header


  

03 2016

Leseprobe    ESSAY Druckversion  |  Schrift: vergrößern verkleinern 

Carrier, Martin: Forschungsfreiheit und Forschungsbedarf. Wissenschaft zwischen Autonomie und gesellschaftlichen Ansprüchen

 

aus: Heft 3/2016, S. 8-17
 
 
Forschungsfreiheit als Problem
 
Forschungsfreiheit in einem gleichsam maximalen Verständnis ist die Freiheit einzelner Wissenschaftler, Forschungsthemen selbst zu wählen und die betreffenden Forschungsprojekte auch zu verfolgen. Forschungsfreiheit in diesem umfassenden Sinn richtet sich also an Individuen, ist keinen Beschränkungen unterworfen und schließt auch die finanziellen Mittel ein, diese selbstgesetzten Ziele zu realisieren. Am anderen Ende der Skala steht der im Jargon so genannte Messknecht, der in ein größeres Projektvorhaben eingebunden ist und seine Aufgaben zugewiesen bekommt. Die Möglichkeit einer substanziellen Beeinflussung der eigenen Forschung besteht dabei nicht. Beide Typen finden sich in der Wirklichkeit des Labors eher selten, die Wirklichkeit steht irgendwo dazwischen.
 
Forschungsfreiheit als Problem ist in den letzten Jahren als Reaktion auf die Kommerzialisierung und Politisierung der Wissenschaft aufgekommen. Danach durchziehen außerwissenschaftliche Interessen die Forschung. Die Wahrnehmung ist, dass der Primat des technischen Eingriffs und die Ausrichtung auf konkrete, kurzfristige Forschungsziele die Erkenntnisorientierung schwinden lassen. Und diese unterstellte Abwendung von der Erkenntnisorientierung vermindert die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft. Danach rückt die Betonung der Kontrolle der Natur das Naturverstehen in den Hintergrund, und diese Schieflage soll durch die Betonung der Unabhängigkeit und Freiheit der Forschung korrigiert werden. Gerade in Deutschland ist diese Bewegung spürbar. Klaus Lieb tritt durch die Gründung von MEZIS („Mein Essen zahl ich selbst“) für die Unabhängigkeit der Medizin von den Wirtschaftsinteressen der Pharmaindustrie ein, Günther Stock hat als Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaft prominent die Staatsferne, aber nicht die Wirtschaftsferne, der Wissenschaft propagiert, Torsten Wilholt lehnt die Einflussnahme des Staates, aber nicht der Gesellschaft, auf die Wissenschaft ab (Wilholt 2012, Kap. 11.1). Tatsächlich ist die Wissenschaft nach Umfrageergebnissen aus den letzten Jahren in eine Glaubwürdigkeitskrise geraten. Eine große Zahl von Menschen sieht die Forschung in den Krallen des großen Geldes und der politischen Mächte und begegnet Forschungsbefunden dann mit Misstrauen, wenn sie aus lebensnahen Bereichen wie Ernährung oder Medizin stammen. Die Betonung der Forschungsfreiheit ist einer der gegenwärtig vertretenen Ansätze, der Wissenschaftsskepsis der breiten Öffentlichkeit zu begegnen.
 
Ich möchte entsprechend zunächst der Frage nachgehen, ob Forschungsfreiheit der Stärkung der Glaubwürdigkeit der Wissenschaft dient. Im vorherrschenden, anwendungsdominierten Forschungsmodus ist damit die Frage verbunden, ob Forschungsfreiheit die gesellschaftliche Nützlichkeit der Wissenschaft zu steigern vermag. Insgesamt vertrete ich die These, dass die Bedeutung von Forschungsfreiheit heute vielleicht geringer ist als oft vermutet, dass Forschungsfreiheit aber an kritischen Stellen weiterhin wichtig ist. Forschungsfreiheit ist nämlich erstens geeignet, die Pluralität von Denkansätzen zu steigern, die ihrerseits eine wichtige Voraussetzung der praktischen Fruchtbarkeit der Wissenschaft ist, und sie stärkt zweitens die kulturelle Rolle der Wissenschaft als einer eigenständigen kritischen Stimme.
 
Grundlagen- und Anwendungsforschung
 
Traditioneller Ort der Forschungsfreiheit ist die Grundlagenforschung. Letztere ist meiner Auffassung nach durch das Erkenntnisziel des Verstehens von Naturprozessen charakterisiert und bildet einen begrifflichen Gegensatz zur Anwendungsforschung, die zumindest nach mittelfristig realisierbarem praktischem Nutzen strebt. Damit verknüpft ist ein Unterschied in der Wahl der Forschungsthemen. In der Grundlagenforschung werden Probleme durch die Wissenschaft selbst bestimmt, in der Anwendungsforschung hingegen durch außerwissenschaftliche Kräfte nach Maßgabe gesellschaftlicher Dringlichkeit oder den wirtschaftlichen Aussichten vorgegeben. Das soll nicht besagen, dass Forschungsvorhaben entweder der Grundlagen- oder der Anwendungsforschung zugehören. Vielmehr ist die Unterscheidung zwischen beiden Forschungstypen als Weber‘sche Idealtypen zu verstehen und wie Achsen eines Koordinatensystems, die der Systematisierung der Phänomene dienen, aber nicht in ihrer Reinform realisiert sind. In der Praxis des Labors sind beide Formen stets miteinander vermischt. Gleichwohl ist die Unterscheidung wichtig, weil nur mit ihr die Frage gestellt werden kann, ob die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft unter dem herrschenden Anwendungsdruck leidet und ggf. durch Forschungsfreiheit wiederhergestellt werden kann.
  
...


Sie wollen den vollständigen Beitrag lesen?
Bestellen Sie das Einzelheft oder abonnieren Sie die Zeitschrift.




© Information Philosophie     Impressum     Kontakt