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04 2016

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Katharina Kraus und Gottfried Vosgerau:
Selbstverstehen als Selbstwissen

 

Aus: Heft 4/2016, S. 16-23

 
Γνῶθι σαυτόν – Erkenne dich selbst!
 
Die berühmte Inschrift des Apollotempels in Delphi belegt, dass seit den Anfängen der abendländischen Philosophie die Selbsterkenntnis nicht nur als Fähigkeit, sondern auch als zentrales Anliegen des Menschen begriffen wurde. Dabei geht es nicht darum, sich sein eigenes Spiegelbild zuordnen zu können, sondern um die Fähigkeit, „sich selbst zu erkennen und verständig zu denken“ ([1], S. 35). Das bedeutet insbesondere, dass es nicht um alle Aspekte des Selbstbewusstseins geht, sondern um das Verstehen der eigenen Person.
 
Zur eigenen Person gehören vor allem die eigenen mentalen Zustände. Die philosophische Forschung hat sich in erster Linie auf diesen Aspekt konzentriert. Dabei steht das epistemologische Problem im Vordergrund, ob und wie wir Wissen über die eigenen mentalen Zustände erlangen können. In diesem Bericht werden wir Selbstverstehen in erster Linie in diesem Sinne als Selbstwissen auffassen.
 
Verstehen als begriffliche Einordnung
 
Was aber heißt es, etwas zu verstehen? Dafür reicht es nicht aus, etwas zu erkennen im Sinne von erfassen: Ein Hund kann etwa ein Auto erkennen, insofern er es als etwas erfasst, das sich auf ihn zu bewegt und das für ihn eine Gefahr darstellt. Hat der Hund dabei aber etwas verstanden? Zumindest nicht, so die Intuition, dass es sich dabei um ein Auto handelt.
 
Um zu verstehen, dass dieses Ding ein Auto ist, müsste der Hund in der Lage sein, dieses Ding unter den Begriff Auto zu fassen, das Ding als Auto zu kategorisieren. Dazu gehört unter anderem, dass er verschiedene Dinge als Autos erkennen kann, dass er Autos auch anhand anderer Eigenschaften kategorisieren kann (etwa als rote Dinge), dass er den Begriff Auto im Sinne eines minimalen semantischen Netzes auch mit anderen Begriffe in Beziehung setzen kann (vgl. [13]). Solange der Hund also nicht über den Begriff des Autos verfügt, kann er nicht verstehen, dass dies ein Auto ist, selbst wenn er das Auto perzeptuell erkennen kann.
 
Man unterscheidet daher nicht-begriffliche mentale Repräsentationen, die ein kognitives System auch dann haben kann, wenn es nicht über die entsprechenden Begriffe verfügt, von begrifflichen Repräsentationen, die die Begriffe als Bestandteile enthalten (vgl. [14]). Wir wollen hier nicht die Frage diskutieren, ob unsere menschlichen Wahrnehmungszustände nicht-begrifflich sind oder nicht. Wir wollen lediglich festhalten, dass Verstehen mehr ist als das Erfassen im Sinne nicht-begrifflicher Repräsentation, weil es eine begriffliche Einordnung (d. i. eine Kategorisierung) darstellt.
 
Wenn wir uns also fragen, ob und wie wir uns selbst verstehen, dann fragen wir danach, ob und wie wir unsere eigenen mentalen Zustände richtig begrifflich einordnen können. Um diese Frage zu klären, lohnt es sich, drei Teilfragen nacheinander zu besprechen: erstens die Frage nach den passenden Begriffen, mit denen mentale Zustände kategorisiert werden können; zweitens die Frage, wie wir auf uns selbst Bezug nehmen können und in welcher charakteristischen Weise dieser Selbstbezug von unserem Bezug auf andere Dinge abweicht; und schließlich die epistemologische Kernfrage des Selbstwissens, wie wir es schaffen, die mentalen Begriffe auf uns selbst als uns selbst anzuwenden. 
 
Das Verstehen mentaler Eigenschaften
 
Die Frage, was mentale Begriffe sind und wie wir sie erwerben, wurde kurioserweise fast nur im Kontext des Problems des Fremdverstehens unter dem Stichwort „Theory of Mind“ diskutiert. In der Debatte um das Selbstwissen wird allerdings zumeist vorausgesetzt, dass wir über die geeigneten Begriffe für unsere eigenen mentalen Zustände bereits verfügen. Woher aber kommen diese mentalen Begriffe?
 
In der Debatte um die „Theory of Mind“-Fähigkeit, also die Fähigkeit, anderen Menschen mentale Zustände zuzuschreiben, haben sich vor allem vier Theorien herausgebildet:
 
1) Die Theorie-Theorie behauptet, dass unsere mentalen Begriffe auf einer Theorie über das Verhalten von Menschen beruhen (vgl. [19]). Diese als Alltagspsychologie bekannte Theorie wird vom Kind ebenso erlernt wie die Alltagsphysik, die uns erlaubt einzuschätzen, wie sich nicht-belebte Dinge verhalten. Diese Theorie gilt allgemein für Menschen und erlaubt nicht nur den Schluss von mentalen Zuständen auf Verhaltensweisen, sondern auch den Rückschluss von Verhaltensweisen auf mentale Zustände. So kann etwa jemandem, der Wasser trinkt, aufgrund der Regel, dass Durstige trinken, Durst zugeschrieben werden.
 
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