galten (lustige Technologie). Es ist vielmehr der bleibende Einfluss von Karl Marx, das Verständnis von Technik so eng an den Nutzen zu binden.  Böhme hält dagegen: Durch Technik wird das menschliche Leben nicht besser, nur anders.

Die Technikphilosophie hat in dieser Beziehung versagt, sie ist für die Probleme, die wir mit der Technik haben, keine hinreichende Hilfe. Denn sie betrachtet die Technik als eine Sache für sich, zu der der Mensch wohl eine wesentliche Beziehung haben mag, die ihm aber letzten Endes äußerlich bleibt. Was aber wirklich Sorgen macht, ist diese invasive Technik, die verändern könnte, was wir am Menschen als das Menschliche verstehen.

 

Technik ist zu einer Art Infrastruktur oder Medium des menschlichen Lebens geworden und definiert damit, was menschliche Verhaltensweisen und Verhältnisse jeweils sind. Das Sehen mit dem Teleskop ist gegenüber dem Sehen mit dem bloßen Auge ein anders Sehen: zugreifend, auf Schärfe gerichtet, und das Einschlafen mit einer Schlaftablette ist strukturell ein anderes Einschlafen als das träumerische Wegdämmern im Sich-Verlie­ren in Bildern.

Technik ist weiter zu einem Konsumgut geworden. Damit droht der Unterschied zwischen lustiger und nützlicher Technik zu verschwinden. Entstanden ist ein neuer Werttypus, der Inszenierungswert der Ware. Technische Gegenstände werden zu Bestandsstücken der Selbstinszenierung. Produkte der artificial-life-technology beherrschen das Feld.  

 

Böhme sieht die technische Zivilisation aber nicht nur negativ, für ihn ist sie janusköpfig: Auf der einen Seite wird das Leben strikt zweckrational organisiert, auf der anderen Seite eröffnen sich Felder für die Entwicklung neuer Kulturen. Die technische Zivilisation setzt in einem doppelten Sinne frei: zum einen im Sinn von überflüssig machen und zum andern im Eröffnen von Feldern freier Aktivität, Phantasie und Bewegung.

 




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