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Macht

 Macht und Moral

Wenn eine neue Person die Macht übernimmt, gelangt sie an einen besonderen Ort, einen Ort der Macht. Manchmal jedoch  scheint die Macht selbst zu wandern und ihre üblichen Räume zu erlassen, etwa wenn sie aus den Präsidentenvillen in die Handelskontore oder aus den Parlamentshäusern in die Medienkonzerne wechselt. Dietmar Hübner (Privatdozent am Institut für Wissenschaft und Ethik der Universität Bonn) geht es um etwas noch Fundamentaleres: Darum, dass die Macht selbst den Raum der Politik verlässt. Und er vermutet, dass gegenwärtig genau das passiert: Der im engeren Sinne politische Sektor erleidet einen nachhaltigen Konturverlust seiner Machtgestalt. Die wichtigen Parteien insgesamt unterscheiden sich nur noch geringfügig in den angestrebten Zielen und weisen nur noch hinsichtlich der adäquaten Mittel größeren Dissens auf. Was bleibt, ist ein Erfüllungsgebot von extern vorgegebenen Notwendigkeiten, die Frage der richtigen Reaktion auf gegebene „Sachzwänge“. Das hat Folgen: Das ökonomische Kaufverhalten hat in bestimmten Bereichen gesellschaftlicher Gestaltung eine größere Relevanz gewonnen als das politische Wahlverhalten. Die Unterstützung klassischer politischer Anliegen wie Entwicklungshilfe oder Klimaschutz ist inzwischen eher durch „Abstimmen im Supermarkt“, das heißt durch Auswahl geeigneter Produkte, zu lei­sten, als durch Abstimmen an der Urne.

Um die heutige Funktion von Markt und Medien zu verstehen, braucht es einen erweiterten Machtbegriff, der zum einen den Aspekt der Möglichkeit, andere Dinge oder Wesen dem eigenen Willen folgen zu lassen, beinhaltet und zum anderen das Vermögen, seinen Willen mit Zustimmung der anderen bzw. der Fähigkeit, diese Zustimmung zuallererst zu gewinnen.  Die klassischen Begriffe potestas und auctoritas decken diese beiden Aspekte ab. Sie stellen eine permanente und rechtfertigungsbedürftige Infragestellung der Autonomie der von ihnen Bestimmten dar. Hübner sieht in einer solch erweiterten Begriffsfassung die Möglichkeit, die gegenwärtige Wanderung von Macht zu erfassen und den Markt und die Medien als neue Orte von Macht begreifen zu können.

Deutsche Zeitschrift für Philosophie, 3/2010







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