header


  

EDITIONEN

EDITIONEN Druckversion  |  Schrift: vergrößern verkleinern 

Wulf Kellerwessel:
Reschers Philosophie. Eine Auswahl aus mehreren tausend Aufsätzen


Nicholas Reschers Philosophie anhand dessen „Collected Papers“

Das Oeuvre von Nicholas Rescher sticht unter den Werken gegenwärtiger Philosophen in mehreren Hinsichten heraus: In seinen über hundert Buchpublikationen verbindet Rescher Positionen des Idealismus, des Pragmatismus und der Analytischen Philosophie auf fruchtbare Art und Weise miteinander. Er arbeitet auf den unterschiedlichsten philosophischen und philosophiehistorischen Gebieten, und es gibt nur wenige philosophische Teildisziplinen, zu denen er keine substantiellen Beiträge erarbeitet hat. Dies unterstreichen auf eindrucksvolle Art und Weise auch die 14 Bände seiner Collected Papers, die im Ontos-Verlag erschienen sind – eine Zusammenstellung der wichtigsten Aufsätze Reschers. Sie stellen eine breite und repräsentative, systematisch geordnete Auswahl aus mehreren tausend (zum Teil überarbeiteten) Aufsätzen dar, die in zahllosen Zeitschriften und Sammelbänden sowie als Kapitel in Monographien Reschers erschienen sind; ergänzt werden diese bislang teilweise schwer zugänglichen Texte durch einige bisher unveröffentlichte Beiträge. So ist ein Überblick über Reschers vielfältige Beiträge zur philosophischen Diskussion der letzten fünfzig Jahre entstanden.

Rescher wurde als Sohn eines Anwalts 1928 in Hagen (Westfalen) geboren, der wegen seiner Gegnerschaft zum Nationalsozialismus und damit verbundenen Schwierigkeiten im Beruf 1938 in die USA emigrierte. Dort studierte Rescher Mathematik und Philosophie (Bachelor am Queens College, New York; Promotion in Princeton 1951). Seit 1961 ist er Professor an der Pittsburgh University.

Reschers philosophisches Hauptanliegen ist es, ein umfassendes System zu konzipieren, welches Antworten auf die großen Fragen der Philosophie(geschichte) gibt. Dabei vereinigt er idealistische (unter anderem kohärenztheoretische) Positionen mit pragmatisch-realistischen Überlegungen im Kontext genauer Analysen. Er stützt sich auf diverse Positionen, die Klassiker der Philosophie erarbeitet haben, um sie durch entsprechende Veränderungen in sein System zu integrieren. Produktiv einbezogen wird somit – unter Rückgriff auch auf eine spezifische Dialektik – in Teilen auch die Philosophiegeschichte.

Die einzelnen Bände der Collected Papers sind systematisch nach Themenbereichen geordnet: Begonnen wird mit drei Bänden philosophiegeschichtlichen Inhalts, die zu-gleich bedeutsame Einflüsse auf Rescher markieren, denn seine Philosophie ist vom Idealismus (Kants und auch Hegels), Pragmatismus (insbesondere in der Variante von Peirce) und der Analytischen Philosophie des 20. Jahrhunderts (vor allem in methodischer Hinsicht) mitgeprägt; zudem spielt auch der Rationalismus (von Leibniz) eine wichtige Rolle. Sie verdeutlichen zugleich aber auch Reschers Weiterentwicklungen. Den drei philosophiehistorischen Bänden folgen zwei Aufsatzbände mit methodologischen Thematiken, drei Bände zur praktischen Philosophie (Ethik, Sozialphilosophie, Anthropologie), ein Band zur Metaphilosophie, ein Band zur Geschichte der Logik, einer zur Wissenschaftstheorie, zwei zur Metaphysik und Kosmologie (von Leibniz) sowie abschließend ein Band zur Erkenntnistheorie.

Die Bände I-III geben damit eine komprimierte Darstellung von Reschers Auseinandersetzung mit denjenigen Teilen der Philosophiegeschichte, die ihn selbst mitgeprägt haben. Dabei spielt allerdings auch die jüngste Historie des Faches eine wichtige Rolle.

Volume 1
STUDIES IN 20TH CENTURY PHILOSOPHY
3-937202-78-1 • 215 S., Ln., € 75.00

Der Band gibt Einblicke in die Philosophie des 20. Jahrhunderts – und insbesondere in diejenige, in die Rescher selbst involviert war und ist. So enthält der Band eine breite Überschau zur US-amerikanischen Philosophie am Ende des letzten Jahrhunderts und versucht zu klären, wie die Auseinandersetzungen zwischen der traditionellen und der analytischen Philosophie ausgegangen sind. Weiter unternimmt es Rescher darzulegen, welches die bleibenden Leistungen der in den USA stark vertretenen analytischen Philosophie sind (insbesondere ihre Methodik und ihr kritisches Potential) und worin sie Rescher (programmatisch) überholt erscheint (wobei Rescher sich überwiegend an den Hauptströmungen der früheren analytischen Philosophie und ihren Hauptvertretern orientiert). Ferner intendiert Rescher darzulegen, welches die derzeit drängenden philosophischen Probleme sind und wie sich die disziplinäre Zuschneidung des Faches durch zunehmende Spezialisierung von der Antike bis zur Gegenwart ausdifferenziert hat. Gerade weil Rescher auch Probleme in dieser weit fortgeschrittenen Spezialisierung sieht, die den Blick auf das Ganze der Philosophie aus dem Blick zu verlieren droht, hebt er die von ihm präferierte Bedeutung des systematischen Philosophierens hervor und in Verbindung damit idealistische Konzeptionen der Gegenwart.

Die letzten drei Kapitel zeigen vor allem Reschers eigene Hintergründe und Entwicklungen, indem sie Einblicke geben in die Berliner Schule des Logischen Empirismus (Reichenbach, Hempel, Oppenheim u. a.) und ihrer Auswirkungen in den USA – beispielsweise eben auf Rescher selbst.

Volume 2
STUDIES IN PRAGMATISM
3-937202-79-X • 178 S., Ln., € 69,00

Die „Studies in pragmatism“ bieten zum einen (bis in die Gegenwart reichende) Beiträge zur Geschichte des Pragmatismus, zum anderen Einblicke in Reschers eigene pragmatische Position, die sich darauf stützt, dass Menschen Zwecke verfolgen, die zum Teil dem Menschen als Menschen vorgegeben sind, die sich objektiv rational bewerten lassen, und die effektiv und effizient zu verfolgen wären. Damit hat Reschers funktionalistischer Pragmatismus eine wertende und eine instrumentelle Seite. Einer der Zwecke ist dabei die Suche nach Wahrheit (verstanden als Übereinstimmung mit Fakten); pragmatische Methoden (Standards, die sich im Nachhinein über Erfolge rechtfertigen lassen) sollen dazu dienen, diese so gut wie möglich aufzuspüren.

Reschers Pragmatismus steht damit der Philosophie von Ch. S. Peirce oder auch C.I. Lewis sehr viel näher als der von W. James, F.C.S. Schiller oder Neo-Pragmatisten wie R. Rorty (deren Positionen kritisch bewertet werden). Rescher präsupponiert bzw. postuliert aus methodischen Überlegungen einen Realismus (eine geistunabhängige Realität) und eine Objektivität, deren Annahmen sich bewährt hätten und die dafür aufkämen, dass man Wahrheit und Falschheit unterscheiden kann, dass man zwischen Realität und Erscheinung trennen kann, dass man eine Basis für die intersubjektive Kommunikation über etwas hat, dass man gemeinsam forschen kann, einen Fallibilismus hinsichtlich menschlichen Wissens akzeptieren könne – und zudem eine Basis für objektiv geltende Erfahrungen habe.

Volume 3
STUDIES IN IDEALISM
3-937202-80-3 • 191 S., Ln., € 69.00

Dieser Band zeigt Reschers Idealismus in seiner Verbindung mit seinem Pragmatismus und Realismus – was einen (ontologischen) Idealismus, demzufolge die Realität vom Geist erzeugt würde, bereits ausschließt. Vielmehr geht Reschers begrifflicher Idealismus davon aus, dass eine unabhängige Welt existiert bzw. zu postulieren ist, aber dass Eigenschaften physischer Gegenstände von Geist und vor allem von Begriffen abhängen. Die Welt „für uns“ sei zu unterscheiden von „der wahren Welt“, letzteres (in Anlehnung an Peirce) verstanden als „Welt, wie eine ideale Wissenschaft sie sehe“; eine wahre Welt sei aber von unserem Begriffssystem unterstellt. Und dies ermögliche eben auch die wissenschaftliche Erforschung der Welt.

Kompatibel ist Reschers Idealismus allerdings mit diversen „Absolutheiten“ („absolutes“), die in der englischsprachigen Philosophie des 20. Jahrhunderts breit kritisiert wurden. Eine kurze Geschichte des Absoluten zeigt zudem seine Verbindungen mit diversen Formen des Idealismus – und des Pragmatismus. Eine kurze Geschichte der Dialektik führt darüber hinaus zur Dialektikkonzeption von Rescher. Auseinandersetzungen mit idealistischen Positionen McTaggarts und Blanshards beschließen den Band, wobei insbesondere der abschließende Text zu Blanshards Kohärenztheorie der Wahrheit auch ausgesprochen aufschlussreich für Reschers eigene Wahrheitstheorie ist.

Nicht nur inhaltlich, auch methodisch orientiert sich Rescher an einigen großen Philosophen. Ohnehin plädiert er für die Kombination von philosophiehistorischem und systematischem Arbeiten in der Philosophie, wie auch Band IV der Collected Papers verdeutlicht:

Volume 4
STUDIES IN PHILOSOPHICAL INQUIRY
3-97202-81-1 • 206 S., Ln., € 79,00

Diese „Studies“ befassen sich mit allgemeinen mit von Rescher immer wieder erörterten Fragen philosophischer Erkenntnismöglichkeiten, die mit der Begrenztheit des Menschen zusammenhängen (unter Bezugnahme auf Leibniz), mit Fragen, die sich grundsätzlich nicht beantworten lassen, mit begrifflichem Wandel (den Rescher allerdings als begrenzt ansieht) sowie mit ontologischen Möglichkeiten als Objekt philosophischer Spekulation (verbunden mit einer Kritik an der Existenz oder Subsistenz von possibilia und einem Plädoyer, nicht realisierte Möglichkeiten nur als „de dicto“ zu verstehen). Ferner geht es um Systematisierungen philosophischer Erkenntnisse (auch in Absetzung zu Hegel), um Universalisierung (in Kants Ethik) und um Werte.

Um methodisch Grundlegendes geht es auch im Band 5, der sich speziell Erkenntnisgrenzen – und damit einem zentralen Thema Reschers – zuwendet:

Volume 5
STUDIES IN COGNITIVE FINITUDE
3-938793-00-7 • 118 S., Ln., € 69,00

Behandelt werden Fragen der möglichen Grenzen menschlicher Erkenntnisse im allgemeinen wie auch Limitierungen des Wissens einzelner Menschen. Dabei werden allgemeine Begrenzungen menschlicher Erkenntnisbemühungen in den Blick genommen, Fehlermöglichkeiten dargelegt, der Skeptizismus als Alternative kritisiert (er stellt zu hohe Ansprüche an Erkenntnisse und ihre Sicherheit – und verschenkt somit die Option, Erkenntnisse bzw. Informationen zu gewinnen, die für das menschliche Handeln unverzichtbar sind).
Kritisch erörtert wird darüber hinaus, ob unlösbare Fragen Grenzen des Wissens bilden (wobei Rescher auch auf die berühmte Kontroverse zwischen Emil de Bois-Reymond und Ernst Haeckel eingeht), ob es unbekannte Fakten gebe, aber auch Schwierigkeiten mit besonderen Prädikaten.

Einen breiten Raum im philosophischen Denken von Rescher nehmen Überlegungen zu Fragen der praktischen Philosophie (Band VI-VIII) ein. Diese betreffen ihrerseits eine Reihe verschiedener philosophischer Disziplinen, und sie hängen durchaus mit dem Bild vom Menschen eng zusammen, welches Rescher in seiner Anthropologie zeichnet. Dabei ist vornehmlich relevant, dass der Mensch als Bürger zweier Welten erscheint: als Natur und als Geistwesen.

Volume 6
STUDIES IN SOCIAL PHILOSOPHY
3-938793-01-5 • 195 S., Ln., € 79.00

thematisiert eine Reihe heterogener Themen aus dem Bereich der Sozialphilosophie, der Politischen Philosophie, der Technikphilosophie wie auch der Anwendungsethik. So wird der Frage nachgegangen, welche Folgen die zunehmend immer komplexere Technik sowie ihre Nutzung für die Gesellschaft hat, und die Auffassung verworfen, dass die Technik die Menschen glücklicher macht: Da sie immer auch neue Hoffnungen und damit enttäuschte Erwartungen erzeugt, sei ihre positive Rolle eher in der durch sie verbesserten Möglichkeiten, Leid zu vermeiden, zu sehen. Diskutiert wird zudem, wie Minoritäten und komplizierte Entscheidungsprobleme bei gleichzeitiger Expertenuneinigkeit für demokratische Gemeinwesen Probleme erzeugen – Schwierigkeiten, die Rescher durch ein Wagen von mehr und direkterer Demokratie zu lösen vorschlägt. Zugleich bestreitet Rescher, dass ein Konsens eine notwenige Bedingung für eine rationale soziale Ordnung darstellt: Konsens beeinträchtige die Vielfalt, Produktivität und Kreativität des Denkens und damit die Konkurrenz von Ideen; eine Einwilligung in Arrangements, die keinen unterdrückenden Charakter aufweisen, reiche für die Gesellschaft aus. Weitere Überlegungen betreffen den Egalitarismus und die soziale Wohlfahrt. Erörtert werden zudem Aspekte einer denkbaren kollektiven Verantwortung für kollektiv hervorgebrachte Handlungsresultate im Zusammenhang mit individuellen Handlungen und Intentionen sowie die Frage nach der Verantwortung von Personen, die in militärischen Hierarchien stehen. Rescher akzentuiert hinsichtlich dieses nach wie vor aktuellen Themas, dass man auch als Soldat Mensch ist, und militärische Befehle nicht allein ausschlaggebend sein dürfen, wenn sie moralisch nicht als korrekt anzusehen sind.

Weitere Aufsätze diskutieren medizinethische Themen. So geht es neben Fragen der Verteilung medizinwissenschaftlicher Forschungsressourcen beispielsweise um die Frage der Allokation lebensrettender therapeutischer Maßnahmen: Wegen der Komplexität der Problematik scheint Rescher zufolge ein optimales Verteilungssystem kaum zu finden, und er schlägt demgemäß nur ein seines Erachtens akzeptables System vor, in dem mangels umfassender rationaler Entscheidungskriterien auch Zufallselemente enthalten sind.

Volume 7
STUDIES IN PHILOSOPHICAL
ANTHROPOLOGY
3-938793-02-3 • 165 S., Ln., € 79,00

Anthropologisch betrachtet ist nach Rescher der Mensch ein Naturwesen, aber auch ein Geistwesen, welches sich in der Natur zurechtfinden muss. Aus diesem Grund ist er gezwungen, Entscheidungen zu treffen (ein „homo optans“), und dabei Bewertungen vorzunehmen (als „homo aestimans“), was bedeutet, dass er Vor und Nachteile abwägen muss, so dass keine perfekten Lösungen erreichbar oder auch nur sinnvoll erwartbar seien. Sofern Menschen rational entschieden, ließe sich ihr Tun, sobald die notwendigen Hintergrundinformationen vorhanden wären, vorhersagen. Gleichwohl wird der Mensch im Rahmen eines Kompatibalismus als frei handelnd gesehen, trotz der Kausalität in der Natur. Diese sorge auch für ein dem Menschen nicht vorhersagbares Glück oder Unglück („good vs. bad luck“), wobei jenes „bad luck“ in Kauf zu nehmen sei in einer nicht völlig vorherbestimmten Welt; eine denkbare, alternative, vollkommen vorprogrammierte Welt wäre psychisch schwer erträglich.

Ein Resultat menschlicher Handlungen ist unsere Wissenschaft; dass sich eventuell extraterristisch eine ähnliche Art Wissenschaft entwickelt, hält Rescher (wie der längste Aufsatz des Bandes dokumentiert) im Rahmen seiner hier ausgesprochen spekulativen Gedanken für kaum annehmenswert.

Im Rahmen menschlicher Erkenntnissuche sei ferner nicht davon auszugehen, dass die Menschen auf bloß relativistische Erkenntnismöglichkeiten beschränkt seien; dagegen sprechen Kommunikations und Verständigungsmöglichkeiten, die nach Rescher ihrerseits für einen sprachphilosophischen Nominalismus konzeptualistische und platonistische Ergänzungen nahelegen, mit deren Hilfe geteilte Begrifflichkeiten und Abstraktionen erklärt werden könnten. Die geteilte menschliche Rationalität hänge zudem mit der menschlichen Moral zusammen: Sie sage, was im wohlverstandenen (und nicht faktischen) Eigeninteresse des Menschen sei, was ein enges (ich-bezogenes) Selbstinteresse sprenge, und – im Rahmen einer ontologischen Moralfundierung – auf eine gesollte Realisierung der jeweils eigenen (moralischen) Möglichkeiten hinauslaufe.

Obschon der Mensch Bewohner der wirklichen Welt ist, kann er sich doch auch nichtwirkliche, also fiktionale Gegebenheiten vorstellen und – trotz aller Kritik Reschers an der Annahme umfassender „Möglicher Welten“ – in der Philosophie zu nützlichen Gedankenexperimenten, beim Planen oder Nachdenken über Hypothesen etwa, verwenden. Doch haben fiktionale „Welten“ auch eine negative Seite, wie Rescher warnend herausstellt: Gerade die moderne Computerwelt lässt für manch einen die Grenze zwischen Wirklichkeit und Fiktion verschwimmen.

Volume 8
STUDIES IN VALUE THEORY
3-938793-03-1 • 176 S., Ln., € 79.00

untersucht die Rolle von Werten in verschiedenen Bereichen, z.B. auch die oft übersehene Rolle von Werten in den Wissenschaften und den Wert, den Erkenntnis selbst darstellt. Werte werden dabei als „tertiäre“ Eigenschaften bestimmt, die durch Reflexion (und nicht durch Wahrnehmung) zugänglich seien. Sie sind Rescher zufolge nicht-subjektiv, relational, attributiv, dispositional und nicht anthropozentrisch. Entgegen naturalistischen Positionen gelten sie Rescher auch nicht als auf Fakten reduzierbar, Moores Kritik am „naturalistischen Fehlschluss“ sei korrekt. Deshalb sind sie auch nicht auf faktische Präferenzen reduzierbar; ein Mill zugeschriebener Schluss vom Begehrten aufs objektiv Begehrenswerte bleibe unzulässig. Vielmehr vertritt Rescher einen spezifischen Werterealismus („warrant realism“), demzufolge Werte als rational begründbar angesehen werden bzw. Werturteile zutreffend sein können.

Im Bereich der Ethik plädiert Rescher für eine Hierarchisierung von Prinzipien, Regeln, Anwendungsdirektiven und konkreten Anweisungen, die alle der obersten Explikation von „Moral“ untergeordnet sind. Dabei seien die beiden obersten Ebenen der moralischen Hierarchie nicht als relativ anzusehen, während auf den konkreteren Ebenen unterhalb zunehmend Spielraum für divergierende Regelungen bestünde. Entsprechend kritisiert Rescher weitreichende Relativismen in der Moralphilosophie. Zugleich räumt er aber Handelnden, die in länger zurückliegenden historischen Zeiten und anderen kulturellen Kontexten agierten, ein, dass ihre Handlungen und Unterlassungen gemäß ihren Standards zu bewerten seien. Damit wäre für diese vieles entschuldbar, was Agierenden des 20. Jahrhunderts beispielsweise nicht nachgesehen werden könne.

In Band IX wird ein abstrakter Blick auf die philosophische Tätigkeit selbst geworfen.

Volume 9
STUDIES IN METAPHILOSOPHY
3-98793-04-X • 221 S., Ln,, € 79.00

Unter „Metaphilosophie“ versteht Rescher, wie im amerikanischen Raum üblich, das „Philosophieren über Philosophie“. Untersucht werden die Idee der Möglichkeit einer alles umfassenden Theorie (deren Bedingungen bzw. notwendigen Eigenschaften diskutiert werden), und die Frage nach der Legitimation erster, apriorischer Prinzipen der (Natur )Erkenntnis (die schließlich – als erste – nicht durch Ableitung begründet werden können), welche als regulative Prinzipien bzw. methodische Hilfsmittel verstanden werden und somit nur pragmatisch a posteriori durch Erfolg legitimiert werden können.
Weiterhin geht es um die metaphilosophIsche Frage nach einer philosophischen Systematisierung der einander widersprechenden philosophischen Theorien in Hegelscher Perspektive. Dabei nimmt Rescher an, dass sich im Verlauf der Philosophiegeschichte miteinander inkonsistente Lösungen für eine Reihe philosophischer Probleme entwickelt haben (was durch sehr viele instruktive Beispiele untermauert wird), die durch weitere Modifikationen bzw. zunehmende Ausdifferenzierungen jene Inkonsistenzen zu beseitigen versucht hätten. Im Gegensatz zu Hegel geht Rescher jedoch davon aus, dass bei all diesen sich entwickelnden Inkonsistenzen verschiedene Möglichkeiten ihrer Auflösung bestehen, die zu immer weiter elaborierten Theorien führen. Nehme man an, jene Theorien seien nicht wahr, sondern lediglich plausibel, gewinne man überdies eine breitere Perspektive, denn mehr sei als plausibel anzunehmen denn als wahr auszuweisen. Letztgenanntes erklärt auch den Pluralismus philosophischer Theoriebildung, die nach Rescher auf divergierende Wertsetzungen zurückgeht. Gleichwohl hält er es für jeden Philosophen für angemessen, die je eigene Position (und Wertsetzung) zu präferieren.

Rescher ist überdies hinsichtlich Methodenfragen an weiterem interessiert: Dem Umgang mit „Daten“ (etwa dem „Common Sense“ oder wissenschaftlichen Annahmen), die als fallibel zu betrachten seien, und deren Inkonsistenzen zu beseitigen wären. Rescher strebt ein kohärentes System (das Ansprüchen z. B. an Umfassendheit, Einfachheit, Uniformität, Regelhaftigkeit etc. zu genügen hat) an, welches auf erste Grundsätze als Deduktionsbasis verzichtet und seine Begründung aus der Systematizität zieht. In einem solchen System wären Revisionen (im Nachhinein) ebenso zulässig wie retrospektive Bewertungen.

Vorsichtig ist Rescher hinsichtlich der Frage, inwieweit Philosophie in der Lage sei, Probleme des (öffentlichen) Lebens zu lösen. Hier sieht er lediglich eine Hilfestellung bei der Lösungsfindung vor, etwa durch Problemklärungen.

Neben philosophischen und philosophiehistorischen Themen hat Rescher sich auch mit verschiedenen Fragen der Logik und ihrer Geschichte befasst. Vor allem modallogische Fragen haben seine Aufmerksamkeit gefunden.

Volume 10
STUDIES IN HISTORY OF LOGIC STUDIES
3-938793-19-8 • 178 S., Ln., € 69,00

schlägt entsprechend einen weiten Bogen von der Aristotelischen Modallogik über die mittelalterliche arabische Logik bis hin zu Russell u. a., wobei insbesondere Schaubilder und Tabellen die oft sehr komplexen Zusammenhänge und diffizil analysierten Themen und Positionen verdeutlichen. Von besonderem Interesse ist vielleicht der ausführliche Text über das Problem des „Buridanschen Esels“, der in einer Situation eine Entscheidung zu treffen hat, in dem er keinerlei Präferenzen hat, und bei dem das Ausbleiben einer Entscheidung fatale Folgen hätte. Rescher verfolgt das Problem philosophiehistorisch von der griechischen Antike über die arabische Philosophie und das Mittelalter bis in die Neuzeit – und plädiert für eine Zufallsentscheidung als rationale Lösung, die einem Ausbleiben einer Entscheidung klarer Weise pragmatisch vorzuziehen sei.

Im Rahmen seiner vielfältigen, z. T. spekulativen Überlegungen zu Wissenschaftstheorie geht es Rescher in hohem Maße um Fragestellungen, die mit Methoden, Wissensmöglichkeiten und etwaigen Grenzen des Wissens zu tun haben. Zentrale Themen sind „Fortschritt“, „Vorhersagbarkeit wissenschaftlicher Entwicklung“, „Computereinsatz“ oder auch „Technikeinsatz“ in der Wissenschaft.

Volume 11
STUDIES IN THE PHILOSOHY OF SCIENCE
3-938793-20-1 • 273 S., Ln., € 79.00

ist demgemäß mit einer Vielzahl von Themen der Wissenschaftstheorie, aber auch mit einigen Fragen der Wissenschaftsethik befasst. Nach einer Kritik des (von Harman favorisierten) „Schlusses auf die beste Erklärung“, der Rescher zufolge unterkomplex ist und den vielfältigen methodischen Ansprüchen an wissenschaftliche Erklärungen nicht genügt, handeln die wissenschaftstheoretischen Studien u. a. vom Zusammenhang von Datengewinnung und (zunehmend kostspieligerer einzusetzender) Technik, die für neue Erkenntnisse unverzichtbar scheint, und vom Gewinnen von Wissen aus Informationen bzw. von Kriterien bedeutsamer Messungen. Weiter wendet sich Rescher der Frage nach der Erreichbarkeit vollständigen Wissens zu – wobei er darauf aufmerksam macht, dass im Verlauf von Entwicklungen auch Wissen verloren gehen kann bzw. der Wissensprozess nicht nur ein kumulativer ist. Vor allem wird auf den wichtigen Kontext der Entwicklung von neuen Fragen und Ausscheidung von alten Fragestellungen hingewiesen. Zwar werde es wohl immer zu einem Zeitpunkt ungelöste Fragen geben, und Fragen, die sich in bestimmten Kontexten nicht beantworten lassen – aber auch die könnten in umfassenderen Rahmen grundsätzlich eine Antwort finden. Das heiße aber nicht, alle Ziele seien auch erreichbar, immerhin bleiben u. a. logische und naturgesetzliche Grenzen (die auch den Computereinsatz betreffen), und die menschliche Aufnahmefähigkeit von Wissen bleibt begrenzt. Genauere Vorhersagen wissenschaftlicher Entwicklungen und möglicher Grenzverschiebungen hält Rescher angesichts der Flexibilität (und angesichts allgemeinerer prognostischer Schwierigkeiten) ohnehin für kaum möglich.

Im Rahmen von wissenschaftsethischen Überlegungen erörtert Rescher zudem die spezielle Frage, wem welcher Verdienst an wissenschaftlichen Entdeckungen zukommt, zeigt aber vor allem die vielen praktischen bzw. moralischen Dimensionen der Wissenschaft – und zwar unabhängig von Fragen ihrer Anwendung – auf. Diese betreffen vor allem die Auswahl von Forschungszielen und mitteln, die Methoden (insbesondere der Psychologie), die Einhaltung von Beweisstandards sowie den Bereich von Veröffentlichung/Geheimhaltung von Resultaten. Damit sucht Rescher zu verdeutlichen, dass theoretische Disziplinen keineswegs intern betrachtet frei von wertenden und ethischen Entscheidungen sind. Entsprechende moralische Dimensionen verdeutlichen abschließend Überlegungen zur medizinischen Forschung und ihres finanziellen Bedarfs.

Metaphysische und kosmologische Spekulationen prägen insbesondere Band XII-XIII.

Volume 12
STUDIES IN METAPHYISCAL OPTIMALISM 3-938793-21-X • 96 S., Ln., € 49,00

enthält acht kürzere Kapitel, die metaphysisch-naturphilosophische Themenstellungen abhandeln und Reschers Position des „Optimalismus“ entfalten (der jedoch kein schrankenloser Optimismus ist). In ihnen intendiert Rescher darzutun, dass ein Universum, welches intelligentes Leben hervorbringt, am besten verstanden werden kann, als ob es von einem intelligenten Wesen kreiert sei (was mit einem Theismus zusammenpasse, ihn aber nicht impliziere oder beinhalte). Zudem müsse man die Natur so verstehen, dass – wenn sie intelligentes Leben hervorbringe – sie auch diesem zuträgliche Lebensbedingungen bietet und für das intelligente Leben geeignet ist, wozu gehört, dass jene Intelligenz die Natur ihrerseits rational verstehen kann – in diesem Sinne sei, wie Hegel sagte, das Wirkliche das Vernünftige. Entsprechend seien die „großen Fragen“ wie nach der Existenz der Welt nicht nur zulässig, sondern ließen sich auch plausibel beantworten. Die Welt müsse deshalb zwar nicht als „perfekt“ betrachtet werden, aber vielleicht als bestmögliche, was an Leibniz anknüpft. Unter anderem muss sie, wenn intelligentes Leben evolutionär möglich ist, Regularitäten aufweisen, damit Leben sich orientieren und erhalten kann, und vielfältig sowie verstehbar sein. Das bedeute aber keineswegs, dass alles Einzelne zum besten eingerichtet wäre; die Welt kann nicht perfekt sein, aber die Frage ist eben, ob sie nicht besser sein könnte (eine Frage, die Rescher in Kontext der entsprechenden Kritik Voltaires an Leibniz erörtert). – Reschers „Optimalismus“ beansprucht zudem, grundsätzlich empirisch falsifizierbar zu sein, aber auch mit den empirischen Fakten in Einklang zu stehen. Und auch wenn er zu den Wissenschaften von der Natur nicht in Widerspruch stehe, sei er selbst eher meta-wissenschaftlich, da er anderen Fragen nachgehe („Warum?“-Fragen).

Volume 13
STUDIES IN LEIBNIZ’S COSMOLOGY
3-978793-59-6, 226 S., Ln, € 69.00

thematisiert eine Reihe zentraler Annahmen der rationalistischen Philosophie von Leibniz und versucht, sie als nachvollziehbar zu erweisen. Dabei werden drohende Missverständnisse ausgeräumt, grundlegende Positionen von Leibniz klar dargelegt und in moderner Sprache resp. Interpretation präsentiert. Unter anderem geht es um den Begriff der Möglichkeit bzw. möglicher Welten, Fragen der metaphysischen Kontingenz der Welt bei gleichzeitiger Notwendigkeit ihres Schöpfers, für den das Schaffen der besten aller möglichen Welten (moralisch) notwendig erscheint, um ontologische Perfektibilität, obschon es Leid und Böses gibt (unter den möglichen Welten muss es nach Leibniz eine und nur eine beste geben, damit der moralisch gute Gott einen zureichenden Grund hat, gerade diese zu erschaffen und nicht einen andere), um Leibniz’ rationalistische Auffassung von der Natur und ihren ordnenden Prinzipien (eine für Rescher aktuelle, weil auch naturalisierbare Positionen, die ohne die Annahme eines Schöpfergottes bestehen kann), und ob bzw. inwieweit der in seiner Fassungskraft beschränkte Mensch überhaupt in der Lage ist, den Kosmos (u. a. mit Hilfe von analogischem Denken bzw. Bestimmungen proportionaler Verhältnisse der als perfekt gedachten Welt) angemessen zu erfassen.

Eine philosophische Kerndisziplin betrifft schließlich

Volume 14
STUDIES IN EPISTEMOLOGY
3-938793-23-6 • 184 S., Ln, € 69.00

In der Erkenntnistheorie tritt Rescher u. a. als Kritiker des Relativismus hervor: Andere Begriffe von „Logik“ oder „Rationalität“ als die unseren gebe es nicht, nur andere Verfahrensweisen des Problemlösens etwa. Und unsere Begriffe sind nicht beliebig auf überzeugende Weise zu verändern, denn es gebe inhärente Standards, mit denen Veränderungen wie z.B. vorgeschlagene Erweiterungen bewertet werden. Auch aus der Annahme divergierender Begriffsschemata und inkommensurabler Theorien (à la Davidson oder Kuhn) ergebe sich kein Relativismus: Denn nicht die problematische Frage nach der Übersetzbarkeit fremder Begriffsschemata sei entscheidend, sondern die ihrer Interpretierbarkeit; zudem zeige sich weniger Dissens zwischen Begriffsschemata bzw. inkommensurablen Theorien als mangelnde gegenseitige Überschneidung, und in der Praxis lasse sich anhand ihrer (Miss )Erfolge pragmatisch zwischen solchen Theorien eine Entscheidung herbeiführen.

Der Band enthält ferner weitere interessante Überlegungen, u. a. zur Fiktion und der Frage nach Wahrheiten in fiktionalen Kontexten, die Rollen von Übervereinfachungen im Erkenntnisprozess, zum Verhältnis von Vagheit und Wissen (vage Sätze können beispielsweise sehr wohl als wahr gewusst werden, genaue Sätze sind hingegen in höherem Maße revisionsanfällig), zur Rolle von Informationen im Kontext von epistemischer Sicherheit (nicht jede weitere Information erhöht die Sicherheit des Wissens) – sowie zur unverzichtbaren Rolle der Rationalität, auch wenn diese keine Erkenntnisgewissheiten garantiere und die Kognitivität ihre Grenzen habe.

Manch einem wird Reschers Philosophie wohl (teilweise) zu spekulativ-rationalistisch oder zu pragmatisch orientiert sein, manch einem (ontologisch) zu voraussetzungsreich, manch einer wird der Erörterung der „großen“ metaphysischen Fragen einen geringeren Stellenwert einräumen als Rescher dies tut und stattdessen Detailuntersuchungen aktueller gesellschaftlicher oder fachphilosophischer Probleme den Vorzug geben (obschon sich aus Reschers Philosophie entsprechende Konsequenzen auch z. T. ergeben bzw. von ihm selbst gezogen werden, z. B. in der Medizinethik), und manch einer wird der Sprachphilosophie einen gewichtigeren Stellenwert zusprechen, als es Rescher unternimmt. Doch wer am Pragmatismus oder Idealismus resp. an Leibniz, Kant, Hegel oder Peirce interessiert ist, um deren Gedanken zur Lösung allgemeiner philosophischer Probleme zu nutzen, wer am Kohärentismus, der Kritik am Relativismus und Skeptizismus Interesse hat oder an den Grundlagen philosophischer Disziplinen oder auch an philosophischer Methodik – der kann in Reschers Werk eine Fülle von Anregungen finden. Denn die Bände der Collected Papers ergeben insgesamt einen weiten, aber nicht überschneidungsfreien Überblick über Reschers philosophische Positionen (einige Text(teil)e finden sich mehr als einmal). Und sie dokumentieren die Weite seiner philosophischen Interessen, die vielleicht nicht alle in den aktuellen Diskussionen der Gegenwartsphilosophie gleichermaßen präsent sind, so dass einige – aber eben nur einige – der Bände wohl eher für Spezialisten interessant sind. Die Collected Papers gestatten insgesamt jedoch einen mehr als guten Einblick in Reschers System der Philosophie. Wer sich dieses jedoch in seiner Umfassendheit erarbeiten will, tut gut daran, überdies Reschers zahlreiche Monographien mit heranzuziehen, von denen viele leider nicht oder nur teilweise ins Deutsche übersetzt worden sind.

UNSER AUTOR:

Wulf Kellerwessel ist Privatdozent für Philosophie am Philosophischen Institut der RWTH Aachen.




Bestellen Sie das Einzelheft oder abonnieren Sie die Zeitschrift.




© Information Philosophie     Impressum     Kontakt