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04 2015

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Sebastian Knell:
Thaumazein. Über das Staunen als philosophische Haltung

 aus: Heft 4/2015, S. 28-37

Staunen als Thema der Philosophie 

Dass die Philosophie es mit dem Staunen zu tun hat, ist ein alter Gedanke. Platon bestimmt das Staunen (Thaumázein) im Dialog Theaitetos sogar als Anfang der Philosophie. Im Symposion charakterisiert er die Schau des ideellen Schönen als des Erstaunlichen (Thaumastòn) zugleich als das Endziel philosophischen Erkennens, und die neuplatonische Tradition ist ihm hierin gefolgt. Diese Bestimmung wurde in der Geschichte des abendländischen Denkens allerdings nicht unverändert beibehalten. So begreift etwa die stoische Schule das Staunen als einen pathologischen Zustand der Seele, der der Unwissenheit entstammt, die es durch Vernunfterkenntnis zu überwinden gilt. Das Telos der Philosophie besteht nach dieser Auffassung also mitnichten im Staunen, sondern in dessen therapeutischer Verabschiedung. Ebenso betrachtet auch Aristoteles in seiner Metaphysik das Staunen nicht als Endzustand des Erkenntnisstrebens, sondern als dessen bloßen Ausgangspunkt. Wir staunen, so Aristoteles, angesichts eines Phänomens, dessen Erklärung wir noch nicht kennen. Dieses erklärungssuchende Staunen ist eher der wissenschaftlichen Neugier verwandt als einer bewundernden Schau der Erkenntnisgegenstände, wie Platon sie im Sinn hatte. 

Die mittelalterliche Tradition hat das Staunen dann stark in die Nähe der spezifisch religiösen Erfahrung gerückt. In der staunenden Bewunderung und Ehrfurcht erblickt sie die angemessene intellektuelle Haltung gegenüber Gott oder dem Wunder der Schöpfung. Auch diese genuin theologische Zuspitzung weicht von Platons ursprünglicher Begriffsbestimmung ab. Sie dürfte jedoch einer der Gründe dafür sein, dass die Philosophie der Aufklärung, die die intellektuelle Vorherrschaft der Theologie zu beenden suchte, in ihren erkenntnistheoretischen Entwürfen für die Haltung des Staunens keinen rechten Platz mehr vorsah. Die systematische Wiederbelebung der Idee einer genuin philosophischen, von religiösen Festlegungen unabhängigen Form des Staunens erfolgt erst im 20. Jahrhundert, innerhalb der phänomenologischen Tradition. Autoren wie Max Scheler, Martin Heidegger und Hannah Arendt thematisieren das Staunen und Sich-Wundern angesichts der Tatsache, dass überhaupt eine Welt existiert und nicht nichts. Die dabei zugrunde liegende metaphysische Frage nach dem Seienden im Ganzen ist – im Gegensatz zur Frage nach dem Seienden als Seiendem – in dieser Form ebenfalls noch nicht im antiken Denken vorfindlich, sondern geht als philosophisches Motiv auf neuzeitliche Autoren wie Leibniz und Schelling zurück. 

Trotz der zuletzt genannten Denkansätze des 20. Jahrhunderts wurde das Konzept eines philosophischen Staunens, das sich als genuin nichtreligiöse Haltung begreift, innerhalb der modernen Philosophie systematisch nur wenig untersucht. Im Folgenden möchte ich daher einige programmatische Überlegungen zu möglichen Wegen anstellen, das Staunen als philosophische Thematik auf dem Boden der Tradition der Aufklärung wiederzugewinnen. Ich werde dabei an die platonisch-neuplatonische Begriffsbestimmung anknüpfen und die Frage diskutieren, inwieweit sich im Rahmen des modernen wissenschaftlichen Weltbildes ein epistemisch legitimer Bereich des Staunens auszeichnen lässt. Den Ausgangspunkt bildet dabei zunächst die (fundamentalontologische) Besinnung auf die Existenz der Welt als solcher. Ich werde jedoch auch danach fragen, ob es nicht weitere, gleichermaßen fundamentale Gegenstände des Staunens geben könnte. Im Fortgang meiner Überlegungen werde ich unter anderem einige unorthodoxe systematische Anleihen bei Kant machen. 

Zum Verhältnis von Staunen, Religion und Mystik 

Will man aufklären, welche systematische Rolle das Staunen innerhalb des heutigen philosophischen Denkens spielen kann, muss man insbesondere zwei Fragen beantworten: 

- Die Frage, um was für eine Art von Einstellung es sich beim Staunen der Form nach genau handelt, sofern es als konsequent nicht-religiöse Haltung verstanden wird. 

- Die Frage, welche Sachverhalte sinnvollerweise Inhalt eines genuin philosophischen Staunens sein können.

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