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Diffamierungen - Evaluierungen - Entlassungen. Ein Bericht über die Vorgänge in Ungarn

Diffamierungen – Evaluierungen –

Entlassungen

Ein Bericht über die Vorgänge in Ungarn. Von Peter Moser

 Diffamierung von Heller, Vajda und Radnóti

 Im April 2010 kam in Ungarn die rechtsgerichtete Regierung Orbán an die Macht; das politische Klima veränderte sich daraufhin. Die Philosophin Ágnes Heller, der Philosoph Mihály Vajda und der Literaturkritiker Sán­dor Radnóti protestierten öffentlich: „Das Alltagsleben Ungarns ist in erschreckendem Masse infiziert mit Rassismus gegen Roma, mit Homophobie und Antisemitismus. Gleichzeitig wird die Freiheit der Medien, der Kunst und der Kulturschaffenden immer stärker eingeschränkt.“ Der Regierung nahestehende Medien haben darauf auf eine Weise geantwortet, von der man hoffte, sie sei in Europa ein für allemal überwunden: mit     einem „Angriff auf die Freiheit und die Intellektuellen“ (so der Philosoph Gáspár Miklós Tamás) in Form einer andauernden öffentlichen Kampagne gegen die drei sowie andere linksliberale Intellektuelle. In der der Regierung nahestehenden Zeitung Magyar Nemzet  (und darauf noch radikaler in Magyar Hírlap und etwas gemäßigter in Heti Válasz) erschienen nacheinander Artikel, die sich mit diesen Philosophen beschäftigten. Es handle sich dabei, so der in Wuppertaler lehrende Philosoph László Tengelyi, um „eine Tag für Tag weiter geschürte Hetzjagd“. Erst wurde von „einem moralischen Tiefpunkt in der Philosophie“ gesprochen, dann hieß es, dieser Kreis stelle „die Anhänger der konservativen Seite beinahe tagtäglich an den moralischen Pranger“ (MN 08. 01. 2011). Zwei Tage später hieß es dann, „der Heller’sche Philosophenkreis“ beherrsche „so sehr das wissenschaftliche Leben, dass die Konfrontation mit ihm einer Exkommunikation und einer existenziellen Ver­unmöglichung gleichkom­men kann“ (MN 10. 01. 2011). Und dann: „Ein erheblicher Teil der Wissenschaftler wagt es nicht, gegen Heller und ihre Gefährten einzutreten, weil er um seine Existenz besorgt ist.“ (MN 10. 01. 2011). Es ist dies ein Ton, den man in Deutschland von den Anfängen des Nationalsozialismus kennt.

 Ágnes Heller, geb. 1929 in Budapest, ist die bekannteste unter den Genannten. Sie war eine Schülerin von Lukács, wurde dann wegen Revisionismus aus der Partei ausgeschlossen und musste das Land verlassen.  1995 erhielt sie den Hannah-Arendt-Preis für politisches Denken, 2010 die Goethe-Me­daille. Der 1935 geborene Mihály Vajda hatte sich der Budapester Schule um Lukács angeschlossen, er verlor als Abweichler 1973 seine Stelle und verließ Ungarn. Er war an verschiedenen Universitäten Gastprofessor und wurde erst 1989 rehabilitiert. Von 1996-2000 war er Direktor des Instituts für Philosophie an der Universität Debrecen und von Mitte 2008 bis Ende 2009 Direktor des Instituts für philosophische Forschung an der Ungarischen Akademie der Wissenschaften. Sándor Radnóti ist ein auch in Deutschland bekannter Literaturkritiker, Professor für  Ästhetik an der Budapester Eötvös-Univer­sität, Chefredakteur der Zeitschrift für Literatur und Literaturkritik Holmi und Autor einer ganzen Reihe ausgezeichneter Bücher, darunter einer neu veröffentlichten Monographie über Winckelmann.

 Die Diffamierungen haben zu Protesten in Deutschland geführt: „Wir protestieren aufs schärfste gegen die Verleumdungskampagne der ungarischen Regierung gegen Ágnes Heller, Mihaly Vajda, Sandor Radnoti und viele andere und fordern die Regierung auf, sich öffentlich bei den Betroffenen zu entschuldigen. Die kritischen Öffentlichkeiten in Europa sind aufgefordert, Vorgänge wie diese ins volle Licht der Öffentlichkeit zu stellen, zu protestieren und sich öffentlich für die diffamierten Personen einzusetzen“, fordert der „Hannah Arendt-Preis für politisches Denken e. V.“ Auch aus den angloame­rika­nischen Ländern gab es kritische Nachfragen.

 Die Reaktion aus Ungarn folgte postwendend: Man warf den im Ausland lebenden ungarischen Intellektuellen vor, sie wollten mit „archaischem Hass“ ihrer Heimat schaden: „Woher kommt diese tiefe Verachtung, mit der diese Intellektuellen auf dieses Land her­absehen und sich vor dem Ausland aktiv an der Anprangerung unseres Landes beteiligen?“

 Die Vergabe von Forschungsgeldern

 Unter der früheren sozialliberalen Regierung waren aus dem sogenannten Innovationsfond auf  Ausschreibungen hin sechs für Ungarn außergewöhnlich hoch dotierte Forschungsprojekte für Philosophie bewilligt worden (die inzwischen alle abgeschlossen sind).  Es ist die Rede von pro Projekt € 360'000 auf 3 Jahre (üblich sind in Ungarn für philosophische Projekte für einen solchen Zeitraum höchstens € 10'000).

 Im letzten Sommer beschuldigte ein Anonymus die Beteiligten bei der neuen nationali­stischen Regierung schriftlich der Verschwendung von Steuergeldern. Die sechs Projekte wurden nun im Auftrag der neuen Regierung von einzelnen Philosophen und Juristen überprüft. Am 8. Januar 2011 teilte das Büro des Ministerpräsidenten Viktor Orbán mit, gegen das Projekt Borbely sei eine polizeiliche Ermittlung wegen des Verdachts der Zweckentfremdung von Fördergelder aufgenommen worden. Janos Boros, der im Auftrag der Regierung das Projekt Borbély mit Juristen untersuchte, sah eindeutige Gesetzwidrigkeiten, und nun wurde Anzeige bei der Staatsanwaltschaft erstattet.  Budai Gyula, der von der Regierung ernannte Leiter der staatlichen Untersuchungskommission für Korruption, wurde mit einer offiziellen Untersuchung beauftragt. Seine Voreingenommenheit in der Sache belegt ein Interview, das er einem der rechtsextremen Ecke zugeschriebenem Medium gewährte: „Das Inter­essanteste (an diesem Fall) ist, dass es das Amt für Forschung und Technologie war, das dieses Förderprogramm entwickelt, die Projekte ausgeschrieben und auch über die Vergabe der Mittel entschieden hat. Dort stand eine bedeutende Geldquelle zur Verfügung, von der Mittel mit fadenscheinigen Begründungen zu den ausgewählten Philosophen umgeleitet werden konnten, deren Projekte die Ausschreibung später auch gewonnen haben.“ Es ist denn auch nicht erstaunlich, dass sich die genannten Hetzartikel Tengelyi zufolge auf der offiziellen Seite Gyulas wiederfinden. In einem Artikel auf der Internetseite pusztaranger wordpress  wird die Auffassung vertreten, mit diesen Projekten habe man eine Handhabe gefunden, ehemalige Regierungsmitglieder, die die Aufträge vergeben hatten, vor Gericht zu bringen. Insbesondere geht es gegen den ehemaligen liberalen Wissenschaftsminister Bálint Magyar, dem damals das Amt für Forschung und Technologie unterstand, das die Forschungsgelder auszahlte. In der Folge gerieten auch Heller und Vajda als Leiter der beiden übrigen Projekte sowie der Ästhet Béla Bacsó, der ein positives Gutachten abgegeben hatte, in den Strudel der Ermittlungen.

Die nationalistischen Medien nahmen dies sofort auf, um die an den untersuchten Projekten beteiligten Philosophen zu diffamieren. Man betonte deren liberale Gesinnung und ihre Rolle in kulturpolitischen Gremien während der Regierung der sozialistisch-liberalen Koalition und ihre Funktion als Ratgeber eines damaligen Ministers. Bei  Heller und Vajda wurde herausgestellt, dass sie der Lukács-Schu­le angehört und während der kommunistischen Kádár-Zeit als Intellektuelle Karriere gemacht hätten. Magyar Nemzet unterstellte gar eine Korrelation zwischen „dem politischen Auftreten“ der inkriminierten Philosophen und „den eingeworbenen Unterstützungen“: „Vergebens operieren die betroffenen Philosophen mit Märtyrergesten“. (15. 01. 2011). Auch mit Spott hielt man sich am 17. Januar nicht zurück: „Wir sollen nur beim Leisten bleiben und uns nicht naseweis danach erkundigen, warum man heute unter dem Vorwand der Integration in die Europäische Union über die antiken Grenzen zwischen Philosophie und Wissenschaften brütet oder warum man die bigotten Albernheiten von Georg Lukács wiederkäuen, warum Platons Werke aus dem Ungarischen ins Ungarische übertragen soll“. Mit letztere sind zehn Platon-Bände gemeint, die aus Fördergeldern zum Teil neu übersetzt, zum Teil aber „nur“ vollständig überarbeitet, mit gelehrten Kommentaren, Textanalysen und in manchen Fällen mehr als hundert Seiten langen Nachworten versehen wurden. „The press has depicted these philosophers as a criminal gang“, urteilt István Bodnár, Philosophieprofessor an der Central European University in Budapest: „The goal of the accusers is harassment“.

 Für Laszlo Tengelyi handelt es sich bei dem Vorwurf, wonach die Bewerbungsprojekte dem Ausschreibungstext nicht entsprochen hätten, um eine „falsche und irreführende Behauptung“. Die ganze Angelegenheit trage „erkennbar den Charakter einer Abrechnung mit politisch Andersdenkenden“. In einem offenen Brief wies er nun seine deutschen Kollegen auf die skandalösen Verhältnisse in seinem Heimatland hin.

 Jürgen Habermas und Nida-Rümelin  haben daraufhin in der Süddeutschen Zeitung einen Aufruf verfasst:„Wir machen uns Sorgen um das politische und berufliche Schicksal ungarischer Kollegen. Im Mittelpunkt des Konflikts stehen Àgnes Heller, Mihály Vajda und Sándor Radnóti, die den Ministerpräsidenten Orbán wegen der Einführung des fragwürdigen Me­diengesetzes öffentlich kritisiert haben. Heller und Vajda wurden schon während der kommunistischen Herrschaft als Dissidenten verfolgt. Sie verloren 1973 ihre Professuren und mussten 1977 emigrieren. Nun sind sie unter der nationalistischen Regierung, die ihre Zweidrittelmehrheit im Parlament zur Aushöhlung der Verfassung nutzt, erneut politischen Schikanen ausgesetzt. Die regierungstreue Presse hetzt gegen einen um diese Personen unbestimmt erweiterten ‚Kreis liberaler Philosophen‘, wobei der Ausdruck ‚liberal‘ inzwischen wieder mit der Konnota­tion der vaterlandslos-kosmopolitischer Gesinnung jüdischer Intellektueller besetzt ist. ... In China wird zu Recht die Einhaltung der Menschenrechte eingefordert. Aber im eigenen Haus sieht man nicht so genau auf die Finger. Das ist der Skandal im Skandal.“

 Auch sechzig auswärtige Mitglieder der Ungarischen Akademie der Wissenschaft, darunter Nobelpreisträger, verlangten Aufklärung. Der Präsident der Akademie, der Physiker József Pálinkás, antwortete darauf: „Work in progress ist threatened by unprofessional and ill-considered comments, and by deliberately generated political mud-slinging, be this from the world of academia, from a public administration, or from the activities of the media.“ Aber, so Pálinkás zu Science Insider: „In one case, the misspending has been proven by the Internal Finance Auditing Office of the academy… The principal investigator has made harsh and unfounded political statements about the new government, and now the political press are suggesting that this is the reason. But I do not believe this, I do not have any evidence from government officials that this would be  the case.“

 Die Evaluierung an der ungarischen Akademie der Wissenschaften

 Laut dem Philosophen Gáspár Miklós Tamás, Mitglied des Philosophischen Instituts der Akademie der Wissenschaften, haben bereits 2009, also vor der Wahl von Orbán, die „postfaschistischen Verhältnisse“, wie er es nennt, begonnen: „weitreichende politisch motivierte Säuberungen“ seien seitdem an staatlichen Institutionen durchgeführt und deren leitende Positionen mit konservativem Personal besetzt worden.

 Auch um die Zukunft des Instituts für Philosophie an der Akademie der Wissenschaften in Budapest, zu dem auch das Lukács-Archiv gehört, wurde in den Medien lebhaft gestritten. Dieses Institut wurde in den 50er Jahren nach sowjetischem Vorbild gegründet  (wie die Akademie-Institute der DDR). Für die

Mitarbeiter besteht keine Anwesenheits- und auch keine Unterrichtspflicht. Sie können frei in Bibliotheken oder auch zu Hause arbeiten. Das Reglement verlangt jedoch, dass Assistenten nach drei Jahren zu promovieren beginnen. Dozenten bzw. Professoren haben jährlich mindestens einen Artikel zu veröffentlichen.

 Nach der Wende war dieses Institut nicht – wie das in der DDR geschah – abgewickelt worden, und es war eigentlich klar, dass „im Institut einige Mitarbeiter da sind, deren Tätigkeit eigentlich überflüssig ist“ (so ein Insider). Man suchte nun jemanden, der im Institut aufräumen und für den Anschluss an den Stand der europäischen bzw. internationalen Philosophie sorgen sollte. Das „Search Komittee“ kam auf Janos Boros und setzte ihn auf den ersten Platz. Erst danach bewarb sich Boros; er wurde dann vom Präsidenten der Akademie zum Direktor des Philosophischen Instituts ernannt und damit beauftragt, eine Evaluierung durchzuführen.

 Boros hatte in der Schweiz Philosophie studiert und dort auch promoviert; er war danach u. a. bei Rorty und Derrida und kehrte erst nach der Wende nach Ungarn zurück, wo er in Pécs Philosophieprofessor wurde. Er baute dort ein Philosophiestudium nach westlichem Vorbild auf, in dem auch die analytische Philosophie einen wichtigen Platz hat.  Er hat in Pécs  über zwanzig internationale Konferenzen mit Philosophen, u. a. mit  Habermas, Rorty, Derrida, Putnam und Brandom, organisiert. Man sah in ihm offenbar einen Garanten für Erneuerung der Akademie auf internationalem Niveau. Boros beurteilt die politische Lage ganz anders als Heller, Vajda und Radnóti : „Es gibt keine Fakten, die soziologisch belegt wären, dass in Ungarn ein Rassismus gegen Roma oder Antisemitismus überhaupt, merkbar oder mehr als in westlichen Ländern verbreitet wäre.“ Auch hinsichtlich der Einschränkung der Freiheit der Medien hat er eine andere Sichtweise: „Ich habe Künstler, Reporter, Journalisten gefragt – keiner hat so etwas gemerkt… Debatten werden sogar heftiger ausgeführt als früher, ohne jeglichen Maulkorb“.

 Boros richtete eine dreiköpfige Untersuchungskommission ein: „Der Präsident der Akademie hat mich gebeten, eine möglichst hohe fachliche Qualität zu sichern“. In die Kommission wurden zudem Tamás Demeter (der sein Studium 2010 in Cambridge mit   einem PhD in Philosophie abgeschlossen hatte) sowie die Wittgenstein-Forscherin Katalin Neumer berufen. Es kam jedoch zu Konflikten. Der im Institut unbeliebte Demeter warf György Gábor, der am Borbély-Pro­jekt teilgenommen hatte, auf der Weihnachtsfeier 2009 Unterschlagung von Forschungsgeldern vor, vorauf die Situation eskalierte. Es kam zu einem Zivilprozess (den Demeter verlor; die genauen Einzelheiten finden sich im Internet, siehe den Weblink am Schluss des Artikels). Katalin Neumer wieder wollte prinzipiell alle Institutsangehörigen positiv bewerten. Boros löste die Kom­mission auf und führte die Evaluation im Alleingang fort.

 Das Resultat war allerdings fatal: 15 der 25 Mitarbeiter des Instituts erfüllten laut Boros die im Reglement des Instituts formulierten Anforderungen nicht: „Ein Hauptmitarbeiter sollte zum Beispiel in seinem jahrzehntelang geübten Arbeitstempo mehr als zwanzig Jahre nach seiner Emeritierung noch arbeiten, damit er die Anforderungen bis zu seinem Rentenalter erfüllt. Ein Hauptmitarbeiter hat in zehn Jahren eine einzige Studie auf Ungarisch publiziert (vorgeschrieben: zehn Studien für zehn Jahren). Es gab im Institut Mitarbeiter, die seit vielen Jahrzehnten (teilweise seit den siebziger Jahren) angestellt waren, die nicht einmal ein Doktorat haben, und keine Sprachprüfung vorweisen können“. In der Folge wurden vier Mitarbeiter im November 2010 entlassen. Der 63jährige Gás­pár Miklós Tamás sollte erst in Pension geschickt werden, doch später hat Boros davon abgesehen.

 Boros gibt auch eine Erklärung dazu, wie es zu diesen für ihn nicht tolerierbaren Verhältnissen im Institut gekommen sei: „Die mei­sten Mitarbeiter des Instituts wurden vor der politischen Wende, teilweise in den späten siebziger, frühen achtziger Jahre eingestellt. Weder ihre Leistung noch ihre Arbeitsmoral noch ihre politischen Ansichten (frühere oder heutige) wurden bis heute untersucht. Auch jetzt wurde nicht nach politischen Ansichten gefragt, und ich weiß natürlich auch nicht, wer für welche Partei seine Stimme gibt“. Boros betont: „Weder gibt es einen Zusammenhang zwischen der politischen Lage und meinen akademischen Entscheidungen als Direktor des Philosophischen Institutes der Akademie noch gibt es einen Zusammenhang zwischen diesen Entscheidungen und der Affäre um Ágnes Heller. Ágnes Heller und die Mehrheit der erwähnten Philosophen sind nicht Mitarbeiter des Philosophischen Institutes der Ungarischen Akademie der Wissenschaften.“ Zwar gehören mehrere der negativ Evaluierten zu den als „liberal“ bezeichneten Philosophen, und einige profitierten von den Forschungsgeldern – nicht aber die Entlassenen. Boros weist allerdings die Unterstellung entschieden zurück, die Resultate seiner Evaluierung hätten einen politischen Hintergrund: „Mir Komplizenschaft mit denen zu unterstellen, die Philosophen angreifen, ist absurd und absolut zurückzuweisen“. Sándor Radnoti, einer der von Medien Angegriffenen, sah das anders. Im November letzten Jahres organisierte er eine Protestaktion im Institut gegen die seiner Meinung nach politisch motivierten Entlassungen und Bewertungen und darauf im Internet eine Aktion, die bald einmal an die zweitausend Unterschriften zählte. Der emeritierte Philosoph Ferenc L. Lendvai sieht den Grund des Erfolges dieser Aktion vor allem im Protest gegen die politischen Hintergründe dieser Entlassungen. „Es ist kein Zufall, dass die Regime immer gegen die Philosophen vorgehen. Sie meinen das Denken“, erläutert Mihály Vajda in einem Gespräch. Auch Lászlo Tengelyi forderte den Präsidenten der Ungarischen Akademie der Wissenschaften auf, „eine Untersuchung über die völlig willkürlichen und zumindest zum Teil offensichtlich unbegründeten Entlassungen am Philosophischen Institut durchzuführen“. Aber er bekam darauf keine Antwort.

Zum Institut gehört auch das Lukács-Archiv. Die Internationale Lukács-Gesellschaft      äußerte sich  „beunruhigt über Berichte, die uns über Vorgänge im Lukács-Archiv erreichen“. Das Archiv, das „vor einschneidenden personellen und finanziellen Veränderungen“ stehe, sei für die wissenschaftliche Pflege und Erschließung des Oeuvres von Georg Lukács „von entscheidender, auch internationaler Bedeutung … Es ist zu hoffen, dass Befürchtungen unbegründet sind, es werde die Demontage des unbequemen Lukács-Er­bes angestrebt, d. h. auf längere Sicht die Eli­minierung des Lukács-Archivs, und mit dem Schlag gegen die Überreste der Budapester Schule die Einschüchterung der linksliberalen Intelligenz.“ Boros zufolge sind jedoch keine Änderungen beim Lukács-Archiv geplant.

 Laszlo Tengelyi hat die Evaluierungen genauer geprüft und am 3. Dezember 2010 in der Wochenzeitung  Élet és Irodalom die Leistungen der Entlassenen untersucht. Er kommt dabei zu einem anderen Urteil als Boros und wirft diesem nun Einseitigkeit vor:  „Der Direktor hat entschieden, welche Publikationen als ‚wissenschaftliche Leistun­gen‘ in Betracht kommen. Artikel, die als ‚publizistisch‘ betrachtet wurden, wurden da­bei ausgeschlossen. Aber die Grenzen der publizistischen Tätigkeit wurden so weit gezogen, dass z. B. auch alle Beiträge zur publizistischen (und damit wertlosen) Aktivität zugerechnet wurden, die etwa in einer seriösen, aber nicht allein philosophische Aufsätze veröffentlichenden Zeitschrift (wie in der von Herrn Radnóti her­ausgegebenen Zeitschrift Holmi) veröffentlicht wurden. Bei westlichen Publikationen wurden Beiträge zu Sammelbänden, unter deren Herausgebern sich auch nur ein einziger ungarischer Wissenschaftler fand, als nullwertig abgetan und nicht mitgezählt. Beiträge zu ungarischsprachigen Sammelbänden wurden gar nicht akzeptiert, nur Zeitschriftenartikel. Veröffentlichungen, die zwar im Ausland, aber nicht in „Westeuropa“ oder in „Nordamerika“ erschienen sind, wurden wie­derum als wertlos eingestuft. Dabei wurden die verwendeten Kriterien nicht schriftlich festgelegt und nicht folgerichtig und einheitlich verwendet. Bei der Bewertung westlicher Publikationen liebäugelte der Direktor eine Zeitlang mit der ERIH-Liste der Zeitschriften, aber er konnte davon überzeugt werden, dass diese Liste doch höchst umstritten ist. Auch so hatten jedoch seine Bewertungen eine deutliche Tendenz zur Bevorzugung von Zeitschriften, die der analytischen Philosophie gewidmet waren.“

Entlassen wurde Miklós Mesterházi (geb. 1952). Laut Tengelyi hat er im Lukács-Ar­chiv gearbeitet und sich vor allem mit Lukács und Bloch beschäftigt. Veröffentlicht habe er sechs Bücher und eine stattliche Reihe von Aufsätzen habe und sich darüber hinaus als Kant-Übersetzer, Bloch-Übersetzer usw. hervorgetan. Er habe nun auch seine Qualifikationsschrift zur Erlangung des „aka­demischen Doktorats“, des in Ungarn höch­sten wissenschaftlichen Grades, eingereicht. Tengelyi steht nicht allein. Auch Ferenc Lendvai protestierte gegen die Entlassung von Mesterházi. Dagegen das Gutachten von Boros: „Seine Ernennung zum wissenschaftlichen Hauptmitarbeiter erfolgte gesetzeswidrig. Der Angestellte hat Übersetzungstätigkeit gehabt, aber es gibt keine Forschungstätigkeit und unabhängige fachliche Publikation“. Mester­házi habe in den letzten zehn Jahren bei einem Professorenlohn eine einzige Fachstudie veröffentlicht und ein ca. 100seitiges Buch, das den gleichen Titel trage wie seine Fachstudie.

 Der zweite laut Tengelyi zu Unrecht Entlassene ist János Laki (geb. 1956). Er habe, so verteidigt ihn Tengelyi, an die 40 Aufsätze und zwei Bücher veröffentlicht, darunter eine habilitationsäquivalente Schrift und ein neueres Buch über Thomas Kuhn, das inzwischen in Ungarn als Standardwerk zum Thema gelte. Die Zeitschrift Magyar Filozófiai Szemle („Ungarische Philosophische Rundschau“) hat im letzten Jahr eine schriftliche Diskus­sion über dieses Buch unter Teilnahme von vier Experten veranstaltet.

 Boros verweist dagegen auf seine Zusammenfassung von Lakis Qualifikation: „Sehr spärliche Publikationstätigkeit. Er hat während 26 Jahren ein einziges Buch veröffentlicht“.

 Tengelyi kritisiert nicht nur diese beiden Entlassungen; sein Vorwurf an Boros: er habe bei der Evaluierung überhaupt willkürliche Kriterien und unregelmäßige Verfahren angewandt. Hinzu kommt: die Entlassenen werden wohl keine neue Anstellung mehr finden. Boros allerdings verweist wiederholt auf die Abwicklung in Ostdeutschland nach der Wende: Was damals geschehen sei, habe man in Ungarn verpasst, und das müsse nun dringend nachgeholt werden.

 In Österreich (viele der als „liberal“ disqualifizierten Philosophen haben gute Beziehungen nach Wien) haben diese Vorgänge für Aufregung gesorgt. Man hat verärgert zur Kenntnis genommen, dass Katalin Neumer, die einen guten Ruf als Wittgenstein-Exper­tin hat, betroffen ist. Doch Neumer wurde in einer informellen Qualifikation von Boros fachlich als sehr gut beurteilt. Auch befürchtete man, dass nun alle als ‚ungenügend qualifiziert’ Beurteilte entlassen würden – hier gibt Boros jedoch Entwarnung. Die  „Österreichische Gesellschaft für Philosophie“ überlegt sich, in welcher Form sie sich wirksam für die Betroffenen einsetzen kann.

 

Eine minutiöse Darstellung der Vorgänge am Institut für Philosophie findet sich im Internet unter:
http://pusztaranger.files.wordpress.com/2011/02/pusztaleaks-schauprozesse2011-2-3.pdf

 

aus Heft 1/2011

 




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