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Suizid: Dagmar Fenner fragt nach der Möglichkeit eines sozialethisch legitimen Suizids

Dagmar Fenner fragt nach der Möglichkeit eines sozialethisch legitimen Suizids

 

In der Antike gestand man den Selbstmördern sowohl Freiheit als auch Denkfähigkeit zu und betrachtete den Suizid als Resultat  eines bewussten Abwägens der Gründe für und wider das Weiterleben. Nicht die Länge eines Lebens zählte, sondern allein seine Qualität, die sich nach verschiedenen Faktoren bemaß. Dank des Siegeszuges der wissenschaftlichen Suizidologie vermochte sich aber in der Neuzeit die These vom „irrationalen Suizid“ durchzusetzen, also die Annahme, der Suizidakt gehe nicht aus vernünftiger Überlegung oder Argumentation hervor. Vielmehr wurde der Suizid als Symptom    einer psychischen Störung, als Ausdruck von unerträglichem psychischem Schmerz oder einem heftigen Affekt interpretiert.

 

Wie die Basler Philosophin Dagmar Fenner in ihrem Buch

 

Fenner, Dagmar: Suizid – Krankheitssymptom oder Signatur der Freiheit? Eine medizin-ethische Untersuchung. 423 S., Ln., € 47.—. 2008, Angewandte Ethik Band 8,  Karl Alber, Freiburg

 

ausführt, hat man sich damit allerdings die Schwierigkeit einer Abgrenzung der „Irrationalität“ von Handlungen zu bloß „arationalem Verhalten“ eingehandelt. Denn wo das Tun bloße Wirkung von unbewussten Trieben oder Wahnvorstellungen ist, kann man streng genommen nicht von „Irrationalität“, sondern muss von „Arationalität“ sprechen.

 

Vornehmlich Sigmund Freud und in seiner Nachfolge Karl Menninger versuchten, die Suizidneigung aus einem größtenteils unbewussten Widerstreit eines sogenannten Todestriebes („thanatos“) mit einem Lebenstrieb („Eros“, „Libido“) zu erklären. Menningers systematische Studie Man against himself  ist die bisher einzige umfassende und maßgebliche psychoanalytische Suizidtheorie geblieben. Menninger geht wie Freud von „in uns allen starke Neigungen zur Selbstzerstörung“ aus, die aber nur in Ausnahmefällen, wo viele Umstände und Faktoren zusammenkommen, um ihn zu ermöglichen, in Gestalt eines tatsächlichen Selbstmordes in Erscheinung treten“. Sowie die Lebens- und Todestriebe eines Individuums mit ihren konstruktiven bzw. destruktiven Kräften miteinander konfligieren, könne der faktische Lebenslauf eines Individuums als „Endergebnis dieser miteinander in Widerspruch stehenden Faktoren“ betrachtet werden.

 

Für Dagmar Fenner kann demgegenüber ein Suizid durchaus rational sein, sofern er wichtigen Bedingungen genügt, und diese Bedingungen versucht sie auf verschiedenen Wegen einzukreisen.  Der Suizidwunsch muss in wohlbegründete Meinungen eingebettet sein, die aus einem Meinungsbildungsprozess hervorgehen. Ein rationaler Suizidentschluss liegt weiter nur da vor, wo dem Suizidenten keine logischen oder intellektuellen Fehler unterlaufen sind.

 

Sowohl Psychiater als auch Philosophen tendieren dazu, die Rationalität bzw. Irrationalität des suizidalen Räsonnements vorschnell mit psychischen Krankheiten oder Störungen in Verbindung zu bringen. Fenner weist demgegenüber darauf hin, dass keineswegs jede psychische Störung die geistigen Fähigkeiten in Mitleidenschaft zieht, und selbst bei der häufig unter Suizidenten diagnostizierten Depression erfolgt eine solche Beeinträchtigung immer nur graduell. Von „motivierter Irrationalität“ ist hingegen dort zu sprechen, wo durch persönliche Kränkungen oder Einschränkung von Handlungsfähigkeit heftige Affekte wie etwa Existenzängste entfesselt werden, welche die Denkfähigkeit beeinträchtigen. Wichtig ist es auch, zwischen dem meist lange vor dem Suizid einsetzenden Prozess der nüchternen Meinungsbildung und dem oft hochimpulsiven Zustand unmittelbar vor der Tat zu unterscheiden. Der über einen längeren Zeitraum immer wieder als Option ins Auge gefasste Suizid wird im Allgemeinen hinausgeschoben, bis anlässlich einer letzten Einengungs- oder Verletzungssituation und oft unter Drogeneinfluss die bewusste Kontrolle des Denkens und Handelns stark herabgesetzt wird. Auch wenn zum Zeitpunkt der Ausführung der Tat die Meinungen der Suizidenten unbegründet und affektiv eingefärbt sein mögen, gilt dies nicht zwangsläufig auch für diejenigen der vorangegangenen, sachlicheren Erwägungs- und Abwägungsphasen. Der Fribourger Philosoph Jean-Claude Wolf hat deshalb als Kriterien für rationalen Suizid „eine realistische Sicht der Wirklichkeit“ und „angemessene Informiertheit“ genannt.

 

Dagmar Fenner weist darauf hin, dass der berühme „Tunnel-Blick“ depressiver Suizidwilliger systematisch sämtliche Informationen ausblendet, welche einer positiven Handlungsmöglichkeit oder Problemlösung den Boden bereiten können. So nehmen sich erstaunlicherweise mehr Menschen aus bloßer Krebsfurcht das Leben als tatsächlich an diagnostiziertem Krebs erkrankte Menschen – auch wenn sich die Krebsfurcht im Nachhinein vielfach als völlig unbegründet erweist.

 

Doch wer entscheidet über die Subjektivität oder Objektivität von Gründen, die wir für die Wahrheit unserer Meinungen ins Feld führen? Fenner nennt einige Kriterien. Die Meinungen müssen wie im Falle einer physischen oder psychischen Krankheit nicht nur mit den eigenen systematisierten Erfahrungen im fraglichen Bereich übereinstimmen, sondern auch mit den entsprechenden methodisch kontrollierten Erkenntnissen der zuständigen Spezialwissenschaften (Wahrheits­kriterium der Kohärenz). Schwieriger wird es bei komplexeren Lebenssituationen oder der Bilanzierung des Lebens insgesamt inklusive der zukünftigen Entwicklungsmöglichkeiten. In der Literatur greift man hierfür zur Figur eines „neutralen Beobachters“. Fenner betont hier die Bedeutung eines beratenden Gesprächs: Im gemeinsamen Ringen um eine objektive oder wahre Welt- und Selbstinterpretation verringert sich die oft erschütternde Diskrepanz zwischen der Lagebeurteilung des Suizidwilligen und der seines unmittelbaren Umfeldes.

 

Ärzte und Psychiater insistieren oft, dass es trotz aller intersubjektiven Bemühungen keinen „rationalen Suizid“ gebe, weil die Zukunft nie völlig gewiss vorhersehbar sei. Demgegenüber ist Dagmar Fenner der Ansicht, Meinungen dürften durchaus als rational gelten, wenn sie mit einer hohen Wahrscheinlichkeit die zukünftige Entwicklung der für die Betroffenen relevanten Ereignisse voraussagen.

 

Jean Bächler hat die Suizidhandlungen entsprechend den Zwecken, die damit verfolgt wurden und die ihnen Bedeutung verleihen, klassifiziert und ist dabei zu vier Typen gekommen:

1.                 Der „eskapistischen Suizid“ der Flucht oder Trauer;

2.                 Der „aggressive Suizid“ als Rache, Erpressung oder Appell;

3.                 Der „oblative Suizid“ als Opfer oder als Passage zu einem besseren Leben und schließlich

4.                 Der „spielerische Suizid“, bei dem man sich selbst herausfordert oder einfach sein Leben um des Spiels willen riskiert.

 

Aaron Beck hat die Gründe für den Suizidwunsch vor allem bei depressiven Patienten untersucht. Diese geben durchweg an, dem Leben entfliehen zu wollen. Dieses ist „einfach zu viel für sie“, „sie haben es satt zu

 

 

 kämpfen“ und „halten das Leben nicht mehr für lebenswert“ oder „empfinden einen inneren emotionalen Leidensdruck als unerträglich“. Fenner geht bei Suizidwünschen von einer Dominanz dieses Fluchtmotivs aus.

 

Bei dem Ziel, einer ausweglosen oder unerträglichen Situation zu entkommen, basiert prima facie die Wahl des Mittels auf richtigen theoretischen Kausalannahmen: Nimmt sich ein Lebensmüder mittels einer sicheren Suizidmethode das Leben, muss er nicht mehr länger erfolglos kämpfen oder immense Schmerzen erleiden. Um allerdings abzuklären, ob ein Suizid nicht nur das sicherste, sondern auch das effektivste Mittel darstellt, ist ein Vergleich mit allen zur Verfügung stehenden alternativen Mitteln erforderlich. Es muss ausgeschlossen werden, dass sich das jeweilige Leiden kraft palliativmedizinischer Mittel oder weniger aufwendiger Therapiemethoden lindern lässt. Wo ein durch eine unheilbare Krankheit hervorgerufener permanenter Schmerz nur noch mit hoch do-

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

sierten Opiaten oder Barbituraten und folglich durch fortwährende Ausschaltung des Bewusstseins zur Sedierung gebracht werden kann, ist für Fenner die kurze, einmalige „terminale Sedierung“ unter rein zweckrationalen Effizienzkriterien zu favorisieren. Bei den anderen Fällen, wo ein bestimmtes Niveau an Lebensqualität nicht mehr gehalten werden kann oder bei einem schweren Verlust hingegen ist Suizid „als Flucht aus dieser Situation“ angesichts einer Fülle alternativer Handlungsmöglichkeiten unangemessen.

 

Fenner geht von einem dreistufigen Modell einer rationalen Zielwahl aus. Die erste Stufe bildet Suizid als eine Handlungsmöglichkeit neben vielen anderen lebensbezogenen Alternativen. In der zweiten Phase wird die Selbsttötung gegenüber den anderen Handlungsalternativen abgewogen. In der dritten Phase erfolgt dann die Entscheidung. Im Rahmen der Suizidbeihilfe-Diskussion plädiert man deshalb für eine zeitliche Rahmenfrist als Bedenkzeit und eventuell auch zum Erproben möglicher Alternativen. Doch Beihilfe-Organisationen stehen vor dem Problem: wie können sie feststellen, welche Handlungsalternativen für die betreffende Person tatsächlich bedeutsam sind und ein Weiterleben als lohnend erscheinen lassen? Darf man von außen auf lebensorientierte, durch die spezifischen Fähigkeiten des Subjekts und seiner aktuellen Lebensumstände theoretisch realisierbaren Handlungsmöglichkeiten pochen, wenn der Suizident sie verwirft?

 

Es gibt solche Fälle. Beispielsweise beim Verlust des Ehegatten. So schwer dieser Verlust auch ist, fast alle können danach weiter leben und kommen irgendwie darüber hinweg. Eine Flucht in den Tod wäre hier irra­tional. Anders bei einem Mann, dem Ehrenhaftigkeit und Menschlichkeit höchste Ideale sind und der im Dritten Reich von den Nazis für die Organisation unmenschlicher Taten instrumentalisiert wird. Solche tiefe Überzeugungen, die sämtliche Ideale und Ziele eines Menschen fundieren, sind so basal, dass sie ohne Selbstverlust nicht aufgegeben werden können.

Zu berücksichtigen ist aber auch, dass ein Suizid nicht nur ein individueller, sondern auch ein sozialer Akt ist. Es ist deshalb auch zu fragen, ob ein Suizid nicht nur „für meine Situation“ ethisch legitim ist, sondern auch hinsichtlich „der Interessen der anderen“ und damit übergeordneter Ziele und Werte. Ein Suizid kann einen gravierenden Nachteil für Ehepartner, Kinder oder auch andere nach sich ziehen. Ein sozialethisch legitimer Suizid setzt also voraus, dass der zum Suizid Entschlossene die Folgen seines Aktes für das soziale Umfeld bedenkt und selbstverantwortlich übernimmt. Dazu gehört, dass er die Betroffenen in seine Situationseinschätzung einbezieht und mit ihnen diskutiert.




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