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03 2017

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Joerg Fingerhut und Rebekka Hufendiek:
Philosophie der Verkörperung. Die Embodied Cognition-Debatte

aus: Heft 3/2017, S. 16-32

Geist, Körper, Welt

Beim Stichwort „Denken" haben die meisten rationale, logische Überlegungen vor Augen, die sich nicht oder nur schwer an den Körper rückbinden lassen. Beim Stichwort „Kognition" denken viele an das Gehirn, Computermodelle oder Informationsverarbeitung. In der realen, uns umgebenden Welt treffen wir aber immer auf Wesen mit Körpern, die sich aktiv in einer strukturierten Umwelt bewegen. Die Grundthese der Philosophie der Verkörperung lautet, dass Kognition vielfältige Fähigkeiten vom Wahrnehmen über geschickte Verhaltensweisen bis hin zu abstrakten Überlegungen umfasst und dass diese Fähigkeiten nicht nur im Kopf, sondern auch im Körper und in der Welt verortet werden müssen. Mit dieser theoretischen Grundannahme ist eine der vielleicht weitreichendsten Neuorientierungen in den Geistes- und Kognitionswissenschaften der letzten 30 Jahre benannt. Die Philosophie der Verkörperung stellt in Frage, was Kognition überhaupt ist und wo und wie sie stattfindet. Die Debatte wird durch begriffliche Überlegungen, genauso wie durch phänomenologische Beschreibungen und empirische Arbeiten aus den verschiedenen Disziplinen der Kognitionswissenschaften geprägt.

Das Laufenlernen ist ein prominentes Beispiel, an dem sich die Paradigmenverschiebung innerhalb der Philosophie der Verkörperung gut beobachten lässt. Beim Laufenlernen handelt es sich um einen basalen kognitiven Prozess, bei dem es zentral um sensomotorische Kontrolle geht. Schon der stärkere Fokus auf solch basale Prozesse ist kennzeichnend für die Philosophie der Verkörperung. Zudem unterscheidet sich die Art und Weise, in der das Phänomen erklärt wird, signifikant von traditionellen Ansätzen. Die ersten Schritte macht ein Kind unmittelbar nach der Geburt als unwillkürliche, aber doch koordinierte Tritte in die Luft. Bis Kinder dann mit ungefähr einem Jahr tatsächlich laufen lernen, muss noch einiges geschehen. Eine traditionelle Erklärung dafür, wie sich die kognitiven Fähigkeiten des Kindes so ausbilden, dass sie die Motorik kontrollieren können, würde besagen, dass eine Art neuronales Programm vorhanden ist, das im Laufe der Entwicklung mit Erfahrungsinputs gefüttert wird und so schließlich die Kontrolle über den Ablauf der Bewegungen übernehmen kann.

Eine solche konventionelle Erklärung fokussiert jedoch ad hoc auf ein Programm im Gehirn als einzigen Faktor. Beim Laufenlernen spielen aber sicher mehrere Faktoren eine Rolle. Zum Beispiel muss das Gewicht der Beine im richtigen Verhältnis zur Muskelkraft stehen, das Gehirn permanent propriozeptives Feedback (also Informationen über die Position der Beine) erhalten, und das Kind muss zudem motiviert sein, kontrollierte Bewegungen zu erlernen. Auch die Umwelt muss in einer unterstützenden Weise auf den Vorgang des Laufenlernens einwirken. Der Boden muss zum Laufen geeignet sein, und es muss Personen geben, die als Vorbild dienen und helfende Hände anbieten.

Die philosophische Pointe der Philosophie der Verkörperung besteht nun darin, dass das Zusammenwirken all dieser Komponenten in den Blick genommen wird. Neuronale Prozesse, propriozeptives Feedback, Beschaffenheit des Körpers und Beschaffenheit der Umwelt befinden sich in permanenter Interaktion und müssen zur Realisierung einer Fähigkeit vor allem gut aufeinander abgestimmt sein. Erklärt man aber die Mechanismen dieser wechselseitigen Abstimmung genau, so braucht man eigentlich kein neuronales Programm mehr, das allein die Ausbildung und Ausführung einer Fähigkeit steuert. Man hat vielmehr ein dynamisches Modell des Laufenlernens vor sich, in dem sich Umwelt, Körper und Gehirn langsam aufeinander einstellen.

Eine methodologische Pointe eines so gearteten Ansatzes zur Kognition ist, dass neue Disziplinen mit in das Zentrum der Debatte um den menschlichen Geist rücken, die zuvor eher am Rand angesiedelt waren. Dies ist einerseits die kognitive Robotik, die die Bedingung der erfolgreichen Navigation durch eine komplexe Umwelt untersucht oder biologische Disziplinen wie Evo-Devo, die die Interaktion der Entwicklung eines Organismus mit seiner Umwelt erforschen. Aber auch die kognitive Archäologie und kulturelle Neurowissenschaft, die beide die Rolle von Artefakten (materiellen wie sozialen) für unsere mentalen Zustände und unsere sensomotorische Interaktion in den Blick nehmen. Denn, um beim Beispiel des Laufenlernens zu bleiben, Menschen lernen nicht nur laufen, sondern entwickeln u. a. ihre sensomotorischen Fähigkeiten innerhalb kultureller Kontexte in die verschiedensten Richtungen fort.

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