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STELLUNGNAHMEN

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Das Ende des „linguistic turn“?

Aus: Heft 4/2016, S. 28-38
 
 
 
Stellungnahmen von Wolfgang Barz, Thomas Grundmann, Albert Newen und Christian Nimtz
 
Der „linguistic turn“ bzw. die sprachphilosophische Wende gilt als ein wichtiger Schritt der Philosophie im 20. Jahrhundert. Was ist darunter zu verstehen?
 
Christian Nimtz: Der linguistic turn war die populäre Hinwendung zu einem philosophischen Selbstverständnis, das die Grundfragen „Was ist, kann und soll Philosophie?“ sprachbezogen beantwortet. Pointiert gesagt ist demnach Sprache der zentrale philosophische Gegenstand, Sprachanalyse und -kritik die angemessene Methode und begriffliche Einsicht das primäre Ziel philosophischer Theoriebildung und Erkenntnisfindung. Sprachphilosophie ist diesem Selbstverständnis gemäß die philosophische Grundlagendisziplin.
 
Albert Newen: Mit linguistic turn bezeichnet man gemeinhin den Wechsel von genuinen Sachfragen hin zu Fragen nach der Bedeutung zentraler Ausdrücke, weil letztere als vorrangig bewertet werden. Zum Beispiel sollte zunächst die metaethische Frage „Was ist die Bedeutung des Wortes ‚gut‘?“ geklärt werden, bevor man die ethischen Sachfrage „Was ist gut?“ in Angriff nimmt. Alle philosophischen Disziplinen haben demgemäß zunächst die vorgängigen Bedeutungsfragen zu klären. Nur so kann offengelegt werden, welche Sachfrage Gegenstand der Debatte ist und verhindert werden, dass die Debatte ins Leere läuft. Letzteres ist der Fall, wenn man verschiedene Bedeutungen von zentralen Ausdrücken wie ‚gut‘, ‚wahr‘, ‚schön‘ oder ‚gerecht‘ voraussetzt oder wenn die Bedeutung des philosophischen Ausdrucks keine hinreichende Fundierung aufweist, wie es bei Ausdrücken wie ‚Das Nichts‘, ‚Das Absolute‘ zu befürchten ist. Neben der methodischen Vorgehensweise ist mit linguistic turn zudem meist auch eine inhaltliche Position verknüpft, nämlich dass sich die philosophischen Sachfragen im Kern beantworten lassen, indem die Bedeutungsfragen geklärt werden.
 
Thomas Grundmann: In der philosophischen Tradition hat die Sprache lange Zeit nur eine untergeordnete Rolle gespielt. Sie wurde vor allem als ein Medium des gedanklichen Ausdrucks und der Kommunikation verstanden. Das hat sich, abgesehen von einigen Vordenkern wie Humboldt oder Hamann, erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts radikal verändert. Philosophen wie Frege und Russell waren nunmehr der Überzeugung, dass nur durch eine Analyse der Sprache Phänomene wie Bedeutung, Denken und die Repräsentation der Welt überhaupt angemessen verstanden und geklärt werden können. Damit wurde die Sprachanalyse plötzlich zu einer fundamentalen Methode der Philosophie. Die logische Analyse von Sätzen und die Begriffsanalyse rückten ins Zentrum.
Der linguistic turn (dieser technische Begriff stammt vermutlich von Gustav Bergmann) im eigentlichen Sinne setzt meines Erachtens aber erst mit dem frühen Wittgenstein ein, und zwar mit seiner These, dass sprachliche Zeichen die primären Träger von Bedeutung sind. Daraus ergibt sich ein radikal neues Bild der Beziehung zwischen Sprache und Geist: Der Geist ist demnach sprachlich verfasst oder, etwas vorsichtiger formuliert, sprachabhängig. Ein Denken vor oder sogar unabhängig von der Sprache ist folglich unmöglich. Und wenn Pragmatisten wie der späte Wittgenstein mit seinem Anti-Privatsprachenargument außerdem annehmen, dass Sprachen immer von sozialen Gemeinschaften gesprochene natürliche Sprachen sind, dann ergibt sich daraus auch die sozio-kulturelle Natur des Geistes. Eine weitere Verschärfung des linguistic turn stellte der linguistische Idealismus dar. Demnach ist die sprachunabhängige Welt vollkommen strukturlos. Die Sprache mit ihrer logisch-propositionalen Struktur bringt erst die Form der Tatsachen und eine Struktur in diese Welt hinein. Diese These wurde vom späten Wittgenstein, Nelson Goodman, Richard Rorty, Ernst Tugendhat und den Transzendentalpragmatikern um Karl-Otto Apel vertreten, aber sie war nicht auf die analytische Philosophie beschränkt, sondern wurde auch vom späten Heidegger, Gadamer sowie den französischen Strukturalisten und Poststrukturalisten propagiert. Der linguistic turn war also ganz offensichtlich nicht nur eine Entwicklung innerhalb der analytischen Philosophie, sondern ging weit über diese hinaus. Teilweise konzentrierte sich die Philosophie seit dem linguistic turn auch auf eine rein kritisch-negative These, dass nämlich philosophische Probleme primär oder sogar ausschließlich auf sprachlichen Verwirrungen beruhen und deshalb gar keine echten, sondern Scheinprobleme seien (vgl. Carnap, Wittgenstein).
 
Wolfgang Barz: In seiner ursprünglichen, auf Gustav Bergmann zurückgehenden und später von Richard Rorty aufgegriffenen Bedeutung steht der Begriff linguistic turn für eine parallel zur Herausbildung der modernen Logik verlaufende, mit den Namen Frege, Moore, Russell und Wittgenstein verbundene Entwicklung, die zur Entstehung der Analytischen Philosophie geführt hat. Häufig wird in diesem Zusammenhang auf die sowohl für den Logischen Empirismus als auch für die ordinary language philosophy charakteristische metaphilosophische Überzeugung verwiesen, der zufolge viele der als Inbegriff philosophischer Ingeniosität geltenden, aber zutiefst kontraintuitiven Überlegungen traditioneller Philosophen auf einem Missbrauch von Begriffen beruhen, den es mit Hilfe sprachbezogener Untersuchungen aufzudecken gelte. Man solle daher, so der Rat, seinen Blick von den Phänomenen, von denen die traditionellen Philosophen reden, abwenden und sich stattdessen auf die Begriffe konzentrieren, mit denen auf jene Phänomene Bezug genommen wird.
 
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