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DISKUSSION

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Die Philosophie der Physik in Deutschland Ein Gespräch mit Paul Hoyningen-Huene, Holger Lyre, Meinard Kuhlmann und Manfred Stöckler

Die Philosophie der Physik
in Deutschland

Ein Gespräch mit Paul Hoyningen-Huene, Holger Lyre,

Meinard Kuhlmann und Manfred Stöckler

 

Wie hat sich die Wissenschaftstheorie im allgemeinen und Philosophie der Physik im besonderen in den letzten dreißig Jahren entwickelt?

 Paul Hoyningen-Huene:  Das Gewicht der allgemeinen Wissenschaftstheorie hat sicher abgenommen. Vor dreißig Jahren gab es große allgemeine Debatten – etwa zwischen Popper, Kuhn und Lakatos zur Wissenschaftsdynamik. Solche  Diskussionen sind seltener geworden. Dagegen hat das Interesse an spezieller Wissenschaftstheorie – etwa derjenigen der Biologie oder der Chemie – zugenommen.

 Manfred Stöckler: Außerdem  ist eine Professionalisierung und Spezialisierung zu beobachten. Fragen, die tief in die einzelnen Wissenschaften hineinreichen, sind Gegenstand der Forschung geworden – etwa, um ein Beispiel zu nennen, die Frage, was „Information“ genau bedeutet, wenn dieser Begriff in der Genetik verwendet wird. Besonders in der internationalen Diskussion kann man ein beachtliches Eindringen in die jeweilige fachwissenschaftliche Problematik beobachten. Für  jüngere Wissenschaftsphilosophen in Deutschland entsteht damit ein Problem: Diese Spezialisierung auf enge Forschungsfelder und damit auf Fragen, die in den Einzelwissenschaften ihren Ursprung haben, geht nicht mit den Erwartungen einher, die man hier an den philosophischen Nachwuchs hat. Damit entsteht eine Spannung zwischen der sehr fokussierten internationalen Diskussion über aus den Einzelwissenschaften heraus entstandene Probleme und den deutschen Berufungskommissionen meist erwarteten möglichst breiten Kompetenzen – von Ari­stoteles bis in die Gegenwart. Diese Spannung lässt sich nicht lösen.

 Ist der Eindruck, dass die Physik nicht mehr im Mittelpunkt steht, sondern von anderen Disziplinen, insbesondere der Biologie und den Kognitionswissenschaften, an den Rand gedrängt wurde, richtig?

 Holger Lyre:Die Binnenstruktur in der Wissenschaftstheorie hat sich stark verändert, sie hat sich aufgefächert und insgesamt diversifiziert.  Damit ist es selbstverständlich geworden, dass die Wissenschaftstheorie nicht mehr nur auf die Physik rekurriert und diese nicht mehr das Paradigma der Wissenschaftstheorie überhaupt ist. Hinzu kommt, dass – zumindest in den Augen einer breiteren Öffentlichkeit – in der Physik in den letzten dreißig Jahren keine überragenden und interessanten Ergebnisse mehr gekommen sind.

 Meinard Kuhlmann: Nach Ansicht jedenfalls einer breiteren Öffentlichkeit. Für diese sind offenkundig die Lebenswissenschaften die schrittmachenden Disziplinen im 21.  Jahrhundert. Das hat zur Folge, dass die Reflexion auf die Physik nicht mehr als so interessant empfunden wird.

 Holger Lyre: Vielleicht sollte man sagen: Nicht an den Rand gedrängt durch die Wissenschaftstheorie der Einzeldisziplinen, sondern die Physik insgesamt hat an Attraktivität verloren. Hier liegt das Problem.

 Meinard Kuhlmann:Allerdings sind auch Fehlentwicklungen der Vergangenheit ein Stück weit korrigiert worden. Früher hat man sich in der Wissenschaftstheorie in einer Weise auf Theorien und Naturgesetze konzentriert, die auf die Physik zugeschnitten war, aber für andere Wissenschaften wie die Biologie nicht angemessen war. In letzter Zeit ist  zunehmend klargeworden, dass diese Überlegungen zu eng waren und man hat die Themenpalette folgerichtig erweitert. Damit haben andere Wissenschaften ein größeres Gewicht bekommen, was aber gut und fair ist. Ich sehe diese Entwicklung nicht nur negativ.

 Manfred Stöckler:Die Philosophie der Physik ist einfach älter. Die erreichbaren Probleme sind gelöst, und die übrig gebliebenen sind sehr schwer in der Öffentlichkeit zu verkaufen. Ich denke dabei an Einsteins Loch-Argument oder an Gegenstandsbegriffe in der Quantenfeldtheorie – das sind Themen, die man nicht in Kürze erläutern kann. Dagegen kann man in der Philosophie der Biologie in der Regel in zehn Minuten sagen, was das jeweilige philosophische Problem ist.

 Paul Hoyningen-Huene:Auch ich würde mit Bezug auf die Physik nicht sagen „an den Rand gedrängt“, sondern vielmehr „nicht mehr im Mittelpunkt“. Das ist die gegenwärtige Stellung der Philosophie der Physik in der Wissenschaftstheorie.

 Holger Lyre:Die Physik ist auf der Suche nach neuen Ufern auch in neue Abstrak­tionshöhen vorgedrungen. Das hat zur Folge, dass Forschung in der Philosophie der Physik soviel technisches Wissen voraussetzt, dass diejenigen, die das betreiben, ihren philosophischen Fachkollegen, die vom Thema entfernt arbeiten, kaum noch erklären können, was sie da eigentlich machen. Das macht es für Wissenschaftstheoretiker der Physik zusätzlich schwieriger, gleichzeitig eine größere philosophische Breite abzudecken. Die Philosophie der Physik wirkt daher umso mehr wie eine Spartendisziplin.

 Meinard Kuhlmann:Zum anderen gibt es in der Philosophie der Physik weiterhin die großen klassischen Themen und die größten Bereiche bilden nach wie vor die Philosophie der Quantenphysik und der Raum-Zeit-Theo­rien. In der Quantenphysik ist das Messproblem nach wie vor ungelöst, und dies gibt Anlass zu weiteren Untersuchungen. Viele meinen heute, dass die Viele-Welten-Theorie die Lösung des Messproblems darstellt, andere sehen das kritisch und setzen sich damit vom mainstream wieder ab. Nicht nur das: eine Weile wurde es sogar zum mainstream, dieser Theorie kritisch gegenüber zu stehen und zu sagen, alles sei nur instrumentalistisch zu sehen. Gegenwärtig sehe ich eine gewisse Begeisterung dafür, zu fragen, was physikalische Theorien eigentlich sagen.           

 Holger Lyre:In ontologischer Hinsicht besteht gegenwärtig so etwas wie ein stillschweigendes Einverständnis zu einer reali­stischen Position. Ein Interesse besteht darin zu fragen „Wie realistisch können wir denn sein?“ Und die Antworten zeigen ein großes Spektrum an Möglichkeiten von wissenschaftlichem Realismus auf.

Kann man sagen, dass der wissenschaftliche Realismus gegenwärtig die Standardposition in der Philosophie der Physik ist?

 Meinard Kuhlmann:Es gibt keine solche Standardposition. Vielmehr gibt es, wie in anderen Disziplinen auch, ein großes Spek­trum von vertretenen Positionen und Ansätzen. Weder hat sich eine Position durchgesetzt, noch ist eine ganz an den Rand gedrängt. Allerdings hatte man eine Weile lang realistische Ansätze kaum noch verfolgt – heute macht man das wieder, es ist aber keinesfalls so, dass alle Philosophen der Physik Realisten wären. Dazu kommt noch, dass es  Philosophen gibt, die der Realismus-Debatte als solcher kritisch gegenüberstehen. Das ist nochmals ein ganz anderer Standpunkt.

 Manfred Stöckler: Bei bestimmten Fragen der Philosophie der Physik ist eine realistische Einstellung Voraussetzung. Wenn physikalische Theorien nur Instrumente sind, dann machen bestimmte Fragen keinen Sinn. Andererseits gibt es auch viele Fragen innerhalb der Philosophie der Physik, die von diesem Standpunkt unabhängig sind und die man auch als Antirealist bearbeiten kann.

 Holger Lyre:Es gibt nicht „den“ Realismus und „den“ Antirealismus, vielmehr haben sich die Positionen in einer unglaublichen Weise aufgefächert. Eine Position, die ich nach wie vor für attraktiv halte, ist der Strukturenrealismus, und auch der hat sich in ein halbes Dutzend Unterpositionen aufgeteilt. Es werden die intensivsten Debatten zwischen der Unterposition a mit der Unterposition b geführt.

 Paul Hoyningen-Huene:Allerdings ist die Intensität der Diskussion innerhalb des dem Realismus skeptisch gegenüberstehenden La­gers nicht sehr groß. Die Realisten sind im Moment die viel aktiveren, in der Ausarbeitung von Alternativen sind sie auch viel fili­graner. Bei ihren Gegnern vermisst man die die Ausarbeitung eines Spektrums verschiedener Positionen und der diesbezüglichen Argumente. Insofern liegt die größere Intensität der philosophischen Diskussion meines Erachtens heute wirklich bei den Realisten.

 Das gibt diesen Eindruck einer vorherrschenden Position.

 Paul Hoyningen-Huene: Das gibt diesen Eindruck. Zu meinem Leidwesen werden die Positionen der Nonrealisten weniger intensiv diskutiert. 

 Meinard Kuhlmann:Dass die Diskussion von den Realisten differenzierter geführt wird, hat den Grund auch darin, dass es nicht mehr um einen naiven Realismus der Art geht, dass die Welt genau so beschaffen sei, wie die Physik sie beschreibt. Realisten haben heute eine vorsichtige Einstellung. So wird beispielsweise gesagt: „Die meisten in den besten Theorien postulierten Entitäten existieren annäherungsweise so wie von der Theorie beschrieben in der Realität“. Das ist  eine stark abgeschwächte Formulierung. Wenn man keinen naiven Realismus vertritt, muss man explizieren, was man genau damit meint und das bedingt eine genaue Formulierung. Dabei stellt sich heraus, dass das nicht einfach ist.

 Nicht nur in der Philosophie der Physik, sondern allgemein in der Wissenschaftsphilosophie hat man erkannt, dass die Vorstellung von vielen Dingen sich schneller ändert als die von abstrakten Strukturen. Das hat dazu geführt, dass unter den Realisten viele dazu neigen zu sagen: ich glaube eher an gewisse abstrakte Strukturen als an bestimmte Typen von Gegenständen (Strukturenrealismus).

 Holger Lyre:Ich würde nicht sagen „Ich glaube an abstrakte Strukturen“ (denn das hört sich ja wie ein Platonismus an), sondern: „In den Theorien ist beim Theorienwechsel das besonders erhalten geblieben, was sich in der Beschreibung der Welt strukturell zeigt. Und insofern ist das, worauf sich unsere realistische Verpflichtung fokussieren sollte, der strukturelle Gehalt der Theorie.“ Aber der bildet natürlich etwas in der Welt ab: offenbar das, was wir strukturell beschreiben. Aber ich würde das keinesfalls so formulieren, dass es zum Platonismus einlädt: es ist kein struktureller Platonismus.

 Die Behauptung, alles in der Welt lasse sich physikalisch erklären, ist also zu naiv?

 Paul Hoyningen-Huene:Das ist eine andere Frage, denn damit sind wir bei der Reduktionismus-Debatte, die zwar typischerweise unter realistischen Voraussetzungen geführt wird, die man aber auch führen könnte, wenn man keine realistische Voraussetzung macht, weil es sich um eine relationale Frage handelt. Ich weiß nicht, ob diese Debatte in dieser Grundsätzlichkeit heute noch häufig geführt wird. Hier stehen eher Fragen nach der Emergenz im Vordergrund.

 Meinard Kuhlmann:In einzelnen Teilgebieten der Physik wird diese Frage immer noch diskutiert. So galt die angeblich gelungene Reduktion der Thermodynamik auf die Statistische Physik lange Zeit als paradigmatisch. Dann hat sich aber der Eindruck verstärkt, dass dies bei näherem Hinsehen doch weiterer Überlegungen bedarf.

 Besteht eine klare Trennung zwischen physikalisch-empirischer und philosophischer Forschung?

 Manfred Stöckler:Es gibt Unterschiede methodischer Art. Rein physikalische Fragen sind in der Regel experimentell oder formal entscheidbar. Philosophische Fragen werden mit Begriffserklärungen und Argumenten bearbeitet, die z. B. auf Kohärenz mit methodischen Idealen, Naturkonzeptionen oder Weltbildern zielen. Wenn neue physikalische Theorien gesucht werden, sind allgemeine philosophische Vorstellungen, wie eine solche Theorie aussehen soll, immer mit im Spiel. Einstein wollte z. B. an der Kausalität oder zumindest an der Lokalität der Naturbeschreibung festhalten. Physiker haben selbst metaphysische Überzeugungen. Philosophie und Physik sind nicht auf verschiedene Menschen aufgeteilt. Aber die professionelle Diskussion über metaphysische Überzeugungen erfordert Methoden, die in der Philosophie und nicht in der Physik gepflegt werden.   Einige wenige Physiker beherrschen sie trotzdem, aber im Zuge der Arbeitsteilung ist das doch nicht die Regel.

 Also kann man nicht klar zwischen Philosoph und Physiker unterscheiden?

 Manfred Stöckler:Es gibt Mischungsverhältnisse verschiedenster Art. Als Einstein zu Beginn des letzten Jahrhunderts über die Relativitätstheorie nachdachte, spielten seine philosophischen Überzeugungen eine wichtige Rolle. Man kann solche Überzeugungen jedoch weniger an Personen, sondern eher an methodologischen Positionen festmachen. Eine andere Frage ist, wie man die Auffassungen der Physiker (und auch der Philosophen) zu Beginn des 20. Jahrhunderts heute bewertet. Von Philosophen erwartet man, dass sie methodisch sauber argumentieren. Die Physiker hingegen dürfen alles ausprobieren, entscheidend ist, dass sie in ihrer Wissenschaft Erfolg haben.  

 Paul Hoyningen-Huene:Rein empirisch gesehen verstehen die Physiker, die sich auch mit Philosophie beschäftigen, weniger von Philosophie als umgekehrt diejenigen professionellen Philosophen der Physik von der Physik. Das liegt daran, dass ein Philosoph der Physik sehr viel von Physik verstehen muss, um seine Arbeit machen zu können, während hingegen ein Physiker typischerweise seinen Job machen kann ohne etwas von Philosophie zu verstehen. Und auch wenn er sich damit zu beschäftigen beginnt, hat er nicht die Zeit, um so professionell wie ein Philosoph zu werden. Das hat dann zur Folge, dass vieles, was Physiker über Philosophie sagen, professionellen Philosophen etwas naiv erscheint. Es gibt nur wenige Physiker, die sich sattelfest im Bereich der Philosophie bewegen können.

 Gibt es eine klare Trennung zwischen physikalischen und metaphysischen Fragen?

 Holger Lyre:  Eine klare Trennung? Es gibt einen kontinuierlichen Übergang. Was ich beobachte: Wenn sich die Physik an einer theoretischen Front bewegt und zu wenig empirische Indizien, wie man weitermachen soll, da sind, dann gibt es einige aufgeschlossene Physiker, die an Philosophen herantreten und fragen: „Wie denkt ihr denn über unsere Probleme?“, „Wie würdet ihr das mit eurem Vokabular beschreiben?“. Sie wollen dann hören, wie wir ihre Probleme beispielsweise von der Ontologie her beschreiben würden. Von einer ontologischen Auffächerung her erhoffen sie sich Anregungen, wie sie in ihrer Theorie weiterkommen könnten. Das habe ich von Physikern im Range eines Lee Smolin oder Carlo Rovelli schon gehört, und dazu gehört auch die Anfrage der Physiker des Large Hadron Collider, mit denen wir in Wuppertal zusammenarbeiten.

 Paul Hoyningen-Huene:Ein anderes Beispiel: der Status anthropischer Argumente. Das ist ein Argumenttypus, von dem manche Physiker nicht recht wissen, was er leistet, und entsprechend unsicher hinsichtlich seiner Verwendung sind. Vor einem Jahr gab es eine Tagung in Wien, wo die Physiker sehr interessiert daran waren, was die Philosophen über den Status solcher Argumente zu sagen haben.

 

Früher waren die Physiker gegenüber den Wissenschaftstheoretikern  eher ablehnend. Hat sich denn diese Beziehung in der Zwischenzeit insgesamt verbessert?

Meinard Kuhlmann:Das Verhältnis ist für die Philosophen der Physik häufig nicht so angenehm. Das Auftreten der Physiker wird häufig als unberechtigt arrogant empfunden. Physiker denken nicht selten, dass sie auch in philosophischen Fragen die Autorität sind. Sie reflektieren nicht, dass Physik und Philosophie der Physik zwei ganz unterschiedliche Unternehmungen sind. Auch wenn jemand ein Top-Physiker wie Stephen Hawking ist, heißt das noch lange nicht, dass er entsprechend gut über philosophische Fragen der Physik sprechen kann. Man kann das immer wieder beobachten: Ein Einzelwissenschaftler tritt als jemand auf, der über sein Fach philosophiert, dem aber überhaupt nicht gewachsen ist und der dilettiert, ohne es zu merken.

Paul Hoyningen-Huene:Ein Beispiel, das ich gut kenne, ist der Begriff der Emergenz, den verschiedene Wissenschaften – etwa die Biologie, die Chemie, aber auch die Physik - benutzen. Wenn man die Diskussion in der Philosophie kennt, weiß man, wie vielgestaltig und problematisch ein Begriff wie der der Emergenz ist. Die Physiker haben naturgemäß dieses Bewusstsein jedoch nicht. Sie meinen, sie wüssten genau, was sie meinen, wenn sie diesen Begriff verwenden; dies ist aber nicht der Fall.

 Manfred Stöckler:Und das wirkt sich zuweilen wissenschaftspolitisch aus: bei Fragen der Geldvergabe, Begutachtung und dem Ausbau der Stellen. Für eine gute Beziehung zu Physikern braucht es für Philosophen     einen intensiven persönlichen Kontakt. Ansonsten herrscht die Meinung: ein guter Physiker kann alles, insbesondere auch Philosophieren. Als ich seinerzeit von der Physik zur Philosophie wechselte, sagte der Dekan zu mir: „Warum gehen Sie zur Philosophie? So ein schlechter Physiker sind sie doch gar nicht!“ Diese Einstellung ist noch nicht verschwunden.

 Ein Problem ist, ob sich rein theoretische Begriffe der Physik noch auf Entitäten beziehen oder ob das rein formale Begriffe sind?

 Paul Hoyningen-Huene:In der String-Theorie beispielsweise scheint mir das ein offenes Problem zu sein. Jeder, der darin arbeitet, gibt zu, dass man diese Theorie nicht empirisch überprüfen kann. Von Hochenergie-Physikern ist ja auch schon Kritik ge­äußert worden, dass es sich hier um ein Unternehmen handelt, das zu stark mathematisch ausgerichtet ist. Leute, die dort ausgebildet werden, werden eigentlich zu Mathematikern ausgebildet. Wir haben hier in der Tat eine ganz neuartige Entwicklung. Ich glaube, dass  wir hier in einer Phase sind, in der die Physik noch nie war und wir sollten deshalb sowohl mit unseren positiven wie auch negativen Urteilen vorsichtig sein.

In den Diskussionen um die Willensfreiheit wurde immer wieder als Argument gegen Willensfreiheit die kausale Geschlossenheit der Welt genannt. Wie sieht das vom Standpunkt der Philosophie der Physik aus?

 Paul Hoyningen-Huene: Innerhalb der Physik gibt es keinen Anlass, an der kausalen Geschlossenheit der Welt zu zweifeln. Wer mit diesem Gedanken spielt, sollte sich auf die Suche nach Experimenten machen, an denen sich eine Nicht-Geschlossenheit tatsächlich zeigt. Ein Verzicht auf diese Geschlossenheit hätte einen tiefen Eingriff in die Physik zur Folge, da einige Erhaltungssätze in Frage stehen würden. Erhaltungssätze gehören zu den wichtigsten Dingen, die sich heutzutage in der Physik finden. Auf die kausale Geschlossenheit der Welt zu verzichten, das kann auf jeden Fall kein leichtfertiger Akt sein.

Holger Lyre: Das Prinzip der kausalen Geschlossenheit beinhaltet: Jede physikalische Wirkung hat, wenn sie überhaupt eine Ursache hat, eine physikalische Ursache. Das heißt nicht, dass es nicht Ereignisse gibt, die vielleicht keine Ursachen haben. Das lässt Platz dafür, dass es Indeterminismus geben kann und dass es ein erstes Ereignis, zum Beispiel den Urknall, geben kann. Wenn man kausale Geschlossenheit auf diese Weise definiert (und das wird auch in der einschlägigen Debatte etwa von Jaegwon Kim so formuliert), dann lässt dies für sehr viel Platz.

 Manfred Stöckler: Nach vielen gängigen Interpretationen der Quantentheorie ist der Ausgang einer Messung (das Auftreten eines bestimmten Messwertes) tatsächlich indeterministisch. Diese Form von Zufall scheint aber für die Willensfreiheit, wie sie in der Philosophie verstanden wird, nicht wirklich Platz zu schaffen. Kompatibilisten meinen ja ohnehin, dass Willensfreiheit und Determinismus vereinbar sind.

 

DIE GESPRÄCHSTEILNEHMER:

Paul Hoyningen-Huene ist Professor für Theoretische Philosophie, insbesondere Wissenschaftsphilosophie an der Universität Hannover, Holger Lyre ist Professor für Theoretische Philosophie und Philosophie des Geistes an der Universität Magdeburg, Meinard Kuhlmann ist Privatdozent für Philosophie an der Universität Bremen, Manfred Stöckler ist Professor für Theoretische Philosophie und Philosophie der Naturwissenschaften an der Universität Bremen.

 

Das Gespräch fand am 13. Juni 2010 im Rahmen der Tagung „Philosophie der Physik in Deutschland“ in Hannover statt.

aus Heft 1/2011

 

 

 

 

 

 

 




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