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INTERVIEW

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Der puer robustus. Fragen an Dieter Thomä

aus: Heft 3/2017, S. 58-66

 

Herr Thomä, wie sind Sie die auf die Idee gekommen, eine derart umfangreiche Geschichte einer politischen Figur, der des kaum je beachteten „puer robustus", zu schreiben?

Ich schrieb eigentlich an einem anderen Buch über „Gier", als ich bei Alexis de Tocqueville auf die Wendung vom „berühmten puer robustus" stieß. Meine erste Reaktion war damals: Nein, berühmt ist er nicht. Aber interessiert hat mich diese Formel sofort, denn sie findet sich bei Tocqueville an einer Stelle, an der er über die „politischen Rechte" des Volkes nachdenkt und fragt, ob und wie ein Volk der Aufgabe der Emanzipation gewachsen ist. Damit stellt sich die wichtige Frage nach der Rolle des politischen Subjekts im geschichtlichen Prozess; sie ist verbunden mit der Errichtung und Verwandlung von Ordnungen – und dem Ausscheren aus einer Ordnung, für das eben der puer robustus steht.

Dann habe ich herausgefunden, dass diese Figur einst tatsächlich berühmt war: Hobbes hat sie erfunden, neben Tocqueville haben sich Rousseau, Diderot, Victor Hugo, Marx, Freud, Leo Strauss und andere auf sie bezogen und sie jeweils neu gedeutet. Der puer robustus taucht in England, Frankreich, Deutschland, Italien, China und den USA auf. Zugleich habe ich festgestellt, dass sich überhaupt niemand aus meiner Zunft die Mühe gemacht hat, den Verwandlungen dieser Figur nachzugehen. Sie war aus für mich unerfindlichen Gründen total vergessen. Mit ihr öffnet sich aber, wie ich finde, eine Schatztruhe, in der man viel über die politischen Konflikte der letzten rund 400 Jahre lernen kann. Um nochmal Tocqueville zu zitieren: „Wenn die Vergangenheit die Zukunft nicht erhellt, tappt der Geist im Dunkeln." Wunderbarerweise erstreckt sich die historische Entdeckungsreise, die man anhand des puer robustus unternehmen kann, auf einen Zeitraum, der mit der Entwicklung der modernen politischen Philosophie weitgehend deckungsgleich ist. Deshalb ist das Buch, das ich geschrieben habe, nicht nur die „Geschichte einer politischen Figur", wie es in der Frage heißt, sondern hat auch eine systematische Agenda: Anhand des puer robustus kann man versuchen zu klären, wie es um das Verhältnis von Ordnung und Störung in der Politik steht, welche Arten von Störung man unterscheiden kann und wie sie zu bewerten sind.

Thomas Hobbes ist nicht nur derjenige Philosoph, bei dem der „puer robustus" erstmals auftaucht, er ist auch für den ganzen Aufbau des Buches zentral. Im Mittelpunkt steht aber auch der Begriff der Schwelle. Er bildet die Struktur, in die sich die verschiedenen Typen des „puer robustus" einfügen. Was genau verstehen Sie unter Schwelle?

Die Schwelle wird meist in anderen Kontexten verhandelt – etwa bei Michail Bachtin oder anhand des „Schwellenwesens" (liminal figure) in der Ethnologie. Und doch ist sie eines der wichtigsten baulichen Details im Gebäude der politischen Philosophie. Grundsätzlich geht es hier um die Errichtung von Ordnungen, die dem Zusammenleben der Menschen Regeln geben und einen Rahmen setzen. Sie legen fest, wer dazugehört und welches Verhalten sich gehört. Nun ist eine solche Ordnung aber kein starres Gerüst, sie steht und fällt vielmehr mit den Menschen, die sie tragen und in ihrer Praxis verkörpern. Das Kindliche, das im Wort puer robustus steckt, weist darauf hin, dass jeder Mensch in eine Ordnung erst hineinwächst. Hier kommt unweigerlich Bewegung ins Spiel: Es gibt ein Kommen und Gehen, Menschen mischen mit oder scheren aus, werden aufgenommen oder ausgegrenzt. Ich spreche in diesem Zusammenhang von der inneren Migration in einer Gesellschaft.

Eine politische Ordnung kann nicht nur Grenzen ziehen, an denen jeder Übertritt klar geregelt ist. Sie hat offene Ränder, an denen laufend Aushandlungsprozesse stattfinden und Reibungen entstehen. Genau für diese Ränder steht eben der Begriff der Schwelle. Sie ist im Unterschied zur Grenze typischerweise niedrig – und anders als auf einer Grenze, die ja eigentlich ausdehnungslos ist, kann man sich auf einer Schwelle zeitweilig aufhalten, schauen, ob man willkommen geheißen oder abgewiesen wird, überlegen, ob man dazwischenfunkt oder mitspielt – und unter welchen Bedingungen. Die Schwelle spielt dann in der Tat an verschiedenen Schlüsselstellen meiner Darstellung eine Rolle – unter anderem in der Auseinandersetzung, die ich mit zwei ganz verschiedenen Positionen innerhalb der politischen Philosophie führe.

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