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02 2017

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Was leistet die Begriffsanalyse?

aus: Heft 2/2017, S. 36-44
 
 
Stellungnahmen von Gottfried Gabriel, Joachim Horvath, Christoph Schamberger und Frieder Vogelmann
 
Was leistet die philosophische Begriffsanalyse?
 
Christoph Schamberger: Die meisten Menschen haben zahlreiche spontane Überzeugungen, sogenannte Intuitionen, zu verschiedenen philosophischen Problemen. Sie haben zum Beispiel ein Verständnis davon, was eine Handlung ist oder was es heißt, etwas zu wissen (freilich verstehen darunter nicht alle das Gleiche). Philosophische Begriffsanalyse besteht darin, diese intuitiven Überzeugungen über philosophische Probleme bewusst zu machen und sie sprachlich zu artikulieren. Man geht meist von typischen Fällen aus, auf die ein philosophischer Begriff wie jener der Handlung angewendet wird und achtet darauf, was sie alle gemeinsam haben. Wenn wir einen Begriff auf verschiedene Fälle anwenden, unterstellen wir nämlich, dass sie eine gemeinsame Eigenschaft haben. Mit dem Begriff bzw. mit dem sprachlichen Ausdruck des Begriffs, einem Prädikat, beziehen wir uns auf diese gemeinsame Eigenschaft. Diese Eigenschaft tritt wiederum unter bestimmten Bedingungen auf, sie ist mit anderen Eigenschaften verknüpft. So beruhen etwa alle Fälle von Handlungen auf Überlegungen und Entscheidungen, und sie entspringen dem Willen einer Person.
 
In der Begriffsanalyse achten Philosophen auf die gemeinsamen Bedingungen, die in allen untersuchten Fällen vorliegen. Dadurch gelangen sie zu einer ersten Beschreibung der Eigenschaft, auf die sich der Begriff bzw. sein Prädikat bezieht. Anschießend ist die Beschreibung zu präzisieren und ggf. zu korrigieren, indem man prüft, ob sie auch auf andere Fälle zutrifft, auf die man den Begriff anwenden möchte. Umgekehrt sollte sie keine Fälle erfassen, auf die man den Begriff ungern anwenden möchte. Auch hypothetische Fälle aus Gedankenexperimenten müssen diesen Test bestehen. Wenn alles gut geht, erhält man eine möglichst detaillierte Beschreibung der Eigenschaft, auf die sich der Begriff bzw. sein Prädikat bezieht. Man kennt dann alle Bedingungen, unter denen die Eigenschaft auftritt. Hierzu möchte ich allerdings vier verbreitete Missverständnisse ausräumen:
 
1. Der Sache nach findet sich das Verfahren der Begriffsanalyse spätestens seit Platon in großen Teilen der westlichen Philosophie, ist also keine Erfindung der analytischen Philosophie. Außerhalb der analytischen Philosophie firmiert es oft unter anderen Etiketten wie „Begriffsbestimmung“ oder „Begriffsklärung“.
 
2. Begriffsanalyse ist nicht gleichzusetzen mit Bedeutungsanalyse oder Klärung von Wortbedeutungen. Das wäre Aufgabe der Linguistik. Wortbedeutungen findet man in Wörterbüchern, nicht in philosophischen Texten.
 
3. Nichts an der Begriffsanalyse legt uns auf die Annahme fest, wir formulierten darin analytische oder apriorische Urteile. Für die Legitimität der Begriffsanalyse ist es unerheblich, ob es analytische oder apriorische Urteile gibt und ob man sie von anderen Urteilen abgrenzen kann. Vermutlich sind die meisten begriffsanalytischen Beschreibungen, zumindest die interessanteren, nicht analytisch, d. h. sie sind nicht allein aufgrund der Bedeutung der darin vorkommenden Ausdrücke wahr.
 
4. Nichts an der Begriffsanalyse legt uns auf irgendeine Ontologie der Begriffe fest. Wir müssen keineswegs unterstellen, wir würden darin Begriffe in einfachere oder grundlegendere Begriffe zerlegen. Dieses Modell mag in früheren begriffsanalytischen Projekten wie dem der Wissensanalyse Pate gestanden haben. Für andere Projekte wäre es jedoch ungeeignet. So wäre völlig unklar, welcher der Begriffe „Handlung“, „Überlegung“, „Entscheidung“ und „Wille“ einfacher oder grundlegender ist als die anderen. Besser stellt man sich Begriffsanalyse als ein Projekt vor, in dem untersucht wird, wie Begriffe und die damit bezeichneten Eigenschaften miteinander zusammenhängen.
 
Gottfried Gabriel: Theoretisches Wissen – im Unterschied zu praktischem Wissen im Sinne eines Könnens – äußert sich vornehmlich in Form von Behauptungen. Daher scheint es nahe zu liegen, den Begriff der Erkenntnis mit dem Begriff des Wissens im Sinne eines begründeten wahren Glaubens (justified true belief) gleichzusetzen und dementsprechend den Begriff der Erkenntnis an den Begriff der Wahrheit zu binden. Nach dieser Auffassung wäre jede Erkenntnis propositional (aussageartig). Gegen eine solche Engführung ist auf nicht-propositionale Erkenntnisformen zu verweisen, wie sie zum Beispiel in Literatur und Kunst vorliegen. In der Philosophie werden nicht-propositionale Erkenntnisse insbesondere durch Begriffsanalysen vermittelt, indem diese durch Unterscheidungen einen grundlegenden Beitrag zu unserem Selbst- und Weltverstehen leisten. Die Einführung von Unterscheidungen durch Definitionen stellt die vorpropositionalen Weichen für propositionale Geltungsansprüche, für ein Sich-behaupten durch Behauptungen. Vorgeführt wird dies bereits in den Dialogen Platons, die vorwiegend aus Unterscheidungsdiskursen nach dem Verfahren der begriffsanalytischen Einteilung (Dihairesis) bestehen.
 
Joachim Horvath: Sinnvollerweise lassen sich zumindest zwei methodische Leistungen der philosophischen Begriffsanalyse unterscheiden. Zum einen eine eher klärende oder propädeutische Leistung, die in der Auf deckung von begrifflicher Mehrdeutigkeit, Vagheit oder Unklarheit bzw. Inkohärenz besteht. Ein (allerdings umstrittenes) Beispiel für Mehrdeutigkeit wären die verschiedenen Sinne von Wissen, wie propositionales Wissen oder Wissen-wie. Ein Beispiel für Inkohärenz könnte der Wahrheitsbegriff sein, der aufgrund der Lügner-Paradoxie nach Ansicht mancher Philosophen widersprüchlich ist. Zum anderen wird die Begriffsanalyse häufig als zentrale Methode der Philosophie verstanden, mit der sich a priori oder „aus dem Lehnstuhl heraus“ substanzielle philosophische Fragen beantworten lassen wie beispielsweise „Was ist Wissen?“, „Was ist Wahrheit?“ oder „Ist Wissen immer wahr?“. Keine der beiden Leistungen der philosophischen Begriffsanalyse ist allerdings unkontrovers. Selbst die Aufdeckung von begrifflicher Mehrdeutigkeit oder Unklarheit ist nach Ansicht mancher Philosophen, wie zum Beispiel Herman Cappelen oder Edouard Machery, besser bei der Linguistik oder der kognitiven Psychologie aufgehoben.
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