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Tatjana Tarkian :
Naturalismus und die Autonomie der Ethik

aus Heft 4/2014, S. 22-29


Daniel Dennett schrieb 1984: „Eine höchst glückliche Entwicklung in der Philosophie der letzten zwanzig Jahre ist ihre Tendenz zur Naturalisierung: Da wir Menschen ein Teil der Natur sind – äußerst komplizierte, aber doch letztlich gewöhnliche Teile der Biosphäre –, müssen philosophische Theorien über unseren Geist, unser Wissen, unsere Sprache letzten Endes bruchlos an die Wissenschaften vom Natürlichen anschließen und mit ihnen harmonisieren“ ([10]: ix]). Damit ist die Sicht des philosophischen Naturalisten umrissen. Der Kern des Naturalismus liegt, sehr grob gefasst, in der Überzeugung, dass alles, was es gibt, natürlicher Art ist, und dass wissenschaftliche Methoden den angemessenen Weg darstellen, um alle Aspekte der Wirklichkeit zu untersuchen. Wie diese vage Charakterisierung zeigt, hat der Naturalismus eine metaphysische und eine methodologische Komponente (vgl. [1]). Beide finden sich in aktuellen naturalistischen Ansätzen in der Ethik wieder. Entsprechend kann man den Naturalismus als Position in Fragen der Metaphysik der Moral vom ethischen Naturalismus als methodologischer Orientierung unterscheiden.

Formen des Naturalismus in der Ethik

Naturalisten suchen moralische Phänomene in die Welt des Natürlichen zu integrieren. Im engeren Sinne versteht man unter ‚ethischem Naturalismus‘ metaethische Positionen realistischer Art, denen zufolge es objektive moralische Tatsachen und Eigenschaften gibt, die natürlicher Art sind. Aus der Sicht moralischer Realisten ist es das Ziel des moralischen Diskurses, moralische Tatsachen korrekt zu repräsentieren. Naturalisten im engeren Sinne behaupten, dass es sich bei diesen Tatsachen um natürliche Tatsachen handelt. Als Realisten haben sie eine nichtskeptische Haltung: Sie meinen, dass wir um die Wahrheit zumindest einiger moralischer Urteile wissen.

In einem weiteren Sinne können alle grundlagentheoretischen Positionen als ‚naturalistisch‘ angesehen werden, die das Ziel der Einpassung des Moralischen in eine naturalistische Metaphysik verfolgen. Zu Formen des ethischen Naturalismus im weiteren Sinne zählen somit auch irrealistische (nihilistische) und antirealistische Positionen – etwa der Expressivismus Allan Gibbards (vgl. [14]), Simon Blackburns Quasi-Realismus, der moralische Fiktionalismus sowie manche Varianten des Konstruktivismus.

In der letzten Zeit denken manche bei der Rede von naturalistischer Ethik aber ganz besonders an Ansätze, die sich in der Ethik dem methodologischen Naturalismus verpflichtet sehen. Sein zentrales Kennzeichen ist die Zurückweisung des Projekts einer philosophischen Grundlagentheorie apriorischer Art. Aus der Sicht seiner Anhänger zeichnet sich die Philosophie nicht durch eine besondere Methode aus, die sie von anderen Disziplinen deutlich abgrenzen würde. Entsprechend sei eine methodische Orientierung an den empirischen Wissenschaften angeraten. Die Gegenstände der Philosophie unterschieden sich von denen der empirischen Felder weniger durch ihre Natur, als vielmehr durch einen höheren Grad an Allgemeinheit und Abstraktion (vgl. [21]: 155-156, [1]: Abschnitt 2.1). Was die Ethik betrifft, so raten methodologische Naturalisten, auch hier eine empirische Perspektive einzunehmen. Mit zur Moral gehörenden Phänomenen befassen sich auch die Biologie und Anthropologie, die Kognitions- und Sozialwissenschaften. Es sei angezeigt, dass sich die philosophische Ethik von ihnen informieren lässt. Mehr noch: Die Ethik sollte mit den besten Ergebnissen der empirischen Felder in enger Verbindung stehen (vgl. [7]: 115, [21]: 157, [22], [23]: 270). Um die so grob umrissene methodologische Position von den vorher genannten naturalistischen Grundlagentheorien der Moral zu unterscheiden, seien letztere hier unter der Bezeichnung ‚metaethischer Naturalismus‘ zusammengefasst.

Viele verstehen den Naturalismus in der Ethik als substantielle Position in der Metaphysik der Moral (vgl. [4], [6], [9]). Manche rücken besonders die eben charakterisierte methodologische Position in den Vordergrund (vgl. [2]). Unabhängig von terminologischen Differenzen stellt sich die Frage, in welcher Beziehung der metaethische und der methodologische Naturalismus stehen. Die Antwort ist nicht sehr schwer zu sehen. Klar ist auf der einen Seite, dass metaethische Naturalisten den methodologischen Naturalismus ablehnen können. Typischerweise wäre eine Opposition darin begründet, dass sie der Methode der Begriffsanalyse einen hohen Stellenwert beimessen und die Klärung begrifflicher Fragen als kennzeichnend für das philosophische Unternehmen betrachten. Doch es sind auch andere Gründe für eine reservierte Haltung gegenüber der Orientierung an empirischen Feldern denkbar.

Der methodologische Naturalismus auf der anderen Seite ist eine metaphilosophische Position, deren Verteidigung grundsätzlich nicht sogleich eine Beantwortung von Fragen erzwingt, welche die metaphysischen Grundlagen der Ethik im Detail betreffen. Allerdings bringt es die von methodologischen Naturalisten favorisierte Orientierung an empirischen Fragestellungen und Erklärungen mit sich, dass sie nicht an der Verteidigung einer nonnaturalistischen Grundlagentheorie interessiert sein können. Die Auszeichnung wissenschaftlicher Methoden als angemessene Wege zur Erschließung der Wirklichkeit schließt ontologische Festlegungen aus, die prinzipiell jenseits der Reichweite solcher Methoden legen. Wenn überhaupt, so wird der methodologische Naturalismus daher im Tandem mit einer naturalistischen Metaphysik verteidigt – ob diese nun Platz für robuste moralische Tatsachen hat (wie es naturalistische moralische Realisten meinen) oder nicht (wie es Irrealisten meinen). Methodologische Naturalisten verfolgen mithin das umfassendste Naturalisierungsprojekt in der Ethik.

Nonnaturalismus

Der naturalistische Trend, den Dennett vor dreißig Jahren begrüßte, hat sich seit damals wohl noch verstärkt. Der Eindruck, dass der Naturalismus heute zur Standardposition geworden ist (vgl. [1], [3]), ist sicher nicht ganz verfehlt und stellt sich besonders bei in der analytischen Tradition arbeitenden Autoren leicht ein. In der Ethik ist die Lage aber wohl selbst in der englischsprachigen Philosophie nicht so eindeutig. Der zentrale Opponent des Naturalisten ist heutzutage der nonnaturalistische moralische Realist. Anders als sein naturalistischer Gegenpart im Lager der Realisten nimmt der Nonnaturalist an, dass es irreduzible moralische Tatsachen gibt, die nicht natürlicher Art sind und die korrekt zu erfassen das Ziel unserer Erkenntnisbemühungen ist (vgl. z.B. [8], [15], [20]). Was den Gegenstand und die Methode der Ethik betrifft, so begegnen Nonnaturalisten der naturalistischen Sicht mit einer Autonomiethese: Mögen die empirischen Disziplinen interessante und vielleicht im Einzelfall auch überzeugende Erklärungen für menschliches Verhalten, moralische Emotionen und die Disposition geben, bestimmte moralische Urteile zu fällen – so bliebe die Ethik doch eine autonome Disziplin. Moralische Einsicht und Reflexion lasse sich nicht durch empirische Erklärungen ersetzen, und mithin könnten die empirischen Felder für die Ethik nur von sehr begrenzter Relevanz sein. Diese Sicht hat einiges für sich, könnte man auf den ersten Blick annehmen. Bei näherer Betrachtung ist allerdings nicht ganz klar, wie die Autonomiethese genau zu deuten bzw. wie umgekehrt die von Dennett erwähnte Kontinuitäts- und Harmonieforderung methodologischer Naturalisten genau zu verstehen ist. Es lohnt sich, dieser Frage nachzugehen. Was ist es eigentlich, was methodologische Naturalisten behaupten und Nonnaturalisten bestreiten möchten? In welchem Sinne könnte die Ethik ein ‚autonomer‘ Gegenstandsbereich sein, der ihrer Naturalisierung entgegensteht?

Methodologischer Naturalismus

Seine jüngeren Wurzeln hat der Naturalismus in der amerikanischen Philosophie um die Jahrhundertmitte, mit Vertretern wie Roy Wood Sellars, John Dewey und Ernest Nagel, die der Suche nach Fundamenten in substantieller apriorischer Erkenntnis eine deutliche Absage erteilten (vgl. [1], [3], [5]). Ein weiterer Bezugspunkt für methodologische Naturalisten ist Quines Angriff auf die Unterscheidung zwischen analytischen und synthetischen Sätzen in „Two Dogmas of Empiricism“, welcher aus ihrer Sicht der Philosophie den Rückzug auf eine von den empirischen Feldern klar abgrenzbare Domäne der begrifflichen Analyse verwehrt. Es ist nicht ausgemacht, dass methodologische Naturalisten verpflichtet wären, ihre methodische Orientierung hinsichtlich aller Gegenstandsbereiche gleichermaßen und in gleicher Weise für einschlägig zu halten – vielleicht lassen sich begrenzte und spezifisch modifizierte Naturalisierungsprojekte verteidigen (vgl. [22]: 86). Es geht mir an dieser Stelle nur um solche Projekte in der Ethik. Wie beschreiben Naturalisten ihr Vorhaben? Hilfreich ist hier die Darstellung, die man bei Peter Railton findet. Das naturalistische Integrationsprojekt steht unter dem Ziel, den zur Moral gehörenden Phänomenen einen Platz im Natürlichen zuzuweisen. Es gilt also, in einer philosophischen Grundlagentheorie Antworten auf Fragen nach der Bedeutung, dem Ursprung, der Funktion, der Epistemologie und der Metaphysik des moralischen Diskurses und nach der Natur moralischen Handelns und moralischer Gefühle zu finden (vgl. [22]: 82). Ganz im Sinne der Kontinuitätsthese Dennetts sollen die Elemente der Grundlagentheorie bruchlos anschließen an Ergebnisse der besten Ansätze aus den relevanten angrenzenden empirischen Feldern (Biologie, Anthropologie, Geschichte, Kognitions- und Sozialwissenschaften). Das betrifft also die entsprechenden Überlegungen aus der Sprachphilosophie, der philosophischen Psychologie, der Metaphysik und Epistemologie (vgl. [22]: 84). Es handelt sich mithin lediglich um eine Kohärenzforderung. (Dabei steht außer Frage, dass entscheidende Details klärungsbedürftig sind: Durch welche Methoden zeichnen sich die empirischen Disziplinen genau aus – wie restriktiv ist ein vernünftiger Begriff der empirischen Wissenschaften? Welche Ansätze und Felder eignen sich als zentrale Orientierungspunkte? Naturalisten sind einander in diesen Fragen uneinig.) Railton spricht in diesem Zusammenhang von einer neuen Art des Kompatibilismus: „Der moralische Kompatibilist meint, dass das moralische Leben keine Ausnahme von den Naturgesetzen erfordert – wenn wir richtig oder falsch handeln, mit dem Guten oder dem Schlechten als Ziel, dann tun wir dies innerhalb der natürlichen Welt, deren Teil wir als empirische Wesen sind. Wenn wir Kompatibilisten sein wollen, dann muss jede Theorie des Bereichs des menschlichen Denkens und der Praxis vereinbar sein mit dem, was wir über den Bereich der menschlichen Psychologie, Biologie und die Umstände wissen, worüber er superveniert“ ([23]: 271).

Die Frage ist nun: Welche Implikationen hat der methodologische Naturalismus für die Praxis der normativen Reflexion und die normative Theorie? Nun, wenn es gelingt, eine überzeugende naturalistische Theorie des moralischen Diskurses zu entwickeln, dann ist unsere normative Praxis der Argumentation und Kritik jedenfalls nicht grundsätzlich problematisch. Allerdings übt die Kohärenzforderung weiterhin Druck aus: Die moralischen Kategorien und Annahmen, derer wir uns im moralischen Diskurs bedienen, müssen mit dem vereinbar sein, was wir an überzeugenden Ergebnissen aus empirischen Feldern vorweisen können (vgl. [22]: 98f.). In besonderem Maße wirkt dieser Druck natürlich auf moralische Begriffe und Annahmen mit explanatorischem Gehalt ein. Aus diesem Grund ist ein exemplarisches Projekt der „empirisch informierten Ethik“ (vgl. [7]), das in den letzten Jahren viel Beachtung erfahren hat, die von John Doris und anderen formulierte Kritik des Diskurses über robuste Charakterzüge im Licht der Si-tuationismusforschung in der Sozialpsychologie (vgl. [11]). Ob und inwiefern tugendethische Ansätze durch die Kritik empfindlich tangiert werden, ist umstritten. (Eine differenzierte Bewertung bietet Christoph Halbig [16]). Die methodische Schlüssigkeit kompatibilistischer Projekte ist aber grundsätzlich unangefochten. Welche Revisionen welcher Elemente der normativen Praxis solche Projekte überzeugend begründen können, lässt sich vorab nicht sagen. Es sollte nicht der Hinweis fehlen, dass naturalistische Projekte seltener durch reduktionistische Ziele charakterisiert sind, als es Kritiker zuweilen unterstellen. Der von Railton beschriebene Kompatibilismus stellt weniger anspruchsvolle Forderungen an das Vorhaben des Naturalismus, als es reduktionistische Programme tun.

Die Autonomie der Ethik

Naturalisten wird oft der Hinweis auf die ‚Autonomie‘ der Ethik entgegengehalten. Die Rede von der ‚Autonomie‘ lässt mehrere Lesarten zu. Eine lässt sich zu einem Vortrag von Thomas Nagel zurückverfolgen, der 1978 im Sammelband zu einer Tagung mit dem Titel Morality as a Biological Phenomenon erschien, die im Jahr zuvor in Berlin stattgefunden hatte – zu einem Zeitpunkt, als die kritische Rezeption von E. O. Wilsons recht hemdsärmeligen soziobiologischen Erklärungen der Moral einsetzte (vgl. [18]). In gekürzter Form erschien der Beitrag unter dem Titel „Ethics without Biology“ ein Jahr später in Mortal Questions (vgl. [19]). Andere haben diese Lesart aufgegriffen (vgl. [12]).

In seinem Beitrag verteidigt Nagel die philosophische Domäne der Ethik gegen Territorialansprüche der Biologie. Die Ethik sei ein eigenständiges „theoretisches Fachgebiet“ ([19]: 143) mit „internen Standards der Begründung und Kritik“ ([19]: 142), die nicht durch die Methoden anderer Gebiete wie der Biologie, Psychologie und Soziologie ersetzt werden können. Die Fortschritte des Fachs würden durch die Anwendung, Kritik und Weiterentwicklung eben der disziplinspezifischen Standards erzielt (vgl. [19]: 145). Als Zurückweisung von Wilsons Bemerkung, es sei womöglich „an der Zeit, den Philosophen die Ethik zeitweilig aus der Hand zu nehmen und sie zu biologisieren“ ([24]: 562), ist diese Sicht überaus verständlich.

Die Überlegungen, die Nagel im Zusammenhang mit der Autonomie der Ethik vorbringt, bergen mehrheitlich kein besonderes Potential für Kontroversen und werden auch von Naturalisten nicht bestritten. Die Ethik stellt in der genannten Hinsicht keine Ausnahme dar – worauf Nagel selbst hinweist. Genauso wenig, wie sich die Entwicklung der Ethik als Gegenstand für adaptationistische Erklärungen anbietet, bietet sich der Fortschritt in der Physik für solche an (vgl. [19]: 145). Dasselbe gilt natürlich für die Biologie selbst. Die normative Ethik ist, wie er schreibt, das Ergebnis der „menschlichen Fähigkeit, angeborene oder konditionierte präreflexive Motivations- und Verhaltensmuster der Kritik und Revision zu unterziehen und neue Verhaltensweisen hervorzubringen. Diese Fähigkeit hat vermutlich eine biologische Grundlage, und sei es nur als Nebenfolge anderer Entwicklungen. Aber die Geschichte der Ausübung dieser Fähigkeit und ihre unablässige Anwendung in der Kritik und Revision ihrer eigenen Ergebnisse ist kein Teil der Biologie. Vielleicht kann uns die Biologie etwas über die perzeptuellen und motivationalen Ausgangspunkte sagen, aber gegenwärtig hat sie wenig Bedeutung für den Denkprozess, mit welchem man diese Ausgangspunkte hinter sich lässt“ ([19: 146). Sollte das alles sein, was mit der ‚Autonomie‘ der Ethik gemeint ist, so würden methodologische Naturalisten diese nicht bestreiten.

Man könnte daher hinter Nagels Ausführungen eine stärkere Lesart der Autonomiethese vermuten. Die theoretische Arbeit der Ethik liegt in der Anwendung und Weiterentwicklung von Begründungsnormen. Die Aufgabe besteht darin, „Fragen, Begriffe, Argumente und Prinzipien zu entwickeln, indem man sich über das Gebiet Gedanken macht und es der Vernunft und der Intuition erlaubt, auf seinen spezifischen Charakter zu reagieren“ ([19]: 145). Im strikten Sinne autonom wäre die Ethik, wenn es der spezifische Charakter ihres Gegenstands mit sich brächte, dass sie von den Ergebnissen und Methoden anderer Fächer gar nicht profitieren kann, so dass die ethische Reflexion weitestgehend unabhängig von ihnen zu betreiben ist. Die Behauptung eines im Gegenstand begründeten disziplinären Isolationismus wird von Nagel freilich an dieser Stelle weder ausdrücklich formuliert noch verteidigt. An ihr müsste sich zweifellos der Streit zwischen Anhängern und Gegnern des Naturalismus entzünden. Mit der beiläufigen Befürwortung einer substanziellen und nicht lediglich instrumentellen Konzeption praktischer Rationalität könnte die stärkere Lesart der Autonomiethese zwar angedeutet sein (vgl. [19]: 145) – doch dass sie es sein sollte, die ihren Kern bildet, ist durch die gedankliche Bewegung des Beitrags nicht nur nicht nahegelegt, sondern eher ausgeschlossen.

Gewöhnlich wird die Rede von der Autonomie der Ethik im Sinne der logischen Kluft zwischen ‚Sein‘ und ‚Sollen‘ gedeutet: aus einer Menge beliebiger deskriptiver Sätze ließen sich keine normativen Sätze ableiten (vgl. z.B. [13]). Auf die logische Autonomie des moralischen oder normativen Vokabulars wurde vielfach hingewiesen; sie ist eine notwendige Bedingung für die von Nagel beschriebene Eigenständigkeit der moralischen Reflexion. Zwar gibt es bekanntlich Schwierigkeiten, die These von der logischen Autonomie so zu formulieren, dass sie präzise und nicht anfällig für Gegenbeispiele ist, auf die sich mit etwas Scharfsinn kommen lässt (vgl. [25], [26], [27]). Nichtsdestotrotz steht außer Frage, dass alle bislang diskutierten Problemfälle nicht genug Substanz bieten, um eine Ethik auf sie zu gründen und moralische Reflexion überflüssig zu machen. Zu fragen ist nun, ob die logische Autonomie der Ethik geeignet ist, als tragende Prämisse eines antinaturalistischen Arguments zu fungieren. Bei fairer Betrachtung muss dies verneint werden. Naturalisten sind nicht darauf festgelegt, die logische Unabhängigkeit des moralischen Vokabulars zu bestreiten, und Autoren wie Railton, Gibbard [14], Kitcher [17] und Doris und Stich tun dies auch nicht.

Eingedenk der von Moore und Ross eingestandenen Supervenienz moralischer Eigenschaften ist es für Nonnaturalisten nicht angeraten, in metaphysischer Hinsicht von einer ‚Autonomie‘ des Moralischen zu sprechen. Als plausibelste Lesart der Autonomiethese als Kristallisationspunkt der Auseinandersetzung zwischen Naturalisten und ihren Kritikern verbleibt daher die der im Gegenstand begründeten disziplinären Eigenständigkeit, Unabhängigkeit oder Selbstgenügsamkeit der Ethik.

Disziplinäre Eigenständigkeit der Ethik?

Hätten zumindest einige moralische Urteile den Status synthetischer Sätze a priori, dann wäre damit die disziplinäre Eigenständigkeit der Ethik etabliert. Aus kantischer und nonnaturalistischer Sicht sind es die epistemischen Fundamente der Moral, welche alle naturalistischen Ansätze verfehlen müssen.

Wer nicht von der Existenz selbstevidenter moralischer Wahrheiten überzeugt ist (vgl. dazu [8]), könnte sich aber fragen, ob wirklich ein Graben existiert, der ihn von einer naturalistischen Sicht trennt. Spricht denn jenseits einer nonnaturalistischen oder kantischen Sicht etwas für eine im Gegenstand begründete disziplinäre Eigenständigkeit der Ethik? Fortschritte in der moralischen Reflexion bzw. in der normativen Theorie vollziehen sich vermittels der Entwicklung von moralischen Fragen und Begriffen sowie über die Anwendung, Kritik und Entwicklung von Begründungsnormen. Die These von der Eigenständigkeit der Methoden der Ethik besagt, dass die empirischen Disziplinen keinen substanziellen Beitrag leisten könnten, um den Fortschritt in moralischen Diskursen zu befördern. Allein die der Ethik immanenten rationalen Standards der Rechtfertigung und Kritik könnten dies. Ich denke, dass die Idee einer rein intradisziplinären Beurteilung von begrifflichen Instrumenten und Begründungsstandards schwer zu verteidigen ist. Man könnte hier zunächst auf die historische Entwicklung verweisen: Dass theonome, naturrechtliche und apriorische Moralbegründungen (die Nagel (vgl. [18]: 199f.) als Beispiele für disziplinspezifische Standards nennt) deutlich an Überzeugungskraft eingebüßt haben, liegt nicht zuletzt an wissenschaftlichen Transformationen in der Moderne. (Insbesondere der Darwinismus übt Druck auf manche Begründungskonzeptionen aus.) Kritiker könnten dies für eine bedauerliche Eigentümlichkeit der aktuellen Begründungskultur halten. Aus meiner Sicht handelt es sich hier um eine legitime Erscheinung der von Norman Daniels als Methode des „weiten Reflexionsgleichgewichts“ bezeichneten Begründungskonzeption. Dass Kohärenzforderungen heute in erster Linie mit Bezug auf die empirischen Disziplinen erhoben werden, ist ein Kennzeichen unserer historischen Situation. In einer anderen Phase der abendländischen Wissenschaftstradition ging der „Anpassungsdruck“ auf die Ethik vielmehr von supernaturalistischen metaphysischen Konzeptionen aus, wie es auch Railton in Erinnerung ruft (vgl. [22]: 84).

Angedeutet ist hiermit, dass der von Naturalisten angestrebte Brückenschlag zu den empirischen Disziplinen nicht darauf hinauslaufen muss, diesen unkritisch das Wort zu reden. Was Kritiker naturalistischer Ethik häufig befürchten, ist ein vorschneller und für wichtige begriffliche Fragen ungenügend sensibler Import von empirischen Resultaten in die Ethik. In ihrer Befürchtung sehen sie sich angesichts von soziobiologischen Erklärungen der Moral oder problematischen Thesen aus der evolutionären Psychologie nur bestärkt. Die Mahnung zur Vorsicht kann hier allerdings ebenfalls von Naturalisten erhoben werden. Biologische Erklärungsansätze moralischen Verhaltens und Urteilens blenden zu häufig aus, dass moralische Standards als kulturelle Praktiken eine bedeutende historische Dimension haben. Auf diese Weise begünstigen sie zuweilen konservative Deutungsmuster, welche bestimmte Verhaltensweisen als beharrlich oder resistent gegenüber Reformen darstellen. Es liegt aber nicht in der ‚Natur‘ naturalistischer Ethik, die Biologie gegenüber sozialwissenschaftlichen Ansätzen zu privilegieren.

Ausblick


Die Frage nach der Natur moralischer Eigenschaften und Tatsachen wird zwischen naturalistischen und nonnaturalistischen moralischen Realisten weiterhin lebhaft diskutiert (vgl. dazu [15], [20] und die Beiträge im unter [9] genannten Sammelband). Die Frage, ob und in welchem Sinne die Ethik als autonome Disziplin verstanden werden sollte, dürfte aber auch für diejenigen von unabhängigem Interesse sein, für die metaphysische Fragen in der Ethik nicht im Vordergrund stehen. Ich konnte nicht umhin kenntlich zu machen, dass ich am naturalistischen methodischen Zugang nichts auszusetzen habe. Interessanter ist aber sicherlich die Frage, inwieweit entsprechende Ansätze spezifische Konsequenzen für die Ethik zeitigen. Das muss im Einzelnen geprüft werden.

UNSERE AUTORIN:

Tatjana Tarkian ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Seminar für Philosophie der Universität Erfurt. Gemeinsam mit Thomas Schmidt ist sie Herausgeberin des Bandes Naturalismus in der Ethik: Perspektiven und Grenzen (Paderborn: mentis, 2011). Zuvor erschien von ihr Moral, Normativität und Wahrheit (Paderborn: mentis, 2009).

LITERATUR ZUM THEMA


Einführungen zum Naturalismus

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[5] Rosenberg, Alexander (2000): „A Field Guide to Recent Species of Naturalism“, in: Alexander Rosenberg, Darwinism in Philosophy, Social Science and Policy (Cambridge: Cambridge University Press), 6-33.
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Naturalismus und Nonnaturalismus
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[11] Doris, John M. (2002): Lack of Character: Personality and Moral Behavior (Cambridge: Cambridge University Press).
[12] FitzPatrick, William (2012): „Morality and Evolutionary Biology“, in: The Stanford Encyclopedia of Philosophy (Summer 2012 Edition), hg. Edward N. Zalta, URL =
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[23] Railton, Peter (2004): „Toward an Ethics that Inhabits the World“, in: The Future for Philosophy, hg. Brian Leiter (Oxford: Clarendon Press), 265-284.
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Zur logischen Autonomie der Ethik

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[26] Kurtzman, David R. (1970): „’Is,’, ‘Ought,’ and the Autonomy of Ethics, in: The Philosophical Review 79, 493-509.
[27] Jackson, Frank (1974): „Defining the Autonomy of Ethics“, in: The Philosophical Review 83 (1), 88-96.



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