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01 2017

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Keil, Geert: Wo sind die Philosophen, wenn man sie braucht? Über Philosophie und Öffentlichkeit

Aus: Heft 1/2017, S. 8-19
 
 
Nach einem vielzitierten Wort von Hegel ist die Philosophie „ihre Zeit in Gedanken erfaßt“. Die Universitätsphilosophie an dieses Wort zu erinnern heißt, sie zu kritisieren. In der öffent­­lichen Wahrnehmung kommt sie der Aufga­be, ihre Zeit in Gedanken zu erfassen, schon seit geraumer Zeit kaum noch nach. Wo sind die Philosophen, die sich mit drängenden Ge­genwartsfragen befassen und die Öffentlich­keit an ihren Einsichten teilhaben lassen? Die globalen Herausforderungen, Fehlentwicklun­gen und Krisenherde lassen sich kaum noch aufzählen, die Zeit scheint aus den Fugen. Zu allem Überfluss haben in der politischen Arena die terribles simplificateurs einen fast unheim­lichen Zulauf. In Gedanken zu erfassen gäbe es vieles, doch die akademische Philosophie zieht sich, so die Klage, in ein selbstgewähltes Ghetto zurück, nämlich auf die kleinteilige Bearbeitung von Problemen, die außer anderen Fachphilosophen niemanden interes­sieren.
 
Diese Klage ist zunächst ein gutes Zeichen. Sie zeigt, dass man von der Philosophie etwas erwartet, was man von der anorganischen Chemie, der Assyrologie oder der Minnesang­forschung nicht erwartet. Philosophen gelten als Spezialisten fürs Allgemeine. Sie befassen sich mit den Grundlagen des Alltagsverstan­des und der Wissenschaften. Sie durchdenken Probleme gründlich und geben sich nicht mit oberflächlichen Antworten zufrieden, sie prü­fen Argumente und suchen das Tragfähige vom schlecht Gedachten zu scheiden. Philo­sophie ist das Gegenteil von Bullshit in Harry Frankfurts Sinn, dem gedankenlosen Daher­gerede ohne Interesse daran, wie sich eine Sache wirklich verhält. Man könnte erwarten, dass dieses Tätigkeitsprofil die Philosophie prädestiniert, es mit der neuen Unübersicht­lichkeit aufzunehmen, in gesellschaftliche Debatten einzugreifen und Krisenphänomene klärend auf den Begriff zu bringen.
 
Die Frage, wo die Philosophen sind, wenn man sie braucht, ist noch die schmeichelhafte Variante. Die weniger schmeichelhafte ist, dass die Stimme der Philosophie nicht ver­misst wird, weil man ihr anders als Hegel gar nicht mehr zutraut, ihre Zeit in Gedanken zu erfassen. Beide Reaktionen, die enttäuschte wie die gleichgültige, sind im publizistischen Diskurs über das Verhältnis von Philosophie und Öffentlichkeit verbreitet.
 
Die Wochenzeitung Die Zeit hat unter dem Titel „Wo seid Ihr, Professoren?“ das „Schwei­gen der Professoren zum aktuellen Weltge­schehen“ beklagt (1). Die Philosophen Robert Frodeman und Adam Briggle halten der aka­demischen Philosophie in ihrer jüngst erschie­-nenen Generalabrechnung mit der Profession ein „Versagen beim Erfüllen gesellschaft­licher Bedürfnisse“ vor. Universitätsphiloso­phen hätten sich bequem auf Lebenszeitstel­len eingerichtet, statt wie Sokrates dorthin zu gehen, wo es weh tut (2). Mir scheint die Kri­tik an politischer Lethargie oder Risikoscheu zu kurz zu greifen. Die üblichen wohlfeilen Aufrufe, „Farbe zu bekennen“, „den Elfen­beinturm zu verlassen“ und „seine Stimme zu erheben“, verkennen die Art der Herausforde­rung, die primär eine intellektuelle ist und we­­niger eine der mangelnden Mobilisierung. Ich möchte im Folgenden erstens einige Gründe dafür erörtern, philosophieinterne wie -exter­ne, dass die Stimme der Philosophie in der Öffentlichkeit tatsächlich schwächer gewor­den ist. Noch klärungsbedürftiger erscheint mir zweitens die in den Aufrufen zum Enga­gement übersprungene Frage, was Philo­so-phen überhaupt aus eigener Kompetenz zu ge-sell­schaftlichen Debatten beitragen kön­nen.
 
Die Rolle des öffentlichen Intellektuellen
 
Unstrittig ist, dass die Philosophie im 20. Jahr­hundert eine Reihe von politischen Intellektu­ellen hervorgebracht hat, die die Einmischung in öffentliche Angelegenheiten zu ihren Auf­gaben zählten. Russell, Sartre, Arendt, Fou­cault oder Habermas taugen aber nur bedingt als Kronzeugen für entsprechende Erwartun­gen, denn bei näherem Hinsehen war die Ver­bindung ihrer politischen Interventionen mit ihrer philosophischen Arbeit meistens lose. Bertrand Russells Tribunal, das die amerika­nische Kriegsführung in Vietnam untersuchte, hatte mit seiner Philosophie nicht das Ge­ringste zu tun. Hannah Arendts Buch zum Eichmann-Prozess und Habermasʼ Beitrag zum Historikerstreit waren Stellungnahmen engagierter Citoyens, die keine spezifisch phi­losophischen Argumente enthielten.
 
Die Beispiele zeigen, dass die beiden Rollen des engagierten Intellektuellen oft nur indi­rekt zusammenhängen. Außerhalb der Philo­sophie verhält es sich ebenso: Für Noam Chomskys politische Wirkung als rastloser Linksintellektueller ist es irrelevant, dass sein akademischer Ruhm auf der Entwicklung der generativen Transformationsgrammatik be­ruht. Politisch intervenierende Großschrift­steller wie Grass, Walser, Handke und Strauß haben sich die Zeitungsspalten, die ihnen freigeräumt wurden und werden, nicht durch besondere politische Urteilskraft verdient. In allen diesen Fällen erhält der Sprecher auf­grund anderweitig erworbener Reputation Auf­merksamkeit für Stellungnahmen, die jen­seits seiner Kernkompetenz liegen.
 
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