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03 2017

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Gerhard Ernst, Anton Leist, Walter Schweidler:
Ist die Einheit der Philosophie in Gefahr?

aus: Heft 3/2017. S. 33-39

Gerhard Ernst

Hat es je eine Einheit der Philosophie in der westlichen Tradition gegeben?

Das kommt ganz darauf an, wie man die Frage versteht. Wenn die Frage darauf zielt, ob es je eine Zeit gab, in der sich mehr oder minder alle Philosophinnen und Philosophen einigermaßen darüber einig waren, was die Grundfragen der Philosophie sind, dann würde ich sagen: Das war immer der Fall. Sonst gäbe es schlicht keine „Philosophie in der westlichen Tradition". Wenn es dagegen darum geht, ob es je eine Zeit gegeben hat, in der sich die Philosophierenden über die Antworten auf diese Grundfragen oder auch nur über die Art und Weise, wie man diese angehen sollte, einig gewesen wären, dann lautet die Antwort vermutlich: Nein. Es gab immer eine mehr oder minder große Vielfalt nicht nur von inhaltlichen Schwerpunktsetzungen, sondern auch von philosophischen Standpunkten und sogar Methoden. Das gilt, auch wenn man nur die Philosophie in der „westlichen Tradition" betrachtet.

Am interessantesten ist die Frage aber vielleicht in einer dritten Deutung: Gab es je eine Zeit, in der jeder einzelne Philosophierende glaubte, im Wesentlichen alle Grundfragen der Philosophie beantworten, also eine Philosophie entwerfen zu müssen? Ich glaube, dass das für lange Zeit galt, aber heute nicht mehr ohne Weiteres gilt. Sehr viele Philosophierende durch die ganze Geschichte der Philosophie hindurch haben sich darum bemüht, die Grundfragen der Philosophie zu beantworten. Das trifft auf Platon und Aristoteles ebenso zu wie auf Thomas von Aquin und Kant. Es gilt heute aber für viele nicht mehr. Viele sehen die Philosophie heute vielmehr als ein arbeitsteiliges Projekt an: Man ringt nicht mit den Fragen der Philosophie, sondern mit einigen (mehr oder minder speziellen) Fragen der Philosophie. Es gibt dann zwar vielleicht noch eine Einheit der Philosophie, wenn man die Gesamtheit der philosophischen Forschung betrachtet. Aber die Philosophie des Einzelnen bildet oft keine Einheit mehr.

Welche Bedeutung hat diese Einheit für die Philosophie?

Dass man sich über die Grundfragen der Philosophie einig ist, ist essentiell für die Disziplin. Dass man sich über die Antworten auf diese Grundfragen nicht einig ist, scheint überraschenderweise auch essentiell zu sein. Die Fragen der Philosophie sind von ihrer Natur her allem Anschein nach von der Art, dass sie immer wieder verschiedene Antworten erlauben, wenn nicht sogar fordern. Wie sonst wäre es erklärbar, dass die Fragen nicht längst ein für alle Mal beantwortet sind? Jede Zeit scheint ihre eigenen Antworten finden zu müssen – und offenbar sogar jeweils mehrere verschiedene Antworten. Dass schließlich die Philosophie eines jeden Philosophierenden eine Einheit darstellt, ist meiner Ansicht nach ebenfalls essentiell für die Philosophie. Man kann die Philosophie zwar auch als ein arbeitsteiliges Projekt betrachten – ähnlich wie die Wissenschaft. Dennoch bleibt die Philosophie immer grundlegend das Unternehmen eines jeden Einzelnen, Antworten auf die Grundfragen des Menschseins zu finden.

Wie sehen Sie die gegenwärtige Entwicklung der Philosophie hinsichtlich dieser Einheit?

Die Philosophie hat heute, wie zu allen Zeiten, unscharfe Grenzen. Was genau gehört noch zur Philosophie des Geistes, was zu den Neurowissenschaften? Wo verläuft die Grenze zwischen Metaphysik und Physik? Diese Fragen sind schwer zu beantworten, und doch ist die Disziplin insgesamt heute, wie in den letzten 2500 Jahren, durch einen festen Kanon an Grundfragen gut bestimmt. Auch was die Vielfalt der Positionen angeht, gibt es wenig Neues. Die Philosophie war und bleibt von Kontroversen und sogar von grundlegend unvereinbaren Zugangsweisen geprägt. Zu beobachten ist allerdings, dass sich die Einheit der Philosophie im dritten Sinn zusehends verändert. Heute geben sich immer mehr Philosophierende damit zufrieden, Metaphysikerinnen oder angewandte Ethiker zu sein, während der Anspruch, eine Philosophie zu haben, in der Fachwelt immer mehr suspekt wird. Es sieht fast so aus, als wäre für den Einzelnen ein professionelles Philosophendasein nur noch in historischer Forschung mit der individuellen Einheit der Philosophie vereinbar: Wer Kantexperte ist, kann ich sich nach wie vor professionell mit allen Grundfragen der Philosophie befassen – weil Kant sich mit allen Grundfragen befasst hat. (Wobei es auch hier schon immer schwieriger wird, ein Kantexperte zu sein und nicht nur ein Experte für Kants praktische oder theoretische Philosophie.) Als systematisch Philosophierender hat man es dagegen immer schwerer, beispielsweise die Grenze zwischen theoretischer und praktischer Philosophie zu überschreiten. Immer mehr Fachvertreterinnen und Fachvertreter beginnen ihre Karriere beispielsweise in der Erkenntnistheorie und beenden sie auch dort. Es gibt heute eine Spezialisierung in der Philosophie, wie es sie in der Geschichte so wohl noch nicht gegeben hat.

Wie beurteilen Sie persönlich diese Entwicklung?

Viele würden sagen, dass die Entwicklung hin zu einer Spezialisierung schlicht unumgänglich ist: Niemand kann die Fülle der Publikationen in der ganzen Philosophie im Blick behalten. Eigentlich geht das schon in den größeren Teildisziplinen nicht mehr, will man sich nicht auf die allerneusten Veröffentlichungen einschränken. Die Philosophie nimmt hier, so könnte man meinen, einfach den Gang einer jeden seriösen Wissenschaft. Und diese Entwicklung wird man positiv bewerten – wenn man glaubt, dass die Philosophie im Kern von derselben Art wie andere Wissenschaften ist. Das glaube ich allerdings nicht. Jedenfalls ist die Philosophie nicht nur von der Art einer Wissenschaft. Letztlich soll uns die Philosophie dabei helfen, uns auf einer ganz grundlegenden Ebene in der Welt zurechtzufinden. Zu diesem Zweck beschäftigt sie sich mit den Grundfragen des Menschseins. Jeder Mensch beantwortet diese Grundfragen für sich in irgendeiner Weise: häufig einfach durch die Übernahme eines Weltbildes von anderen, häufig durch punktuelle Reflexion über einzelne philosophische Fragen in bestimmten Lebensphasen. (Die Frage, worauf es im Leben ankommt, dürfte beispielsweise von vielen Menschen in der Pubertät und in der Midlifecrisis gestellt werden.) Die professionelle Philosophie hat, wie ich glaube, die Aufgabe, das Niveau dieser Reflexionen auf verschiedene Weise zu heben: durch die Ausbildung von Studierenden (die wiederum vielleicht Lehrer/innen oder Journalist/inn/en werden), durch die Beteili-gung an öffentlichen Debatten, aber vor allem, indem sie philosophische Texte hervorbringt, die von vielen gelesen werden können. Es ist natürlich wichtig, dass es esoterische philosophische Forschung gibt, also insbesondere philosophische Texte, die sich nur an ein Fachpublikum richten. Nur so kann ein entsprechendes Niveau gesichert werden. Aber es ist auch entscheidend, dass die philosophische Spezialforschung ihren Weg in die Philosophie des einzelnen Philosophierenden findet – in die Philosophie der Fachphilosophinnen und Fachphilosophen und von dieser aus in die Philosophie der breiten Öffentlichkeit. Wenn die Fachphilosophie darauf verzichtet, unser Weltbild insgesamt zu reflektieren und sich ganz in philosophische Spezialdebatten zurückzieht, macht sie das Feld frei für eine nicht-philosophische Prägung unseres Weltbilds, und das heißt im Wesentlichen für eine nicht-rationale Prägung unseres Weltbilds. Es wäre dementsprechend nicht nur schade und wesensfremd, wenn sich die Philosophie nur noch als Spezialistenwissenschaft verstehen würde, sondern es wäre für unsere Gesellschaft geradezu gefährlich. Nun könnte man sagen, dass aus diesen Überlegungen lediglich folgt, dass man die Ergebnisse der eigenen Spezialforschung auch in verständlicher Weise anderen zugänglich machen muss. Aber ich denke, dass mehr als das von professionell Philosophierenden verlangt wird, nämlich dass man diese Ergebnisse in die Ergebnisse der anderen Spezialforschungen integriert, das heißt: eben doch wieder eine Philosophie entwirft. Die Grundfragen der Philosophie hängen, wie ich glaube, alle eng miteinander zusammen, und wir sollten nicht darauf verzichten, zu versuchen, diese in einer einheitlichen Weise zu beantworten.

Gerhard Ernst ist Professor für Philosophie an der Universität Erlangen-Nürnberg.

 

Anton Leist

Hat es je eine Einheit der Philosophie in der westlichen Tradition gegeben?

Es hat bestenfalls meist ein Disziplinen stiftendes Bemühen um methodische Einheit gegeben. Gemeint ist damit der Versuch, alles Denkbare in einen kohärenten begrifflichen Zusammenhang zu bringen. Die dabei zu überwindenden Bruchlinien werden markiert durch die Begriffe Geist und Natur, Erkennen und Sein, Theoretisches und Praktisches, Sinn und Sinnlosigkeit. Entlang dieser Bruchlinien sind immer schon Schulen entstanden, indem sie sich auf eine von beiden Seiten in diesen Dichotomien stellten. Insofern gab es zwar immer schon eine Einheit im Ziel des Kohärenzstrebens, aber keine darin, wie sie zu bewerkstelligen sei. Den Kohärenzversuch selbst kontrovers zu interpretieren gehört als Grenzfall ebenfalls noch zu dieser methodischen Einheit der Philosophen.

Welche Bedeutung hat diese Einheit für die Philosophie?

In diesem Sinn des Bemühens um begriffliche Kohärenz zwischen globalen Begriffen ist die Antwort einfach: Ohne dieses Bemühen keine Philosophie.

Wie sehen Sie die gegenwärtige Entwicklung der Philosophie hinsichtlich dieser Einheit?

Das ist eigentlich eine Frage an einen Historiker. Zeitgenossen sind immer leicht verführt, die Entwicklung zu ihrem Zeitpunkt als besonders brisant anzusehen. Das könnte man auch für die Gegenwart behaupten, denkt man dabei an die Verbindung von Geist und Natur, Stichwort biologischer Naturalismus, an die Angebote zu Erkennen und Sein, Stichwort Pragmatismus, oder gegenüber der Dichotomie Theoretisch/Praktisch, Stichwort Diskurstheorie, zu Sinn und Sinnlosigkeit, Stichwort Wittgenstein. Aber diese Diskussionsfelder sind in den letzten vier Jahrhunderten, und insbesondere im 19., ähnlich aufsehenerregend vorweggenommen worden. Neu in der Gegenwart ist sicher die gesellschaftsbedingte Parzellierung einzelner Themen und Unterthemen, mit zugleich schwindendem Interesse an deren Zusammenhang. Darin spiegelt die Philosophie, die sich ja gern allem enthoben sieht, einfach die Spezialisierung von Arbeitsgängen im Kapitalismus wider, in Verbindung mit dem institutionellen Zwang wissenschaftsähnlich zu sein.

Wie beurteilen Sie persönlich diese Entwicklung?

Der in Teilen der Philosophie erkennbare Versuch, die Dichotomien gleichsam abzuwählen und damit die Philosophie aufzulösen, Stichwort Rorty, ist erfreulich. Denn eine so radikale Herausforderung legt den Ernst der Sache nahe, und sollte uns zwingen, die klassischen Probleme wieder einmal ernster zu nehmen. Wie zunehmend gegenüber der Religion (in Mitteleuropa) herrscht unter Philosophen eine Einstellung der, in diesem Fall „philosophischen" Indifferenz, wonach man es einfach für irrelevant halten kann, wie die klassischen Einheitsprobleme beantwortet werden. Das würde aber tatsächlich einen Übergang in eine andere Disziplin bedeuten, etwa wie Rorty vorschlug, in „Kulturpolitik". Unterstützt wird die Indifferenz gegenüber den umfassenden Fragen durch die angesprochene akademische Entwicklung, sich auf begriffstechnisch eng umrissene Probleme zu fokussieren, einfach weil sie fachlich leichter zu bearbeiten sind und der kurzfristige Berufserfolg wichtig ist. Die in der Philosophie immer schon angelegte Gefahr der Berufsidiotie erreicht gegenwärtig ein neues Niveau, und dabei ein hoch professionelles. Anstatt von einer solchen Einheiten-Indifferenz könnte man auch von einer Pluralisierung der begrifflichen Dichotomieprobleme sprechen, mit der die klassischen Dichotomien in ihrer zentralen Bedeutung aufgelöst werden. Der Zwang zu einem einheitlichen begrifflichen Denkrahmen hängt zwar am Wahrheitsziel, warum man ihn aber in der letzten Allgemeinheit der Philosophie verfolgen sollte, ist offen. Vielleicht bietet nur der westliche Monotheismus eine kulturell-psychologische Erklärung für dieses Bedürfnis. Löst sich dieser Monotheismus auf, wie gegenwärtig, so auch die bisherige Philosophie. An ihre Stelle träte, noch diesseits der Kulturpolitik, eine Philosophie mit einer nicht mehr hierarchisch zusammenhängenden Menge von „Problemen". Auch das ist eine mögliche Beschreibung bereits der Gegenwart. Welche Tendenz sich sozial durchsetzen wird – ich glaube nicht, dass uns viel mehr bleibt als das zu beobachten.

Anton Leist ist emeritierter Professor für Ethik an der Universität Zürich.

 

Walter Schweidler

Hat es je eine Einheit der Philosophie in der westlichen Tradition gegeben?

Paradoxerweise scheint die Einheit der Philosophie in der westlichen Tradition am größten in der Epoche gewesen zu sein, in der die Grenze der Philosophie zur Theologie zumindest nicht ausdrücklich fixiert und methodologisch reflektiert war, also im Hoch- und Spätmittelalter. Die scholastische Methode, die lateinische Sprache und die gemeinsame Bezugnahme auf einen Kanon autoritativ ausgezeichneter Texte schufen eine bis heute wohl beispiellose Homogenität der in Klöstern und Universitäten betriebenen Wahrheitssuche, freilich vor dem Hintergrund der existenziellen Bindung an den christlichen Glauben als Antwort auf die wirklich letzten Fragen und der Überzeugung, dass die Vernunft ihm niemals definitiv widersprechen könne. Man sollte auch die mehr als sechshundert Jahre nicht außer Acht lassen, in denen die antiken Philosophenschulen in all ihrer Vielfalt für die Bildungsidee und die soziokulturelle Homogenität der Führungsschichten im Römischen Reich eine zentrale Rolle spielten; auch hier bestand sprachliche und kulturelle Homogenität in Verbindung mit hoher politisch-gesellschaftlicher Akzeptanz der Bedeutung der Philosophie. (Peter Brown hat diesen Komplex in seinem ganzen Lebenswerk immer wieder dargestellt.) Vielleicht ist eine im äußerlich-traditionalen Sinn verstandene Einheit der Philosophie nur unter soziokulturellen Bedingungen zu erreichen, unter denen sie „gebraucht" und auch funktional anerkannt wird als Faktor, um geschichtliche Identität zu sichern und zu begründen. Davon sind wir heute so weit entfernt wie nur möglich.

Welche Bedeutung hat diese Einheit für die Philosophie?

Man sollte diese Bedeutung nicht überschätzen, vor allem aber sie nicht als etwas Intendierbares oder Steuerbares betrachten. Ob Philosophie in einer Epoche, einem Kulturkreis, einer methodologisch definierten Bewegung an Universitäten und in der Öffentlichkeit Einheit hervorgebracht hat, ist eine Reflexionsfrage, die man nur im Nachhinein stellen und beantworten kann. Angezielte, gesteuerte, programmatische Einheit bedeutet Dogmatismus. Die Entwicklung der „analytischen Philosophie" im zwanzigsten Jahrhundert liefert dafür einen einzigen großen Beleg. Ihr frühes methodologisches Pathos war zutiefst beeindruckend und innovativ: Teamwork, konzertierte, ressortmäßig gegliederte und vielfältig evaluierte Arbeit im Stile einer scientific community. Aber das war, recht verstanden, ihre Wettbewerbsidee, an ihr musste sie sich gegenüber anderen Auffassungen ausweisen und bewähren. Dass ihre Protagonisten auf diese Weise arbeiteten, war eine Devise, die strikt zu unterscheiden ist (und gewesen wäre) von der völlig anderen Forderung, dass alle philosophischen Aktivitäten nach dieser Auffassung auszurichten und andere Ansätze tendenziell aus dem Fachbetrieb auszuschließen seien. Die einfältig-dogmatische Umsetzung dieser Haltung bei einem immer dominanteren Teil der universitären Zunft bedeutete langfristig den geistigen Tod dieser Richtung. Ihre Herrschaft in vielen westlichen Ländern hat zu Sterilität und Konformität geführt, und dies hat mit einer systematisch fruchtbaren, spannungsgeladenen Einheit der Philosophie nichts zu tun. Die Suche nach Einheit in der Philosophie muss sich, wenn sie auf sich selbst vertraut, an ihrer Antithese bewähren und abarbeiten, nicht an der Gleichschaltung der erreichbaren Machtpotentiale.

Wie sehen Sie die gegenwärtige Entwicklung der Philosophie hinsichtlich dieser Einheit?

Wolfgang Stegmüller hat in der Einleitung des ersten Bandes seiner Hauptströmungen der Gegenwartsphilosophie klar und rigoros die unüberbrückbaren Differenzen im methodischen und systematischen Selbstverständnis und sogar in der Intention und im Begriff dessen, was überhaupt „Philosophie" bedeutet, benannt, die die heutige akademische und öffentliche Szenerie des Fachs kennzeichnen. Robert Spaemann hat liebevoll-ironisch von der Philosophie als der „institutionalisierten Grundlagenkrise" gesprochen. Wer sich den Blick auf die anarchische Vielfalt, in die sich die philosophischen Methoden, Fragestellungen und Programme heute aufgespalten haben, nicht freihält, landet im Dogmatismus, wer sich durch sie nicht wenigstens im Ansatz herausgefordert empfindet, landet im Relativismus. Man kann diese Vielfalt bis zu einem gewissen Grad rational rekonstruieren und aus ihr Rückschlüsse auf Wesen und Begriff der Philosophie ziehen, die einem erlauben, die eigene Position fruchtbar zu bestimmen und die Reflexion auf sich selbst in die Arbeit einfließen zu lassen. So ist meine Position immer gewesen, dass Philosophie mindestens vier Quellen dessen hat, was ich ihre geistige Macht (die französische Übersetzung meiner „Überwindung der Metaphysik" sagt sehr viel ansprechender: ihr génie) nenne, nämlich Wissenschaft, Religion, Politik und Kunst, und dass sie ihre Einheit letztlich immer von einer unter ihnen her zu finden versucht. Insofern sehe ich in der Philosophie schon prinzipiell eine Vielheit angelegt, die man durch methodische Standards, literarische Qualität und natürlich die argumentativ-kritischen Kriterien der intersubjektiven Vermittelbarkeit ihres Vortrags fruchtbar wenden, aber nicht dementieren oder abbauen kann. Philosophie kann dieser Meta-Ebene, also der Rückbeziehung auf Erkenntnisquellen, von denen her sie sich getragen erfährt und die sie nur hermeneutisch freilegen kann, nicht entgehen und gehorcht ihr desto gefesselter je naiver sie von einem systematischen Nullpunkt ausgehen zu können meint. Ich bin mir aber klar darüber, dass auch die von mir genannten Bezugspunkte diese Metaebene nicht ausschöpfen. Es bleibt der Faktor der geschichtlich-kulturellen (nicht identisch mit der religiösen, sondern auf ein dieser eher vorgängiges kultisches Stadium verweisenden) Ausgangsbasis des philosophischen Denkens. So scheint mir eine der faszinierendsten Entwicklungen der Gegenwartsphilosophie die Aufarbeitung des hinduistischen, buddhistischen, daoistischen, konfuzianischen und islamischen Erbes der philosophischen Wahrheits- und Sinnfragen zu sein, wie sie seit etwa einer Generation von jungen, philologisch kompetenten Philosophen vorangetrieben wird – jenseits aller „interkulturellen" Komparatistik, vielmehr mit dem klaren Ziel, Wahrheitsquellen freizulegen, die von nicht geringerem Gewicht als die großen Denker des westlichen „Antike" sein werden. Vielleicht verbindet nichts die dabei zugänglich werdenden Gedankenbewegungen mehr als das so vielen von ihnen eigene und entsprechend differente Ziel, eine letzte – oftmals praktisch-habituelle – Einheit zu finden, aus der heraus philosophiert werden muss.

Walter Schweidler: Hoffentlich nehme ich das Wort „persönlich" nicht zu wörtlich in den folgenden Bemerkungen. Ich hatte das große Glück, in den goldenen Zeiten der Kultur und Philosophie im München der 80er Jahre zu studieren. Die Frage nach der „Einheit" hätte damals niemand gestellt, auch wenn und weil jeder sie auf seine Weise für beantwortet hielt. Ob Wolfgang Stegmüller, Dieter Henrich, Werner Beierwaltes, Robert Spaemann, Reinhard Lauth oder manch anderer: sie verkörperten die Einheit des Philosophierens in ihrer Person und ließen einem die Suche offen, wo man sie selber finden würde. Jede Einheit blieb hinter einem zurück als die endlich gefundene und schnell wieder verlorene. Es war ein Abenteuer, in die Nähe dieser Denker zu geraten und sie auszuhalten, auszubeuten, ohne darin zu verglühen. Ich schüttle heute den Kopf, wenn ich an die Schätze denke, die da vor mir lagen und tausend Jahre Grabung wert gewesen wären, und ich bin doch heilfroh, um meines eigenen Weges willen in keine der Schluchten für immer hinabgestiegen zu sein. Die letzte Einheit der Philosophie, der „Lehrer der Weisheit in Lehre und Beispiel", ist für mich Robert Spaemann gewesen, aber ich habe mein halbes Leben gebraucht, um in den Bann seiner Einsichten zu geraten und etwas davon an junge Lernende weiterzugeben. Und tatsächlich ist auch jeder meiner Doktoranden wieder eine verkörperte Einheit der Philosophie gewesen, und jeder Versuch, sie ihm oder ihr dozierend beizubringen, wäre kontraproduktiv gewesen. Was ich später im Universitätsbetrieb an Borniert-heit, Provinzialismus und Cliquenwirtschaft kennengelernt habe, hatte oft mit der Beschwörung einer angeblich zu verteidigenden oder erringenden „Einheit" des Faches zu tun, bis hin zu der maßlos dummen Formel von den „modernen" und den anderen Weisen, es zu vertreten. Die Einheit der Philosophie stellt sich für mich bis heute und wohl für immer ein im Oberseminar, wo man den Kreis derer findet, denen man eigentlich nichts mehr beizubringen, aber zu entlocken hat zum gegenseitigen Gewinn, und aus der Gemeinsamkeit mit denen immer noch der Platonische Funke entspringen kann, der den Blitz entzündet, der für alle antragslyrische Projektgallerte den Höllensturz bedeutet. Und für mich selbst finde ich die Einheit der Philosophie im Buch meines Lebens, an dem ich seit zwanzig Jahren, Zeile für Zeile und Seite für Seite, arbeite, im sicheren Instinkt dafür, dass jede Art öffentlicher Aufmerksamkeit auf diese Arbeit das Todesurteil für sie bedeuten würde. Die innerste Einheit des Philosophierens ist die Zelle, in der der eine Gedanke, der alles ist, was jeder, der sich ihr hingibt, ihr zu geben hat, das Licht der Welt erblicken will. Ihnmuss man, wie Wittgenstein an einer wunderschönen Stelle notierte, wie ein rohes Ei behandeln, ihn nähren und pflegen, und wenn er flügge ist, verlässt er das Nest von selbst. Jeder hat nur diesen, einen Gedanken: der ist letztlich die Einheit der Philosophie.

Walter Schweidler ist Professor für Philosophie an der Katholischen Universität Eichstätt.




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