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03 2016

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Tobias Nikolaus Klass:
Rancière, Jacques

aus: Heft 3/2016, S. 38-47
 
 
Ein politischer Postfundamentalist?
 
In seiner einflussreichen Studie zur Politischen Differenz von 2010, in der Oliver Marchart eine Reihe neuerer politischer Theorien vor allem aus dem französischen Sprach- und Denkraum überblickshaft vorstellt, führt er auch Jacques Rancière als einen Autoren des von ihm konstatierten „Postfundamentalismus“ ein. Postfundamentalisten, so lautet Marcharts zentrale Aussage, fragen als politische Philosophen nicht zuerst nach dem bestmöglichen Einrichten politischer Institutionen oder Strukturen (wie dem Recht, einer bestimmten Ordnung der Ökonomie oder zivilgesellschaftlicher Strukturen), sondern sie fragen noch einmal nach dem „Wesen“ des Politischen, seinem „Grund“ oder „Fundament“. In Parallele zu Heideggers Vorstellung der „ontologischen Differenz“, die das „Wesen“ des Seins über die Abhebung einer bloß „ontischen“ von der erst eigentlich „ontologischen“ Ebene zu fassen versucht, würden die Autoren des Postfundamentalismus „le politique“ bzw. sein „Wesen“ durch eine Abhebung von „la politique“, verstanden eben als Inbegriff instituierter politischer Instanzen und Strukturen, zu bestimmen versuchen. Und dabei auf einen „Grund“ des Politischen stoßen, der – paradoxerweise – zugleich immer auch ein „Abgrund“ sei: da nach Ansicht der besagten Autoren das „Wesen“ des Politischen dessen grundsätzliche „Grundlosigkeit“, d. i. die Abwesenheit jedes unzweifelhaften „Fundaments“ offenbare.
 
Da Jacques Rancière in seinem heute gern als sein „Hauptwerk“ titulierten und zugleich meist rezipierten Buch La Mésentente. Philosophie et Politique von 1995 (im Jahr 2002 unter dem Titel Das Unvernehmen. Philosophie und Politik zum ersten Mal auf Deutsch erschienen) tatsächlich selbst an zentraler Stelle mit einer Unterscheidung zwischen „politique“ und „police“ arbeitet, die große Ähnlichkeit mit der genannten „politischen Differenz“ zwischen „le politique“ und „la politique“ zu haben scheint, und da auch er keinen irgend gearteten unbestreitbaren „Grund“ alles Politischen mehr finden kann, sondern im Gegenteil nur noch Dissens um behauptete Fundamente des Politischen, scheint seine Einordnung in die genannte Reihe der politischen Postfundamentalisten auf der Hand zu liegen. Wie stets aber, wenn eine große Menge unterschiedlicher Denker ein und derselben Richtung zugeordnet werden, ist auch hier das Risiko groß, als Preis für entdeckte Gemeinsamkeiten wichtige, bisweilen den einzelnen Denker nachgerade erst definierende Besonderheiten zu übersehen. Und somit das eigentlich Entscheidende seines Ansatzes zu verkennen.
 
Diese Gefahr hat Jacques Rancière, dem die Diskussionen innerhalb des genannten „postfundamentalistischen“ Feldes wohlvertraut waren, selbst früh gesehen. Und ihr entgegen zu steuern versucht. Schon 1991 (also vier Jahre vor Erscheinen seines Hauptwerkes La Mésentente) hat er auf einer Tagung in New York in einem Vortrag mit dem Titel Politique, Identification, Subjectivation gehalten, in dem er zu besagter Unterscheidung zwischen „le“ und „la politique“ als vermeintlich tragender deutlich Stellung bezogen und seinen eigenen Ansatz klar davon unterschieden hat. Und zwar vor allem, um jeden Verdacht einer Suche nach dem „Wesen“ des Politischen möglichst weit von sich zu weisen.
 
Wenn es Rancière trotz der genannten Ähnlichkeiten zu den „postfundamentalistischen“ Autoren aber nicht um diese Frage nach dem „Wesen“ des Politischen geht, worum geht es ihm dann? Um diese Frage zumindest grob und im Ansatz beantworten zu können, empfiehlt es sich, zuerst ein Stück weit seinem Werdegang zu folgen, denn hier finden sich zahlreiche wichtige Schlüssel zum Verständnis seines späteren Werkes.
 
Im Umkreis von Althusser
 
Jacques Rancières Weg begann im Paris der 1960er-Jahre an der École Normale Supérieur in der rue d’Ulm. Dort wurde er – wie viele heute berühmte Philosophen vor und nach ihm (Foucault, Derrida, Badiou, Balibar) – Schüler Louis Althussers, dessen Projekt einer strukturalistischen Erneuerung des Marxismus eine große Anziehung auf viele junge Intellektuelle ausübte. Diese Attraktivität rührte wohl vor allem aus zwei Versprechen Althussers, die zu verstehen wichtig ist, um das Werk Jacques Rancières zu verstehen. Zuerst und vordergründig ging es um einen Bruch mit der Vorherrschaft der PCF, der kommunistischen Partei Frankreichs, über den Marxismus in Frankreich. Der, wie Althusser es selbst beschrieb, zu dieser Zeit vor allem eine Praxis ohne Theorie war. Dagegen setzte Althusser die Idee (oder man müsste sagen: das Versprechen) einer marxistischen „théorie pratique“, die nicht einfach der Praxis ihre fehlende Theorie zu liefern beanspruchte, sondern als Theorie eine eigene Form von Praxis.
 
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