header


  

01 2017

Leseprobe    STUDIUM Druckversion  |  Schrift: vergrößern verkleinern 

Ariane Filius und Sebastian Laukötter:
Hochschuldidaktik: Warum wir in Seminaren mehr schreiben sollten

Aus: Heft 1/2017, S. 84-93
 
 
Schreibschwierigkeiten
 
„Studierende können nicht (mehr) schreiben.“ Darin sind sich viele Lehrende einig. Über die Ursachen nicht unbedingt. Vielleicht ist die Schule Schuld. Oder die Bologna-Reform. Die mangelnde Lesepraxis. Die unzureichend literalisierten Elternhäuser. Oder der allgemeine Verlust der Schriftkultur? Unabhängig vom Erklärungsansatz klingen in den Klagen meist zwei Tendenzen mit: Die Ursache für defizitäre studentische Texte wird außerhalb der Universität verortet, und es wird ein Abwärtstrend diagnostiziert.
 
Demgegenüber machen uns Beobachtungen von Schreibforschern darauf aufmerksam, dass der vermeintliche Abwärtstrend seit vielen Dekaden von Hochschullehrenden beklagt wird (3, S. 24-26). Sie zeigen, dass die unzureichende Schulausbildung auch schon im neunzehnten Jahrhundert als Grund der Misere angesehen wurde (2, S. 2-4). Interessanterweise ähneln sich damals wie heute die ermittelten Defizite in den studentischen Schreibprodukten. Solche Beobachtungen widerlegen keineswegs, dass viele der heutigen Studierenden Schwierigkeiten mit der Rechtschreibung haben; aber sie geben Anlass, darüber nachzudenken, ob die allgemeine Schreibkompetenz bei Studierenden tatsächlich nachgelassen hat. Hierfür ist ein differenzierter Blick darauf nötig, was eigentlich damit gemeint ist, dass Studierende (nicht) schreiben können. Darüber werden wir im nächsten Abschnitt nachdenken.
 
Zudem erscheint es aus Sicht vieler Schreibforscher problematisch, die Ursachen für defizitäre studentische Texte bevorzugt außerhalb der Universität zu suchen. Diese Haltung geht anscheinend mit der Erwartung einher, Studienanfänger sollten mit Aufnahme ihres Studiums „gut genug“ schreiben können, um erfreuliche wissenschaftliche Texte zu produzieren. Dass sie es nicht können (und vermutlich auch nie konnten), liegt aber auch an der Tatsache, dass wissenschaftliches Schreiben eine hochgradig komplexe, voraussetzungsreiche und kontextabhängige Tätigkeit ist. Der Ort, an dem wissenschaftliches Schreiben – und in unserem Fall besonders: das philosophische Schreiben – erlernt werden kann und muss, ist die Universität. Dafür werden wir im zweiten Schritt plädieren, bevor wir aus einem eigenen schreibintensiven Seminar berichten.
 
Was heißt „schreiben können“?
 
Was unter „Schreibkompetenz“ zu verstehen ist, wird besonders durch zwei Aspekte bestimmt:
 
- Welche Fertigkeiten fallen unter „Schreibkompetenz“?
- In Bezug auf was soll Schreibkompetenz vorhanden sein?
 
Anhand dieser zwei Aspekte lassen sich ein enger und ein weiter Begriff von Schreibkompetenz unterscheiden: Der enge Begriff fasst unter Schreibkompetenz vor allem ein Repertoire sprachlicher Fertigkeiten und einige technische Fähigkeiten etwa im Selbst- und Zeitmanagement. Diese Art von Schreibkompetenz ist weitestgehend kontextunabhängig – wer sie einmal erworben hat, kann sie mehr oder weniger gut und spontan unter verschiedenen Umständen anwenden.
 
Der weite Begriff von Schreibkompetenz umfasst hingegen sehr viel mehr Fertigkeiten, die den Dimensionen Sprache, Wissen, Prozess, Kommunikation, Textsorte und Medien zuzuordnen sind (diese Dimensionen schlagen Kruse und Chitez vor: 1; ähnlich auch Beaufort: 1). Um philosophische Texte zu schreiben, bedarf es z. B. neben den sprachlichen und (prozess-)organisatorischen Fähigkeiten auch eines differenzierten Verständnisses der spezifischen Form von Wissenschaftlichkeit, die die Philosophie als Fachdisziplin ausmacht; die Schreibende muss, wenn sie sicher agieren will, die Grenzen dieser Disziplin verstehen und die spezifischen philosophischen Methoden, die Regeln philosophischer Argumentation und akzeptierte Begründungsstrategien kennen. Wenn sie gelernt hat, philosophisch zu schreiben, weiß sie, wie sie Fachliteratur beschafft, beurteilt und sinnvoll verwaltet. Sie kennt die üblichen Textsorten und ihre Standards, kann ihre Leser einschätzen, ist mit den Konventionen der Fachgemeinschaft vertraut und kann diese einhalten. Aus dieser (unvollständigen) Liste an Fertigkeiten entsteht nicht einfach additiv eine philosophische Schreibkompetenz, sie besteht vielmehr „genau in der Fertigkeit, diese Teilkompetenzen in einem zielgerichteten, integralen Schreibprozess zu verbinden“ (Kruse in 1, S. 112). Schreiben ist eine komplexe intellektuelle Leistung innerhalb vieler Dimensionen, die nur kontextabhängig erfolgreich realisiert werden kann.
 
...


Sie wollen den vollständigen Beitrag lesen?
Bestellen Sie das Einzelheft oder abonnieren Sie die Zeitschrift.




© Information Philosophie     Impressum     Kontakt