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UNTERRICHT

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Gewaltprävention durch Ethik-Unterricht? Die Debatte über den Ethik-Unterricht in Österreich

Gegenwärtig können in Österreich Jugendliche, die sich mit 14 Jahren vom Religionsunterricht abmeldet, über die entsprechenden Stunden frei verfügen. Zwar gibt es seit dem Schuljahr 1997/98 ein, wie es im österreichischen Amtsdeutsch heißt, „Ersatzpflichtgegenstand“ Ethik für diejenige Schülerinnen und Schüler, die keiner gesetzlich anerkannten Kirche oder Religionsgemeinschaft angehören und keinen Religionsunterricht besuchen, aber nur an einigen Schulen und – nach zehn Jahren immer noch – als Schulversuch. Angefangen hatte man mit dem „Schulversuch Ethikunterricht (EU)“ im Herbst 1997 an acht Schulstandorten. Später wurde er auf 76 Standorte ausgeweitet, und gegenwärtig sind es 132 Schulen, die das Fach anbieten. Auch wurden verschiedene Lehrpläne ausgearbeitet, derjenige von Salzburg fand die größte Akzeptanz hat und wird an so unterschiedlichen Standorten wie Dornbirn und Wien verwendet.Er beinhaltet vier Leitthemen: a) Entwicklung von Ich-Identität und b) Sozialität c) Mit- und Umwelt und d) Ethos der Weltreligionen. Diese Lehrpläne sind nicht primär philosophisch orientiert, Schwerpunkte bilden vielmehr Gemeinschafts- und Religionskunde. Sie orientieren sich an den Grund- und Menschenrechten und mahnen die Unterrichtenden hinsichtlich kontroverser ethischer Fragen zur Neutralität bzw. fordern sie auf, die zu Unterrichtenden „zu einem eigenständigen Urteil zu befähigen, das sich dem Diskurs aussetzen muss“. Die Zahl der Schüler und Schülerinnen, die an den betreffenden Orten diesen Unterricht besuchen, pendelte sich bei ca. 20 % ein.

1999/2000 wurde der Salzburger Religionspädagoge Anton A. Bucher vom Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur mit der Evaluation dieser Versuche beauftragt. Bucher hatte an der Universität Fribourg Theologie, Erziehungswissenschaften und Philosophie studiert, sich sowohl in Religionspädagogik und Erziehungswissenschaften habilitiert und ist seit 1993 Professor für Religionspädagogik an der Universität Salzburg mit dem Hauptarbeitsgebiet empirische Forschung und moralische Entwicklung. Bucher legte einen 326 Seiten umfassenden Bericht „Ethikunterricht in Österreich“ vor (ein Kurzbericht findet sich im Internet unter
www.sbc.ac.at/pth/people/bucher/evaluation.htm)
Fazit: Der Ethik-Unterricht hat sich bewährt. Zum einen sind dadurch die Abmeldezahlen vom Religionsunterricht zurückgegangen (was für einen Religionspädagogen doch wichtig ist), zum anderen wird er von den Schülerinnen und Schülern, die den Ethik-Unterricht besuchen, akzeptiert. „90% der Befragten haben angegeben, dass sie weiterhin den Unterricht besuchen wollen. Die Mehrheit lobte, dass sie sehr viel über andere Religionen erfahren hat. Mehr als die Hälfte sah einen Nutzen für das eigene Leben. Die Ethiklehrer sind nicht als indoktrinierend, sondern als anregend und herausfordernd erlebt worden“, sagte Bucher zu den Oberösterreichischen Nachrichten.
Im Juli 2004 wurde der Schulversuch auf unbestimmte Zeit verlängert.

Kontrovers waren in der Diskussion die Meinungen darüber, was dieser Unterricht leisten soll. Ein Teil, wohl die Mehrheit der Befürworter, fand, er sollte den Jugendlichen die Werte unserer Gesellschaft vermitteln, also eine Art Moralunterricht bieten. Ein vermeintlicher Mangel an Sittenbildung sollte, so spottete Konrad Paul Liessmann 1997, durch den Ethikunterricht aufgefangen werden: „Ganz nebenbei degradiert man so die Ethik zum blassen Ersatz für die Religion, sakulärer Trost für die Verweigerer der Gnade. Dass Ethik, ernst genommen, keine billige Proklamation von Ersatz-Werten, sondern ein permanenter Versuch ist, die Prinzipien des Zusammenlebens von Menschen auf Basis vernünftiger Überlegungen und ohne transzendente Verankerungen zu bestimmen, scheint dabei wenig zu kümmern“.


Im Mai 2003 riefen die Ethiklehrer in einer Petition die österreichische Regierung auf, für Schüler, die keinen konfessionellen Religionsunterricht besuchen, einen „wertevermittelnden Pflichtgegenstand“ einzuführen. Gleichzeitig wurde damals eine gesetzliche Verankerung der „Ausbildung und Weiterbildung der EthikLehrerInnen“ an den Hochschulen und Akademien verlangt. Doch dabei blieb es auch. Anton Bucher dazu bedauernd: „In diesem Alter kann man ethische Einstellungen der Jugendlichen noch verändern. Da kann sich entscheiden, ob jemand ein Skinhead wird oder mitten in der Gesellschaft aktiv bleibt.“

Als einzige Universität baute Wien einen fakultätsübergreifenden Universitätslehrgang „Ethik“ auf, der sich „die Vermittlung fundierter philosophischer Ethik und die Einbeziehung der auf den wissenschaftlich-technischen Fortschritt Bedacht nehmenden angewandten Ethik“ zum Ziel gesetzt hat. Ansonsten ist die Ethiklehrerausbildung auf Hochschulen und Akademien beschränkt. So kann man an der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule in Wien laut Auskunft der Erzdiözese Wien eine Ausbildung zum Ethik-Lehrer belegen (auf ihrer Homepage, jedoch wird die Ausbildung nicht angeboten und auf Nachfrage wird nicht geantwortet). Vorreiter des Ethik-Unterrichtes ist jedoch das Land Vorarlberg. Dort wir das Fach an elf Schulen angeboten und die Lehrer werden dazu berufsbegleitend an der PH Vorarlberg ausgebildet. Man rechnet dort damit, dass in zwei Jahren zwanzig Lehrer die Ausbildung abgeschlossen haben. In diesem Sommersemester bietet die PH Voralberg jedoch lediglich einen einzigen Kurs „Ethische Urteilsbildung als Unterrichtsziel“ (durchgeführt von Julia Dietrich von der Universität Tübingen) an.

Im letzten Jahr kam Bewegung in die Sache, als die „Initiative Weltethos“, die in dieser Angelegenheit bereits länger aktiv war, Unterschriften für einen Ethikunterricht auf der Basis des „Weltethos“ von Hans Küng verlangte. Dabei sollte der Unterricht die grundlegenden ethische Prinzipien, die bei allen religiösen Gruppen Akzeptanz finden, vermitteln. Als solche Prinzipien sieht die Initiative die Goldene Regel, Ehrfurcht vor dem Leben, Gerechtigkeit und Fairness, Achtung und Liebe sowie Wahrheit. Für die Leiterin der Initiative, Edith Riether, gibt es „nur eine Ethik, die zu allen Zeiten, an allen Orten und für alle Menschen gilt“.

Ende November verlangte die ÖVP, die Österreichische Volkspartei, von der Unterrichtsministerin Claudia Schmied ein Konzept für einen verpflichtenden Ethikunterricht im ganzen Land für alle Schüler, die nicht am Religionsunterricht teilnehmen. Als darauf nichts geschah, preschte im April die ÖVP ohne Rücksprache mit der SPÖ mit einer Novelle zum Schulorganisationsgesetz vor, wonach jeder, der sich vom Religionsunterricht abmeldet oder ohne religiöses Bekenntnis ist, den Ethikunterricht besuchen muss. Dieser soll als „nachrangiger Pflichtgegenstand“ in allen Schulen angeboten werden. „Nachrangig“ heißt, „verpflichtend, falls nicht Religion gewählt wird.“ Im Herbst soll der Beschluss im Nationalrat erfolgen, im September 2009 soll das Fach an allen Schulen eingeführt werden.

Inzwischen blockiert offenbar das von der SPÖ geführte Bildungsministerium den weiteren Ausbau des Faches Ethik. So verwiegerte es die Finanzierung einer viersemestrigen Ausbildung an der Pädagogischen Hochschule Linz. Auch muss jede neue Ethik-Klasse bislang vom Bildungsministerium genehmigt werden, da es sich weiterhin um einen Schulversuch handelt. Die Presse berichtet von Fällen, in denen solche Anträge abgewiesen wurden. Für einen solchen Ethik-Unterricht spricht sich dagegen die Christliche Lehrerschaft Wien aus: „Die Zunahme der Aggressivität, gepaart mit der sinkenden Konfliktlösekompetenz steht im direkten Zusammenhang mit dem Fehlen wertorientierter Erziehung“. Mehrkosten würden durch einen solchen nicht entstehen, den es ist geplant, neben den bereits ausgebildeten Ethik-Lehrern die Religionslehrer einzusetzen (andere Lehrer, also auch Philosophielehrer, müssten hingegen eine Zusatzausbildung machen).

Die Philosophen reagierten mit Empörung. Als erster meldete sich Peter Kampits (der Leiter des Lehrgangs „Ethik“ an der Universität Wien) im Standard zu Wort und attackierte die in Österreich vielfach vertretene Meinung, Religionslehrer könnten einfach den Ethik-Unterricht übernehmen: „Es mutet merkwürdig an, dass zwar Religionslehrer fraglos befähigt erscheinen, Ethikunterricht zu erteilen, aber den Philosophielehrern dieses Zutrauen nicht entgegengebracht wird. Dass die Kirche als Hüterin der öffentlichen Moral weitgehend an Ausstrahlung verloren hat, dass sich unsere Gesellschaft einer Mehrzahl von Konfessionen gegenüber sieht und sich in einem tiefgreifenden Säkularisierungsprozess befindet, sollte nicht übersehen werden.“

Kampits wehrt sich insbesondere dagegen, dass Ethik im Vorstoß der Österreichischen Volkspartei als „nachrangigen Pflichtgegen- stand“ behandelt wird, als ein Fach, dass man gewissermaßen als Strafe belegen muss, wenn man Religion abwählt: „Die oberflächliche Aufrechnung, dass zwei Stunden Ethikunterricht besser seien als zwei Stunden Freizeit, falls man sich vom Religionsunterricht abmeldet, drückt die Bedeutung eines Ethikunterrichtes ebenfalls herab.“ Kampits geht es darum, das Missverständnis, dass Ethik ein Aufsammeln von Verboten und Geboten sei, aus der Welt zu schaffen. Vielmehr gehe es beim Ethikunterricht um den Anspruch, Bildung und Entwicklung kritischer Reflexion bezüglich der Frage nach Normen und der gesellschaftlichen wie auch individueller Entscheidungen zu vermitteln, und das sei weder mit dem Anspruch einer Religion gleichzusetzen noch soll es als Ersatz für Religion missbraucht werden.

Im April dieses Jahres fand eine Podiumsdiskussion „Wo bleiben die Werte? – Ethik- unterricht an den Schulen“ in Wien statt, an der an die 150 Personen teilnahmen. Eingeladen waren Vertreter der islamischen und der katholischen Glaubensgemeinschaft, der Wiener Stadtschulrat, die Wiener Schuldirektion und der Wiener Schülerunion, aber kein einziger Vertreter des Faches Philosophie, für die die Ethik doch ein grundlegender Teil ist. Einig war man sich in der Diskussion, dass man nicht in einer Gesellschaft leben wolle, „in der Werte, Religion und Moral nicht mehr vorzufinden sind“ und dass deshalb die Schüler, die nicht an dem Religionsunterricht teilnehmen, an einem Ersatzunterricht teilzunehmen hätten, der „Integration und Gewaltprävention“ vorantreibe. Gegen einen obligatorischen Ethikunterricht wandte sich der Vertreter des Islam: „Unsere Werte stammen nicht von der Aufklärung ab, sondern haben einen altreligiösen Ursprung“. (Was hinsichtlich Integration heißt: islamische Kinder besuchen den islamischen Religionsunterricht, wo sie nur ihre eigene Religion und deren Sitten kennen lernen). Einig war man sich aber auch darüber, dass alle Lehrer dieses Fach unterrichten können, sofern sie eine entsprechende Zusatzausbildung bekommen (was die Kosten reduziert).

Nun haben sich auch Philosophieprofessoren zu Wort gemeldet und dabei entschieden dagegen protestiert, „dass über ihre Köpfe hinweg ein neues Fach ‚Ethik’ flächendeckend an den Allgemeinbildenden Höheren Schulen als Alternative zum Religionsunterricht unter der Rahmenbedingung, dass Religionslehrer automatisch für das Fach qualifiziert sind, andere sich das Fach durch eine Zusatzqualifikation erwerben können. („Kleine Zeitung“, 9. April 2008, Seite 6). Wenn das stimmt, sind Religionslehrer nach abgeschlossenem Theologiestudium automatisch qualifiziert, nicht aber beispielsweise LehrerInnen, die ein Philosophiestudium absolviert und sich für das Lehramt Philosophie / Psychologie qualifiziert haben.“ Die Unterzeichneten (allerdings sind keine Philosophen aus den Theologischen Fakultäten darunter) fragen sich: „Ist der Ethikunterricht an den österreichischen Instituten für Philosophie zweitklassig gegenüber dem, was die Theologischen Fakultäten anbieten, oder ist er etwa zu wenig religionsnahe?“

Sie wenden sich dabei auch gegen die in dieser Diskussion gängige Verwechslung von Moral und Ethik: „Ethik dient nicht der Bestätigung vorgegebener Überzeugungen, sondern der Infragestellung und Erkundung dessen, was es heißt, als ein moralisch verantwortliches Wesen zu handeln. Ethik interessiert sich dafür, wie wir uns selbst vernünftigerweise verstehen und wonach wir streben sollten. Mit anderen Worten: Ethik ist eine kritische Disziplin. Ihr erstes Ziel ist: Unterscheiden lernen. Die hier relevanten Unterschiede sind primär formaler Art, nämlich Unterschiede zwischen Begriffen; zwischen Begriffen und Wörtern (Termini); zwischen Begriffen und dem, worauf sich Begriffe beziehen (Gegenstände und Sachverhalte); zwischen verschiedenen Ebenen oder Weisen der Betrachtung u. dgl. Mit Hilfe eines in formaler Hinsicht geschulten Denkens können in einem zweiten Schritt die materialen (inhaltlichen) Unterschiede zwischen verschiedenen Moralen untersucht werden (z. B. die in Österreich, Namibia oder Japan aktuell herrschenden Moralvorstellungen) wie auch Unterschiede zwischen verschiedenen (z. B. deontologischen, eudämonistischen und konsequentialistischen) Ethiken. Das Unterrichtsfach Ethik hat, wie eben skizziert, ein klares Profil. Dieses sollte nicht aufgeweicht werden, indem Ethikstunden als „Restproblembörse“ des schulischen Alltags, als Schnellkurs in Humanwissenschaften, Cultural Studies o. dgl. benützt werden. Sowohl für die Lernenden als auch für die Lehrenden muss klar sein, dass es nicht um weitläufige und unspezifische, sondern um klar umrissene Probleme und Kompetenzen geht.“ Sie wenden sich aber auch gegen die Tendenz, Ethikunterricht als eine Art „Ersatz“ für Religionsunterricht zu sehen: „Gegenwärtige Tendenzen, ihn im Rahmen des Religionsunterrichts anzusiedeln, sind der Sache nicht dienlich. Ein Unterricht in Ethik kann weder als ‚Tauschgeschäft’ gegen den Religionsunterricht eingeführt werden noch kann ersterer als Fortsetzung des letzteren mit anderen Mitteln verstanden werden: Ethikunterricht ist weder Ersatz noch Ergänzung eines Religionsunterrichtes.“ Initiiert wurde der Aufruf unter der Federführung der Grazer Philosophin Rinofner-Kreidl: unterschrieben haben diese Stellungnahme, die auch an die Presse, an die Ministerien und an die Bildungssprecher sämtlicher im Parlament vertretenen Parteien gesandt wurde, an die vierzig Hochschullehrer aus dem Fach Philosophie. Die Reaktionen von Seiten der Politik beschränkten sich auf freundliche Stellungnahmen, die Presse hat nicht reagiert.


Mindelheimer Philosophiepreis

Eine unabhängige Schülerjury des Maristen- kollegs Marienheim in Mindelheim, ein vom Orden der Maristenbrüder geleitetes und zugleich eines der größten bayerischen Gymnasien, verleiht im Mai 2009 zum ersten Mal den mit 5000 Euro dotierten „Mindelheimer Philosophiepreis“. Als Kandidaten für den Preis kommen Autoren in Frage, die philosophische Literatur für Kinder und Jugendliche verfassen. Die bewertende Jury besteht aus sieben Schülern und Jugendlichen des Maristenkollegs, die sich in und außerhalb des Unterrichts mit Philosophie beschäftigen und an die sich die vorgeschlagene Literatur wendet, sowie 2 die Jury begleitende Lehrkräfte. Im Vordergrund steht dabei Literatur, die sich dem Anliegen der Schule verpflichtet weiß und die nicht ideologisch auf eine bestimmte Weltanschauung verpflichten möchte. Die entsprechende Literatur muss gegenwärtig im Buchhandel käuflich sein und die Autoren sollten aus der Gegenwart sein. Der Preis wird alle zwei Jahre verliehen.
www.philosophie-preis.de





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