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Psychopathologie: Die Zeit in der Psychopathologie

PSYCHIATRIE

Der Begriff der Zeit in der „Psychopathologie“

Am Schluss seines Beitrages zur Theunissen-Festschrift von 1992 kommt der Psychiater Wolfgang Blankenburg zu der ernüchternden Feststellung, dass man in der zeit-psychopa­thologischen Forschung von einem tieferen Verständnis der verschiedenen Aspekte der Zeitigung des menschlichen Daseins wie auch des Zeiterlebens noch weit entfernt sei.

 In seiner mit einem Preis prämiierten Schrift

 Kupke, Christian: Der Begriff der Zeit in der Psychopathologie. 124 S., kt., € 12.—, 2009, Parodos, Berlin

 geht Christian Kupke den Gründen dieses Versagens nach.

 Die konstruktiv-genetische Psychopathologie

 Nachdem am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Zeit-Philosophie durch die Publikationen Bergsons, die zeitphilosophischen Vorlesungen Husserls und die Existenzialanalyse Heideggers einen neuen, allgemein als revolutionär empfundenen Aufschwung erfahren hatte, bildete sich in der Theorie der Psychiatrie eine Bewegung heraus, die an diesen philosophischen Trend anknüpfte und die Karl Jaspers unter dem Titel „konstruktiv-genetische Psychopathologie“ zusammenfasste. Zu dieser Gruppe gehörten u.a. Erwin Straus, Viktor E. v. Gebsattel, Ludwig Binswanger und Eugéne Minkowski.

 Was diese Psychiater einte und was ihre Arbeit bis in die 60er Jahre hinein prägte, war zweierlei: zunächst die grundsätzliche Überzeugung, dass das methodische, vor allem begriffliche, historische und ethische Wissen der Philosophie für die Psychiatrie von konstitutiver Bedeutung sind. Begriffe wie „Subjektivität“ oder „Selbst“ und „Ich“, „Objektivität“, „Wirklichkeit“ oder „Zeit“ und „Raum“ können, so die weitgehende Übereinstimmung, ohne vertiefte philosophische – und das hieß immer auch: kulturgeschichtliche – Reflexion in der jeweiligen klinischen Praxis überhaupt keine Anwendung finden. Diese Psychiater waren aber auch davon überzeugt, dass im Verstehen und in der Behandlung psychischer Erkrankungen der Kategorie der „Zeit“ eine herausragende Stellung zukommen müsse.

 Die zweite Generation der „konstruktiv-ge­netischen Psychopathologie“, zu denen Hubertus Tellenbach, Alfred Kraus, Wolfgang Blankenburg, aber auch der Philosoph Michael Theunissen gehört, operierte mit einer vergleichbaren, wenn auch nicht mehr so optimistischen Intuition. Sie waren zwar von der konstitutiven Bedeutung der Philosophie für die Psychiatrie überzeugt, ließen sich aber nur noch bedingt auf eine lebensphilosophische, phänomenologische oder existenzialanalytische Konzeption von Philosophie verpflichten.

 Was den Umgang mit der Zeit betrifft, beob­achtet Kupke verschiedene Akzentuierungen: eine offen plurivoke Herangehensweise Wolfgang Blankenburgs, eine rollentheoretisch informierte Ausweitung des Zeitbe­griffs bei Alfred Kraus, ein noch weitgehend der ersten Zeit-Psychopathologie verhaftete Position bei Hubertus Tellenbach bis hin zu einer radikalen, negativ-dialektischen Fassung bei Michael Theunissen.

 Insgesamt ist beim Übergang von der ersten zur zweiten Generation und damit in die Gegenwart ein Bedeutungsverlust der Philosophie für die Psychiatrie und damit ein gesunkenes Vertrauen in die Erklärungskraft einheitlicher philosophischer Theorieformen zugunsten relativistischer, historistischer, pluralistischer oder heterodisziplinärer Erklärungsansätze festzustellen.

Eine maßgebliche Kritik des Ansatzes hat Karl Jaspers in seiner Allgemeinen Psychopathologie formuliert: Er moniert dort einen mangelnden Differenzierungsgrad in der Ausarbeitung eines für die Psychopathologie handhabbaren Zeitbegriffs. Jaspers weist darauf hin, dass die zur Diskussion stehende Theorie auf das Ganze des Menschseins gehe, dass aber Totalität und Ursprung des Menschen nicht Gegenstand einer forschenden Erkenntnis werden könnten. Weiter hält er die theoretisch erschlossene Grundstörung zu unbestimmt und in ihrer Bedeutung schillernd und kritisiert weiter, das verstehende Ableiten der Erscheinungen aus der Grundstörung des Zeiterlebens durch eine Vielfachheit, die bis zur Beliebigkeit gehe, sei fragwürdig.

 Im Zentrum steht Jaspers Kritik, Theorien mit einem ontologischen Grund-Folge-Den­ken versuchten ihren jeweiligen Gegenstand in der Mannigfaltigkeit seiner Erscheinungen durch ein einzelnes, diesen Erscheinungen zugrunde liegendes ursprüngliches Geschehen zu erklären. Im Fall der konstruktiv-genetischen Psychopathologie sei dieses Grundgeschehen das vitale, eigene innerzeitliche Geschehen bzw. der stets persönlich geformte Werde- oder Selbstverwirklichungsdrang, dessen genaue Bedeutung aber nicht bekannt sei.

 Theunissen hat die Kritik von Jaspers als „voreingenommene Kritik“ zurückgewiesen. Für ihn ist es die Herrschaft der objektiven Realität der Zeit selbst, die den Menschen krank macht, bzw. für ihn wird der Mensch in dem Moment krank, in dem die Kraft erlahmt, sich dieser Herrschaft entgegenzustellen. „Mit einem gewissen Recht“, schreibt Theunissen, „könnte man behaupten: Das Krankmachende ist die Zeit selbst. Sie ist es in dem Sinne, dass ihre Herrschaft durch den Abbau der Gegenmacht des Subjekts ungehindert zur Geltung kommt.“ Aber, so kritisiert Kupke, die Kritik Jaspers aufnehmend, wie diese Verwandlung vor sich geht, kann Theunissen nicht erklären. Er beschränkt sich darauf, hinzuweisen, dass wir die Zeit deshalb „gegen sie selbst wenden können, weil sie in ihr selbst etwas hat, das über sie hinausreicht“. Für Kupke verschärft diese Inanspruchnahme der philosophisch nicht ausweisbaren Transzendenz das Problem noch: Sie verrätselt neben der Gegenmacht gegen die Zeit diese selbst noch, weil sie die Gegenmacht aus der Zeit begründet. Zudem tendiert Theunissen dazu, die seelischen Erkrankungen einander anzugleichen und deren spezifische Differenz zu verwischen.

 Der Psychiater Wolfgang Blankenburg hat denn auch gegen Theunissen eingewendet, dieser lege seinen Erklärungen einen allzu monolithischen Begriff von Zeit zugrunde: „Man wird m. E. dem Problem der ’Zeit’ nicht gerecht, wenn man sie zu früh – auf diese oder jene Weise – als einheitliches Phänomen zu fassen versucht.“ Kupke seinerseits sieht nun aber nicht, wie Blankenburg zu einem adäquaten Verständnis psychischen Krankseins gelangen will, besteht doch dessen Beitrag lediglich in einer kaum systematisierten summarischen Liste verschiedener Zeitbegriffe. Und auch in der entscheidenden Frage, der einer zeit-psychopa­thologisch spezifischen Differenzierung melancholischen und schizophrenen Zeiterlebens, kann Blankenburg nicht wirklich überzeugen: Dass es in der endogenen Depres­sion „zu einem ungeheuren Zeitstau“ komme, während sich die Zeit in der Schizophrenie eher „verflüchtige“ ist eine Erkenntnis, die sich Kupke zufolge bereits der ersten Generation der Zeit-Psychopathologie verdankt und die in ihrer Metaphorizität alles andere als klar ist.

 Eine dritte, eine intersubjektive Zeit

 Die Achse der Zeitmodelle geht auf die Vorstellung zurück, dass es zwei Zeitordnungen gibt, in denen wir als Menschen leben und in denen Zeit erlebt und gelebt wird: die subjektive und die objektive Zeit bzw. die Ich-Zeit oder die Welt-Zeit. Es besteht ein Unterschied zwischen dem alltäglichen Zeitverstehen und der physikalischen Zeitvorstellung. Die subjektive Zeit ist dabei die Bedingung der Möglichkeit der objektiven, linearisierten Zeit. Demnach kann Kupke zufolge der Dualismus von objektiver und subjektiver Zeit nicht das letzte Wort sein. Kupke plädiert für die zusätzliche Annahme einer weiteren Zeit, einer intersubjektiven Zeit, die sowohl subjektive als auch objektive Anteile hat. Subjektive Anteile hat sie, insofern das Zusammenleben von Menschen stets von einer dialogischen und lebensweltlichen Zeit-Erle­bens-Dimension getragen wird. Sie hat objektive Anteile, insofern das Zusammenleben von Menschen immer auch gesellschaftlich institutionalisiertes und systemisch organisiertes Zusammenleben ist – ein Zusammenleben also, in dem Einer mit vielen und potentiell allen Anderen nur im indirekten, über abstrakte Zeitmaße vermittelten Austausch steht.

 Die Achse der Zeitdimensionen unterscheidet zwischen Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart. Sie stellt eine Differenzierung, gewissermaßen eine Ausgestaltung der subjektiven Zeit dar. Für die Psychopathologie hat diese Achse insofern große Bedeutung, da psychisch erkrankte Menschen in ihrem Zeiterleben oft vom „normalen“ Zeiterleben abweichen und es zu einer Entkoppelung von Individuum und Sozietät kommt, was sich etwa in einer Zeitschätzungsstörung, aber auch als Beschleunigungs-, Verlangsamungs- oder gar als Stillstandserfahrung äußern kann.

 Worin ist diese Desynchronisierung, dieser eklatante Bruch zwischen Ich- und Welt-Zeit begründet? Man hat die Begründung für den Bruch zwischen Ich- und Welt-Zeit, soweit es sich um endogene Psychosen handelt, nur mit Bezug auf das Modell der subjektiven Zeit gesucht und nahm an, dass sich die jeweilige Störung an der spezifischen Struktur dieser Dimension aufzeigen lassen müsse. Man sprach direkt von einem „Kollaps der Zeitentfaltung der zeitlichen Ekstasis“ (Alfred Kraus). Gleichsam gegen den Main­stream der gesamten Psychopathologie ist für Theunissen nicht die Desynchronisierung, sondern die völlige Angleichung der subjektiven an die objektive Zeit das Problem, das „Ausgeliefertsein (des Subjekts) an die lineare Zeitordnung“. So behauptet Theunissen, dass sich die Schizophrenie durch ein fast völliges Versiegen der Kraft zum Widerstand gegen die Herrschaft der Zeit auszeichne.

 Allerdings – so das Fazit von Kupke – lässt sich das zeit-psychopathologische Programm, die endogenen psychischen Erkrankungen von der Achse der Zeidimensionen her anzugehen, nicht wirklich zufrieden stellend durchführen.

 Kupke will auch diese Achse ergänzen und zwar durch die Achse der Zeitschichten. Er plädiert für eine Stufung des dimensionalen Zeitgeschehens mit einem temporal-intentio­nalen Subjekt auf der ersten Stufe, einem biographisch-personalen auf der zweite Stufe und einem sozial und kulturgeschichtlich relativierten Subjekt auf der dritten Stufe. Das heißt für den Psychiater: Der jeweilige Patient befindet sich stets an einer historisch diachronen Schnittstelle von sozial- und kulturgeschichtlichen Prozessen, die sich in Formen von sozialen Einflüssen und kulturellen Prägungen in seinem Erleben- und Sichver­haltenkönnen niederschlagen. Aber, und das ist entscheidend, seine Biographie, sein zeitliches Leben und Erleben lässt sich nicht – auch nachträglich nicht – auf solche Einflüsse und Prägungen reduzieren. Vielmehr besitzt die biographisch-personale Zeit gegenüber der geschichtlichen Zeit, trotz ihrer historischen Einbettung, einen stets differenten individuellen Eigensinn, um dessen Verständnis der Psychiater immer wieder ringen muss. Umgekehrt ist in die personale Biographie eines Menschen (die seine Geschichte ist), eine anonyme temporale Identität eingelagert, ohne die wir von einer Biographie gar nicht sprechen können. Diese anonyme temporale Identität ist grundlegend für jedes Verständnis menschlichen Zeitlebens. Es ist Husserl, der gezeigt hat, dass die auf der Stufe der biographisch-personalen Zeit möglichen Erinnerungen, Erwartungen und Gegenwärtigungen einem fundamentalen Aktgeschehen aufruhen, das für jeden produktiven oder rezeptiven Zeitvollzug konstitutiv ist. Deren Funktionskreislauf, ihre dreidimensionale Aktstruktur und ihr Synthesis­charakter ermöglichen nicht nur das, was wir Wahrnehmung nennen, sie sind auch die Konstituenten jenes transzendentalen Wir, das die formale Basis für jede Form konkreter Intersubjektivität ist.

 Anwendung auf die Depression

 Schon in der ersten Generation der konstruktiv-genetischen Psychopathologie kristallisierte sich die Erkenntnis heraus, dass man es in der Depression mit einem Leiden zu tun hat, das zeit-psychopathologisch eine gewisse Dominanz des Vergangenheitsbezuges aufweist und das man selbst als Leiden an dieser Übermächtigung charakterisieren kann. Offen blieb aber, wie man diese Dominanz genauer beschreiben kann. Straus und Gebsattel nahmen an, die Übermächtigung der Vergangenheit sei durch eine Versperrung der Zukunft begründet. Andere sprachen von einem Ineinanderfließen der Zeitdimensionen bzw. einem Zusammenfallen der Zeitekstasen. Auf jeden Fall ging die gesamte zeit-psychopathologische Forschung von der von Scheler und Heidegger formulierten These vom „Vorrang der Zukunft“ aus, ohne – so die Kritik von Kupke – zu bemerken, dass sie sich eben damit an jener linear in die Zukunft fortschreitenden Zeit orientiert, die sie als objektive der subjektiven, dimensionierten Zeit entgegensetzt. Damit verkennt sie, dass das Zeitgeschehen ein Synthesegeschehen ist.

 Für Kupke stellt sich die Gegenwart als eine Synthese aus Vergangenheit und Zukunft dar. Wenn man die biographisch-personale Zeit, also den Lebensvollzug eines Menschen, als ein solches Synthesegeschehen begreift, so setzt sich dieses Geschehen (Kupke nennt es „temporale Synthese“) stets aus zwei Bewegungen zusammen: aus einer aus der Vergangenheit eines Menschen sich in dessen Zukunft fortsetzenden und diese determinierenden Zeitbewegung (die „faktische Synthese“) und aus einer auf dessen Zukunft ausgreifenden und diese potentialisierenden Zeitbewegung („genetische Synthesis“ von Vergangenheit und Zukunft“). In der Depression wird nun die genetische Synthesis, die den Entwurfscharakter menschlichen Zeitseins ausmacht, durch die faktische Synthese, die dessen Geworfenheitscharakter ausmacht, monopolisiert bzw. überformt. Es kommt zu einer Strukturmodifikation der temporalen Synthesis, in der die faktische Synthesis die Funktion der temporalen Synthesis gleichsam übernimmt und dadurch das gesamte Dasein des Menschen auf seine Geworfenheit zurückwirft: Sie okkupiert oder besetzt deren Platz, verändert es zu einem von seiner Vergangenheit vollständig determinierten Sein, so dass es seiner selbst entfremdet, d. h. sich selbst als fremd erscheinen muss.

aus Heft 1/2011

 




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