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STELLUNGNAHMEN

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Zur Zukunft der Phänomenologie

Zur Zukunft der Phänomenologie

Stellungnahmen von Christian Beyer, Hilge Landweer,

Thomas Rolf und Lambert Wiesing

 

 Was für eine Bedeutung hat Husserl heute noch für die Phänomenologie? Welche seiner Ansätze sind überholt, welche zukunftsweisend?

 

Christian Beyer: Husserl ist der paradigmatische Phänomenologe. Nur vor dem Hintergrund seines Werkes sind andere Autoren dieser Traditionslinie wie etwa Heidegger überhaupt verständlich. Überholt mögen     einige seiner Überlegungen zur Logik sein (vgl. jetzt aber die Studie Logic and Philosophy of Mathematics in the Early Husserl von Stefania Centrone). Alles andere ist nach wie vor von Interesse; und zwar einerseits, weil eine kohärente Rekonstruktion Husserlscher Methoden (insbesondere der „transzen­dentalen Reduktion“) immer noch aussteht – sie erscheint heute im Lichte der analytischen Erkenntnistheorie und Sprachphilosophie aber erreichbarer denn je; andererseits, weil Husserls Analysen auch als bloßer Ideensteinbruch noch manch ungehobenen Schatz bergen.


Dem Streben der Phänomenologie nach theoretisch unvoreingenommener Beschreibung der „Sachen selbst“, der Tatsachen des je   eigenen Bewusstseins, ist mit Vorsicht zu begegnen, sofern es Gefahr läuft, sich als die – wissenschaftlich unvertretbare und philosophisch sterile – Forderung nach theoriefreiem Denken misszuverstehen. Husserls bahnbrechende These von der temporalen „Horizontstruktur“ des intentionalen Bewusstseins und seiner Fundierung im vor-reflektiven „inneren Zeitbewusstsein“ besitzt z. B. durchaus theoretischen Gehalt und kann unter Umständen dafür kritisiert werden, mit bestimmten Bewusstseinstatsachen (und eventuell damit korrelierten kognitionswissenschaftlichen Befunden) zu konfligieren.

 

Hilge Landweer: Was die Inhalte angeht, so haben beispielsweise Husserls an Brentano anschließende Analysen der Intentionalität die Philosophie des 20. Jahrhunderts und insbesondere auch einen wichtigen Teil der analytischen Philosophie geprägt, und sie wirken in den neuesten Debatten um diesen Begriff nach. Husserls Analysen sind methodisch immer noch zukunftsweisend, auch wenn es Gründe geben mag, den Intentionalitätsbegriff neu zu fassen, möglicherweise sogar ganz zu verabschieden, und etwa auch Husserls vielschichtige Intersubjektivitätsanalysen auf eine neue begriffliche Grundlage zu stellen. Eine solche Kritik an Husserl bedürfte gründlicherer Auseinandersetzung, und sie darf nicht verdecken, dass Husserls Bedeutung über solche einzelnen Inhalte und seine Methode im engeren Sinn weit hinausgeht.

 

Zukunftsweisend ist vor allem Husserls Haltung des unbedingten Ernstnehmens von Phänomenen als dasjenige, wovon die Philosophie ihren Ausgang zu nehmen hat, wenn sie Orientierung geben und sich nicht in akademische Pseudo-Probleme verstricken will. Husserl hat um jede Phänomenbeschreibung gerungen und war bereit, sie im Zweifel auch zu revidieren. Auch wenn man aus heutiger Sicht sicherlich sagen muss, dass es ihm keineswegs immer gelungen ist, sämtliche philosophie- und geistesgeschichtlich geprägten Vorannahmen bei seinem Zugang zu bestimmten Phänomenen auszuschalten und eine möglichst theoriefreie Perspektive einzunehmen, so ist seine Bereitschaft zur Revision herkömmlicher und eigener Sichtweisen zweifellos eine Haltung, derer die heutige Philosophie in ganz besonderem Maße bedarf – nicht nur, weil die heutige philosophische Landschaft nicht mehr so vielfältig ist wie noch vor wenigen Jahrzehnten und die Phänomenologie um einen sichtbaren Platz im Feld der etablierten Philosophie ringen muss, sondern auch deshalb, weil für die derzeitigen wissenschaftstheoretischen Auseinandersetzungen insbesondere im Zusammenhang mit der nicht leicht zu realisierenden Forderung nach Interdisziplinarität es unbedingt notwendig ist, dass die Philosophie in ihrer Haltung hinreichend flexibel ist, um mit anderen disziplinären Perspektiven in einen Dialog eintreten zu können, aber auch hinreichend leidenschaftlich, um diesen Debatten Orientierung geben zu können. Das alles scheint mir in Husserls Haltung des Philosophierens angelegt zu sein.

 

Thomas Rolf:Es gehört zur Idee der Phänomenologie, dass sie zu Ursprüngen zurückführt, oder besser, dass Ursprüngliches niemals verloren gehen kann. Das Mitlaufen des Ursprungs ist eben, wie Husserl entdeckt hat, selbst Phänomen bzw. Aspekt eines jeden Phänomens. Mit dem ‚Phänomen Husserl‘ ist es nicht anders, von ihm kommt man in der Phänomenologie nicht los. Sein Einfluss durchwirkt die Varianten phänomenologischen Denkens selbst dort noch, wo man sich ihm entziehen will oder entzogen wähnt. Insofern liegt Husserls Bedeutung bis heute in seiner dauernden hintergründigen Anwesenheit auf den verschiedenen Arbeitsfeldern.

 

Dagegen scheint Husserl überholt (worden) zu sein, wo er seinen Ideen selbst untreu geworden ist. Dies ist u. a. dort der Fall, wo er die Phänomenologie ohne Not zum Tran­szendentalismus hin entwickelt. Es erstaunt nicht, dass er auf dieser Spur von bodenständigen Kantianern überrundet wurde, deren Dominanz wohl nur durch eine konsequente Realisierung der phänomenologischen Intuition gebrochen werden kann. Zukunftsweisend ist daher dasjenige originär Phänomenologische an Husserl, was die Herrschaft der (nun schon sehr lange weilenden) Frage nach den ‚Bedingungen der Möglichkeit‘ in ihre Grenzen zurückweist. Husserl ist dort am stärksten, wo er wirklich phänomenologisch arbeitet: da ist er strenger Wissenschaftler, der als solcher z.B. klar zwischen Wesentlichem und Unwesentlichem zu unterscheiden lehrt. Überholt ist er, wo er, wie z. B. in der Reduktionslehre, sein wirkliches Arbeiten in Methodenreflexionen ertränkt; also Methodisches mehr denkt als es praktisch zu vollziehen.

 

Lambert Wiesing:In meiner Bewertung der Bedeutung von Husserl möchte ich zwei Aspekte an seinem Werk unterscheiden: Zum einen hat Husserl das Programm der Phänomenologie entworfen, also ein Projekt, wie Philosophie betrieben werden kann und sollte. Zum anderen hat Husserl selbst unüberschaubar viele eigene phänomenologische Beschreibungen gegeben, die zeigen, wie eine mögliche Umsetzung dieses Programms aussehen kann.

 

Husserls Programm der Phänomenologie scheint mir in keinem einzigen Punkt überholt zu sein; sein „Prinzip aller Prinzipien“ aus den Ideen von 1913, eben „dass alles, was sich uns in der ‚Intuition‘ originär, (sozusagen in seiner leibhaften Wirklichkeit) darbietet, einfach hinzunehmen sei, als was es sich gibt, aber auch nur in den Schranken, in denen es sich da gibt“, bestimmt weiterhin jede Form phänomenologischer Philosophie. Insofern ist Husserls Bedeutung nicht nur für die Phänomenologie ungebrochen, sondern auch letztlich für jeden Philosophen, der sich nicht mit Begriffsspekulationen, Plausibilitäten, Konstruktionen und möglichen Interpretationen zufrieden geben möchte. Mir scheint die entscheidende Idee des Programms zu sein, dass Husserl in aller Radikalität zu     einer modellfreien Philosophie, zu einer Philosophie ohne Unterstellungen auffordert. Dies ist eine Aufforderung, die für mich in nichts an Aktualität verloren hat, sondern im Gegenteil: gerade in Zeiten wichtig wird, in denen nicht wenige Geisteswissenschaftler den Methoden und Modellen der Naturwissenschaften hinterherlaufen.

 

Dann gibt es den zweiten Aspekt im Werk Husserls: die Umsetzung, also seine eigene Phänomenologie. Auch diese besitzt weiterhin für die gegenwärtige Phänomenologie große Bedeutung und Strahlkraft als ein Vorbild; hier bekommt man wie bei kaum einem zweiten Philosophen durch präzise und beeindruckend detaillierte Beschreibungen vorgeführt, wie das Programm der Phänomenologie gewinnbringend umgesetzt werden kann und sollte – doch das heißt er­stens auch, dass es nicht bei dieser Husserl-spezifischen Art der Umsetzung des Husserlschen Programms bleiben muss, und zweitens, dass es auch bei Husserl Versuche der Verwirklichung seines Programms geben kann, die heute weniger zukunftsweisend, vielleicht sogar nach seinen eigenen Kriterien nicht mehr phänomenologisch sind – zumindest wäre ich nicht der erste, der es äußerst schwer verständlich findet, wie in einer phänomenologischen Philosophie ein transzendentales Subjekt auftauchen kann. Dessen Existenz gebe ich zum Beispiel wenig Zukunft.

 

Doch wenn nach der Bedeutung von Husserl für die aktuelle Phänomenologie gefragt wird, möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass ich auch eine regelrechte Gefahr sehe, die von Husserl für die Zukunft der Phänomenologie ausgeht: Aufgrund seiner unvergleichbar großen Bedeutung für die Phänomenologie kommt es bisweilen auch dazu, dass das Studium von Husserl-Texten mit praktizierter Phänomenologie verwechselt wird. Viel von dem, was gegenwärtig in Büchern und auf Kongressen als Phänomenologie präsentiert wird, ist in Wahrheit zum Teil – natürlich nicht nur – wichtige und wertvolle Husserl-Philologie, die ihre eigene Relevanz hat, aber zum Teil auch bedenkliche Husserl-Verehrung – doch in keinem der beiden Fälle schon selbst praktizierte Phänomenologie im Sinne Husserls. Im Gegenteil: Phänomenologie im Sinne Husserls muss der Haltung verpflichtet sein, sich den Sachen und Problemen zuzuwenden. Hier hat sich seit Husserls Zeiten nichts verändert: Die beeindruckendsten phänomenologischen Studien zitieren und interpretieren nicht Husserl, sondern verwirklichen sein Programm: Dies gilt gleichermaßen für Sartres Studie Das Imaginäre vor mehr als sechzig Jahren wie in den letzten Jahren für Manfred Sommers Bücher Sammeln oder Suchen und Finden.

Die Phänomenologie steht in Konkurrenz zur analytischen Philosophie. Wo könnten die Phänomenologen von den Analytikern lernen, wo die Analytiker von den Phänomenologen?

 

Lambert Wiesing:Ich bin mir nicht sicher, ob die Phänomenologie wirklich in Konkurrenz zur analytischen Philosophie steht, oder ob die Konkurrenz nicht viel mehr zwischen Phänomenologie und naturalistischen Posi­tionen besteht; letztere finden sich zwar viel in der analytischen Philosophie, werden aber durchaus auch von analytischen Philosophen kritisiert. Schon die Klassiker zeigen jedenfalls, dass man sehr gut beiden Traditionen angehören kann. Zumindest bin ich nicht der einzige, der den späten Wittgenstein als      einen Phänomenologen ernst nimmt. Sein berühmtes Diktum „Es darf nichts Hypothetisches in unsern Beobachtungen sein. Alle Erklärung muß fort, und nur Beschreibung an ihre Stelle treten“ scheint ja wohl insbesondere in der Phänomenologie ernst genommen zu werden.


Auf die Frage, was man gegenseitig lernen kann, möchte ich mit einem rein persönlichen Eindruck antworten, wozu es sicherlich auch viele erfreuliche Gegenbeispiele gibt: Doch mein Eindruck ist, dass die Sprache von Phänomenologen – nicht der Klassiker – oft unnötig kompliziert und unverständlich ist, hier könnte man oft von der klaren Formulierungsfähigkeit vieler analytischer Philosophen lernen. Umgekehrt habe ich den Eindruck, dass in analytischen Diskussionen nicht selten Thesen wie neue Entdeckungen vorgestellt und diskutiert werden, nur weil man die umfangreiche Literatur nicht-ana­lytischer Philosophen nicht kennt. Hier wird mir zu oft das Rad neu erfunden.

 

Thomas Rolf:Wenn die Behauptung stimmt, dass Phänomenologie und analytische Philosophie zueinander in Konkurrenz stehen, dann können sie nicht, dann müssen sie notgedrungen voneinander lernen: denn in Verhältnissen vom Typ ‚Konkurrenz‘ zählt ja der Vorsprung der Konkurrierenden in derselben Sache. Daher sind Phänomenologen und ‚Analytiker‘ solange wechselseitig unbelehrbar, wie sie ihre Gegenstände und Methoden für privates Eigentum halten: und dabei eben verkennen, dass die Analyse von Sprache und die Beschreibung von Erlebnissen Verschiedenheiten im selben Element sind. So wie ‚die‘ Sprache sich im Sprechen phänomenalisiert, so ist auch ‚das‘ Erleben zur Sprache hin offen, um konkret z. B. im Sprechen als Erlebtes ausgesprochen zu werden. So wenig also eine ontische Kluft Sprache und Erleben voneinander trennt, so wenig muss man zur Erforschung ihres jeweiligen Seins und Wirkens zwei gegeneinander blinde Expertenkreise erfinden. Vernünftiger Weise gehen, wie z. B. eine neuere Arbeit zur „Philosophie der Gefühle“ (Demmerling/ Landweer) zeigt, Phänomenologen und Analytiker inzwischen oft Hand in Hand.

 

Es kommt wohl letztlich auf die Realisierung einer Paradoxie an: Das Ende der Konkurrenz zwischen Phänomenologie und Analytischer Philosophie ist in Sicht, wenn beiderlei Vertreter lernen, ihre Beziehung zu einer buchstäblich perfekten Konkurrenz zu machen. Dies kann geschehen, wenn man beiderseits einsieht, dass die begrifflich analysierte Welt zwar nicht einfach die Welt des Erlebens ist, dass sie aber auf ihre Weise durchaus so wie diese ist. Nur indem es das sprichwörtliche Rom als einen Konkurrenzpunkt, eben als Ort des Zusammenlaufs, gibt, führen viele Wege zu ihm hin. Die Sprache, so wie sie ist (und beschrieben werden kann) und die Erlebnisse, so wie sie sind (und analysiert werden können), sind im besten Fall auf je ihren Wegen unterwegs nach Rom. Sie konkurrieren nicht um Rom, sondern sozusagen auf ihre Weise (sowie mittels ihres je   eigentümlichen Stils) nach Rom. Dies können die Vertreter beider Richtungen mit wie ohne einander lernen, sofern sie ihre Arbeit – gemeinsam oder jeweils für sich – gut machen.

 

Christian Beyer: Die Phänomenologie steht eigentlich nicht in Konkurrenz zur analytischen Philosophie; beide Strömungen können sich wechselseitig befruchten und neigen zur Konvergenz. Die besten Arbeiten zur Phänomenologie stammen aus der Feder von theoretisch interessierten Autoren mit einer analytischen Ader (wichtige Prüfsteine sind Klarheit und argumentatives Niveau). Die interessantesten Vertreter der sog. analytischen Philosophie integrieren phänomenologische Gedanken und Unterscheidungen in ihre Theoriebildung. Husserl selbst habe ich immer auch als analytischen Philosophen wahr­genommen, und zwar nicht nur den frühen, sondern auch den „tranzendentalphänomenologischen“ Husserl.

 

Hilge Landweer: Manche analytischen PhilosophInnen können ihre Forschungsfragen und Thesen besser vereinfachen als einige Phänomenologen und sie auf sehr basale Annahmen zurückführen. Für die Phänomenologie kommt es in der heutigen Situation darauf an, nicht als geschlossener Schulzusammenhang mit mehr oder weniger voraussetzungsvollen ‚Ahnherren’ aufzutreten, ohne deren intime Kenntnis auch die jeweilige Phänomenologie unzugänglich erscheint. Die Phänomenologie muss immer noch gegen das Vorurteil anarbeiten, ihr ginge es um nichts als Beschreibungen. Sie möchte aber neue Sichtweisen auf die Welt ermöglichen, indem sie die geistes- und kulturgeschichtlich gewachsenen Prägungen der Kategorien, mit Hilfe derer wir uns unsere Welt erschließen, aufdeckt. Damit verfolgt sie letztlich ein auch praktisches Interesse. Sie muss ihre Anliegen klar und einfach vortragen und auch deren zumindest schwach normativen Gehalte offenlegen.

 

Die Analytische Philosophie kann von der Phänomenologie lernen, dass die Auseinandersetzung mit philosophiegeschichtlich geprägten Vorannahmen sinnvoll ist, um gewisse vermeintliche Selbstverständlichkeiten im Denken in Frage stellen und, wenn nötig, ablegen zu können. Die Phänomenbeschreibungen in der Analytischen Philosophie sind oft deutlich voraussetzungsvoller, als den betreffenden KollegInnen bewusst ist, da sie Kategorien verwenden, die keineswegs so geschichtslos und universell sind, wie sie unterstellen. Zudem gehen ihre Beschreibungen manchmal an der Alltagserfahrung vorbei. Ohne ein Ernstnehmen von Erfahrung kann es aber keine sinnvolle Philosophie geben.

 

Was macht für Sie das Spezifische der phänomenologischen Methode aus?

 

Hilge Landwehr: Das Spezifikum meiner phänomenologischen Methode besteht darin, ausgehend von Orientierungsfragen im menschlichen Zusammenleben zu untersuchen, wie das Problem überhaupt angemessen beschrieben und auf dieser Basis dann auch beantwortet werden kann. Dazu gehört die Analyse der Alltagssicht ebenso wie die der üblichen wissenschaftlichen Perspektive auf das Problem wie auch die Frage, welche philosophie- und geistesgeschichtlichen Weichenstellungen die jeweilige Sichtweise bestimmt haben. Dann erst kann versucht werden, das Phänomen und seine Randbedingungen so lange abzuwandeln, bis keine alternativen Beschreibungen, auch nicht bei deutlich anderen kulturellen Rahmungen, mehr möglich erscheinen. Und schließlich ist es wichtig, sich zu vergewissern, in welcher Situation diese Orientierungsfragen entstehen und an wen die eigene Forschung adressiert ist. Nur im Bewusstsein der eigenen Perspektivität ist es möglich, Antworten zu entwickeln, die auch für andere von Interesse sind.

 

Christian Beyer: Gefragt wird nach wesentlichen Eigenschaften, Strukturen und Erkenntnisleistungen des intentionalen Bewusstseins bzw. Daseins, und zwar aus der Eigenperspektive des Bewusstseinssubjekts (wobei diese Perspektive möglicherweise intersubjektive Perspektiven einschließt). Gesucht wird nach einer („philosophischen“) Explikation dieser im naiven („vorphilosophischen“) Leben vielfach nur implizit wirksamen subjektiven Eigenschaften, Strukturen und Leistungen mit Blick auf eben diese Wirksamkeit im zunächst und zumeist Verborgenen. Gefordert werden dabei größtmögliche theoretische und epistemische Vorurteilslosigkeit sowie Adäquanz hinsichtlich der anschaulich erfahrbaren Tatsachen des eigenen Bewusstseins bzw. Daseins – Orientierung an den „Sachen selbst“.

Lambert Wiesing: Phänomenologie zeichnet sich durch zwei Merkmale aus: Erstens thematisiert sie Phänomene, das heißt Dinge und Vorgänge, so wie sie für jemanden sind. Es geht um Beschreibungen von Weisen, wie etwas für jemanden bewusst ist. Das zweite Merkmal ist entscheidender: Für Phänomenologie reicht es nicht aus, dass jemand nur aus der Ersten Person Singular beschreibt, wie etwas ihm zumute ist; das könnte man besser Phänomenographie nennen. Für die Phänomenologie ist wesentlich, dass in den Phänomenen notwendige Strukturen beschrieben und in ihrer Notwendigkeit begründet werden. Die Geltung dieser Strukturen wird aber weder induktiv noch deduktiv begründet, sondern mittels der eidetischen Variation, welche somit die zentrale Methode der Phänomenologie ist, da sie phänomenologische Allgemeinheitsansprüche begrün­det.

 

Thomas Rolf:Die phänomenologische Arbeit bewegt sich – was ebenso vernünftig wie wirklichkeitsangemessen sein dürfte – zwischen zwei an sich unrealisierbaren Polen: zwischen bloßer Beschreibung (Deskription) und bloßer Vorschrift (Präskription). Dass diese Bewegung ein Zwischen ist und dass sie einzig als dieses Zwischen Bewegung ist, hat vor allem Bernard Waldenfels als das Genuine der phänomenologischen Arbeit erkannt. Insofern ist der Streit derjenigen, die Schreiben (Sprechen, Denken) als reines Beschreiben auffassen, und denjenigen, die hierin eine eher normative Tätigkeit sehen wollen, erkennbar gegenstandlos.

 

Und damit direkt zur Frage: Von einer bloß deskriptiven Beschreibung unterscheidet sich die phänomenologische Methode wesentlich dadurch, dass sie eben Methode ist. Rein deskriptives Beschreiben käme, wenn es ein solches wirklich gäbe, im Beschriebenen zu Ende. Die phänomenologische Methode dagegen ist, eben als Methode, notwendiges Unterwegssein. Sie ist freilich kein ziel- und endloses Flanieren: denn in allem, was es gibt, begleitet die phänomenologische Beschreibung die Phänomene zu ihren jeweiligen ‚Enden‘. In diesem Begleiten besitzt das phänomenologische Beschreiben seine innere Vorschrift; und diese wiederum liegt diesseits der (an sich ganz irrealen) Präskriptivität so genannter ‚normativer Setzungen‘.

 

Wo sehen Sie die besten Entwicklungschancen der Phänomenologie, wo kann die Phänomenologie, richtungweisend sein?

 

Lambert Wiesing:Ohne Frage scheint mir die große Stärke und Bedeutung der Phänomenologie für die Philosophie und Geisteswissenschaften überhaupt darin zu bestehen, das Denken durch Deskriptionen vor Reduktionen zu bewahren. Diese Stärke zeigt sich besonders richtungweisend zum einen auf dem Gebiet der Bewusstseinsphilosophie und in den Kognitionswissenschaften zum anderen auf den Gebieten, die Husserl „regionale Ontologien“ genannt hätte: Wenn es um die Lebenswelt und ihre Dinge geht, sei es um Bilder, Architektur, Literatur, Musik, aber auch die menschliche Interaktion und Lebensformen, dann erscheinen mir phänomenologische Ansätze alternativlos und richtungweisend zu sein.

 

Thomas Rolf: Die Frage scheint darauf zu zielen, dass die Phänomenologie dem zeitgenössischen Denken und Leben maßgebliche Antworten geben kann. Man muss aber unterscheiden zwischen der phänomenologischen Philosophie selbst und ihrer ‚Anwendbarkeit‘ auf Fragen der Zeit. Die Phänomenologie ist naturgemäß nicht richtungweisend, sondern stets gerichtet auf oder ausgerichtet an Etwas; und allenfalls darin, dass ihre Richtungen durch das jeweils Phänomenale bestimmt sind, kann sie, ohne direkt dazu berufen zu sein, Kritik üben – so etwa gegen die aktuell richtungweisenden Konstruktivismen, deren offenkundigstes Leiden aus meiner Sicht in einer durch zu großen Geistreichtum bedingten Schwach-Sinnlichkeit besteht. Gegen letztere arbeiten derzeit z.B. die Neue Phänomenologie und die Lebensphänomenologie an. Wohin der Leitfaden des Leibes leitet und wie reißfest er bei Belastung ist, wird man sehen.

 

Was die inhaltliche Dimension angeht, so kann sich ein Phänomenologe auch weiterhin praktisch überall auswirken: sei es als Repräsentant des Lebensweltlichen und Normalen, sei es als Anwalt des Fremden oder Extravaganten. Die Phänomenologie wird auch künftig jede ungünstige Richtungsentscheidung in den Debatten wie im Leben schattenhaft begleiten; und wenn ich es richtig sehe, ist dieses ‚Mitlaufen wie ein Schatten‘ sogar die gewissenhafte Seite ihres Berufs. Phänomenologen sind – wie Sanitäter – in Dauerbereitschaft. Der Dienst beginnt, wenn die Sorge, die ständig auf irgendwelches Mögliche aus ist, unsachlichkeitsbedingt in Not gerät. Eine realistische Phänomenologie, verstanden als Notwende-Wissenschaft: hier sehe ich eine echte Entwicklungschance! Es ginge darum, Möglichkeiten nach Maßgabe von Notwendigkeiten im Wirklichen zu sedieren.

 

Christian Beyer: Die Phänomenologie kann vom Gespräch mit der analytischen Erkenntnistheorie und Sprachphilosophie profitieren (und umgekehrt). Richtungweisend kann sie im Bereich der Kognitionswissenschaft sein (Stichworte: embodied cognition, mindread­ing, Bewusstsein und Repräsentation / Metarepräsentation, Zeitbewusstsein, Aufmerksamkeit….). Hier würde sich ein stärker analytisch orientierter Zugang zur Phänomenologie (als bisher) vorteilhaft auswirken. In jedem Fall bieten Husserls Überlegungen zum Verhältnis von Natur und Geist bzw. Lebenswelt und zu den Grundlagen der Psychologie eine Alternative zum (selten näher ausbuchstabierten) Naturalismus, zu dem sich viele Philosophen bekennen, die im kognitionswissenschaftlichen Bereich arbeiten.

 

Hilge Landweer: Die besten Entwicklungschancen der Phänomenologie sehe ich in    einer leiblich fundierten Sozialphilosophie, die konkret aufzuzeigen vermag, in welcher Weise leibliche Interaktionen für jede Art von Kontakt, auch für die Künste und für die Interaktionen in den neuen Medien, von Belang sind. In all diesen Bereichen lassen sich große phänomenologisch inspirierte Forschungsprogramme entwickeln, welche die derzeitige Konjunktur der Forschungen zu „embodiment“ auf eine bessere begriffliche Grundlage stellen, Sozialtheorie und Ontologie reformulieren, vielfältige empirische Forschungen in Natur-, Geistes- und Sozialwissenschaften motivieren und anleiten und sogar Technikfolgenabschätzungen umfassen könnten. All dies könnte auf die Theoretische ebenso wie auf die Praktische Philosophie zurückwirken. In den wichtigen Bereichen der Medizin und Psychiatrie spielt die Phänomenologie des Leibes schon jetzt eine große Rolle, und sie wird noch deutlich stärker werden, sicherlich auch im Bereich der Geriatrie. Schon jetzt werden die neuesten Diskussionen in den Neurowissenschaften, etwa um das Verhältnis von „first“-, „second“- und „third person perspective“, stark durch phänomenologische Einsichten motiviert, und gerade in jungen Wissenschaften und neuen Forschungsschwerpunkten, etwa in den Filmwissenschaften, der Emotions- und der Gestenforschung, hat die Phänomenologie bereits eine prominente Funktion inne. Um für diese neuen Forschungen wirklich richtungweisend sein zu können, wird für die Phänomenologie viel davon abhängen, diese Entwicklungen genau zu verfolgen und ihre begriffliche Klarheit für die Klärung von Sachfragen zu nutzen, ohne sich dabei dogmatisch auf nur einen Schulzusammenhang zu beziehen.

 

Es gibt viele Phänomenologinnen und Phänomenologen, auch habilitierte. Dennoch werden relativ wenige berufen. Täuscht das Bild, und wenn nicht: was ist der Grund, was lässt sich dagegen tun?

 

Lambert Wiesing: In der Tat habe ich selbst auch den lebhaften Eindruck, dass Phänomenologen viel zu wenig an deutsche Universitäten berufen werden. Das muss sich dringend ändern. Doch der Ehrlichkeit halber muss ich auch sagen, dass andere Strömungen komischerweise denselben Eindruck von ihren eigenen Richtungen haben. Deshalb wäre es gleichermaßen notwendig wie sinnvoll, die Berufungssituation diesbezüglich mal nüchtern zu sichten.

 

Wenn das Bild nicht täuscht, dann ist das zum einen ein politisches Problem, das mit Machtfragen in Instituten zu tun hat und das deshalb nur als ein solches in den Gremien gelöst werden kann. Zum anderen sehe ich aber leider auch, dass unter dem Etikett „Phänomenologie“ – ob zu recht oder zu unrecht, sei dahingestellt – nicht selten Texte präsentiert werden, die – um es vorsichtig auszudrücken – die begriffliche Unfassbarkeit der Phänomene durch eine begriffliche Unfassbarkeit ihrer Texte spiegeln. Nach dem Motto: Weil die Dinge immer auch anders sind, als man sagt, sagt man am besten gar nichts klar – man will den Phänomenen mit der sprachlichen Beschreibung keine Gewalt antun. Das Ergebnis sind nicht selten halbliterarische Werke, die für nicht wenige wie eine assoziationsreiche und kunstvolle Mischung aus Selbstverständlichkeiten und Unverständlichkeiten wirken. Dass ein derartiger Stil leider immer wieder mit Phänomenologie in Verbindung gebracht wird und leider sogar von Nicht-Phänomenologen fälschlicherweise oft als Hauptmerkmal der Phänomenologie angesehen wird, scheint mir für die Akzeptanz an Universitäten nicht unbedingt förderlich zu sein. Ich glaube allerdings, dass gerade in jüngerer Zeit diese einseitige Sicht auf die Phänomenologie durch eine gerechtere ersetzt wird. Viele der jüngeren Publikationen aus der Phänomenologie werden diesem alten Klischee nicht mehr gerecht und sprechen eine klare Sprache. Auch die derzeit zu beobachtende, ausgesprochen positive Rezeption der Phänomenologie in Amerika scheint mir dazu beizutragen, der Phänomenologie eine größere und angemessene Präsenz in Universitäten zu verschaffen. Aus meiner Sicht scheint es in der Zukunft leichter zu werden, auch als ein dezidierter Phänomenologe an einer Universität Fuß zu fassen. 

 

Thomas Rolf:Mein Eindruck ist, dass es gar nicht mehr so viele Phänomenologen gibt. Daher kann ich auf diese Frage nur im Irrealis antworten. Wenn es also viele Phänomenologen gäbe und von diesen nur wenige auf Lehrstühle berufen würden, wäre das Gute daran immerhin noch, dass es viele gäbe. Es ist, mit Blick auf die gegenwärtige universitäre Realität, gar nicht so schlimm, wenn    eine(r) trotz formaler Qualifikation nicht berufen würde; denn für die Sache der Phänomenologie sind akademische Rufe nicht zwingend nötig. Hauptsache, es gibt weiterhin viele, die, (sich) irgendwie durchschlagend, der Phänomenologie die Treue halten.

 

Hilge Landweer: Die verschiedenen Gründe dafür sind sicherlich mehr oder weniger eng an die komplexe geisteswissenschaftliche Situation nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust gebunden. Viele phänomenologisch orientierte Intellektuelle waren umgebracht worden oder mussten emigrieren. Die Phänomenologie Heideggerscher Prägung stand im Verdacht, der Irrationalität Vorschub geleistet zu haben. Seit den 50er und 60er Jahren war die deutsche und die angelsächsische Philosophie stark auf die unverfänglichen, für „klassisch“ gehaltenen Themen der Philosophie konzentriert, wie Sprache, Rationalität und Vernunft. In der Folge der Politisierungen durch die Studentenbewegung galt die Phänomenologie als von Grund auf konservativ, zumindest als unpolitisch im schlechten Sinne. Die deutschen phänomenologischen Autoren wurden erst auf dem Umweg über Frankreich (Merleau-Ponty, Sartre), später, im Poststrukturalismus, auch über Amerika wieder stärker rezipiert. Zwar waren bis in die 60er und 70er Jahre noch etliche Professuren phänomenologisch, hermeneutisch und existenzphilosophisch geprägt; das Programm der Phänomenologie wurde aber schon in der nächsten akademischen Generation kaum noch verfolgt. Spätestens seit den 70er, 80er Jahren gibt es immer weniger Professoren auf deutschen Lehrstühlen, die sich dezidiert als Phänomenologen verstehen. Sie entwickelten ihr Denken in starker Isolation und grenzten sich dabei oft massiv von anderen phänomenologischen Richtungen ab, mit denen sie aus unterschiedlichen Gründen nicht identifiziert werden wollten.

Diese Abgrenzungen unter Marginalisierten sind ein weithin bekanntes soziales Phänomen, das im Fehlen von Anerkennung begründet ist. In solchen Ausgrenzungsprozessen wird der in der Wissenschaft glücklicherweise sonst selbstverständliche Austausch unterschiedlicher ‚Positionen’ erschwert; die Marginalisierten entwickeln leicht eine Tendenz, sich ihrerseits von den dominanten Strömungen des Fachs abzuwenden und einen selbstgenügsamen Schulzusammenhang aufzubauen, der wenig Chancen hat, von der Peripherie aus das Zentrum des Fachs zu beeinflussen. Zudem darf nicht vergessen werden, dass die Phänomenologie sich zumindest in ihren Anfängen als eine Bewegung verstanden hat, welche die Grundlagen der Philosophie und der Wissenschaft in Frage stellte. In einem Fach, in dem sich zwischen 80 und 150 Personen auf Professuren bewerben und das insgesamt wissenschaftspolitisch in den letzten Jahrzehnten in die Defensive gedrängt worden ist, werden eher Personen mit mehr oder weniger vertrauten Auffassungen, Begrifflichkeiten und Methoden berufen als Bewerber Innen, die für ungewisse Neuaufbrüche stehen.

 

Ich denke aber, dass durch die zunehmende internationale Vernetzung der Phänomenologie und ihre bedeutende Rolle in vielen interdisziplinären Forschungsverbünden sich diese Bestandsaufnahme schon in der näch­sten akademischen Generation verändern wird.

 

UNSERE AUTOREN:

 

Christian Beyer ist Professor für Theoretische Philosophie an der Universität Göttingen; Hilge Landweer ist Professorin für Philosophie an der Freien Universität Berlin; Thomas Rolf ist Privatdozent für Philosophie an der TU Chemnitz und Lehrbeauftragter an verschiedenen Universitäten; Lambert Wiesing ist Professor für Vergleichende Bildtheorie an der Universität Jena.

 

Aus Heft 1/2011




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