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PORTRÄTS

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Ferdinand Fellmann:
Blumenberg, Hans


Mehr als ein Jahrzehnt nach seinem Tode erscheinen in dichter Folge Schriften aus dem Nachlass von Hans Blumenberg, zuletzt: Beschreibung des Menschen; Carl Schmitt: Briefwechsel sowie Der Mann vom Mond. Über Ernst Jünger. So entsteht das Bild eines modernen Klassikers, der einen Platz im geistigen Raum der Gegenwart beansprucht. Jüngere Leser, die ihn nicht erlebt haben und nur das eine „offizielle“ Foto von ihm kennen, fragen mit Recht, was für ein Mensch Hans Blumenberg war und welche Bedeutung seinem Werk zukommt. Da seine voluminösen Bücher nicht leicht zu lesen sind und seine Nachlaßverwalter alles tun, ihn mit der Aura eines über den Wassern schwebenden Geistes zu versehen, scheint es mir an der Zeit, aus eigener Erfahrung etwas zu seinem Profil beizutragen.

Anfänge in Gießen

An der wiederbegründeten Philosophischen Fakultät der Universität Gießen, an die Hans Blumenberg 1960 als ordentlicher Professor für Philosophie berufen wurde, herrschte Aufbruchstimmung. Dazu trug nicht zuletzt die üppige personelle Ausstattung bei, die Blumenberg mehrere Assistenten und Hilfskräfte bescherte, zu denen ich zählte. Was uns faszinierte, war die unakademische Art des Umgangs, die zu dieser Zeit noch keineswegs üblich war. Niemand brauchte „Herr Professor" zu ihm zu sagen, aber er wurde doch als Autorität anerkannt. Auch bei den Themen, über die wir uns, eingehüllt in den Rauch dicker Zigarren und etwas angeheitert von Likör, unterhielten, ging es eher locker zu. Blumenberg war ein echter Technikfreak, „Autos“ waren ein bevorzugtes Gesprächsthema. Wir Assistenten fuhren schon schnittigere Wagen, während er noch mit einem DKW älterer Bauart anrollte. Er verteidigte sich selbstironisch damit, dass ein Zweitakter wegen des großen Leerlaufs das für einen Philosophen angemessene Fahrzeug sei.

Bei unseren Zusammenkünften gab es oft homerisches Gelächter, das durch das Treppenhaus der alten Villa auf der Ludwigstraße schallte, in der das Philosophische Seminar untergebracht war. Die Kollegen aus den anderen Fächern haben das mit Staunen zur Kenntnis genommen. Hinzu kam, dass Blumenberg nachts arbeitete und nie vor 14.00 Uhr die Universität betreten hat. Das hatte einen einfachen Grund: Heuschnupfen, der ihn im Sommer zwang, eine dunkle Sonnenbrille zu tragen. So entstand schon früh ein gewisser Nimbus der Unnahbarkeit. Absolute Höhepunkte waren Blumenbergs Vorlesungen. Im grauen Paletot und elegantem Hut betrat er den Saal und trug dann frei vor. Als Gedächtnisstütze benutzte er lediglich Karteikarten, von denen er die Zitate ablas, die seinem Vortrag ein unvergleichliches Kolorit verliehen. Seine profunde historische Bildung hatte nichts von der Langeweile an sich, die dem Historismus anhängt. Von den wenigen Einladungen philosophischer Fachkollegen ist mir Hans Jonas in Erinnerung, noch nicht der Jonas des Prinzips Verantwortung, sondern der Jonas der Erforschung der spätantiken Gnosis. Er wollte über die Transformation der aristotelischen Kategorienlehre sprechen, knüpfte dies aber an die Bedingung, trotz des großen Rauchverbotschildes im Hörsaal sich eine Zigarette anzünden zu dürfen. Blumenberg antwortete auf seine weltmännische Art: Er holte eine dicke Zigarre aus seinem Etui, und unter Beifall konnte der Vortrag beginnen.

Blumenberg war also nicht der Typus eines verknöcherten Professors, obwohl sein Lesepensum damals schon enorm war. Sein Hauptinteresse galt der Spätantike und dem Spätmittelalter, an denen er die Gesetze geistesgeschichtlicher Umbrüche demonstrierte.

Für den Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit war auch ein starkes weltanschauliches Motiv leitend. Der Voluntarismus des mittelalterlichen Gottesbegriffs war ihm ein Greuel, da er seinem Bild vom Menschen als sich selbst behauptendes Wesen widersprach. Die neuzeitliche Rationalität interpretierte er als Antwort auf die Herausforderungen des christlichen Willkürgottes, der den Menschen seiner Selbstbestimmung beraubt. Literarisch hat dieser Gedankenkomplex seinen Niederschlag in seinem ersten großen Werk, Die Legitimität der Neuzeit aus dem Jahre 1966 gefunden. Das Werk demonstriert nicht nur seine Auffassung von der immanenten Entwicklung wissenschaftlicher Paradigmen, es lebt von einem starken antitheologischen Affekt, der schon im Titel zum Ausdruck kommt: Die Legitimität der Neuzeit ist eine Antwort auf Das Ende der Neuzeit des seinerzeit viel gelesenen katholischen Philosophen Romano Guardini.

Poetik und Hermeneutik

Neben diesem Schwerpunkt gab es ein weiteres Themenfeld, auf dem Blumenbergs Talente aufblühten. Es waren die Aspekte der ästhetischen Produktion und Rezeption. Den institutionellen Rahmen lieferte die legendäre Forschungsgruppe „Poetik und Hermeneutik", der neben Blumenberg der Germanist Clemens Heselhaus, der Anglist Wolfgang Iser und der Romanist Hans Robert Jauß angehörten. Schon im ersten Gießener Kolloquium der Forschungsgruppe war Blumenberg der unangefochtene Star. Er faszinierte durch die souveräne Art, literarische Interpretation mit philosophischer Argumentation zu verbinden. Als exemplarischer Autor galt der französische Dichter-Philosoph Paul Valéry, dessen Tagebücher ein ganzes Regal der Präsenzbibliothek des Philosophischen Seminars in Gießen füllten. Kein Studierender hat je in diese Bücher hineingeschaut, was Blumenberg aber nicht störte. Hier wird schon in Umrissen deutlich, wie sehr sich Blumenberg von den Realitäten des Universitätsbetriebs entfernte und an einer eigenen Geisteswelt baute.

Es darf nicht unerwähnt bleiben, dass Blumenberg, dessen Mutter jüdischer Abstammung war und der sich selbst ironisch als „Mischling ersten Grades" bezeichnete, einige Zeit im Arbeitslager verbrachte, davon aber keinen öffentlichen Gebrauch gemacht hat. Im Gegenteil: Der beginnenden Aufarbeitung der Vergangenheit stand er eher skeptisch gegenüber. Eine „Erinnerungskultur" hielt er wegen ihrer unkontrollierbaren Emotionalität für eine gefährliche Sache. Die Verfassung der Bundesrepublik Deutschland war ihm die begrifflich und rechtlich verlässlichste Form der Vergangenheitsbewältigung. Eindrucksvoll war der jüdische Witz, mit dem er dem mörderischen Rassenwahn Hitlers begegnete. Dazu eine Szene, die mir heute noch lebhaft vor Augen steht: Wir Mitarbeiter erwarteten ihn zu unserem nachmittäglichen Treffen in seinem Dienstzimmer. Bei seinem Eintreten sagte er: "Ich war gerade bei Gawlick (ein Assistent); als ich eintrat, hat er von seinem Buch aufgeschaut und mich erstaunt angestarrt, so als wolle er sagen: Sie gibt es noch?“ Auf unsere Frage, um welches Buch es geht, kam die Antwort: „Mein Kampf". Das Buch konnte damals noch ungestraft in der Präsenzbibliothek stehen, so groß war das Vertrauen in die Urteilskraft und Resistenz der nachwachsenden Generation. Hier wird deutlich, dass Blumenberg zu den unpolitischen Intellektuellen der Ära Adenauer gehörte, die über jeden Verdacht nazistischer Ideologie erhaben waren, die aber glaubten, die Vergangenheit sei endgültig überwunden.

1968er Jahre in Bochum

1965 kam der Wechsel an die Ruhr-Universität Bochum, wo der neokonservative Hermann Lübbe das Sagen hatte. Zunächst löste der Wechsel nach Bochum Hochstimmung aus. Aber die Aufbauarbeit an der neu gegründeten Universität wurde ihm zunehmend lästig. Hinzu kam, dass das Wetterleuchten der Studentenrevolution auch in Bochum sichtbar wurde, was die Botmäßigkeit seiner Mitarbeiter in Grenzen hielt. Entscheidend aber war etwas anderes: Blumenbergs Einstand in Bochum war eine mehrstündige Kant-Vorlesung, die am Anfang einen großen Hörsaal füllte. Im Laufe der Zeit allerdings lichteten sich die Reihen, was im akademischen Betrieb nicht ungewöhnlich ist, in diesem Fall aber ziemlich dramatische Formen annahm. Denn so brillant Blumenberg das Denkgebäude der drei Kritiken mit zahlreichen Zitaten vorstellte, die Hörer vermissten zunehmend eine sachliche Auseinandersetzung mit dem transzendentalen Idealismus. Sie wollten keine Hommage an Kant, sondern wollten wissen, ob seine Deduktion der Kategorien haltbar ist. Darauf gab er keine überzeugende Antwort.

Blumenberg hat auf den Misserfolg seiner Kant-Vorlesung in der ihm eigenen Weise reagiert. Er ist der systematischen Auseinandersetzung ausgewichen und hat zunehmend seine Art, Philosophie- bzw. Geistesgeschichte zu betreiben, zur Philosophie selbst erklärt. Entsprechend hat sich sein Themenfeld verschoben. Er verlegte sein Interesse auf die bildlichen Formen der Reflexion, insbesondere auf die Metaphorik. Er konnte dabei auf seine Schrift Paradigmen zu einer Metaphorologie aus dem Jahre 1960 zurückgreifen, die bis dahin kaum Leser gefunden hatte. Von der Metapher war es nur ein kleiner Schritt zum Mythos, dessen Gegenwärtigkeit er nach dem Vorbild von Leszek Kolakowski auch in der Philosophie der Neuzeit nachzuweisen suchte. In diesem Zusammenhang ist ein Denker zu nennen, dessen Bedeutung für den Mythos Blumenberg nicht hoch genug eingeschätzt werden kann: Odo Marquard, der in der Forschungsgruppe „Poetik und Hermeneutik" eine immer prominentere Rolle spielte. Was an Marquard faszinierte, war sein Skeptizismus, mit dem er Kants Systematik auflöste, sowie seine Affinität zu psychoanalytischen Denkformen des späten 19. Jahrhunderts. Hier konnte sich Blumenberg anschließen und sein geschichtsphilosophisches Programm mit leichter Hand verabschieden. Marquards Schwierigkeiten mit der Geschichtsphilosophie, 1973 bei Suhrkamp erschienen, war ein Titel, der auch die Entwicklung von Blumenbergs Denken beschrieb. Allerdings beließ es Blumenberg nicht bei den Schwierigkeiten. Er ging über zu einem Programm semiotischer Welterschließung, für das sein Buch Die Lesbarkeit der Welt die eingängige Formel geliefert hat.

In dem Maße, wie sich der antiautoritäre Geist an der Universität breit machte, sah sich Blumenberg in der Defensive. Die Institutionen der Ordinarien-Universität brachen weg. In dieser Atmosphäre reagierte Blumenberg geradezu panisch und begann, sich selbst zur Institution zu machen. Für eine sozial bindende Wirkung des Mythos hatte er kein Verständnis. Die Kommunikation mit philosophischen Kollegen hielt sich in Grenzen, und auch mit Studierenden gab es keine Kontakte, die über die Lehrveranstaltungen hinausgingen. Selbst aus den Kolloquien der Forschungsgruppe „Poetik und Hermeneutik" zog er sich zurück, da er sich von persönlichen Begegnungen zunehmend bedrängt fühlte. Es entwickelte sich bei ihm das Gefühl, dass seine Werke ihn rechtfertigen, sich in Splendid Isolation zurückzuziehen und nur noch über seine Schriften in Erscheinung zu treten.

Die Flucht ins Werk spiegelt auch seine universitätspolitische Entwicklung. Aus Gründungskommissionen der neuen Universitäten hat er sich schnell verabschiedet. Ein anderer Schauplatz seines Rückzugs war die FU Berlin, wo er 1968 ein Semester lang ein Gastspiel gab. Während die Studenten dort das Philosophische Seminar besetzten und über die gesellschaftliche Rolle der Philosophie diskutierten, beharrte Blumenberg auf der Rekonstruktion weit abliegender Themen. Er glaubte nicht, dass Protestbewegung und Hochschulreform Wege seien, die Menschen zum Selbstdenken zu bewegen. Der Auftritt in Berlin verdeutlicht plastisch, welche Schwierigkeiten Blumenberg mit dem Verhältnis von Theorie und Praxis hatte.

Stille Rivalität

Blumenbergs geistiges Profil bleibt unverständlich, wenn man sein Verhältnis zu Jürgen Habermas nicht berücksichtigt. Mit ihm zusammen hat er neben Dieter Henrich und Jacob Taubes die Reihe „Theorie“ im Suhrkamp-Verlag herausgegeben. Als Habermas sein Denken stark in die Protestbewegung der Studenten einpasste und der Suhrkamp-Verlag auf diese Linie ging, hat sich Blumenberg aus der Herausgeberschaft der Reihe von heute auf morgen verabschiedet. Obwohl Erkenntnis und Interesse von Habermas in der Theorie-Reihe unter Mitherausgeberschaft von Blumenberg erschienen ist, hat er sich in seinen Schriften nie direkt mit Habermas auseinandergesetzt. Theoretische Neugierde hielt er für philosophischer als Interesse an der Verbesserung der Welt. Den Glauben an die Veränderbarkeit des Menschen betrachtete Blumenberg als haltlose Illusion. Dem kommunikativen Handlungsbegriff, von dem Habermas ausging, hat er Georg Simmels Leitbegriff der Wechselwirkung entgegengesetzt, die er als „Selbsterhaltung auf Gegenseitigkeit“ interpretierte. So wurde ihm der Duktus der Frankfurter generell suspekt.
Die Distanz gegenüber Habermas wurde aus dessen Auftreten in der Öffentlichkeit verstärkt. Sie widersprach Blumenbergs Vorstellung von der Rolle des Philosophen in der Gesellschaft. Nicht ohne Bosheit hat er Habermas mit dem Philosophen Rudolf Eucken verglichen, dessen Werke nach der Jahrhundertwende weltbekannt waren und der 1922 den Nobelpreis erhalten hat, heute aber so gut wie vergessen ist. Ob diese Parallele für das Nachleben von Habermas zutrifft, mag bezweifelt werden. Aber in einem hatte Blumenberg doch Recht: Die Neigung, sich an modische Themen anzuhängen, macht einen Denker zum Diener des Zeitgeistes. Nicht einmal den Duktus des engagierten Intellektuellen französischen Zuschnitts billigte Blumenberg Habermas zu; er stehe mit zu vielen auf du und du. Die wahre Praxis der Philosophie lag für Blumenberg in der reinen Theorie, so dass Erkenntnis und Interesse auch im Medium der Diskurse nie eins sein können. Die Differenz zu Habermas bezog sich auch auf den Umgang mit Schülern. Während Habermas eifrig darauf bedacht war, seine Assistenten auf Lehrstühle zu verteilen, und diese es ihm in ihren Büchern mit Zitaten dankten, verbat sich Blumenberg jede gedruckte Danksagung. Natürlich haben wir ihm das zunächst übel genommen. Erst später ist uns klar geworden, dass wahre Autorschaft darin besteht, seine Schüler sich selbst zu überlassen, damit sie sich aus eigener Kraft die Gedanken des Lehrers aneignen und weiterentwickeln können.

Münster und kein Ende

Nach den Turbulenzen der 1968er Jahre wirkte der Ruf an die Westfälische Wilhelms-Universität Münster im Jahre 1970 zunächst wie eine Erlösung. Entgegen einer weit verbreiteten Meinung bedeutet die Nachfolge Blumenbergs auf den Lehrstuhl von Joachim Ritter keineswegs, dass er in irgendeiner Weise zur Ritter-Schule zugehörig betrachtet werden kann. Im Gegenteil: Die Rede von der kompensatorischen Funktion der Geisteswissenschaften, die später verstärkt durch Marquard in die Diskussion gebracht wurde, entsprach nicht Blumenbergs Legitimitätsthese. Gegenüber dem Hegelianismus Ritters versuchte Blumenberg mit der Phänomenologie Edmund Husserls einen Neuanfang, der seine besten Vorlesungen und Seminare geprägt hat. Aber auch hier ist er in seinem systematischen Bemühen bald an Grenzen gestoßen. Phänomenologie wurde zur historischen Anthropologie, womit Blumenberg sich an Erich Rothackers Kulturanthropologie anschloss. Sie galt ihm als Weg der Vermittlung zwischen Genesis und Geltung. Darin traf er sich mit Habermas, der bei Rothacker promoviert hat und von diesem den Interessebegriff übernommen hat. Aber anders als Habermas, der daraus seine Theorie kommunikativen Handelns entwickelte, hat Blumenberg die naturalistische Anthropologie Arnold Gehlens zum Angelpunkt seines Denkens gemacht.

Institutionell erwies sich Münster nicht als der geschützte Raum einer traditionsreichen Alma Mater. Die große Zahl der Studenten Anfang der 70er Jahre erforderte eine gewisse Verschulung der Lehre, was zur Ausarbeitung von Curricula zwang. Dabei nahm Blumenberg Anstoß am Aufstieg von Autoren der Kritischen Theorie in den Kanon der obligaten Texte. Wie sehr er unter dem Wandel des Zeitgeistes gelitten hat, belegt ein Artikel Ein mögliches Selbstverständnis aus dem Jahre 1983. Darin lag insofern eine Ironie, als Blumenberg in diesem Beitrag nichts von seinem Selbst preisgibt. Stattdessen stellt er die Frage nach dem Selbstverständnis selbst in Frage und wehrt sich gegen die Zumutung, „sich im Selbstverständnis über die das Erkennen steuernden Interessen aufzuklären“. Ein Nachhall der Zerstörung des Selbstverständlichen durch die 1968er, die Blumenberg nie verwunden hat.

Dichter-Philosoph

Auch gegenüber der angelsächsischen Philosophie, die sich zunehmend an deutschen Universitäten etablierte, zeigte Blumenberg eine deutliche Abneigung. Das lag wohl auch darin, dass die nüchterne Ausdruckweise seinem stilistischen Ideal nicht entsprach. „Stil statt Wahrheit“ wurde zunehmend zu seiner Devise. Im Gegensatz zur Sprachanalyse der Amerikaner gab sich Blumenberg mit seiner Rhetorik betont alteuropäisch. Geistige Leistungen schrieb er allein der Privatsprache zu, deren Begriffe sich der Definierbarkeit entziehen. Dem entsprach seine Produktionsweise. Mit Hilfe von auf dem Tisch ausgebreiteten Karteikarten, auf denen die von ihm ausgesuchten Zitate getippt waren, hat er seine monumentalen geistesgeschichtlichen Panoramen entfaltet. So ist der eigentümliche Stil seiner Schriften entstanden. Er diktierte alles; das Schreiben, so bemerkte er einmal scherzhaft, habe er fast ganz verlernt. Insofern ist die in Marbach neuerdings ausgestellte Schreibmaschine Blumenbergs ein biographischer Witz.

Mit seiner Produktionsweise veränderte sich auch das Auftreten Blumenbergs in der Lehre. Seminare hat er nicht mehr gehalten. Seine Veranstaltungen nahmen den Charakter von Lesungen an, die auch ein nicht-studentisches Publikum anzogen. Die Bildungsbürger der Stadt kamen, um Blumenberg zu hören, der mittlerweile auch Bücher schrieb, die auf Bestsellerlisten landeten. So Die Sorge geht über den Fluss, eine Distanzierung von Heidegger, die ein literarisch interessiertes Publikum ansprach. Daraufhin wurde Blumenberg als Dichter-Philosoph gefeiert, eine Entwicklung, die das Feuilleton der FAZ beförderte, was Blumenberg selbst allerdings mit gemischten Gefühlen aufnahm. Denn er hätte sich doch lieber als Denker denn als Dichter gesehen.

Rückzug in den Mythos

Mit der Distanz gegenüber dem Betrieb wollte Blumenberg demonstrieren, dass der wahre Philosoph sich vom Wechsel der Tagesthemen nicht berühren lässt. Genau diese Distanz hat ihm die Aura verliehen, die noch heute sein Werk umgibt. Aber diese Haltung hatte auch ihre Schattenseiten. Sicherlich spielten charakterliche Schwächen und körperliche Gebrechen eine Rolle, über die er nicht sprach. Das gehört zum Menschlichen und Allzumenschlichen, über die das Nietzsche-Buch von Ernst Bertram, Versuch einer Mythologie, Auskunft gibt. Dieses Buch, das Blumenberg in seinen Vorlesungen ausführlich behandelt hat, endet mit der Tragik Nietzsches, die auch auf Blumenberg zutrifft: „er war zu stolz, zu großartig ichsüchtig, um zu empfangen“. In diesem Licht erhält sein Titel Höhlenausgänge eine tiefere Bedeutung. Es geht darin um mehr als eine Kritik am Platonismus; es ist ein Bewusstmachen der eigenen Problematik, Bruchstück einer versteckten Konfession. Die Überwindung des „isolierten Subjekts“, die Habermas publikumswirksam gelungen war, ist Blumenberg versagt geblieben.

So konnte eine in sich geschlossene Blumenberg-Welt entstehen, in der sich die Wirklichkeit seiner Zeit spiegelt. Wirklichkeiten, so seine Grundüberzeugung, lassen sich wegen ihrer Vielschichtigkeit nicht restlos durch Gründe rechtfertigen, sondern nur durch Begriffe in Geschichten darstellen. So blieb die Rechtfertigung der Welt für Blumenberg mit Nietzsche immer ästhetisch. Das macht Blumenberg zum Typus des Intellektuellen, dem die Zeit weggelaufen ist. Sein Individualismus hat sich nicht der Kommunikation geöffnet. Er hat den Schritt von der Legitimität der Neuzeit zum Projekt der Moderne nicht gemacht, vermutlich weil er die „exzentrische Positionalität“ des Menschen wörtlich genommen hat. Damit bleibt Hans Blumenberg der Gegenpol zu Jürgen Habermas, der vom Intellektuellen einen „avantgardistischen Spürsinn für Relevanzen“ erwartet. So spürbar die Herkunftsorientierung in Blumenbergs Werk auch ist, es verdient Aufmerksamkeit, wenn man verstehen will, wie sich das geistige Leben in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelt hat.

UNSER AUTOR:

Ferdinand Fellmann ist emeritierter Professor für Philosophie an der Technischen Universität Chemnitz.

Im Text genannte Schriften von Blumenberg:

Beschreibung des Menschen, 656 S., Ln., € 48.—, 2006, Suhrkamp, Frankfurt.

Carl Schmitt: Briefwechsel 1971-1978. Und weitere Materialien. 310 S., Ln., € 26.80, 2007, Suhrkamp, Frankfurt.

Der Mann vom Mond. Über Ernst Jünger. 186 S., Ln., € 19.80, 2007, Suhrkamp.

Die Legitimität der Neuzeit. 712 S., kt., € 20.—, stw 1268, Suhrkamp, Frankfurt.

Paradigmen zu einer Metaphorologie. Mit einem Kommentar von Anselm Haverkamp. Ca. € 13.—, Suhrkamp Studienbibliothek 10, erscheint im Oktober 2008, Suhrkamp.

Die Lesbarkeit der Welt. 432 S., kt., € 15.—, stw 592, 1986, Suhrkamp, Frankfurt.

Die Sorge geht über den Fluss. 228 S., Ln., € 24.80, Bibliothek Suhrkamp 965, Suhrkamp.

Höhlenausgänge. 827 S., kt., € 20.—, stw 1300, 1996, Suhrkamp, Frankfurt.



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