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01 2016

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Dieter Birnbacher :
Neuro-Enhancement. Die ethische Ambivalenz eines schnell wachsenden Bereiches

 
aus: Heft 1/2016, S. 18-33
 
Ein Schlüsselbegriff der Biomedizin
 
„Enhancement“ ist einer der Schlüsselbegriffe der modernen Biomedizin. Biomedizinische Mittel, Verfahren und Techniken werden zunehmend nicht mehr nur für die angestammten Aufgaben der Medizin: Heilung, Lebenserhaltung, Symptomlinderung und gesundheitliche Vorsorge eingesetzt, sondern auch zum Zweck der Steigerung von Fähigkeiten, zur Verbesserung von Lebensqualität und zur Gestaltung der äußeren Erscheinung bei Gesunden. Wachsende Bereiche der Medizin und der direkt oder indirekt in das Medizinsystem involvierten Aktivitäten (Pharmaforschung, Apotheken, Medizintechnik, Psychotherapie) widmen sich nicht mehr nur der Behandlung und Bekämpfung von Krankheiten und Störungen, sondern gleichberechtigt und in Einzelfällen sogar vorrangig der Steigerung der Leistungsfähigkeit über das Normalmaß hinaus (Sportmedizin), der Kompensation natürlicher Degenerationsprozesse (Anti-Aging), der Verschönerung des Körpers (ästhetische Chirurgie, Kieferorthopädie) oder der Verbesserung des Wohlbefindens (Psychopharmakologie, Psychotherapie).
 
Gegenwärtig erleben wir in den wohlhabenden Ländern eine rapide Ausdehnung der Angebote im Bereich des Enhancement. Teils kommen dabei neu entwickelte Mittel, Verfahren und Techniken zum Einsatz, zum größeren Teil jedoch Verfahren, die zunächst zu gesundheitsbezogenen Zwecken entwickelt und genutzt worden sind, von denen aber – von Anfang an oder im späteren Verlauf – klar wurde, dass sie sich auch zu Zwecken außerhalb ihres ursprünglichen Anwendungsbereichs einsetzen lassen (und gelegentlich erst dadurch für ihre Hersteller wirtschaftlich interessant wurden). Die Dynamik dieser Entwicklung ist aufs Ganze der Verfahren gesehen bemerkenswert, aber keineswegs gleichmäßig über die verschiedenen Anwendungsgebiete verteilt. Interessanterweise gehört das Neuro-Enhancement – trotz der Häufigkeit und Intensität der Diskussionen, die sich mit ihm beschäftigen – gerade nicht zu den Erfolgsgeschichten des Enhancement. Aber zunächst die Frage: Was ist Neuro-Enhancement?
 
Was ist Neuro-Enhancement?
 
Neuro-Enhancement kann verstanden werden als die Gesamtheit der Maßnahmen, die auf die Verbesserungen von mentalen Fähigkeiten oder Zuständen bei gesunden Menschen zielen. Entscheidend ist, dass diese Maßnahmen im weitesten Sinne biomedizinischer Natur sind, also nicht anderweitige Formen annehmen, etwa die von Erziehung, Bildung, Übung oder Training. Ausschlaggebend für die Abgrenzung des Enhancement gegen andere Verbesserungs-Verfahren sind die Mittel, nicht die Zwecke. Ein Trainingsverfahren, durch das es gelingt, die Gedächtnisleistung zu verbessern, ist keine Form von Enhancement. Es ist jedoch Enhancement, sobald dasselbe Ziel durch die Einnahme bestimmter Hormone oder antioxidativer Substanzen erreicht wird.
 
Die Hauptanwendungsgebiete eines Neuro-Enhancement, wie es sich gegenwärtig darstellt, sind die Aufhellung der Grundstimmung und die Verbesserung bestimmter leistungsbezogener kognitiver Eigenschaften. Psychopharmaka, die zur Heilung von Depressionen, Angst- und Spannungszuständen entwickelt wurden, verhelfen vielfach auch gesunden Menschen zu einer besseren Grundstimmung. Das bekannteste Beispiel ist das in den USA verbreitete Medikament Prozac, das negative Affekte hemmt. Das Buch, das die Diskussion um die sogenannte „kosmetische Psychopharmakologie“ im wesentlichen auslöste, „Listening to Prozac“ von Peter Kramer (Kramer 1995, 16), handelt, wie der Titel anzeigt, hauptsächlich von diesem Mittel. Vor allem in der durch starken sozialen Erwartungsdruck gekennzeichneten amerikanischen Mittelschicht besteht eine große Nachfrage nach stimmungsaufhellenden Substanzen. So boomt gegenwärtig in den USA nicht nur der Absatzmarkt für Prozac, sondern auch für Naturheilmittel wie Johanniskraut.
 
Zu den Anwendungen zur Verbesserung kognitiver Funktionen wie Aufmerksamkeit und Konzentration, Gedächtnisleistung und die Fähigkeit, sich gezielt zu entspannen, gehören Mittel wie Modafinil, Donopezil, Ritalin und Betablocker. Modafinil wurde etwa amerikanischen Soldaten im Irak und in Afghanistan verabreicht. Betablocker schlucken Musiker beim Vorspielen zur Bekämpfung von Lampenfieber.
 
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