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Politische Philosopphie

 Aufgabe der Politischen Philosophie

Der Schwerpunkt des Heftes lautet: „Wozu Politische Philosophie?“, und dabei geht es um die (noch) nicht in deutscher Sprache erschienene Monographie Philosophy and Real Politics von Raymond Geuss, worin die Auf­aben der Politischen Philosophie untersucht werden. Geuss zufolge muss die Politische Philosophie die kanonisch gewordenen Bedingungen jeder Wissenschaft erfüllen, indem sie korrekte, verständliche und übersichtliche Beschreibungen und Erklärungen komplexer Sachverhalte liefert. Dann folgen Fragen der Art wie: Was ist ein moderner Staat? Wie ist er entstanden? Wie funktioniert er? Unter welchen Bedingungen ist eine friedliche Zusammensetzung von Nachbarstaaten, die ökonomisch miteinander konkurrieren, möglich? Dann folgen Fragen nach der Bewertung von Institutionen, Praktiken und Entscheidungen. Es ist weiter durchaus legitim, von der Politischen Philosophie Ant­worten auf Fragen der Form „Was ist zu tun?“ zu erwarten. Etwa: Soll man den freien Markt im Universitätssektor oder im Gesundheitswesen weiter ausbauen, begrenzen oder abschaffen? Zwar wird von vielen die Trennung  zwischen „Sein“ und „Sollen“ bzw. zwischen Tatsachen und Wertungen dogmatisch festgelegt, und manche wollen die beiden genannten Aufgaben auch streng auseinanderhalten. Doch damit wird Geuss zufolge der Weg freigegeben für die Entwicklung einerseits einer angeblich rein positivistisch „politischen Wissenschaft“ und andererseits einer angeblich „rein normativen Theorie“. In der vollendeten Form dieser Position, wie wir sie gegenwärtig in der analytischen Philosophie antreffen, wird häufig vorausgesetzt, dass die empirische politische Wissenschaft irrelevant ist. Die politische Philosophie sei ein normatives Unternehmen, das von einer „Idealtheorie“ ausgeht, und Politische Philosophie sei demnach „angewandte Ethik“.

 Geuss hält beide Voraussetzungen für unbrauchbar. Die strikte Trennung zwischen Tatsache und Wert ist weder für die Lösung politischer Probleme noch für das Verstehen und Erklären gesellschaftlicher Sachverhalte ein sinnvoller Ausgangspunkt. Solange die menschliche Praxis zukunftsoffen bleibt, werden Probleme aufgeworfen werden, die wir mit unseren tradierten Begriffen nur schwerlich oder überhaupt nicht in den Griff bekommen. Denn sie sollen nicht nur bestehende, wenn auch neuartige Sachverhalte nachträglich abbilden, sondern auch eingreifend die Wirklichkeit mitgestalten. Eine politische Philosophie, die es sich erlaubt, von der Machtfrage ganz abzusehen, hat den Kontakt mit der Wirklichkeit verloren. Denn wer die Macht hat, hat damit auch automatisch ein Interesse daran, sie zumindest mit dem Schein der Legitimität zu umgeben, da die erfolgreiche Legitimierung den Machtbesitz befestigt und die Machtausübung erleichtert.

Deutsche Zeitschrift für Philosophie, 3/2010

 







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