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ESSAY

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Spohn, Wolfgang: Der Kern der Willensfreiheit

 
Ein scharfer Widerspruch

Jedermann bei Verstand glaubt an den freien Willen. Was immer wir genau darunter verstehen, er ist jedenfalls etwas, was wir haben. Die Welt, die uns einschließt, ist vielleicht deterministisch. Damit geraten wir in einen Widerspruch. Oder die Welt ist indeterministisch. Aber die allgemeine Meinung ist, dass uns das argumentativ nicht weiterhilft. Was aus freiem Willen geschieht, geschieht nicht zufällig. Es gibt keinen Ausweg; wir haben es hier mit einem scharfen Widerspruch zu tun, mit einer richtigen Antinomie.

Wenn ich mir die Literatur zum Problem der Willensfreiheit anschaue, dann bin ich überrascht, wie viele Gedanken und Theorien es hervorgerufen hat. Alle sind relevant, wohl überlegt, Kerne von Forschungsprogrammen, und jeder enthält auf seine Weise ein Quäntchen Wahrheit. In dieser Vielfalt von Reaktionen beweist sich ein echtes und fruchtbares philosophisches Problem; wenige philosophische Probleme tun es da dem Problem der Willensfreiheit gleich. Ich will hier nicht wirklich neue Gedanken zu dem Thema äußern; jeder Stein ist schon dutzendfach gewendet worden. Trotz ihres Reichtums scheint mir aber die bestehende Literatur einen bestimmten Punkt nur ungenügend zu betonen, der mir beim Schreiben meiner Dissertation vor über 30 Jahren auffiel und der mir umso zentraler zu sein scheint, je länger ich die Literatur beobachte. Mathematiker wissen, dass ein scharfer Widerspruch eine scharfe Antwort fordert; so lange die Begriffe zurechtzubiegen, bis der Widerspruch irgendwie zu verschwinden scheint, ist nicht erlaubt. Ich will erklären, was ich für eine scharfe Antwort halte.

Ich gehe von der Grundtatsache aus, dass es einen normativen und einen empirischen Standpunkt gibt. Das ist trivial und unstrittig. Der Punkt, den ich erklären will, ist jedoch, dass man selbst als empirischer Wissenschaftler den normativen Standpunkt nicht eliminieren kann. Der normative Standpunkt durchdringt alle menschlichen Angelegenheiten, und diese kann man nicht empirisch untersuchen, ohne auch den normativen Standpunkt einzunehmen.


Der normative Standpunkt

Was hat das mit der Willensfreiheit zu tun? Die Antwort ist einfach. Denn worin besteht der normative Standpunkt? Darin, normative Fragen zu stellen und normative Antworten zu suchen. Die paradigmatische normative Frage ist: „Was soll ich tun?“ Die paradigmatische empirische Frage ist hingegen: „Was ist passiert?“ oder „Was wird passieren?“ oder, auf den menschlichen Bereich bezogen: „Was wird sie tun?“

Ich scheine hier den normativen Standpunkt mit der Ersten-Person- oder der Subjekt-Perspektive zu identifizieren und den empirischen Standpunkt mit der Dritten-Person- oder der Betrachter-Perspektive. In gewisser Weise tue ich das. Aber natürlich gebe ich zu, dass die Unterscheidungen nicht zusammenfallen. Ich kann normative Fragen in Bezug auf andere Personen stellen und empirische Fragen in Bezug auf mich. Trotzdem hat eine Antwort auf eine normative Frage nur in der Ersten-Person-Perspektive eine unmittelbare normative Kraft. Meine Antwort auf die normative Frage in Bezug auf eine andere Person entfaltet normative Kraft nur, wenn diese andere Person sich diese Frage selbst stellt und meine Antwort akzeptiert. In diesem Sinne ist der normative Standpunkt der Ersten-Person-Perspektive eigentümlich und nie allein aus der Dritten-Person- oder Betrachter-Perspektive einzunehmen.
Manche haben ein engeres Verständnis des Normativen. Normative Fragen befassen sich danach mit Normen, und Normen oder Maximen oder Regeln sind für jedermann. Vielleicht. Aber ich will mich hier nicht mit der Generalisierbarkeit von Antworten auf normative Fragen beschäftigen. Andere möchten lieber die präskriptive und die deskriptive Dimension unterscheiden. Doch ist das für mich dieselbe Unterscheidung wie die, um die es mir geht.

Es ist uns nun ganz unmöglich, die normative Frage: „Was soll ich tun?“ zu vermeiden. Selbst die Verweigerung einer Antwort ist eine Antwort, eine Entscheidung, die Dinge laufen zu lassen. Oft stellen wir uns die Frage nicht oder sind uns ihrer nicht bewusst, einfach weil wir nicht dauernd alles unter Kontrolle halten können. Es ist in der Tat praktisch unmöglich, auch nur all das, was im Prinzip unserer Kontrolle unterliegt, auch tatsächlich zu kontrollieren. Doch können wir die normative Frage nicht auf Dauer absichtlich oder unabsichtlich ignorieren. Allenfalls können wir, auch wenn ich das bezweifle, versuchen, einen Zustand zu erreichen, in dem wir die normative Frage gar nicht mehr stellen.

Die Beantwortung der normativen Frage

Wie auch immer, wo wir die normative Frage: „Was soll ich tun?“ nicht vermeiden können, müssen wir als nächstes fragen: „Wie finde ich eine Antwort?“ Wie funktioniert die praktische Überlegung? Das ist in der Tat eine komplizierte Angelegenheit. Doch ist die Entscheidungstheorie zweifelsohne unser bestes und lehrreichstes abstraktes Modell der praktischen Überlegung. Wenden wir uns also kurz ihr zu. In meiner Dissertation habe ich für das, wie man es nennen könnte, Handlungswahrscheinlichkeitenverbot argumentiert, welches besagt, dass ein Entscheidungsmodell keine subjektiven Wahrscheinlichkeiten des Handelnden für seine eigenen möglichen Handlungen enthalten darf, die zur Entscheidung anstehen. Dieses Prinzip hatten zunächst alle Entscheidungstheoretiker stillschweigend akzeptiert. Erst Richard Jeffrey hat es geleugnet – was mich dazu gebracht hat, explizit dafür zu argumentieren.

Einfach gesagt, besagt das Handlungswahrscheinlichkeitenverbot folgendes: Wenn Sie sich fragen: „Was soll ich tun? A oder B oder C?“, dann haben Sie keine epistemische Einstellung zu den möglichen Antworten A, B oder C. Vielmehr besinnen Sie sich auf Ihre Ziele und Werte (die natürlich wieder Gegenstand einer normativen Beurteilung sein können), Sie überlegen, was Sie alles über die Welt glauben, über die möglichen Folgen Ihrer möglichen Handlungen, über die Erreichbarkeit Ihrer Ziele, und so weiter, und aus all dem versuchen Sie eine normative Schlussfolgerung zu ziehen, welche Handlung Sie nun tun sollen. In all das findet eine epistemische Beurteilung der möglichen Handlungen keinen Eingang. Die Frage, wie wahrscheinlich es wohl ist, dass Sie A, B oder C tun, ist einfach nicht Bestandteil Ihrer praktischen Überlegung.

Der nächste wichtige Punkt ist, dass aus dem Handlungswahrscheinlichkeitenverbot das Prinzip der so genannten Exogenität von Handlungen folgt, welches besagt, dass die möglichen Handlungen, die gemäß einem Entscheidungsmodell zur Entscheidung anstehen, exogen, d. h. im Rahmen dieses Modells erste Ursachen oder unverursacht sind. Natürlich steht hinter dieser Schlussfolgerung eine präzise probabilistische Theorie der Kausalität; ohne diese wäre sie ja nicht möglich. Der Punkt ist aber eigentlich auch intuitiv und ohne eine solche Theorie klar. Er besteht einfach darin, dass Sie, wenn Sie anfangen über die Ursachen Ihrer Handlungen nachzudenken, dabei sind, Ihre möglichen Handlungen epistemisch zu beurteilen. Sie verlassen dann die normative Subjekt-Perspektive und nehmen die empirische Be-trachter-Perspektive ein. Das heißt nicht, dass Sie in der normativen Perspektive den Determinismus leugnen und stattdessen dem Indeterminismus huldigen. Der Indeterminismus widersetzt sich nicht einer epistemischen Beurteilung; er bedeutet nur, dass sie irreduzibel probabilistisch oder noch unbestimmter ist. Der Punkt ist also vielmehr, dass sich in der normativen Perspektive die Frage nach Determinismus und Indeterminismus jedenfalls in Bezug auf Ihre Handlungen überhaupt nicht stellt. Diese Frage gar nicht erst aufkommen lassen, das ist in der Tat genau das, was der Verteidiger der Willensfreiheit tun muss.

Eine Welt, zwei Perspektiven

In gewisser Weise muss man Kant für seine kompromisslose Haltung bewundern. Er akzeptiert die Willensfreiheit, er akzeptiert den Determinismus, und er akzeptiert den Widerspruch. Er ist sich vollkommen im Klaren, dass eine radikale Lösung nötig ist, und er findet sie in seiner Zwei-Welten-Lehre: Der Determinismus gilt in der phänomenalen Welt, die Freiheit gilt in der noumenalen Welt, und damit ist der Widerspruch verschwunden. Die Lehre ist sicherlich nicht haltbar; es gibt nur eine Welt; und ich denke, dass auch eine sorgfältige Auseinandersetzung mit Kant zu keiner anderen Schlussfolgerung gelangen könnte. Gleichwohl zeigt Kant auf brillante Weise, was es heißt, eine prinzipielle Lösung zu geben.

Was ich sagen will, ist, dass die Unterscheidung zwischen der normativen und der empirischen Perspektive die gleiche prinzipielle Lösungskraft hat. Es gibt nur eine Welt, aber zwei Perspektiven. In der normativen Subjekt-Perspektive sind die eigenen Handlungen unverursacht, und das ist vollkommen damit verträglich, dass sie in der empirischen Betrachter-Perspektive voll determiniert, d.h. durch hinreichende Ursachen bestimmt sind – oder von mir aus auch nur partiell bestimmt oder probabilistisch verursacht. Das halte ich für den Kern der Willensfreiheit. Wenn man nach ihm ausschließlich in der empirischen Perspektive sucht, verwickelt man sich in Paradoxien; innerhalb der normativen Perspektive ist dieser Kern hingegen ein Allgemeinplatz.

Um mich an die etablierte Terminologie zu halten: Ich plädiere für einen Kompatibilismus, aber nur indem ich zwei Perspektiven unterscheide. Innerhalb jeder einzelnen Perspektive ist kein Kompatibilismus möglich; die normative Subjekt-Perspektive ist eindeutig libertär, während selbst ein harter Determinismus im Rahmen der empirischen Betrachter-Perspektive vertretbar ist.

Man kann den Punkt auch mit der die philosophische Diskussion prägenden Frage nach den kontrafaktischen Alternativen formulieren. Danach entscheidet sich die Existenz der Willensfreiheit mit der Antwort auf die Frage: „Hätte er anders handeln können?“ Die Antwort darauf scheint mir wiederum perspektivenabhängig zu sein. In der empirischen Perspektive der dritten Person kann man die Frage durchaus verneinen: Er hätte nicht anders handeln können; seine Handlung war durch das vorliegende Kausalgefüge determiniert. In der normativen Perspektive der ersten Person lautet die Frage aber: „Hätte ich anders handeln können?“ Und jetzt lautet die Antwort: „Ja, natürlich! Ich hatte die Wahl zwischen verschiedenen Alternativen.“ In der normativen Perspektive gibt es nichts, was die Leugnung kontrafaktischer Alternativen rechtfertigen könnte.

Natürlich liegt der Einwand auf der Hand, dass die Annahme einer perspektivenabhängigen Kausalität kaum weniger verrückt ist als die Kantische Zwei-Welten-Lehre. Und weiter lautet der Einwand, dass die beiden Perspektiven natürlich nicht gleich berechtigt sind.

Bevor ich auf diese Einwände eingehe, will ich aber wenigstens erwähnen, dass dieser Gedanke ein sehr alter ist; wie gesagt, jeder Stein in dieser Mine ist vielfach gewendet worden. Offensichtlich hat es mit der Verursachung unserer Handlungen eine besondere Bewandtnis. Es geht nicht um die kosmologische Dimension, um das kausale Rätsel eines ersten Bewegers, einer causa sui. Es geht um die menschliche Dimension. Zumindest seit Thomas Reid ist die Idee einer besonderen Agenten-Kausalität, wie sie später genannt wurde, im Schwange: Mein Wille, meine Absichten, meine Handlungen sind gewiss verursacht; trotzdem sind sie nicht einfach Teil des universalen Kausalnexus; vielmehr bin ich es, der sie verursacht, tut oder fasst. Einige Philosophen finden diese Idee ganz natürlich, die meisten finden sie suspekt. Vielleicht lässt sie sich mit Hilfe der Unterscheidung verschiedener Perspektiven besser verstehen. Innerhalb einer Perspektive, wie sie normalerweise präsentiert wird, muss sie wohl rätselhaft bleiben.

Die Idee, dass man verschiedene Perspektiven (oder gar Welten?) unterscheiden sollte, ist ebenfalls alt. Daniel Dennett nutzt seine Unterscheidung des physikalischen, des Design- und des intentionalen Standpunkts für eine Erklärung des freien Willens. Thomas Nagel sagt klar, dass sich Freiheit, Autonomie und Verantwortlichkeit aus der subjektiven und der objektiven Perspektive verschieden darstellen. Noch dramatischer klingt es bei von Georg Henrik von Wright, der Erklären und Verstehen in Opposition bringt und damit sogar für eine unüberbrückbare Differenz zwischen Natur- und Humanwissenschaften argumentiert – ein Thema mit einer langen Geschichte. Auch Jürgen Habermas pflegt einen Erklärungs- oder epistemischen Dualismus, der manchmal so klingt, als meine er dasselbe wie ich, oft aber auch so, als liege der Dualismus schon darin, was ich empirische Perspektive nenne. Nicht zuletzt liegt Julian Nida-Rümelin auf der gleichen Linie mit seiner These von der Nicht-Naturalisierbarkeit von Gründen und der Komplementarität einer naturalistischen und einer humanistischen Perspektive. Allerdings will er nicht wirklich auf eine Zwei-Perspektiven-Lösung des Problems der Willensfreiheit hinaus, meines Erachtens allerdings um den Preis einer undeutlichen ontologischen Position.
Mit diesen Hinweisen mag es genug sein. Der Grund für diesen Aufsatz ist meine Überzeugung, dass der Punkt in der eben dargelegten Weise zugespitzt gehört. Die Tatsache, dass die Kausalbeziehungen in den zwei Perspektiven verschieden zu beurteilen sind, scheint mir nur sehr ungenügend wahrgenommen zu werden.

Das Verhältnis der beiden Perspektiven

So weit, so noch nicht ganz gut. Die bisherige Argumentskizze wäre arg unvollständig, wenn ich das Verhältnis der beiden Perspektiven nicht weiter kommentieren würde. Die erste Fragwürdigkeit ist natürlich, dass ich offenbar eine perspektivenabhängige Kausalität annehme, die kaum besser ist als Kants Zwei-Welten-Lehre. Die Lage ist allerdings nicht dramatisch. Es gibt ganz präzise Aussagen darüber, wie die Kausalverhältnisse gemäß den zwei Perspektiven zueinander in Beziehung stehen. Wie die Kausalverhältnisse gemäß der empirischen Perspektive beschaffen sind, lässt sich durch einen so genannten kausalen Graphen darstellen. Und dann gelangen wir zu den Kausalverhältnissen gemäß der normativen Subjekt-Perspektive, indem wir den empirischen kausalen Graphen bezüglich der Handlungsknoten, wie es heißt, trunkieren. Das bedeutet, dass die Kausalverhältnisse gemäß den beiden Perspektiven weitgehend übereinstimmen. Nur die kausalen Pfeile, die zu den Handlungen des Subjekts als unmittelbaren Wirkungen führen, sind herausgeschnitten, diese Handlungen sind gewissermaßen einfach die kausalen blinden Flecken der normativen Perspektive.

Gebe ich damit aber nicht zu, dass die empirische Perspektive das wirkliche und vollständige kausale Bild liefert, welches die lokalen blinden Flecken der normativen Perspektive auffüllt? Ja, gewiss. Sollte ich damit also nicht auch zugeben, dass die empirische Perspektive die primäre ist, die am Ende einzig zählt? Und stecken wir dann nicht wieder tief im Paradox? Nein, ich bestreite beides. Keine der beiden Perspektiven ist die primäre, sie sind ebenbürtig und stehen in einem ziemlich komplizierten Verhältnis zueinander. Diesen Punkt muss ich doch genauer ausführen.

Zur Verursachung von Handlungen

Zunächst ist festzustellen, dass die Verursachung von Handlungen in der empirischen Betrachter-Perspektive kein grundsätzliches Geheimnis ist. Im Idealfall ist es genau die praktische Überlegung, die die daraus folgende Handlung verursacht. Diese Formulierung klingt so, als würden wir permanent aktiv überlegen. So ist das nicht gemeint. Genauer sollten wir sagen, dass die Handlung von der mentalen Konstellation verursacht wird, die durch das für den jeweiligen Fall angemessene Entscheidungsmodell repräsentiert wird.

Natürlich liefert die Entscheidungstheorie dafür nur die grobe Grundstruktur. Selbst wenn sie ungefähr zuträfe, müssten wir untersuchen, wie das genau funktioniert, wie die zugrunde liegenden Mechanismen zwischen dem Geist im Hirn und den Körperbewegungen letztendlich laufen, wie die aus Überzeugungen und Wünschen bestehende mentale Konstellation ihrerseits verursacht ist, und so weiter. Diese Untersuchungen müssten auf einer psychologischen wie auf einer neurophysiologischen Ebene vorangetrieben werden. Das alles ergibt schon eine unerschöpfliche Forschungsagenda. Zudem gibt es den bekannten Vorwurf, dass die Entscheidungstheorie nicht einmal annähernd empirisch zutreffend ist.

Freilich beeindruckt mich dieser Vorwurf nicht besonders. Die Entscheidungstheorie ist in erster Linie eine normative Theorie, die für die normative Perspektive formuliert ist. Auch wenn man die Relevanz empirischer Ergebnisse für die normative Diskussion nicht von vornherein bestreiten und der Schluss vom Sein aufs Sollen nicht unbedingt ein Fehlschluss sein muss, so bleibt doch unklar, welche normativen Folgerungen man aus den empirischen Ergebnissen ziehen kann. Daher scheint mir die Kritik an der Entscheidungstheorie von empirischer Seite zumindest kurzschlüssig zu sein.

Viel spannender finde ich die Tatsache, dass die Entscheidungstheorie selbst als normative Theorie noch mangelhaft ist. Dabei denke ich weniger an die diversen normativen Zweifel am grundlegenden Prinzip von der Maximierung des bedingt erwarteten Nutzens. Der wichtigere Punkt ist, dass die intrinsische nicht-erwartete Nutzenfunktion in Entscheidungsmodellen schlicht als gegeben betrachtet wird, obwohl sie doch in mehrfacher Hinsicht wiederum der normativen Beurteilung unterliegt.

In der Tat verorte ich an dieser Stelle die hauptsächliche Literatur zur Willensfreiheit, auch wenn sie sich nicht der entscheidungstheoretischen Terminologie bedient. Die Libertarianer leugnen rundheraus den Determinismus, die so genannten harten Deterministen leugnen rundheraus den freien Willen, und meine Richtung unterscheidet zwei Welten oder Perspektiven, um die Dinge kompatibel zu machen. Alle drei Gruppen sind Minderheiten.

Die Strategie des Kompatibilismus

Die große Mehrheit versucht den Kompatibilismus dadurch zu retten, dass sie eine Handlung genau dann frei nennt, wenn sie in geeigneter Weise verursacht ist, und dann hängt natürlich alles daran zu sagen, was man unter geeigneter Verursachung verstehen soll.

Um frei zu sein, muss eine Handlung wirklich eine Handlung sein, nicht bloß unwillkürliches Verhalten, und sie darf nicht erzwungen oder zwanghaft sein. Sie darf nicht bloß fest gegebene Wünsche oder Nutzenfunktionen erfüllen. Vielmehr muss sie Gründen zugänglich sein in einem umfassenderen und nicht bloß instrumentellen Sinn von Gründen – was immer dieser umfassendere Sinn genau ist. Die Wünsche erster Ordnung müssen sich ihrerseits von Wünschen zweiter Ordnung leiten lassen. Vielleicht müssen sie in einem bestimmten Sinne aufgeklärt sein und sich in einer so genannten kognitiven Psychotherapie bewährt haben. All diese Auffassungen hängen auch eng mit einem geeigneten Autonomiebegriff zusammen. Das Subjekt muss die Gelegenheit gehabt haben und in der Lage sein, seine eigenen Wünsche und Ziele in hinreichend selbstbestimmter und reflektierter Weise zu entwickeln, es muss ihnen gegenüber einen Standpunkt einnehmen und sie von sich aus akzeptieren können. Vielleicht kann man auch ganz direkt verlangen, dass die Wünsche erster Ordnung den richtigen Inhalt haben, dass sie also z. B. den moralischen Pflichten oder dem kategorischen Imperativ genügen oder dass sie in dem Sinne menschengemäß sind, dass sie unsere Vernunftnatur respektieren oder auf die Vervollkommnung unserer Tugenden ausgerichtet sind. Diese und andere Ideen werden in der Literatur mit großer Leidenschaft und Sorgfalt diskutiert. Bei alledem darf man nie vergessen, dass ein angemessener Freiheitsbegriff Hand in Hand geht mit unseren Vorstellungen von Menschenwürde, Verantwortung, Schuld und Schuldfähigkeit und all ihren praktischen, moralischen und rechtlichen Weiterungen.

Ich habe gerade auf sehr viele Dinge angespielt, die ich unmöglich alle explizit machen kann. Das ist auch nicht notwendig, da ich jetzt keine dieser Auffassungen diskutieren will. Ich wollte nur darauf hinweisen, dass es eine reichhaltige und interessante Literatur gibt, die in der einen oder anderen Weise damit befasst ist, unser grundlegendes Bild von der Verursachung von Handlungen zu vervollständigen. Dabei ist zu beachten, dass die übliche Argumentationsform eine normative und nicht eine empirische ist. Was behauptet wird, ist, dass unsere Handlungen von moralischen Motiven geleitet sein sollten, dass sie in einem umfassenderen Sinne Gründen zugänglich sein sollten, dass sie von Wünschen zweiter Ordnung gelenkt sein sollten, und so weiter. Der Umfang, in dem sie jeweils tatsächlich auf solche Weise bestimmt sind, ist keine philosophische Frage, wenngleich sicherlich vorausgesetzt wird, dass solche normativen Überlegungen auf die eine oder andere Weise einen tatsächlichen spürbaren Einfluss haben.

All das darf uns aber nicht von der Tatsache ablenken, dass die grundlegende Handlungserklärung die vorhin skizzierte entscheidungstheoretische Form hat, wie immer diese genau zu verbessern ist. In der Tat ist das offensichtlich die einzige Erklärungsform, die mit unserem Selbstverständnis als wesentlich vernunftbegabten und mit einer normativen Perspektive ausgestatteten Wesen verträglich ist.

Die Einräumbarkeit der Identitätstheorie

Kurzum, natürlich sind unsere Handlungen verursacht. Sie sind mental verursacht, wie gerade skizziert. Sie sind sogar physisch verursacht. Ich hänge einer Typ-Typ-Identitätstheorie an, wonach mentale Zustände oder Eigenschaften auf vielleicht in einem breiteren Sinne zu verstehenden materiellen Zuständen oder Eigenschaften supervenieren; in Abhängigkeit davon, was man als Eigenschaft oder Zustand versteht, folgt aus dieser Supervenienz, dass die mentalen Zustände mit materiellen Zuständen identisch sind. Dasselbe gilt für die Kausalität. Kausalität findet sich auf allen Ebenen, nicht nur zwischen Elementarteilchen. Es gibt Kausalbeziehungen unter mentalen Zuständen und zwischen mentalen und materiellen Zuständen, und wenn mentale Zustände materielle Zustände sind, dann sind diese mentalen Kausalbeziehungen materielle Kausalbeziehungen; ich sehe keine besonderen Probleme mit der so genannten supervenienten Kausalität.

Das sind verwegene apodiktische Äußerungen über eine philosophische Schlangengrube. Drum will ich gar nicht erst anfangen, sie zu verteidigen. Das ist auch gar nicht nötig. Die Argumentationslage ist ja vielmehr, dass ich meinem möglichen Opponenten diese stark materialistische Typ-Typ-Identitätstheorie schenken will und kann; ich muss mein Heil gar nicht in raffinierten Theorien über die Beziehung zwischen Geist und Körper suchen. Ich bin sogar bereit einzuräumen, dass unsere tatsächlichen normativen Vorstellungen auf unserer materiellen Beschaffenheit supervenieren. Wenn diese normativen Vorstellungen irgendwie anders wären als sie tatsächlich sind, dann müsste auch die physische Materie irgendwie anders beschaffen oder verteilt sein, als sie es tatsächlich ist. Das bestreiten zu wollen, schiene mir verrückt.

Ich kann sogar zugestehen, dass die normativen Tatsachen selbst, so es sie gibt, auf den physikalischen Tatsachen supervenieren. Ich bin mir unsicher, ob man überhaupt von normativen Tatsachen reden kann; vielleicht liegen die normativen Wahrheiten in den Aussagen, zu denen wir dem Peirceschen Ideal entsprechend am Ende der normativen (nicht der empirischen) Urteilsbildung gelangen würden. Wenn wir diese Rede zugestehen, so superveniert aber eine apriorische normative Wahrheit, wie es der kategorische Imperativ laut Kant ist, trivialerweise auf den physikalischen Tatsachen, einfach weil sie überhaupt nicht von diesen Tatsachen abhängt. Und zwei Situationen, die unterschiedlich zu bewerten oder normativ zu beurteilen sind, müssen sich auch physikalisch irgendwie unterscheiden. (Darin lag ja der Ursprung der Supervenienzdiskussion bei George Moore und Richard Hare.) Zumindest gehört es zu unserer normativen Bewertungs- oder Beurteilungspraxis, physikalisch ununterscheidbare Fälle normativ gleich zu beurteilen; und dann gilt das eben auch für den Peirceschen Grenzwert der Beurteilung, wenn er denn existiert, also für die normativen Wahrheiten selbst. Das alles kann ich jedenfalls einräumen.

Der Punkt, auf den es mir jetzt ankommt, ist, dass all diese starken ontologischen Bekenntnisse des Identitätstheoretikers, die ich teile, in keiner Weise unsere empirische erkenntnistheoretische Betrachter-Perspektive festlegen. Sie geben dem empirischen Standpunkt keinen Vorrang gegenüber dem normativen, und sie untergraben nicht die Nicht-Eliminierbarkeit des normativen Standpunkts. Wieso?

Der Laplacesche Dämon

Es ist ein alter philosophischer Schachzug, ontologische Überlegungen mit Hilfe des Laplaceschen Dämons in erkenntnistheoretische zu überführen. Wenn der Dämon die grundlegende Ontologie unserer Welt, die Verteilung der Materie (zu einem bestimmten Zeitpunkt) und die sie beherrschenden Naturgesetze kennt, dann kann er offenbar alles wissen; er kennt dann alles, was es gibt, er kann alle vergangenen Ereignisse und auch Handlungen erklären und alle zukünftigen Ereignisse und Handlungen und sogar all unsere zukünftigen normativen Vorstellungen vorhersagen. Er scheint die Vervollkommnung unserer empirischen Betrachter-Perspektive zu verkörpern, und in dieser Vervollkommnung ist kein Platz mehr für die normative Perspektive.

Dieses Bild vom Laplaceschen Dämon ist allerdings äußerst irreführend. Wir müssen uns klar vor Augen halten, wie sehr der Dämon von menschlichen Gegebenheiten abweicht. Es geht nicht darum, dass auch der Dämon in unserem indeterministischen Universum schnell versagen würde. Ontologisch können wir gerne einen strikten Determinismus zugrunde legen. Der springende Punkt ist vielmehr, dass weder wir noch der Dämon in der Lage sind, die Supervenienzbeziehung, die in unseren ontologischen Bekenntnissen lediglich behauptet wird, im Detail anzugeben und dass unsere Unfähigkeit und die des Dämons ganz verschiedene Gründe haben, auch wenn sie am Ende konvergieren.

Unser Problem ist weniger die vollständige Kenntnis der fundamentalen physikalischen Gesetze; da sind wir weit gekommen. Ganz unmöglich ist uns aber die vollständige Kenntnis aller physikalischen Einzeltatsachen zu einem bestimmten Zeitpunkt, über die der Dämon verfügt. Und wir haben auch nicht die perfekten Rechenfähigkeiten des Dämons. Nach menschlichen und allen physikalischen Maßstäben ist beides vollkommen fiktiv. Ich wette, dass wir komplexe Moleküle nie auf quantenphysikalischer Grundlage exakt werden durchrechnen können und dass wir nie über ein nur allergröbstes Verständnis der neurophysiologischen Supervenienzbasis mentaler Prozesse hinauskommen werden wie z. B. derjenigen, auf der das Hinschreiben und das Verständnis eben dieses Satzes beruht.

Insbesondere können wir nichts Besseres tun als von unserer früher geschilderten einfachen Form der Handlungserklärung auszugehen, welche die einzige war, die damit konsistent war, dass wir eine normative Perspektive haben. Wir können und müssen diese einfache Form in vielfältiger Weise spezifizieren, qualifizieren und verbessern; einige Möglichkeiten dafür hatte ich angedeutet. Natürlich entwickeln wir auch unseren normativen Standpunkt weiter, wir suchen nach immer besseren und vollständigeren Antworten auf unsere normativen Fragen.

Damit bauen wir auch gleichzeitig unseren empirischen Standpunkt aus; unsere normativen Vorstellungen dienen gleichzeitig als empirisches Ideal. Wir tun oft, was wir sollen; oft tun wir es auch nicht. Wir genügen oft unserem normativen Ideal, und oft verfehlen wir es; die verschiedenen Formen des Versagens werden philosophisch unter der Überschrift „Willensschwäche“ diskutiert. Jede empirische Theorie über unser Verhalten muss diesen Punkt berücksichtigen, muss unsere normative Theoriebildung als eine Idealisierung analog etwa zur reibungslosen Bewegung verstehen und dann diese Idealisierung durch geeignete Korrekturtheorien realistischer machen. Jede empirische Theoriebildung, die den normativen Standpunkt einfach ignoriert, muss unvollständig und inadäquat bleiben. Normative und empirische Theoriebildung sind hier in der Tat in einem komplexen doppelten Überlegungsgleichgewicht verknüpft, welches durchaus noch einer detaillierten Beschreibung harrt.

Der Dämon hat die komplementären Probleme. Für seine Allwissenheit reicht es nicht hin, alles über die ontologisch grundlegende Ebene der Physik zu wissen. Er weiß dann noch überhaupt nichts über die einschlägigen Supervenienzverhältnisse. Wenn er wissen will, was Wasser ist, muss er erst unseren Begriff von Wasser haben; wenn er den hat, dann ist es für ihn natürlich ein Leichtes festzustellen, dass Wasser H2O ist. Wenn er vorhersagen soll, ob ich morgen glücklich bin, dann muss er wissen, wie Glück auf all seiner Physik superveniert; und um das zu wissen, muss er erst einmal unseren komplexen Glücksbegriff erwerben. Das gilt ebenso für all unsere anderen mentalen Begriffe. Insbesondere müsste er auch unsere normative Perspektive haben und ausüben; sonst kann er nie verstehen, worum es in unserem normativen Diskurs überhaupt geht.

Die notwendige Verschränkung von normativer und empirischer Perspektive

Von beiden Seiten her kommen wir also zu der gleichen Schlussfolgerung. Der Dämon muss über die normative Perspektive verfügen, auch wenn sein einziges Ziel ist, das empirische Bild zu vervollständigen. Wir haben die normative Perspektive und müssen sie als empirische Idealisierung berücksichtigen, auch wenn wir nur empirische Psychologie betreiben wollen.

Dass die normative Subjekt-Perspektive nicht zur Gänze eliminiert werden kann, habe ich schon zu Beginn mit der Unvermeidlichkeit normativer Fragen erklärt. Jetzt habe ich das stärkere Argument ausgeführt, dass sich die normative Subjekt-Perspektive nicht einmal aus der empirischen Betrachter-Perspektive verbannen lässt. Man kann die empirische Psychologie nicht vervollständigen, ohne sich auf den normativen Standpunkt einzulassen. Und natürlich gilt dann diese Feststellung nicht nur für die Psychologie; sie verallgemeinert sich auf alle Humanwissenschaften, Soziologie, Ökonomie und politische Wissenschaften. Mithin sind wir auch vom empirischen Standpunkt aus auf die normative Perspektive angewiesen. Es wäre nicht angemessen, eine Perspektive als die primäre auszuzeichnen.

Fazit: Wenn wir emphatisch daran festhalten, dass wir einen freien Willen haben und dass unsere Handlungen erste Ursachen sind, dann sagen wir vom normativen Standpunkt aus die Wahrheit. Und das müssen wir auch dann anerkennen, wenn wir zur empirischen Perspektive überwechseln; auch in deren Rahmen können wir den normativen Standpunkt nicht eliminieren. Diese meine These ist, wie betont, nur ein kleiner Teil der reichen Wahrheit über die Handlungs- und Willensfreiheit, aber ein elementarer und vernachlässigter, der es verdient, herausgestrichen zu werden.

UNSER AUTOR:

Wolfgang Spohn ist Professor für Philosophie und Wissenschaftstheorie an der Universität Konstanz.

Vom Autor gekürzte Fassung eines mehrfach vorgetragenen und zu einem Aufsatz erweiterten Textes.
Der Originalaufsatz erscheint in: Dieter Sturma (Hg.), Julian Nida-Rümelin über Vernunft und Freiheit, Berlin, de Gruyter 2008.




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