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02 2017

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Karsten R. Stueber :
Fremdverstehen und Fremdbewerten. Zur epistemischen und moralischen Relevanz der Empathie

aus: Heft 2/2017, S. 18-35
 
 
 
Fremdverstehen
 
Das Wesen und die kognitive Struktur unseres Verstehens anderer Menschen, ihrer Geisteszustände und ihrer Handlungen, ist eines der zentralen Themen der philosophischen Neuzeit. Im 18. Jahrhundert, besonders im Umkreis der moralischen Sentimentalisten wie David Hume und Adam Smith, interessierte man sich für das Phänomen des Fremdverstehens vor allem hinsichtlich der menschlichen Fähigkeit, soziale Bindungen einzugehen und aufrechtzuerhalten sowie der psychologischen Grundlagen moralischen Handelns und Urteilens. Fremdverstehen wurde primär als eine Form der sozialen Kognition und Interaktion verstanden und nicht als ein autonomes Problem innerhalb der Erkenntnistheorie thematisiert.
 
Als ein rein epistemisches Problem wurde Fremdverstehen erst im 19. Jahrhundert im Rahmen der philosophischen Reflexion auf die erkenntnistheoretischen Grundlagen der Geisteswissenschaften, besonders der Geschichtswissenschaften, entdeckt. Dabei geht es vor allem um die Fragen,
 
- ob und wie sich die Methoden unseres Zugangs zu den Geisteszuständen anderer Menschen von den Methoden der Erkenntnisgewinnung innerhalb der Naturwissenschaften unterscheiden und
 
- ob solche unter Umständen unterschiedlichen Methoden dennoch einen objektiven Erkenntniserwerb in der Domäne der Geistes- oder Sozialwissenschaften erlauben (Kögler und Stueber 2000, Stueber 2012).
 
Die lebhafte Diskussion in den letzten Jahrzehnten über das Wesen des Fremdverstehens ist als eine (meistens allerdings unbewusste) Fortführung und Zusammenführung dieser beiden Stränge zu verstehen. Vorangetrieben wird sie von den Einsichten der empirischen Wissenschaften des Geistes, besonders der Entwicklungspsychologie und der Neurowissenschaften.
 
Ein weiter Empathiebegriff
 
In dieser Diskussion spielt der Empathiebegriff eine wichtige Rolle. Allerdings wird er dabei unterschiedlich verwendet (siehe dazu Batson 2009, Stueber 2008/2014). Im folgenden wird Empathie als ein mentales Resonanzphänomen unterschiedlich kognitiver Komplexität verstanden: Die Geisteszustände eines anderen empathisch zu verstehen, heißt , dass man sie in einem gewissen Sinne im eigenen Geist nachvollzieht. Empathie kann, aber muss nicht bewusste Anstrengungen erfordern. Im Gegensatz zur emotionalen Ansteckungen setzt Empathie allerdings die Fähigkeit voraus, das Selbst und die andere Person minimal zu unterscheiden. In dem man die Geisteszustände des Anderen empathisch “erfasst”, ist man sich bewusst, dass es sich um die Geisteszustände einer anderen Person handelt. Man fühlt sich insofern nicht nur glücklich, weil man sich in einem Zimmer voll von glücklichen Menschen befindet. Das Glücklichsein oder die Trauer der Anderen empathisch nachzuvollziehen setzt vielmehr voraus, dass man in gewisser Weise erkennt, dass es um die Trauer des Anderen geht. Eine andere Person empathisch zu verstehen, bedeutet deswegen auch nicht, dass man sich mit dieser Person vollständig identifiziert. Vielmehr versteht man sie als ein anderes Ich. Empathie ist darüber hinaus streng von der Sympathie oder dem Mitleid zu unterscheiden. Mitleid oder Sympathie sind Emotionen sui generis, die sich auf das Wohlergehen einer anderen Person in Not beziehen. Sie verlangen keineswegs, dass man die Geisteszustände des Anderen im eigenen Geist nachvollzieht. Höchstens muss man sie auf eine abstrakte Weise wahrnehmen, indem man zum Beispiel theoretisch zur Kenntnis nimmt, dass der Andere an Depressionen leidet.
 
Der hier verwendete Empathiebegriff umfasst sowohl rein kognitive als auch affektive Phänomene. Unsere empathische Fähigkeiten erlauben es uns diesem Verständnis nach auch, die Gedanken eines Philosophen wie Platon nachzuvollziehen. Dieses weite Verständnis entspricht dem Begriff der Empathie, wie er von Theodor Lipps in der Debatte um den epistemischen Zugang zum Fremdpsychischen, von Collingwood und Dray in der Debatte über historische Erklärungen und von Goldman und Stueber in der gegenwärtigen Debatte über die Struktur der sozialen Kognition vertreten worden ist. Dabei geht es nicht nur um die Frage, wie man die affektiven Zustände einer anderen Person erfasst, sondern auch, wie man ihr inneres Leben insgesamt versteht, so dass man den Sinn ihrer Handlungen angemessen erkennen kann.
 
Selbst David Hume und Adam Smith haben einen weiten Empathiebegriff verwendet. Für Hume basiert die Empathie (oder was im 18. Jahrhundert allgemein noch als Sympathie bezeichnet wurde) auf der psychologischen Tendenz der Menschen, “sich in ihrem Innern zueinander wie Spiegel” zu verhalten (Hume 1978, 365). Explizit referiert Hume in diesem Zusammenhang nicht nur auf menschliche Affekte und Gefühle, sondern auch auf ihre Meinungen. Der Hang zur inneren Imitation erklärt für ihn insofern nicht nur, warum wir uns in einem Raum glücklicher Menschen glücklich fühlen, sondern auch, warum Kinder, die in einer politisch konservativen Gemeinschaft aufwachsen, aller Wahrscheinlichkeit konservative politische Ansichten vertreten.
 
Die oft anzutreffende Begrenzung des Empathiebegriffs auf affektive Geisteszustände, die sich in unserem umgangssprachlichen Verständnis dieses Begriffs widerzuspiegeln scheint, erklärt sich durch den Einfluss der Sozialpsychologie. Sozialpsychologen interessieren sich besonders für die Erforschung des Verhältnisses von Empathie und prosozialem Verhalten. In diesem Zusammenhang ist es sinnvoll, den Empathiebegriff auf affektive Geisteszustände einzuschränken, da nur affektive Zustände uns direkt motivieren können. Eine solche Beschränkung ist aber weder zwingend vorgeschrieben noch in Bezug auf die Geschichte und Ursprungs des Empathiebegriffs philosophisch gerechtfertigt.
 
Die Debatte über die Alltagspsychologie
 
Eine andere Person zu verstehen setzt voraus, dass man nicht nur einige ihrer äußeren Merkmale, sondern dass man sie auch in ihrem Inneren kennt. Man weiß also nicht nur, wie groß sie ist, vielmehr weiß man, was sie denkt und was sie fühlt und vielleicht auch, warum sie so denkt und fühlt. Natürlich kann man eine Person mehr oder weniger, besser oder schlechter verstehen. Aber minimal scheint ein solches Verständnis vorauszusetzen, dass man einer Person gewisse mentale Zustände zuschreiben kann und dass man ihre Überzeugungen, Vorlieben, Gefühle, und Wünsche kennt. Deswegen ist man dann auch in der Lage zu erklären, warum sie im Restaurant Schokolade- und nicht Vanilleeis bestellt oder dass sie enttäuscht ist, weil ihr Lebenstraum, Medizin zu studieren, am Numerus Clausus gescheitert ist.
 
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