header


  

FORSCHUNG

FORSCHUNG Druckversion  |  Schrift: vergrößern verkleinern 

Hegel: System der Sittlichkeit

HEGEL

Steffen Schmidt wertet Hegels „System der Sittlichkeit“ auf

1802/1803 entsteht unter Hegels Feder ein Manuskript, das später von anderer Hand, von Karl Rosenkranz, den Titel „System der Sittlichkeit“ erhält, ein Titel, der die Intention des Manuskripts genau wiedergibt. Der Text ist ein authentisches Zeugnis des Hegelschen Systematisierungswillens in der Frühjenaer Zeit und ist eine kaum zu überschätzende Quelle für das Verständnis der Genese des Hegelschen Philosophierens: es handelt sich um eine, wenn nicht die Vorform der Philosophie des Geistes. Steffen Schmidt hat den Text in seiner Arbeit

Schmidt, Steffen: Hegels System der Sittlichkeit. 280 S., Ln., € 59.80, 2007, Hegel-Forschungen, Akademie-Verlag, Berlin

genauer untersucht. Inhaltlich wird darin eine Fülle von Themen behandelt, die man heute der praktischen Philosophie zuordnen würde. Sie reichen vom elementaren praktischen Gefühl der Bedürftigkeit (zum Beispiel Hunger) über Arbeit, Familie, Eigentum, Tausch und Vertrag bis schließlich zu Fragen der Staatsorganisation und Verfassung. Auffallend ist dabei, dass Hegel sein System derart konzipiert, dass er vom Einfachen zum immer Komplexeren schreitet. Er verzichtet dabei auf jede Kritik oder historische Bezugnahme und widmet sich statt dessen ohne Umschweife dem behandelten Gegenstand selber. Auffallend sind dabei die Parallelen zur Philosophie des Geistes, einzelne Passagen sind hier deutlich vorgebildet. Allerdings hat Hegel später den spezifischen Ansatz des Systems der Sittlichkeit nicht wieder aufgenommen.

1989 schrieb der Berliner Hegel-Forscher Rainer Adolphi, das System der Sittlichkeit gelte in der Forschung nicht viel. Daran hat sich bis heute wenig geändert. Die komplizierte Terminologie, die unzugängliche, mitunter verwirrende Methodik schrecken ab und führen zu Fehldeutungen. Selbst die sogenannte „Einleitung“ ist gänzlich ungeeignet, einen mit Hegels Terminologie unvertrauten Leser über die Absichten des Textes zu informieren. Erschwerend kommt hinzu, dass mit bestimmten Ausdrücken kontraintuitive Inhalte bezeichnet werden. Es bedarf vielfältiger zusätzlicher Informationen, um den gedrängten Aussagen der „Einleitung“ ihren eigentlichen Sinn zu entlocken – für Schmidt ein Indiz, dass Hegel nur zu sich selbst oder aber für die mit seiner Arbeit bereits Vertrauten in Erinnerung ruft, was er zu bewerkstelligen beabsichtigt. So ist man gezwungen zu begreifen, wie die als notwendig behauptete Subsumtion von Anschauung und Begriff zu verstehen sind. Denn diese Subsumtionen begleiten das gesamte Manuskript.
Dennoch: „Wäre das System der Sittlichkeit nicht in einer methodisch so wenig glücklichen Form abgefasst, so könnte man es vielleicht als die beste Einführung in Hegels Weltanschauung bezeichnen“, schrieb 1940 der Hegel-Forscher Glockner.

Als der Suhrkamp-Verlag seinerzeit die Werkausgabe herausbrachte, betrachtete man das Manuskript als für den Leser unzumutbar. Es wurde zwar eine Neuausgabe angekündigt, diese ist aber nie erscheinen. So war der Text bis zu seiner 1998 erfolgten Aufnahme in Band V der Gesammelten Werke der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften nur in der frühen, überhaupt erstmals vollständigen Edition von Georg Lasson für den Meiner-Verlag (sowie in einem von Gerhard Göhler herausgegebenen Sammelband des Ullstein-Verlages) zugänglich.

Es stellt sich die Frage, weshalb Hegel zu einer Zeit, da er den gedanklich stringenten und stilistisch ansprechenden Text des Naturrechtsaufsatzes verfasste, zugleich einen derart spröden, komplizierten und kaum lesbaren Entwurf zu einer ähnlichen Thematik produzierte. Schmidt vermutet, es handle sich hier einfach um einen Versuch Hegels, seine gedanklichen Grundlagen nochmals auf ihre Tragfähigkeit hin zu überprüfen. Hegel hat den Text zwar in Reinschrift übertragen, aber es gibt keinerlei Hinweise, dass er die Absicht hatte, ihn jemals der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Wenn man früher der Auffassung war, dass es sich bei den frühen, verschieden gewichteten Entwicklungsetappen des Hegelschen Denkens nur um Vorstufen des späten reifen Werkes handelt, so wird heute die Ansicht vertreten, dass nicht annähernd alles, vielleicht nicht einmal das Wichtigste und Eigenständigste, in Hegels spätere Werke einging.

 

„Sittlichkeit“ ist der Schlüsselbegriff, mit dem Hegel das Geflecht der ihn interessierenden Bezüge zu beschreiben versucht. Sein Ziel ist es, die Lebendigkeit des Sittlichen wissenschaftlich zu beschreiben. Die sittliche Totalität ist ein Moment der Geschichte und hat daher auch stets eine spezifische Gestalt. Sie ist also, genau wie das Recht, gerade kein Verstandesprodukt, sondern ein gesellschaftliches Erzeugnis. Dieser neue Blick auf die Totalität (dass sie als sittlich gefasst werden muss) ermöglicht es Hegel, Sittlichkeit als eine Dimension des praktischen Lebens selbst zu präsentieren. Dies stellt eine Neuerung insofern dar, als zuvor die Naturrechtslehre in der Regel nur das Recht und die Moral als Formen des praktischen Lebens anerkannt hatten. Der Sitte hatte man im allgemeinen nie die Würde einer selbständigen Form des praktischen Lebens zuerkannt; wurde sie überhaupt in Betracht gezogen, setzte man sie zu einer niederen Form herab. Hegel hatte einen ganz anderen Zugang: Er betrachtete die sittliche Totalität als einen lebendigen und historischen Organismus. Um diesen organischen Standpunkt in einem System auszudrücken, benötigt er eine spezifische Begrifflichkeit. Hierfür bedient er sich vorübergehend der Schellingschen Methode der Potenzen.

Hegel hat in seinem Text die von Schelling ausgearbeitete Terminologie über seine Stoffmassen überzustülpen versucht. Er hat das philosophische Konstruieren Schellings als vorbildlich aufgefasst. Hegel hat aber zugleich die Begrifflichkeit Schellings modifiziert, und vermutlich sind ihm dabei auch Defizite dieser Terminologie und der Schellingschen Potenzierungsmethode aufgegangen. Schmidt hält es jedenfalls für unbestreitbar, dass Hegel es nicht vermochte, mit ihr seine Fragestellungen zufriedenstellend zu strukturieren, vielmehr haben sie sich schließlich als ein lästiges Korsett erwiesen; Hegel verwarf sie. Allerdings gibt es in dem Manuskript bereits Elemente, die sich bei Schelling nicht finden, so etwa das Prinzip der Negativität. Die Grundtermini des Textes sind u. a. Idee, Anschauung, Begriff, Subsumtion, Identität, Allgemeinheit, Besonderes, Totalität, Verhältnis, Natur, Potenz. Dabei finden sich im Text selber keine Hinweise über den Gebrauch dieser Ausdrücke. Für ein Verständnis ist man gezwungen, die früheren Texte Hegels heranzuziehen. Insbesondere ein Vergleich mit dem nahezu gleichzeitig entstandenen Naturrechtsaufsatz macht deutlich, wie Hegel die Begriffe mit dem Untersuchungsbereich der Sittlichkeit konkret verknüpft.

Schelling und Hegel hatten zu dieser Zeit miteinander gearbeitet und sich wechselseitig beeinflusst. Die Zusammenarbeit ging soweit, dass sie in der gemeinsam herausgegebenen Zeitschrift Kritisches Journal der Philosophie auf die namentliche Zeichnung ihrer Beiträge verzichteten. Beide sahen die Hauptaufgabe der Philosophie in der Aufhebung der traditionellen Gegensätze der Reflexionsphilosophie. Einig sind sie auch, dass Fichte der maßgebliche Fortführer Kants sei. Im Naturrechtsaufsatz skizziert Hegel ein System und macht exakte methodologische Vorgaben. Während aber im Aufsatz eine genauere Explikation unterbleibt, widmet sich das System der Sittlichkeit exakt und ausschließlich dieser Aufgabe: die wahrhafte Totalität zu rekonstruieren, das lebendige Band der Individuen aufzuzeigen, die „Idee der absoluten Sittlichkeit zu erkennen“.

Hegel ist davon überzeugt, in der europäischen Geschichte Perioden und vor allem Schriften vorliegen zu haben, die in vielerlei Hinsicht Hilfe bieten. Aufgrund seiner Vertrautheit mit der antiken Literatur hält er sich zunächst vor allem an Platon und Aristoteles. Dabei versucht er deren eigenständige Leistungen zu synthetisieren. Weder wird die moderne Individualität verworfen noch die antike Idee eines erst in der Gesellschaft erfüllten Lebens. Hegel interessiert sich vielmehr für das Zusammen dieser Momente, das Ineinander von Vergesellschaftung und Individuierung. Er fasst dieses Ineinander als Prozess auf und nennt es das „Werden der Sittlichkeit“. Der Terminus „Sittlichkeit“ wird als eine Art geistiges Gravitationszentrum gebraucht.

Hegel geht es in seinem Manuskript um die Synthese ideeller und reeller Tätigkeiten, das Einbilden der Idealität in die Realität und umgekehrt. Er nennt diese Synthesen mit Schelling Indifferenzen, manchmal Identität oder Totalität. Die lebendige Sittlichkeit, um die es Hegel zu tun ist, stellt ebenso (der Idee nach) eine erzeugte dar, von Menschen produziert und anschaubar, in ihrer Form – nicht ihrer Struktur – je verschieden. Im Unterschied zu Schelling lehnt Hegel eine Trennung der Transzendentalphilosophie in ein System der theoretischen und ein System der praktischen Philosophie ab. Auch akzeptiert er die Art nicht, wie Schelling „die objektive Welt mit all ihren Bestimmungen, die Geschichte usw.“ thematisiert und in sein System einführt.

In seiner „Einleitung“ bestimmt Hegel, welches Verfahren er anwenden will. Soll das Ziel erreicht werden, nämlich „die Idee der absoluten Sittlichkeit zu erkennen“, „muß die Anschauung dem Begriffe vollkommen adäquat gesetzt werden“. Die Subsumtion des Begriffs unter die Anschauung ist das „absolute Verhältniß“. Mit dem Terminus „Verhältniß“ weist Hegel jeweils darauf hin, dass nur eine isolierte Perspektive eingenommen wird. Die Subsumtion von Anschauung und Begriff ist eine wesentliche logische Operation des Systems der Sittlichkeit. Damit will er die Vereinigung des Allgemeinen und Besonderen, des Endlichen und Unendlichen erreichen, die je nur für die endliche Reflexion, nicht aber in Wahrheit getrennt sind. Mit dem Manuskript will Hegel zeigen, dass die Einheit nicht nur gewusst, sondern zugleich auch angeschaut werden kann. Die Subsumtionsproblematik ist das formal Auffallende am System der Sittlichkeit. In der Forschung hat sie erstaunlicherweise mehr Interesse geweckt als der Gehalt des Manuskripts. Schmidt erklärt dies damit, dass der Text unverständlich bleibt, solange man sich nicht über das Subsumtionsverfahren Rechenschaft ablegt. Der Hegel-Forscher Glockner etwa meint dazu, das Manuskript zeige „in geradezu erschütternder Weise, wie Hegel mit seinem Schicksale ringt: jede Anschauung in Reflexionsform verwandelt und jeden Begriff durch wiederholte Subsumption und Identifikation dialektisch zu entwickeln sucht. Bis in die kleinsten Einzelheiten hinein erweisen sich abwechselnd das Besondere und das Allgemeine, das Reelle und das Ideelle als vorherrschend“. Einig ist man sich in der Forschung bei allen Differenzen, dass Hegel unter Anschauung wesentlich das Allgemeine und unter Begriff das Besondere verstanden haben will.

Der faktische Verlauf des Systems der Sittlichkeit zeigt, dass es nicht allein von den wechselseitigen Subsumtionen von Anschauung und Begriff, Allgemeinem und Besonderem vorangetrieben wird. Innerhalb der Rekonstruktion der Idee der absoluten Sittlichkeit spielt der Begriff der „Potenz“ eine wesentliche Rolle. Die von Hegel konzipierte Sittlichkeit wird als ein System von verschiedenen Potenzen der Sittlichkeit begriffen und dargestellt. In der Sekundärliteratur spricht man sogar von einer „Potenzenmethode“ (Schnädelbach) oder „Potenzenlehre“ (Kimmerle), die dieser allein im System der Sittlichkeit anwende.

Betrachtet man die fortlaufenden und wechselseitigen Subsumtionen näher, fällt auf, dass sie in verschiedenen Stufen erfolgen. Es werden nicht nur Anschauung und Begriff, sondern gleichfalls andere Begriffspaare untereinander subsumiert, etwa Idealität-Realität, Allgemeinheit-Besonderheit oder Unendlichkeit-Endlichkeit. Diese wechselseitige Subsumtion der jeweiligen Glieder dieser Paare erfolgt stets mit dem Ziel, ihre Identität aufzuzeigen. Es ist dies die genannte Potenzenmethode: Es bedarf bestimmter Zwischenschritte, um schließlich zur absoluten Identität zu gelangen, und Hegel ordnet mitunter den verschiedenen Schritten den Status einer Potenz zu. Dabei wird in der Regel in der ersten Potenz die Anschauung unter den Begriff subsumiert; die Idealität des Absoluten tritt hinter die Realität der Differenzen zurück. In der zweiten Potenz wird analog der Begriff unter die Anschauung subsumiert; nun dominiert die Idealität die Realität. Erst in der dritten Potenz wird die aus der Differenz hervorgegangene Indifferenz vernünftig gefasst.

Diese nur für dieses Manuskript relevante, anschließend von Hegel wieder aufgegebene Potenzenlehre verdeutlicht in besonderem Maße seine Prägung durch Schellingsche Terminologie. Man hat denn auch von einem vorübergehenden Experimentieren (Lukács) mit der Schellingschen Begrifflichkeit gesprochen. Allerdings war die Methode des Potenzierens zu jener Zeit sehr verbreitet, es schien geradezu eine Mode gewesen zu sein, mit dem Begriff der Potenz zu jonglieren.



Bestellen Sie das Einzelheft oder abonnieren Sie die Zeitschrift.




© Information Philosophie     Impressum     Kontakt