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04 2017

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Mario Brandhorst:
Normativer Realismus

Aus: Heft 4/2017, S. 22-35
 
 
Normative Phänomene
 
Während »normativ« ein Kunstwort ist, sind die meisten Phänomene, die als »normativ« bezeichnet werden, alltäglich und vertraut. Im Zusammenhang des Handelns, also im Zusammenhang der praktischen Philosophie, hat man es vor allem dann mit Normativität zu tun, wenn es um ein »Sollen«, »Dürfen« oder »Müssen«, um die »Gründe« für das Handeln, oder auch um »Regeln«, »Standards« und ganz allgemein um die Unterscheidung zwischen »richtigem« und »falschem« Handeln geht.
 
Die Moral ist offenbar ein zentraler Teil dieses weiten Phänomenbereichs, doch es gibt auch viele Dimensionen von Normativität, die nicht oder nicht unmittelbar moralisch sind. So gibt es die Normativität des Rechts, der Etikette und der Konvention, die Normativität von Werten, und es gibt auch in Bezug auf eigene Interessen eine Unterscheidung zwischen richtigem und falschem Handeln und die Gründe, die damit verbunden sind [14].
 
Was ist Realismus?
 
Was heißt es nun, ein »Realist« in Bezug auf Normativität zu sein? Das ist nicht leicht zu sagen, und nicht nur der normative Realismus selbst, sondern auch die Merkmale des normativen Realismus sind umstritten. Ich verstehe normativen Realismus hier als die Verbindung von zwei Thesen: erstens, dass es normative Wahrheit gibt, und zweitens, dass für diese normative Wahrheit außerdem in einem bestimmten Sinn Objektivität beansprucht werden kann. Damit erbt die Auseinandersetzung um den normativen Realismus auch die Fragen und die Unklarheiten, die mit den Begriffen »Wahrheit« und »Objektivität« verbunden sind.
Das Grundanliegen eines so verstandenen normativen Realismus lässt sich illustrieren, indem man die Frage stellt, ob die Wahrheit in Bezug auf ein »Sollen« oder »Müssen« unabhängig von den Überzeugungen, den Zielen und den Wünschen, den sprachlichen Gewohnheiten und den Gefühlen, kurz: der normativen Perspektive eines oder aller Menschen ist. Die Frage in Bezug auf Objektivität ist dann: Gibt es etwas an dem Sollen oder Müssen, das von jeder solchen Perspektive unabhängig so ist, wie es ist? Etwas anders ausgedrückt: Gibt es etwas an dem Sollen oder Müssen, das nicht durch eine solche Perspektive erst erklärt wird, sondern umgekehrt erklärt, warum die Perspektive richtig oder angemessen ist? Oder ist es so, dass nichts unabhängig von einer solchen Perspektive richtig oder angemessen ist, sondern jedes Sollen oder Müssen sich erst daraus ergibt, von einer normativen Perspektive abhängt oder anderweitig wesentlich an sie gebunden bleibt? Die erste Antwort führt in die Richtung von verschiedenen Formen des Realismus, die zweite in die Richtung von verschiedenen Alternativen, die sich als »Antirealismus« bündeln lassen, lassen, dabei allerdings, dem Wort entsprechend, lediglich in ihrer Ablehnung des »Realismus« einig sind.
 
Reicht normative Wahrheit aus?
 
Diese erste, noch sehr vorläufige Kennzeichnung des normativen Realismus wirft ein Licht auf sein Verhältnis zu den Positionen, die zwar Ähnlichkeiten mit ihm haben, aber dennoch von ihm unterschieden sind. Betrachten wir ein Beispiel, das ein moralisches »Müssen« betrifft: Es ist moralisch falsch, das Vertrauen eines Menschen zu missbrauchen, um sich dadurch zu bereichern, wie es beim Betrug geschieht. Hier gibt es zunächst die Normativität des Rechts, das den Betrug verbietet. Doch das Verbot geht offensichtlich nicht in den entsprechenden Gesetzen auf. Eher ist es so, dass sich in den entsprechenden Gesetzen ein moralisches Verbot verfestigt hat: Es ist auch moralisch falsch, Menschen zu betrügen, und das bedeutet unter anderem, dass man moralisch so nicht handeln darf.
 
Was ist nun der Status des entsprechenden: »dass man moralisch so nicht handeln darf«? Es liegt nahe, hier von einer Tatsache zu sprechen: Es ist ja wahr, dass man moralisch so nicht handeln darf, und so haben wir es hier dem Anschein nach mit einem Beispiel für eine normative Tatsache zu tun. Man kann auch sagen: »Dass man Menschen nicht betrügen darf, ist wahr, und wer das bestreitet, liegt in seinem Urteil falsch«. Die Frage ist nun, ob das Anerkennen dieser Möglichkeit von Wahrheit schon genügt, um ein normativer Realist zu sein.
 
Die meisten Realisten und auch Antirealisten heute sagen: »Nein«. Sie meinen, dass mit dieser bloßen Möglichkeit von Wahrheit »auf der Oberfläche« noch nicht das erreicht ist, was dem Realisten wichtig ist. Das ist zum einen deshalb so, weil es eine unter anderem von Hume inspirierte Tradition gibt, die bestreitet, dass normative Äußerungen wirklich wahrheitsfähig sind, aber dennoch diese Analyse mit der Möglichkeit von Wahrheit im Sinn einer Zustimmung zu einer Äußerung in Verbindung bringt [1, 6, 7]. Es ist zum andern so, weil Wahrheit auch für sich genommen noch nicht auszureichen scheint, um die Form von Objektivität zu sichern, die dem Realisten wichtig ist. Sehen wir uns diese Reaktionen näher an.
 
Quasi-Realismus
 
Die erste Möglichkeit wird durch den »Quasi-Realismus« illustriert, der sich vom Realismus unterscheidet, dabei aber das Vokabular des Realismus beibehalten und gewissermaßen »imitieren« will. Hier ist der Gedanke, dass eine Äußerung wie »Du darfst sie nicht betrügen!« primär eine Einstellung moralischer Missbilligung, Kritik oder Ablehnung zum Ausdruck bringt. Diese Einstellung ist etwas Subjektives, das auf eine Art zu handeln, nämlich den Betrug, bezogen ist. Sie ist dagegen nicht auf eine objektive normative Wahrheit irgendeiner Art bezogen, die von dieser Haltung unabhängig existiert und insofern als ein Maßstab für die Wahrheit oder Falschheit dieser Haltung dienen kann. Weil eine Äußerung wie »Du darfst sie nicht betrügen!« nach dieser Analyse primär eine subjektive Einstellung zum Ausdruck bringt, und die Rede von der Wahrheit sekundär ist, weil sie etwa Zustimmung zum Ausdruck bringt, spricht man hier auch von »Expressivismus«. Dessen ungeachtet kann man auch als Anhänger des Expressivismus sagen: »Es ist wirklich wahr, dass Du sie nicht betrügen darfst!«, weil damit nach dieser Analyse nur wiederholt und unterstrichen wird, was man auch mit »Du darfst sie nicht betrügen!« zum Ausdruck bringt: moralische Missbilligung im Hinblick auf Betrug. Der Realist ist damit aber nicht zufrieden, sondern sucht nach einer Wahrheit, die von jeder solchen subjektiven Haltung, der Missbilligung wie der Bekräftigung, unabhängig ist.
 
Das deutet darauf hin, dass der Realist auf eine Form von objektiver Wahrheit abzielt, die ihm Antirealismus dieser Prägung immer noch nicht bieten kann. Auch Objektivität wird manchmal so beschrieben, dass sie wie die Wahrheit in die Analyse dieser Form von Antirealismus einbezogen werden kann: »Das ist objektiv falsch!« bringt dann vielleicht zum Ausdruck, dass kein bloß subjektiver Wunsch der Grund des Urteils ist, sondern dass das Urteil völlig unabhängig von rein subjektiven Wünschen gilt. So könnte man auch sagen: »Auch wenn ich ganz anders denken würde, wäre der Betrug doch falsch!«, oder »Betrug ist falsch, ganz gleich, was wir darüber denken!« Auch das kann Ausdruck einer Haltung sein, die subjektiv und ihrerseits nicht wahrheitsfähig ist [1]. Doch auch das genügt dem normativen Realisten nicht.
 
Wahrheit ohne Objektivität?
 
Interessant ist nun die Frage, was es mit dem Anspruch auf die normative Wahrheit und auf normative Objektivität für sich genommen auf sich hat, und wie sie sich verbinden müssen, um dem Realisten das zu geben, was er geltend machen will. Hier ist wichtig, dass es normative Wahrheit geben kann, die nicht in dem Sinn objektiv ist, den der Realist in Anspruch nimmt [23, 24]. So kann es normative Wahrheit geben, die an einen Standpunkt, eine normative Perspektive, an bestimmte Wünsche, Urteile und sprachliche Gewohnheiten gebunden ist. Urteile von dieser Art sind dann zwar entweder wahr oder falsch, und sie sind auch von dem individuellen Urteil unabhängig. Dennoch wären sie nicht von der normativen Perspektive unabhängig, die sie möglich macht.
 
Ein Beispiel kann den Unterschied verdeutlichen. Sagt jemand »Jupiter ist größer als Saturn«, dann ist das, was damit gesagt wird, unabhängig davon wahr, was diese oder irgendeine andere Person darüber sagt oder denkt. Insofern handelt es sich hier um eine Wahrheit, die nicht wesentlich an eine bestimmte eigene, womöglich von der anderer verschiedene »astronomische Perspektive«, an bestimmte Fähigkeiten, Urteile und sprachliche Gewohnheiten gebunden ist. Im Gegenteil dient diese Wahrheit als ein Maßstab für die Perspektive, die ein Mensch oder eine Gruppe im Hinblick auf astronomische Fragen von dieser Art einnehmen mag. Sie ist nicht von jeder Perspektive unabhängig, aber von der Perspektive, die ein Mensch oder eine Gruppe in Bezug auf Fragen dieser Art beziehen kann. Es hängt von der Wahrheit ab, welche dieser Perspektiven richtig oder angemessen ist. Die Wahrheit selbst hängt nicht von dieser Perspektive ab. Es kann demzufolge normative Wahrheit geben, die zwar in gewisser Weise objektiv ist, aber nicht in dem Sinn, den der Realist vor Augen hat.
 
Kantische Formen des Konstruktivismus
 
Umgekehrt kann man auch die Objektivität des Normativen anders deuten, als der Realist es tut. Ein Beispiel dafür sind moderne, kantische Formen des Konstruktivismus, und vielleicht Kants eigene Moraltheorie [9, 10]. Kant zufolge wird die »Pflicht« durch das »Gesetz« bestimmt, das die Vernunft uns auferlegt, und das insofern nicht von dieser Perspektive, eben der Vernunft und ihres Gesetzes, unabhängig ist. Auch wenn es in diesem Bild normative Wahrheit geben kann, ist uns diese Wahrheit nicht wie im Fall von »Jupiter ist größer als Saturn« als etwas Äußerliches »vorgegeben«. Normative Wahrheit ist in diesem Bild nicht etwas, das es neben Menschen, Molekülen und Planeten einfach »gibt«. Sie wird vielmehr, so wie auch bei Kant, durch ein Verfahren als die Wahrheit ausgewiesen, was auch die Erkenntnis dieser Wahrheit möglich macht, während für den Realisten das Verfahren selbst an der objektiven Wahrheit, die es davon unabhängig »gibt«, als das richtige Verfahren auszuweisen ist.
 
Das doppelte Kriterium
 
So ergibt sich, dass der normative Realismus sinnvoll durch ein doppeltes Kriterium von anderen Theorien des Normativen unterschieden werden kann. Der Realist behauptet, (1) dass es normative Wahrheit gibt, und (2) dass diese Wahrheit objektiv ist [3, 19, 21, 22]. Mit »objektiv« und »Objektivität« ist dabei insbesondere »Standpunktunabhängigkeit«, »Unabhängigkeit von einer gegebenen subjektiven Perspektive« gemeint. Gegeben (1) und (2), hängt die normative Wahrheit nicht davon ab, was jemand in Bezug auf diese Wahrheit wünscht, wie jemand in Bezug auf diese Wahrheit urteilt, welche normative Sprache jemand selbst verwendet, welche normative Sprache andere verwenden, oder ob ein Mensch diese Wahrheit kennt.
 
Was spricht für den normativen Realismus?
 
Wir kommen damit zu der Frage, was für einen so verstandenen normativen Realismus spricht. Hier ist das Erste und Entscheidende, dass es normative Wahrheit dieser Art zu geben scheint. Das gilt besonders für das »Müssen« oder »Sollen« der Moral, das beispielsweise nicht davon abzuhängen scheint, ob jemand sich den Standpunkt dieses Müssens oder Sollens selbst zu eigen macht, und genauso wenig davon, ob ein anderer es tut, indem er über dieses Müssen urteilt oder es in irgendeiner Weise anerkennt. Es scheint insbesondere unabhängig von den Haltungen und Überzeugungen zu sein, die jemand diesem Müssen gegenüber hat, und es stellt sich nicht als Ausdruck einer Perspektive unter vielen dar. Insofern scheint es einfach wahr zu sein, dass Betrug moralisch falsch ist, und dass diese Wahrheit nicht nur Ausdruck für den Standpunkt dessen ist, der sich dem Verbot verpflichtet weiß [8]. Realisten halten ihre Deutung dieses Phänomens für die beste, wenn nicht für die einzige, die dieser Überzeugung angemessen Rechnung trägt.
 
Nicht nur die Moral macht diesen Anspruch deutlich. Sie ist ein besonders klares Beispiel dafür, dass die Normativität als etwas gesehen werden kann, das wir nicht »erfinden«, sondern vielmehr »finden«, wenn wir dazu fähig sind. Auch im Fall des eigenen Interesses liegt es nahe, darauf zu bestehen, dass man sich zum Beispiel um die eigene Gesundheit sorgen soll, selbst oder gerade dann, wenn man das nicht will. Auch dieses »Sollen« oder »Müssen« kann man so als etwas Äußeres und objektiv Verbindliches erleben, das mehr als ein Ausdruck eines normativen Standpunkts, einer subjektiven Perspektive, ist.
 
Umgekehrt scheint dann, wenn es diese Form von Objektivität nicht gibt, Kritik in dieser Hinsicht nicht viel mehr als nur das Äußern eines Standpunkts sein zu können, der nur neben dem normativen Standpunkt steht, der so kritisiert wird, aber diesem objektiv nicht überlegen ist. Der eine Standpunkt lautet also: »Denke an die eigene Gesundheit!«, der andere dagegen: »Lebe schnell und sterbe jung!« Man kann auch sagen, dass kein Standpunkt dieser Art der objektiven Wahrheit näher kommt, einfach weil es keine objektive Wahrheit, keine Wahrheit unabhängig von dem einen oder anderen normativen Standpunkt gibt. Für manche ginge damit nicht nur die Verbindlichkeit, das »Müssen« der Moral, sondern Normativität, das Sollen oder Müssen überhaupt, verloren. Derek Parfit geht so weit zu sagen, dass nichts mehr wichtig und bedeutsam ist, wenn es nicht auch objektiv, und das heißt standpunktunabhängig, wichtig und bedeutsam ist. Das wäre eine Form von Nihilismus, die er durch den Realismus zu vermeiden sucht [17, 18].
 
Was spricht gegen den normativen Realismus?
 
Aus welchen Gründen kann man an der These zweifeln, dass es objektive normative Wahrheit gibt? Bis weit in die 1990er-Jahre hinein standen normative Realisten unter Druck, nachdem diese Position im frühen 20. Jahrhundert einflussreich gewesen war. Zur Zeit der Blüte der »Sprachanalyse« wurden dann Alternativen sichtbar, die zum Beispiel zum Expressivismus und verwandten Positionen führten. Später sahen sich die normativen Realisten den von der Methode der »Sprachanalyse« ausdrücklich unabhängigen Einwänden von J. L. Mackie ausgesetzt, die viele ihrer Gegner für entscheidend hielten, sodass der normative Realismus kaum noch eine Chance zu haben schien [11]. Doch in einer erstaunlichen Entwicklung wendete sich bald das Blatt, Mackie galt als »abgehakt«, und heute ist der normative Realismus in der einen oder anderen Form wohl wieder die am weitesten verbreitete Position, neben der sich nun die Antirealisten von verschiedener Couleur erst neu Gehör verschaffen müssen. Das ruft auch wieder neue Gegner auf den Plan, und bis heute hält die Auseinandersetzung in der Sache unvermindert an.

Es lohnt sich, diese Auseinandersetzung wenigstens in groben Zügen nachzuzeichnen. Einerseits verdeutlicht sie, auf welche Art von Einwand der normative Realist reagieren muss. Andererseits zeigt sie, wie der normative Realist auf diese Art von Einwand reagieren kann, was zugleich die Bandbreite der heute diskutierten Formen des normativen Realismus illustriert.
 
Das Argument aus der Absonderlichkeit
 
Mackies erster Einwand lautet, dass eine objektive normative Wahrheit im Vergleich zu einer Wahrheit, die etwa die Natur betrifft, so »absonderlich« und »seltsam« wäre, dass wir den Gedanken daran schlicht verwerfen sollten. Insbesondere geht Mackie davon aus, dass objektive Wahrheit dieser Art erfordert, dass es »Qualitäten« oder »Relationen« gibt, denen eine solche objektive Wahrheit als die Wahrheit, die sie ist, entspricht. Im Fall von »Jupiter ist größer als Saturn« ist klar genug, was damit gemeint ist, und wir wissen auch, wie eine solche Wahrheit Wissen werden kann. Doch was soll die »Qualität« oder »Relation« sein, die der Wahrheit »Es ist falsch, Menschen zu betrügen« entspricht?
 
Wie Mackie meint, wäre eine solche »Entität« – als normative? – so grundsätzlich anders als das, was wir sonst als wirklich anerkennen, dass die These, dass es solche Entitäten gibt, unglaubwürdig wird. Und einmal angenommen, dass es solche Entitäten gibt: Wie könnten wir sie dann erkennen? Sie entziehen sich der Wahrnehmung durch Sinne und sind kein Teil der natürlichen Welt, die Gegenstand der Forschung durch die Wissenschaften ist. Wir müssten also, so meint Mackie, neben diesen Entitäten auch eine weitere und mysteriöse Fähigkeit zur Einsicht und Erkenntnis dieser normativen Wahrheit postulieren, die uns mit den normativen Entitäten in Verbindung bringt. Auch das ist unglaubwürdig, und auch deshalb sollten wir nicht daran glauben, dass es solche Entitäten gibt. Das ist das »Argument aus der Absonderlichkeit«, das dementsprechend aus zwei Teilen, einem »metaphysischen« und einem »epistemischen«, besteht.
 
Das Argument aus der Relativität
 
Mackie fügt diesem »Argument aus der Absonderlichkeit« noch ein weiteres hinzu, das er selbst als das »Argument aus der Relativität« bezeichnet. Während das erste in gewisser Weise die Form der reductio ad absurdum hat, ist das zweite eher ein Beispiel für den Schluss auf die beste Erklärung. Was dabei erklärt werden soll, ist die offensichtliche Verschiedenheit der moralischen Haltungen und Überzeugungen, die über verschiedene Zeiten und Orte und über Gemeinschaften und Individuen hinweg zu beobachten ist. Außerdem ist die Verschiedenheit von dieser Art nicht oberflächlich, sondern oft grundsätzlich, und sie ist bemerkenswert stabil. Dass es Verschiedenheit von dieser Art gibt, liegt auf der Hand, auch wenn ihr Ausmaß schwer genau zu messen ist.
 
Die nächste Frage ist dann, welche Theorie am besten zu den Daten passt. Mackie meint, der Realismus brauche nicht nur eine Theorie der Möglichkeit des Wissens, sondern auch der Grenzen dieses Wissens, und es ist nicht klar, welche Erklärung das ist. Zudem scheint eine Annahme wie diese Teil des Arguments zu sein: Ohne die Erklärung ließe normativer Realismus ein bestimmtes Maß an Konsistenz und Kohärenz der Überzeugungen erwarten, die aber nicht zu sehen ist.
 
Der Antirealist dagegen sieht die relevanten Phänomene als den Ausdruck einer Lebensweise, die von individuellen und sozialen, psychologischen und kulturellen Einflüssen verschiedenster Art bestimmt wird und sich deshalb auch vollständig so erklären lässt. So ist aus der Sicht des Antirealisten auch nicht zu erwarten, dass sich mehr als minimale Konsistenz und Kohärenz der Überzeugungen zeigt. Weil diese Hypothese besser zu den Daten passt, liefert sie insofern auch die bessere Erklärung. In jedem Fall ist die Erklärung im Vergleich zu der des Realisten die einfachere, geradlinigere, und es ist auch nicht zu sehen, was in einer Erklärung dieser Art noch fehlt, wenn sie nur weit und genau genug ausgeführt wird. Natürlich muss sie dann nicht zuletzt die Illusion erklären, dass sich die Moral als etwas Objektives darstellt, doch auch das mag durch die relevanten psychologischen Erklärungen, durch sozialen Druck, auf den Hinweis auf Internalisierung, auf Sprachanalyse, möglich sein. So stellt der Antirealismus diesem Argument zufolge insgesamt die bessere Erklärung dar, und auch das spricht gegen jede Form des normativen Realismus, die ganz andere Ressourcen der Erklärung braucht. Das ist Mackies zweites Argument, das »Argument aus der Relativität«.
 
Reaktionen
 
So klar die Grundlinien der beiden Argumente sind, so unklar ist doch auch, worauf genau sich Mackies Kritik richtet, und wie erfolgreich sie ist. Mackie unterscheidet selbst nicht scharf genug zwischen Wahrheit und Objektivität, und er bringt beides mit der Vorstellung von kategorischen Geboten in Verbindung. Diese gelten unabhängig davon, ob jemand ein bestimmtes Ziel zu erreichen wünscht, und Kants kategorischer Imperativ ist sein eigenes, nahe liegendes Beispiel dafür. So verwischt Mackie auch die Unterscheidung zwischen Realismus und kantischem Konstruktivismus, und es wird nicht klar, ob normative Wahrheit, normative Objektivität oder etwas anderes die genannten Schwierigkeiten mit sich bringen soll.
 
Es kommt hinzu, dass nicht immer klar wird, ob es ihm im Hinblick auf die Normativität um Schwierigkeiten in Bezug auf »Entitäten«, etwa »Qualitäten« oder »Relationen« geht, und Mackie das mit einem Bild verbindet, das erfordert, diese müssten ganz von selbst, gleichsam »magnetisch« und »unwiderstehlich« motivierend sein. Das ist aber sicherlich nicht nötig, und die meisten Realisten heute haben diesen Anspruch nicht. Entscheidend, und auch unter Realisten sehr umstritten, ist die Frage, ob es objektive normative Wahrheit geben kann, ohne dass es »etwas« gibt, das diese Wahrheit »wahr macht«, insbesondere im Sinn von »Entitäten«, die dann in Verdacht geraten, metaphysisch und auch epistemisch »sonderbar« zu sein. Mackie scheint den Grundsatz »Keine normative Wahrheit ohne normative Entität« stillschweigend vorauszusetzen. Doch diese Annahme versteht sich nicht von selbst. Wie wir sehen werden, ist sie einer der Schwerpunkte der aktuellen Diskussion, die sich um den »neuen« normativen Realismus dreht.
 
Trotz dieser Unklarheiten und zumindest kontroversen Unterstellungen, die in Mackies Text zu finden sind, ist nicht zu bestreiten, dass seine Argumentation eine wichtige Kritik enthält, aus der sich für Verteidiger des normativen Realismus eine Aufgabe ergibt. Man muss als Verteidiger des normativen Realismus etwas dazu sagen, was die objektive normative Wahrheit ist, was dafür spricht zu glauben, dass sie existiert, und wie wir sie erkennen können. Was dazu gesagt wird, muss gegen andere Erklärungen, insbesondere Erklärungen der Antirealisten, sorgsam abgewogen werden, um zu einem Urteil darüber zu kommen, welche Position die insgesamt überzeugendste ist.
 
Daraus ergibt sich, dass ein normativer Realist auf mehr als eine Weise auf Mackies Kritik reagieren kann. Tatsächlich kann man Varianten eines normativen Realismus danach unterscheiden, welchen Weg sie wählen, um Kritik am Realismus abzuwehren. Das verdeutlicht auch die Unterschiede in Bezug auf eine Antwort auf die Frage, was die objektive Wahrheit ist, was dafür spricht zu glauben, dass sie existiert, und wie wir sie erkennen können.
 
Reduktiver Realismus
 
Eine Möglichkeit, auf Mackies Einwand zu reagieren, besteht ganz einfach darin, direkt zu bestreiten, dass die normativen, beispielsweise die moralischen, Tatsachen »merkwürdig« oder »absonderlich« sind. Die radikalste Antwort dieser Art ist die, normative Tatsachen mit bestimmten natürlichen Tatsachen zu identifizieren [2, 20]. So könnte man versuchen, eine »normative« Tatsache wie die, dass etwas moralisch richtig ist, mit einer »natürlichen« Tatsache wie der, dass etwas das Wohlergehen fördert, gleichzusetzen. Es gäbe demzufolge keinen eigenen Bereich von normativen Tatsachen, die auf irgendeine Weise noch zu den natürlichen »hinzukämen«, mit ihnen in besonderer Verbindung stünden, und damit die Fragen aufwerfen würden, die Mackie stellt. Diese Position wird auch »Normativer Naturalismus« genannt [18].
 
Ein Beispiel für die Identität wäre die der Tatsachen, dass etwas Wasser ist, und dass etwas H2O ist, denn mit »Wasser« und mit » H2O « beziehen wir uns auf dasselbe, eben Wasser oder H2O. Dabei muss die sprachliche Bedeutung eines Ausdrucks wie zum Beispiel »Wasser« nicht mit der Bedeutung eines Ausdrucks wie zum Beispiel » H2O « identisch sein, worauf sich der reduktive Realist berufen kann: Er stellt keine These über sprachliche Bedeutung auf.
 
Gelingt die Reduktion der Normativität, gibt es natürliche Tatsachen, die auch als normative zu beschreiben sind. Sie sind damit auch auf den verschiedenen Wegen zu erkennen, die für natürliche Tatsachen einschlägig sind. Welche normativen und natürlichen Tatsachen identisch sind, mag dann eine Frage sein, die man nur holistisch, vor einem weiten Hintergrund von Annahmen und Theorien richtig beantworten kann. Doch das ist bei »Wasser« und bei » H2O « nicht ander-s und insofern auch kein Einwand gegen die Behauptung der Identität.
 
Probleme dieser Auffassung ergeben sich nun daraus, dass nicht klar ist, wie die Reduktion durchzuführen ist. Wenn eine normative Tatsache mit einer natürlichen identisch ist, kann man sie, zumindest als natürliche, erkennen. Doch wie kann man erkennen, ob die Tatsachen identisch sind? Und wie kann man sich jemals sicher sein, dass es solche objektiven Relationen der Identität von normativen und natürlichen Tatsachen gibt? Daneben gibt es noch ein weiteres, grundsätzliches Problem, das die Möglichkeit der Reduktion betrifft. Denn wenn zur normativen Sprache der Bezug auf Gründe und Motive, Regeln, eine Unterscheidung zwischen richtigen und falschen Handlungsweisen wesentlich gehört, dann scheint all das wegzufallen, wenn, so wie behauptet, normative Tatsachen mit natürlichen identisch sind. Normativität wird dann nicht erklärt, sondern einfach weg-erklärt, denn am Ende bleibt, so wie es scheint, nichts Normatives übrig. Es gibt nur noch Natürliches, das zum Teil als normativ beschrieben wird, und damit droht das Normative zu verschwinden.
 
Reduktive Realisten weisen diesen Einwand ab, indem sie sagen, dass die Möglichkeit der Reduktion eben das ist, was in Frage steht, und dass die bloße Gegenthese sie nicht überzeugt. Doch wegen Einwänden von dieser Art sind die Vertreter dieser Form des normativen Realismus eine Minderheit im Vergleich zu Realisten, denen nicht an Reduktion gelegen ist. Sie lehnen jede solche Form von reduktivem Realismus ab [17, 18, 19, 21].
 
Alternativen
 
Die meisten normativen Realisten suchen ihr Glück dementsprechend in einem »nicht-natürlichen«, »nicht-reduktiven« normativen Realismus, der normative Tatsachen als »nicht-natürliche« versteht. Sie folgen damit unter anderem der Sicht von G. E. Moore, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf der Existenz und der Erkennbarkeit der Eigenschaft »gut zu sein« bestanden hat, die ihm zufolge »einfach«, »nicht analysierbar«, und von allen anderen, zum Beispiel natürlichen, Eigenschaften scharf zu unterscheiden ist [13]. Damit treten freilich Mackies Fragen auf den Plan, und auch hier kann man die Varianten eines »nicht-natürlichen«, »nicht-reduktiven« normativen Realismus danach unterscheiden, welche Antwort ein Vertreter einer solchen Form von Realismus auf Mackies Fragen gibt.
 
Robuster Realismus
 
Eine Antwort lautet, dass man Mackie zugestehen muss und auch zugestehen kann, mit einem gewissen Recht auf metaphysische und epistemische Verpflichtungen des Realismus aufmerksam gemacht zu haben, ohne deshalb so wie Mackie selbst den Realismus zu verwerfen. Diese Position stützt sich im Wesentlichen auf drei Strategien, die in der Regel eng verbunden sind: Die erste ist Kritik an jeder Gegenposition, sei es kantischer Konstruktivismus oder Antirealismus, der auf objektive normative Wahrheit, normative Objektivität oder beides ganz verzichten will. Dieser Teil der Strategie ist wichtig, um den Realismus als die bessere Erklärung auszuweisen. Die zweite und vielleicht entscheidende ist eine Beschreibung, die den Realismus vor dem Vorwurf eines bloßen »Scheins«, des »Seltsamen«, »Absonderlichen« oder auch des nur »Erfundenen« und »Projizierten« schützen kann. Die dritte ist der Hinweis darauf, dass nur Realismus dieser Art dem Gedanken Rechnung tragen kann, dass es objektive normative Wahrheit tatsächlich zu geben scheint. Der »robuste« Realist nimmt dafür die metaphysischen und epistemischen Verpflichtungen der objektiven normativen Wahrheit, die er nicht grundsätzlich ablehnt, sondern akzeptiert, billigend in Kauf, oder sieht sie gar nicht erst als einen »Preis«, den er im Sinn der Summe von »Gewinnen« und »Verlusten« für die Theorie zu entrichten hat [3, 8].
 
Aristoteles statt Platon?
 
Eine breite Strömung des normativen Realismus sucht nach einem Fundament der Normativität der Ethik in der menschlichen Natur, und ein Vorbild dieser Tradition ist Aristoteles, für dessen Ethik die Beschreibung der natürlichen Beschaffenheit des Menschen, seiner praktischen Vernunft und seiner Affekte, von entscheidender Bedeutung ist. Von hier ausgehend kann man auf Mackies Einwand reagieren, indem man sein Verständnis metaphysischer und epistemischer Verpflichtungen in Frage stellt. So gesteht man vielleicht nicht mehr zu, dass es objektive normative Wahrheit nur dann geben kann, wenn sie den besonders hohen Ansprüchen an Objektivität und Perspektivenunabhängigkeit genügt, die Mackie formuliert, oder man versucht, die Objektivität und die Perspektivenunabhängigkeit in der Beschaffenheit der menschlichen Natur zu finden [5]. Mackie selbst bringt den Gedanken objektiver normativer Wahrheit nicht nur mit verschiedenen Ideen von Rationalisten aus dem 17. und 18. Jahrhundert, sondern auch mit Platons Metaphysik der »Idee des Guten« in Verbindung. Das trägt ihm den Vorwurf ein, ein übersteigertes, verzerrtes Bild der Objektivität zu zeichnen, das ganz wörtlich auf eine besondere, sehr »sonderbare« Entität bezogen ist.
 
Eine interessante, eher auf Platonismus als auf Platon selbst bezogene Form des Vorwurfs lautet, Mackie unterstelle von Beginn an den Begriff von Objektivität im Sinn von Unabhängigkeit von einer subjektiven Perspektive, der bestenfalls für einen Teil der Wissenschaft bedeutsam ist, in der Ethik oder der Ästhetik aber fehl am Platz erscheint. So meint John McDowell, ganz aristotelisch, dass sich objektive normative Wahrheit nur von einem gegebenen ethischen Standpunkt aus erschließt, der durch Bildung und Erziehung in der richtigen Weise geformt worden ist [12]. Das bedeutet, dass ein Mensch, der fähig ist, die objektive Wahrheit zu erkennen, erst durch die Affekte und das richtig ausgeübte Urteil dazu fähig wird, diese Wahrheit zu erkennen, die es dessen ungeachtet gibt. Dagegen weist McDowell jede Konzeption zurück, die im Sinn des Platonismus nach bestimmten »Qualitäten« oder »Relationen« sucht, die von jeder solchen Perspektive unabhängig als gegeben anzusehen sind.
 
Ob diese Strategie erfolgreich ist, hängt vor allem von der Frage ab, wie das Verhältnis zwischen einer subjektiven Perspektive und der objektiven Wahrheit, die erkannt wird, zu bestimmen ist. So soll die Position nicht zum Antirealismus werden, was dann unvermeidlich wird, wenn ihr der Gedanke einer objektiven normativen Wahrheit ganz entrinnt: Wenn es nichts mehr gibt, aufgrund dessen sich ein Standpunkt im Vergleich zu anderen als »richtig«, »angemessen« oder »wahr« beschreiben lässt, ohne dabei diesen Standpunkt immer schon vorauszusetzen und gleichsam von diesem Standpunkt aus zu sprechen, mag es zwar noch Wahrheit geben, die von einem Standpunkt aus, und nur von einem Standpunkt aus, zu erkennen ist, aber diese Wahrheit wäre nicht mehr objektiv in dem Sinn, den der Realist erreichen will.

Das scheint nicht McDowells Sicht zu sein, weil er durchaus daran festhält, dass die richtige Erziehung Menschen dazu fähig macht, das zu erkennen, was tatsächlich richtig, wichtig oder wertvoll ist. Nicht jeder kann das auch erkennen, aber es gibt dessen ungeachtet etwas Objektives, das sich dem erkennenden Subjekt erschließt. Er selbst spricht davon, dass die Position damit einen »metaphysischen Aspekt« erhalte der jedoch »bescheiden«, also nicht verdächtig, sei. Die Frage ist dann, wie bescheiden er tatsächlich ist, denn Mackies Fragen kehren wieder, wenn auch in veränderter Gestalt. McDowell weist dabei den Anspruch ab, seine Position auf neutralem Boden zu rechtfertigen, weil er eher die Möglichkeit des Realismus offenhalten als den Realismus argumentativ gegen die Alternativen durchsetzen will.
 
Deflationäre Strategien
 
Die Möglichkeit, ein »Realist« und doch kein »Platonist« zu sein, deutet darauf hin, dass der Anspruch, der mit der Behauptung, dass es objektive normative Wahrheit gibt, verbunden ist, noch weiter abgeschwächt und damit besser gegen Argumente wie das der Absonderlichkeit in Schutz genommen werden kann. Zwei wichtige Vertreter dieser Strategie sind Derek Parfit und T. M. Scanlon, deren Positionen ich im Folgenden betrachten will [17, 18, 19]. Sie sind Vertreter von »deflationären« Strategien, weil sie den Gedanken objektiver normativer Wahrheit für viel weniger voraussetzungsreich halten, als ein Kritiker wie Mackie unterstellt.
 
Wahrheit ohne Wirklichkeit?
 
Sehr einflussreich ist Parfit, der in seinem großen letzten Werk mit dem Titel On What Matters unter anderem versucht, den normativen Realismus zu verteidigen. Dabei ist sogleich eine Einschränkung zu machen, die Parfits Terminologie betrifft. Während er sich in den ersten Bänden seines Werks [17] noch als Realist versteht, lehnt er nun im dritten, letzten Band des Werks von 2017 [18] die Bezeichnung »Realismus« ab. Er spricht dort von einem »nicht-realistischen, nicht-naturalistischen Kognitivismus«, was er als die bessere Bezeichnung für die eigene, für Scanlons und auch Nagels Position [15, 16] in Anschlag bringt.
 
Der Ausgangspunkt der Überlegung ist, dass es normative Wahrheit gibt, die nicht auf natürliche Wahrheit irgendeiner Art zurückzuführen ist. Ein wesentliches Merkmal solcher Wahrheit ist ihr Bezug auf Handlungsgründe, wobei Wahrheit in Bezug auf Handlungsgründe ihrerseits nicht auf natürliche Wahrheit irgendeiner Art zurückzuführen ist. Entscheidend ist nun der Gedanke, dass die normative Wahrheit, um die es hier geht, nicht durch etwas »in der Wirklichkeit« erst »wahr gemacht« werden muss, was dann Fragen der Art unvermeidlich macht, wie sie beispielsweise Mackie in Bezug auf diese Wirklichkeit, ihre metaphysische Struktur und die Möglichkeit entsprechender Erkenntnis stellt. Nur »Realisten« sind in Parfits neuer Terminologie auf ein solches Bild von Wahrheit als Entsprechung mit der Wirklichkeit, auf ontologische Voraussetzungen, festgelegt, und weil Parfit dieses Bild selbst ablehnt, nennt er sich nun nicht mehr »Realist«. In der Sache aber hat sich dabei nichts geändert, denn Parfit hält an objektiver normativer Wahrheit fest. Er besteht nur, ebenfalls ganz unverändert, darauf, dass sie keine metaphysischen oder epistemischen Schwierigkeiten macht.
 
Wie erfolgreich diese Strategie ist, hängt entscheidend davon ab, ob der Gedanke dieser normativen »Wahrheit ohne Wirklichkeit« so ausgestaltet werden kann, dass dennoch sichtbar wird, wie Wahrheit dieser Art als objektiv, als Maßstab einer Perspektive oder eines Urteils, gelten kann. Wie ist ein solcher Anspruch auszuweisen? Worauf kann er sich noch gründen, wenn er nicht durch den Verweis auf eine »Wirklichkeit« begründet werden soll? Liefert nicht der Antirealismus hier die bessere Erklärung, wenn der Realismus keine liefern kann?
 
Wahrheit relativ zu einem Bereich?
 
Scanlons Position ähnelt der von Parfit, doch es gibt auch Unterschiede. Wie Parfit meint auch Scanlon, dass die objektive normative Wahrheit keine metaphysischen und epistemischen Schwierigkeiten macht [19]. Er meint aber, dass es keinen klaren Sinn hat, so wie Parfit einfach von der »Existenz« von normativen Wahrheiten zu sprechen, weil sich nach Scanlons Meinung »Existenz« nur in Bezug auf einen »Bereich« bestimmen lässt. Mit Blick auf Handlungsgründe etwa macht er geltend, dass die Äußerungen einen eigenen Bereich betreffen, der von den Bereichen der Natur, der Logik, der Mathematik und auch der Moral zu unterscheiden ist.
 
Solange es nun nicht zu Konflikten mit der Wahrheit in Bezug auf andere Bereiche kommt, stellt sich für Scanlon nicht die Frage, wie sich der Bereich der Wahrheit in Bezug auf Gründe beispielsweise zum Bereich der Wahrheit über die Natur verhält. Tatsächlich weist er alle solche Fragen, wie auch Fragen nach dem Status der behaupteten Bereiche und der Existenz von Gründen, als »metaphysisch« und »extern« zurück. Fragen in Bezug auf Gründe stellen sich dann nur noch innerhalb des angenommenen Bereichs der Gründe, während jede Frage nach der Existenz und dem Verhältnis der Bereiche abgeschnitten wird. Erkenntnis soll nicht durch eine »absonderliche« Fähigkeit der bloßen Einsicht, sondern durch das »Überlegungsgleichgewicht« von Überzeugungen gesichert sein. Erkenntnis hängt dann davon ab, dass man über normative Wahrheit »richtig« nachdenkt, doch sie hat kein Fundament in bestimmten Überzeugungen, die direkt als wahr auszuweisen sind.
 
Auch hier stellt sich die Frage, ob das »antimetaphysische« Manöver überzeugt. Stellt sich wirklich keine Frage in Bezug auf Wahrheit oder Existenz, wenn man nur einen »Bereich« gefunden hat, dem diese Wahrheit oder Existenzbehauptung zugeordnet werden kann? Ist das genug, um die Existenz von objektiver normativer Wahrheit zu behaupten? Selbst wenn man Fragen dieser Art beiseite setzt, bleibt bislang offen, wie wir auf eine objektive normative Wahrheit in ihrem »Bereich« bezogen sind. Ebenso bleibt offen, wie das »Überlegungsgleichgewicht« uns dieser Art von Wahrheit näher bringen kann.
 
Das Darwinsche Dilemma
 
Ich schließe mit der knappen Skizze der Kritik am normativen Realismus, die in den vergangenen 10 Jahren besonders intensiv und kontrovers diskutiert worden ist. Sharon Street sieht normativen Realismus mit einem Dilemma konfrontiert, das sich aus der möglichen Erklärbarkeit von normativen Haltungen durch Darwins Theorie der Evolution durch natürliche Selektion ergibt und so zu einem Einwand gegen normativen Realismus wird [22].
 
Streets Grundgedanke ist: Es muss als wahrscheinlich gelten, dass die Evolution viele normative Einstellungen, die wir haben, indirekt beeinflusst hat. So stellt sich in Bezug auf Realismus nun die Frage, ob der Einfluss eher im Einklang mit oder eher im Gegensatz zur objektiven normativen Wahrheit steht. Nimmt man dabei an, dass die Evolution selbst normativ »neutral« und von der normativen Wahrheit unabhängig ist, führt das zu dem Schluss, dass es reiner Zufall und insofern auch sehr unwahrscheinlich wäre, wenn die Einstellungen, die wir wirklich haben, dessen ungeachtet doch die Wahrheit träfen. Hier droht also Skepsis, weil es angesichts von Zufall und Wahrscheinlichkeit keinen Grund mehr für die Überzeugung gibt, dass eine Einstellung, die jemand hat, diese Wahrheit trifft. Nähme man dagegen an, dass die Evolution nicht normativ »neutral« und von der normativen Wahrheit unabhängig ist, wäre dieser Schluss zwar zu vermeiden, doch bliebe der Zusammenhang zwischen beidem ungeklärt. Die Annahme scheint auch der Erklärung zu widersprechen, die sich aus den Wissenschaften selbst ergibt: Die Evolution durch den Mechanismus der natürlichen Selektion ist normativ neutral, weil es zwischen einem Zuwachs an Fortpflanzungschancen und dem Guten oder Richtigen, das der Realist vor Augen hat, keinerlei notwendige Zusammenhänge gibt. Das ist das »Darwinsche Dilemma«, und Street zufolge kann ihm nur der Antirealist entkommen, weil er den Gedanken objektiver normativer Wahrheit gar nicht akzeptiert.
 
Ob dieser Einwand überzeugend ist, hängt vor allem von der Frage ab, wie weit die Erklärung für die normativen Einstellungen durch die Theorie der Evolution durch natürliche Selektion tatsächlich reicht. Wenn sie nicht sehr weit reicht, mag es durchaus möglich sein, an einer Fähigkeit, die normative Wahrheit zu erkennen, festzuhalten, die auf diese Wahrheit reagiert, und so die Skepsis abzuweisen [4]. Es gibt keinen Grund zum Zweifel daran, dass die Evolution selbst normativ »neutral« und von jeder normativen Wahrheit unabhängig ist, aber das bedeutet nicht zwangsläufig, dass sie uns mit normativer »Blindheit« schlägt.
 
So führt auch das »Darwinsche Dilemma« wieder auf die allgemeinen Fragen, die für die Debatte um den normativen Realismus typisch sind, zurück: Was ist die objektive normative Wahrheit, von der hier die Rede ist? Was spricht dafür zu glauben, dass sie existiert? Wie ist Erkenntnis dieser Wahrheit möglich, wenn sie existiert? Ist die Erklärung, die der normative Realismus bietet, besser als die, die man für die beste Form des Antirealismus geltend machen kann?
 
UNSER AUTOR:
 
Mario Brandhorst ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Philosophischen Seminar der Georg-August-Universität Göttingen. Er forscht zur Zeit zu Naturalismus, Ethik und Evolution. Zum Thema ist von ihm u. a. erschienen: »Der neue normative Realismus: einige kritische Fragen«. In: Zeitschrift für philosophische Forschung 69 (3), 2015, S. 275-305.
 
LITERATUR
[1] Blackburn, Simon: Ruling Passions. A Theory of Practical Reasoning. Oxford, 1998.
[2] Boyd, Richard N.: »How to Be a Moral Realist«. In: Geoffrey Sayre-McCord (Hrsg.), Essays on Moral Realism. Ithaca, 1988, S. 181-228.
[3] Enoch, David: Taking Morality Seriously. A Defense of Robust Realism. Oxford, 2011.
[4] FitzPatrick, William J.: »Why There is No Darwinian Dilemma for Ethical Realism«. In: Michael Bergmann u. Patrick Kain (Hrsg.), Challenges to Moral and Religious Belief. Disagreement and Evolution. Oxford, 2014, S. 237-255.
[5] Foot, Philippa: Natural Goodness. Oxford, 2001.
[6] Gibbard, Allan: Wise Choices, Apt Feelings. A Theory of Normative Judgment. Cambridge, MA, 1990.
[7] Thinking How to Live. Cambridge, MA, 2003.
[8] Halbig, Christoph: Praktische Gründe und die Realität der Moral. Frankfurt/M., 2007.
[9] Korsgaard, Christine M.: The Sources of Normativity. Cambridge, 1996.
[10] Self-Constitution. Agency, Identity, and Integrity. Oxford, 2009.
[11] Mackie, J. L.: Ethics. Inventing Right and Wrong. Harmondsworth, 1977.
[12] McDowell, John: Mind, Value, and Reality. Cambridge, MA, 1998.
[13] Moore, G. E., Principia Ethica. Cambridge, 1903.
[14] Nagel, Thomas: The Possibility of Altruism. Princeton, 1971.
[15] The View from Nowhere. Oxford, 1986.
[16] The Last Word. Oxford, 1997.
[17] Parfit, Derek: On What Matters. Volumes 1 and 2, Oxford, 2011.
[18] On What Matters, Volume 3, Oxford, 2017.
[19] Scanlon, T. M.: Being Realistic About Reasons. Oxford, 2014.
[20] Schaber, Peter: Moralischer Realismus. Freiburg, 1997.
[21] Shafer-Landau, Russ: Moral Realism. A Defence. Oxford, 2003.
[22] Street, Sharon: »A Darwinian Dilemma for Realist Theories of Value«. Philosophical Studies 127 (1), 2006, S. 109-166.
[23] Williams, Bernard: Ethics and the Limits of Philosophy, Cambridge, MA, 1985.
[24] »Truth in Ethics«, in: Ratio 8 (3), 1995, S. 227-236.



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