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02 2016

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Julian Nida-Rümelin:
Die Macht der Reflexion

aus: Heft 2/2016, S. 8-19

 

Entscheidung und Handlung

Welche Rolle spielt unsere Reflexion, unser Überlegen? Spielt sie überhaupt irgendeine Rolle? Da wird man antworten: wie könnte es anders sein? Das Irritierende ist nun, dass dies massiv bestritten wird. Zunächst geschieht dies in einer eher oberflächlichen Form, die es in die Feuilletons hineingeschafft hat und die sich dort nach wie vor hält. Philosophierende Neurowissenschaftler, etwa Wolf Singer, behaupten, sie hätten, gestützt auf das Libet-Experiment (und die Stu­dien und die Interpretationen dazu), empirische Belege, dass Entscheidungen, Deliberationen und Gründe immer nur ex-post sind. Doch die empirischen Belege gibt es nicht. Vielmehr sind diese Neurowissenschaftler Begriffsverwirrungen zum Opfer gefallen, und es ist die Aufgabe der Philosophie, hier begriffliche Klarheit zu schaffen. Was ich jedoch für bedenklich halte: diese „neurophilosophische“ Position hat sich zu einer Art Weltanschauung verfestigt hat. Und auffällig ist, dass die Gegenwehr aus der Philosophie meist eher zaghaft ausfällt. 

Eine weit grundlegendere, innerphilosophische Sichtweise auf diese Thematik geht von der Frage aus: Was sind Deliberationen? Die Antwort lautet: Das sind irgendwelche mentalen Vorgänge. Zugleich wird von der physikalischen Geschlossenheit der Welt ausgegangen. Mich erstaunt dabei, dass manche Naturwissenschaftler und manche Philosophen in diesem Zusammenhang auf den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik verweisen und behaupten, damit sei die kausale Geschlossenheit der Welt bewiesen. Denn meines Erachtens ist das Physische (etwa die Kausalität in der Physik) genauso ungeklärt wie das Mentale. Es ist nicht nur die philosophische Seite, die Sorgen bereitet, sondern auch die naturwissenschaftliche. Das Verhältnis dieser beiden Bereiche ist überaus komplex und schwierig zu durchschauen, und ich habe dazu keine Lösung. Aber hier geht es mir um die Rolle der Gründe. 

Wenn wir handeln, muss der Handlung immer irgendetwas vorausgegangen sein – man könnte es rudimentäre Deliberation nennen. Fehlt eine solche Deliberation, handelt es sich um bloßes Verhalten. Ich meine damit nicht, dass wir den ganzen Tag über nachdenken, „was soll ich tun?“ und dann die verschiedenen Möglichkeiten durchrechnen (und wenn wir unglücklicherweise Entscheidungstheorie gelernt haben, den Nutzenerwartungswert der verschiedenen Optionen bestimmen und dann die Option mit dem höchsten Nutzenerwartungswert wählen). Vielmehr meine ich, dass wir in der Lage sind, unser Verhalten zu steuern, und dass diese Steuerung bestimmte, sich durchhaltende Charakteristika hat. Wenn eine Person sich in einer bestimmten Weise verhalten hat und wir nennen dies zu Recht eine Handlung, dann kann die Person sagen, warum sie sich so verhalten hat. Das ist keine Kausalanalyse, sondern zunächst einmal prima vista – Davidson im Hintergrund – einfach die Angabe der Gründe, die diese Person hatte, um dieses und nicht jenes zu tun. Wenn sie keine Gründe angeben kann, dann ist es keine Handlung. 

Jeder Handlung geht eine Entscheidung voraus. Zwischen Entscheidung und Handlung kann eine große zeitliche Distanz liegen oder eine sehr geringe. Neurophysiologen können den kleinsten zeitlichen Abstand bestimmen, er soll in der Größenordnung 0,1 Sekunden liegen. In der Regel ist er um ein Vielfaches höher. Im Hochleistungssport kann man das ziemlich weit nach unten treiben, aber die untere Grenze liegt dort immer noch deutlich über 0,1 Sekunden. Zwischen Entscheidung und Handlung muss ein gewisser Hiatus sein, das können aber auch Jahre sein. Sie können sich zusammen mit ihrem Partner entscheiden, im nächsten Jahr zu heiraten. Und wenn Sie sich dann im Laufe der nächsten Monate eines anderen besinnen und zu dem Ergebnis kommen, dass Sie nicht heiraten werden – vielleicht waren Sie länger zusammen im Urlaub und das hätten Sie besser nicht getan – dann kann man interessanterweise nicht mehr sagen, dass Sie sich im Oktober entschieden hatten, zu heiraten. Sie können dann nur noch sagen, Sie hätten gedacht, Sie hätten sich entschieden und haben jetzt festgestellt, Sie haben sich ja gar nicht entschieden. Ein merkwürdiges Phänomen.

Worauf ich hinaus will: Ob etwas eine Entscheidung ist, zeigt sich ex post. Eine Entscheidung bringt eine, wie auch immer rudimentäre, Deliberation zum Abschluss. Sie legt etwas fest. Und wenn das de facto nicht festliegt, dann war es keine Entscheidung.

 

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