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04 2017

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Johannes Hübner:
Was spricht dagegen, Verstehen als Wissen aufzufassen?

aus: Heft 4/2017, S. 8-21
 
 
Die Epistemologie ist die Lehre von der epistêmê – ein Wort, das heute üblicherweise mit ‚Wissen’ übersetzt wird. Platon und Aristoteles hätten sich über diese Übersetzung vermutlich gewundert. Sie schreiben epistêmê nur dem zu, der weiß, warum etwas so und so ist. Wäre epistêmê schlicht Wissen, würde man nach ihrer Ansicht nur dann etwas wissen, wenn man wüsste, warum es so ist. Das wäre wenig einleuchtend. Man kann sehr wohl etwas wissen, d. h. eine belastbare, wahre Überzeugung haben, ohne zu wissen, warum es so ist. Dagegen leuchtet es ein, dass man etwas eben dann versteht, wenn man weiß, warum es so ist. Platon und Aristoteles hätten epistêmê wohl mit ‚Verstehen’ übersetzt und Verstehen als besondere Art von Wissen betrachtet, nämlich als Warum-Wissen.
 
In den letzten 15 Jahren hat sich das Interesse in der Epistemologie am Begriff des Verstehens verstärkt. Dabei knüpft man explizit an die Antike an. Verschiedene Philosophen plädieren für eine Umorientierung, weg vom Wissen hin zum Verstehen. Man diskutiert unter anderem, ob Verstehen im Vergleich zum Wissen einen besonderen Wert hat. Eine Entscheidung darüber setzt eine Verhältnisbestimmung voraus. Wenn Verstehen eine besondere Art von Wissen ist, hieße Verstehen und Wissen zu vergleichen Äpfel mit Obst zu vergleichen.
 
Internalistisches und externalistisches Verständnis von Wissen
 
Wissen, so sagt die Standardanalyse, ist wahre, gerechtfertigte Überzeugung. Die Tradition versteht Rechtfertigung internalistisch, sie bindet Rechtfertigung an die Fähigkeit, zu begründen, warum man eine bestimmte Annahme trifft. Das tut man typischerweise, indem man angibt, woher man die Überzeugung hat, also was die Wissensquelle ist. Man beruft sich etwa auf die Wahrnehmung, das Zeugnis anderer, eine Schlussfolgerung oder die Erinnerung, und darauf, dass unter den gegebenen Umständen nichts gegen die Glaubwürdigkeit der Quellen spricht. Dadurch zeigt man, dass es kein Zufall ist, dass die so gebildete Überzeugung einen wahren Inhalt hat.
 
In neueren externalistischen Ansätzen (seit den späten 1960er Jahren) geht es nicht darum, ob ein Subjekt eine Überzeugung begründen könnte, sondern darum, ob die Überzeugung de facto in einer Weise gebildet ist, die für ihre Wahrheit spricht.
 
Die beiden Ansätze stimmen darin überein, dass Wissen wahre Überzeugung ist, die nicht bloß zufällig die Wahrheit trifft; die Rechtfertigung ist das, was dafür sorgen soll, dass die Wahrheit nicht zufällig getroffen wird. Ferner ist der Rechtfertigungsbegriff in beiden Konzeptionen einstellungszentriert, denn er betrifft die Einstellung einer Person zu einer Proposition (also zu einem möglichen Inhalt einer Überzeugung), nämlich die Einstellung des Führwahrhaltens. Es geht – im traditionellen Verständnis – darum, ob eine Person berechtigt ist, einer gegebenen Information zu trauen und eine Proposition für wahr zu halten, oder – im neueren Verständnis – darum, ob der Prozess, durch den die Überzeugung gebildet wird, unter den gegebenen Umständen so ist, dass er für die Wahrheit des Inhalts spricht.
 
Verstehen
 
Es sind vor allem zwei grammatikalische Konstruktionen, die man im Deutschen verwendet, um Verstehen auszudrücken oder zuzuschreiben: Zu einen ‚verstehen’ plus direktes Objekt, zum anderen ‚verstehen’ plus indirekter Fragesatz. So versteht man (oder versteht nicht) zum Beispiel
 
- andere Personen, ihre Gefühle, Einstellungen, Pläne oder Handlungen; ganze Gesellschaften, kulturelle Entwicklungen, kollektive Meinungsumschwünge;
 
- Repräsentationen und ganze Repräsentationssysteme: Sprachen, einzelne sprachliche Sätze, Äußerungen und Worte; Landkarten, Modelle und Theorien;
 
- Funktionszusammenhänge: Spiele, Schließanlagen, Maschinen und Regierungssysteme.
 
Beispiele für die Konstruktion mit indirekten Fragesätzen sind: Man versteht,
 
- warum etwas der Fall ist, warum z. B. Bienen für die Landwirtschaft notwendig sind;
 
- warum sich jemand so und so verhält, etwa vorzeitig aufbricht;
 
- wie etwas funktioniert, z. B. ein Optionsschein;
 
- was etwas bedeutet, z. B. eine Äußerung.
 
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